Zwischen Weihnachten und Silvester sollte man besonders hart sein und keine schwachen Momente zeigen, wenn man in der Stadt auf Bekannte trifft. Die Chance, genau dann eine Einladung zu einer Brückenparty zu erhalten, ist einfach zu groß, die möglichen Ausflüchte einfach zu unglaubwürdig und die erst langsam abklingende weihnachtliche Sentimentalität zu rührend. "Hey, wir dachten schon, du kämst gar nicht mehr!", haben sie an der Tür zu mir gesagt und "Jetzt sind die Bouletten aber schon alle!", ich hatte die Ansage neunzehn Uhr wieder fälscherlicherweise für einen Witz gehalten. Im Hintergrund zerren sich Chartsongs aus knirschenden PC-Boxen, es gibt Mixbier und Crémelikör.
Ein kurzer Blick in die Runde, ich kenne nicht viele, aber das war absehbar, von den Gastgebern kenne ich nur einen. Vor drei Jahren waren wir eine Zeit lang viel unterwegs, ganz weit im Süden der Stadt, von wo ich ihn manchmal nach Hause in den Osten brachte, wenn er auf halbem Weg zum Nachtbus einfach in einem Hauseingang sitzen blieb, schnaufte und eine herbei gelaufene Katze streichelte. Später verlor sich das alles und ich weiß nicht einmal wieso, aber ich glaube, dass es sich genau so häufen wird, das Sich-Aus-Den-Augen-Verlieren. Manchen hier steht der Lehramtsstempel riesengroß auf der Stirn, die armen Kinder, irgendwann. Normalerweise versuche ich, nicht nach Aussehen zu urteilen, aber so eine Wein-Nipp-Trink-und Grinsetechnik verrät manchmal schon eine ganze Menge. Das Gesicht auf der Couch kommt mir irgendwie bekannt vor, ich schaue ein paar Sekunden länger als normal, die Karteikarten in meinem Kopf fliegen durch die Gegend, aber das Gesicht will nicht so richtig passen, es flimmert, dann wird es hell in seinen Augen, es ist ihm eingefallen, mir jetzt auch, er beginnt zu grinsen, ein langes "Hey!"
Wo-Gehst-Du-So-Hin-Wieso-Sind-Wir-Uns-Denn-Nie-Begegnet? Was-Machst-Du-So-Was-Mach-Ich-So-Spiele, erstaunlicherweise interessiert es mich wirklich. Sein Hemd sitzt auffallend gut, die Hose rutscht beim Sitzen genau so hoch, dass man die dünnen, schwarzen Socken in den glänzenden Halbschuhen sehen kann und in seinen Haaren erkennt man sogar einen Schnitt. Ich hatte mich an zerrissene Hosen und dosenweise Haarlack erinnert, davon ist nichts mehr zu sehen, deshalb erscheint das Bild so unwirklich.
"Ja, Biochemie, die Aussichten danach sind top!"
"Ach ja, früher, ich hab dann ziemlich schnell rausgefunden, was ich vom Leben will."
"Ich mach das nicht mehr so oft, meine Hörner hab ich mir im ersten Jahr abgestoßen."
Ich erzähle vom tiefsten Süden der Stadt, wo es nach elf keine Sitzordnung mehr gibt und die Kneipen dreiundzwanzig Stunden pro Tag geöffnet sind, von halben Litern für anderthalb Euro, dem Umherfahren und dem Rest nebenbei, vom eigenen Stolz als Motor des Ganzen, der die Uni im Lot hält und sich mit gut nicht begnügt.
"Was, da gehst du hin? Oh Gott."
"Und was macht man später damit?"
"Kann man davon leben?"
Natürlich ist keiner der Bessere hier, aber die Einreihung zu sehen, das macht mich fertig. Dass genau das, was da ist, ausreicht. Gerade du, sage ich, er lächelt und schlägt die Beine übereinander, gerade du. Vielleicht sind es ja auch nur die Floskeln, die mich wie schnelle, harte Jabs treffen, vielleicht ist es jede neue Eigenschaft für sich. Ich biete ihm eine Zigarette an, nein danke.
Alle halbe Stunde verabschiede ich mich kurz auf den Balkon für zehn Minuten Ruhe. Ich weiß nicht, warum es mich immer noch so fassungslos macht. Dass sich so etwas ganz nebenbei vollzieht, wegen des Sich-Aus-Den-Augen-Verlierens und dann mit einem Mal zurück schwingt, trifft, für die meisten ist es dann so eine Art Leveling, für mich ist es Boxkampf, nur dass ich ausschließlich einstecke. Ich bin nur der Aufbaugegner.
* Titel in Anlehnung an Samuel Beckett: I get up, go out, and everything is changed. The blood drains from my head, the noise of things bursting, merging, avoiding one another, assails me on all sides, my eyes search in vain for two things alike, each pinpoint of skin screams a different message, I drown in the spray of phenomena.


besteckfach
5. Januar 2011
ganz oft wollte ich einfach nur “ja” rufen. bin aber im büro. hehe.