Ich stehe an meinem Küchenfenster und tue nichts Böses. Ich rauche, aber ich rauche immer, wahrscheinlich auch, wenn ich schlafe, ich weiß es nicht, aber zumindest würde das den schrecklich schlechten Atem und die schmerzenden Lungen am Morgen hinreichend erklären.
Gestern kam ich mit dem Zug zurück aus München, wo ich bei einer Talentshow aufgetreten war und gegen einen vierzehnjährigen Jungen verloren hatte, der durch seine Zahnlücken Bachsche Fugen pfeifen konnte. Der Zug war voll, übervoll um genau zu sein, in den Gängen stapelten sich Kinder, Rentner entklinkten ihre Hüftgelenke, um auch noch in die kleinsten Ecken zu passen und die Zugbegleiterin machte lustigen Ansagen: „Meine Damen und Herren, unser Zug hat momentan 15 Minuten Verspätung, da es Probleme gab, in Ingolstadt einen Rollstuhlfahrer aus dem Zug zu wuchten. Ssänk juh for träwelling wiss Deutsche Bahn.“ Fuck you.
Zu Hause angekommen ging ich in mein Zimmer, wo ich in die Scherben meines zerbrochenen Selbstbewusstseins trat und seitdem humpelnd eine Blutspur hinter mir her ziehe. Aber wozu denn auch zum Arzt gehen. Männlichkeit und so weiter. Was da so einfach rein gekommen ist, wird auch schon wieder von allein rauseitern.
Ich hätte es auch besser wissen müssen, dass man die Fahrt nicht neben einem kränkelnden Kind verbringen sollte, dessen Mutter eine von der akkuraten Sorten ist, die einem ständig Dinge erzählen müssen, die man gar nicht hören will, während einem der Junge dabei immer wieder versucht ins Gesicht zu packen: „Ja, der Kevin ist ein ganz intelligentes Bürschchen. Wir würden den ja gern in die Vorschule schicken, aber der hat gerade so eine anale Phase, spielt sich ständig am Pupser rum und will dann immer seinen Finger, naja, so, der kleine Rabauke, der.“
Denn jetzt stehe ich hier, am Fenster, meine Nase ist mittlerweile auch so dicht, als hätte ich am Abend vorher ein paar schöne Beton-Lines gezogen. Hier stehe ich und denke darüber nach, wieso denn gerade ich wieder die Viren abgekommen habe? Wieso denn gerade ich? Hätte es nicht noch irgendjemanden in diesem verdammten Abteil gegeben, dem ohnehin nur noch ein klitzekleiner Stoß hinein in den langen Tunnel fehlte, an dessen Ende das helle Licht schon erwartungsvoll leuchtet?
Manchmal, da könnte ich sie alle umbringen. Einfach nur, um mich für all das zu rächen, was sie mir tagtäglich antun, wenn sie ihre Kadaver durch mein Sichtfeld schleppen und meistens auch noch einfach stehen bleiben und mich somit zwingen, ihnen kostbare Teile meiner Aufmerksamkeit zu widmen, um auszuweichen. Eine Welt ohne Menschen muss ein so schöner Ort sein.
tbc














JuFi
25. Februar 2009
Was du warst in München?
André Herrmann
25. Februar 2009
Nein, aber toll gewesen wär’s schon.
Wann kommst du morgen?