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Hypezig – Die Geister, die ihr ruft

Als gestern wieder so ein schrecklicher Artikel über das coole Leipzig erschien, da habe ich es einfach nicht mehr ausgehalten. Seit langer Zeit versuchen gelangweilte Journalisten das schöne Leipzig mit eben jenen Leuten, die man in Berlin nicht mehr haben will, zu überschwemmen. Dazu schreiben sie vor Metaphern nur so triefende Lobeshymnen auf die Authentizität der Heldenstadt, das ganz eigene Flair, die Sachsenbrücke und Club-Mate-Trinker und benutzen dabei Ausdrücke wie „Lebensgier“, für die man wahrscheinlich sofort jeder ernst zu nehmenden Journalistenschule verwiesen würde.

Und weil man diese wortgewordene Flut auf Dauer kaum unkommentiert ertragen kann, gibt es jetzt das Hypezig-Blog. Dort werde ich alle Artikel, in denen man Leipzig in Verbindung mit Superlativen erwähnt, auflisten. So sparen Journalisten in Zukunft Zeit bei der Recherche nach billigen Leipzig-Berlin-Vergleichen und merken eventuell sogar, dass all diese Artikel praktisch auf die selbe Art und Weise nichtssagend sind. Und das der Leipzig-Hype mittlerweile alle nervt. Nicht zuletzt die Leipziger selbst.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Natürlich ist das alles Spaß. Aber irgendwie auch nicht ganz. Ich behaupte, dass jeder, der in Leipzig wohnt, Leipzig mag oder wenigstens den Charme der Stadt verstehen kann. Es ist eben nicht wie Berlin. Schon gar nicht das bessere Berlin. Soll es auch gar nicht sein, denn dafür könnte man auch einfach nach Berlin ziehen. Leipzig ist einfach Leipzig und gerade jetzt macht es ziemlich viel Freude, hier zu leben. Auch abseits der katastrophalen Lohn- und Jobsituation, den manchmal ziemlich eigensinnigen Entscheidungen der Stadtverwaltung und eines Restaurantbesitzers, der sich einen doofen Slogan für zu viel Geld schützen lässt. Und es ist schön, dass Andere das sehen. Dafür braucht es keinen dieser Artikel. Vor allem, weil gerade ihr langjähriges Understatement die Stadt so überraschend attraktiv macht. Wer ewig daran gewöhnt war, immer nur zweit- oder drittklassig zu sein, der muss es nicht an die große Glocke hängen, wenn er irgendwann mal irgendwo erstklassig ist. Man kann der Stadt nur wünschen, dass sie nicht in zwanzig Jahren von Investoren verhunzt und dank viel zu hoher Mieten total langweilig sein wird. Denn gerade solche Leute sprechen viel zu gern in Superlativen. Und die wiederum ziehen die falschen Leute an.

Also, helft mit! Momentan sind, zum großen Teil durch viele fleißige Hypezig-Fans, 27 54 Artikel auf der Seite verlinkt. Falls ihr noch mehr kennt, findet oder, weil ihr bei großen Tageszeitungen arbeitet und an Ideenmangel leidet, selbst geschrieben habt, dann schickt sie einfach an hypezig@gmail.com, per Twitter oder Facebook oder schreibt sie direkt unten in die Kommentare.

In Kategorie: Allzumenschlich

25 Kommentare

  1. Jesper

    „Man kann der Stadt nur wünschen, dass sie nicht in zwanzig Jahren von Investoren verhunzt und dank viel zu hoher Mieten total langweilig sein wird.“

    Das wird sich wohl – mal wieder – nicht verhindern lassen. Aber ansonsten vielen Dank. :)

  2. thomas

    hmm. ein blog, das alle artikel sammelt, die alle (implizit) anraten nach leipzig zu ziehen, soll potenzielle zuzüglinge abschrecken? finde ich irgendwie komisch.
    und überhaupt: wären wir denn noch leipziger mit solchen – ich nenne es mal – kampagnen im hinterkopf? von den meisten gästen hört man doch wie freundlich und aufgeschlossen die menschen hier sind. das würde ich schon meiner selbst willen gern beibehalten.
    als alternative bliebe ja nur an lauen sommerabenden mit einem knüppel-mob durch den clarapark zu ziehen, personalausweis, führerschein und zuzugsdatum unter gewaltandrohung zu erpressen um die neu-leipziger mit einem hinweis auf die gefahr für ihr auto/die haustiere/die liebsten/ihr leben der stadt zu verweisen.
    jo, und das wäre sehr unleepzscherisch; viel zu stressig.

  3. Genau Thomas, Tod alle Zugezogenen! Mal ehrlich, man kann alles falsch verstehen, wenn man denn nur will. Oder den offensichtlich satirischen Charakter des Ganzen einfach akzeptieren und den dritten Absatz nochmal lesen.

  4. thomas

    wie mein jämmerlicher versuch zeigt, verstehe ich nichts vom augenzwinkern und derlei dingen aber selbst satire spricht doch irgendwie auf einem diffusen level ängste an; zumindest bei mir. die angst vor verdrängung oder vor der veränderung der heimat. ich mein, dafür kannst du nichts und du solltest das auch gar nicht in betracht ziehen. aber es gibt halt zig arten der wahrnehmung.

  5. Natürlich verändert sich eine Stadt ganz automatisch im Laufe der Zeit. Es gibt aber wiederum verschiedene Arten von Veränderungen. Zum Beispiel die Entwicklung der Innenstadt hin zur Hotel-und-Einkaufs-Insel finde ich eher so semi-toll. Und um mal etwas Positives zu nennen: Die Dezentralisierung der Flüchtlingsunterkünfte. Aber das führt dann auch wieder am Thema vorbei. Was die Ängste hinsichtlich eines extremen Anstiegs des Mietspiegels in den nächsten zehn Jahren und eines Langweiligwerden der Stadt angeht: Die sind nicht nur diffus. Im Endeffekt geht es doch aber nur genau um das, was dasteht: Metaphernüberlande Lobhudelei, die irgendwie deplatziert wirkt.

  6. dill3mma

    Meine Taktik, die Medien zu unterwandern und Leipzig zu hypen, um Berlin in allerallerallerletzeter Sekunde doch noch zu retten, droht also zu scheitern. Ich schwenke daher um, ziehe alle unsichtbaren Fäden, um Halle in den Fokus der Gentrifizierung zu stürzen (an dieser Stelle bitte dämonisches Lachen einfügen, Danke). Diese Aufgabe erscheint mir jedoch aufgrund der Attraktivität des Zielortes fast schon als unlösbar, so ganz allein. (Spekulationen auf Betteleien um Mithilfe im Subtext gelten als berechtigt. Weg mit dem lokalpatriotischen Egoismus, hinfort mit der Berliner & Leipzja Eigenbrötlerei – Solidarität im Kampf gegen überteuerte Milchkaffees und Sperrstunden und dit janze Zeuch, was mir im Montagstrott grad nicht so einfallen mag, aber bestimmt da ist!)

  7. kaput

    Sorry, kapier ich nicht. Dass die Mieten steigen, muss man nicht der zugegebenermaßen dämlichen Berichterstattung in die Schuhe schieben. Da kann man auch rundum alle Beteiligten der Kreativ-, Party-, wasweißich-Szene mit einbinden. Als ob das Nochbesserleben, das Westpaket, die Schaubühne Lindenfels, das Lindenow und alle möglichen Clubs nicht mit wesentlich mehr zur Attraktivität und zu steigenden Kosten beitragen als Artikel in Spiegel, FAZ und Co.
    Oder anders gesagt – der Spiegel-Artikel ist nur die logische Konsequenz auf Poetry-Slams und Totale-Zerstörung-Teams…

  8. Muss man nicht. Es geht um die Instrumentalisierung freier Kultur als vermarktbares ‚Lebensgefühl‘, das genau jenes verdrängt. Und um schlechte, nichtssagende Zeitungsartikel. Die von dir genannte logische Konsequenz finde ich dahingehend ziemlich unlogisch. Und die riesige Portion Ironie bei der Sache hast du auch übersehen, schade.

  9. kaput

    Ich hab die Ironie schon verstanden. Nur kann ich mit ihr mittlerweile nix mehr anfangen, da sie Mittel ist, keine Position beziehen zu müssen. Aber gut, mein Eindruck ist trotzdem, dass die ‚freie‘ Kultur-Szene durch ihr Wirken und ihrem eigenen Marketing den Hype und das vermarktbare Lebesgefühl bewusst oder unbewusst selbst fabriziert und sich daher nicht über diese Artikel wundern oder aufregen muss. In der Gesamtsumme ergibt sich nun mal ein Außenbild, dass größtenteils dem der Artikel entspricht. Blogs wie diese sind da eher ein Beitrag zum Hype als ernstzunehmende Kritik. Was auch nicht schlimm ist, mir aber dennoch den Sinn des Ganzen hier nicht erschließen lässt. Als Kulturschaffende bereitest auch du die Grundlage für Lobhudelei, Stadtteilaufwertung, steigende Mieten, beknacktes Stadtimage und -marketing, … etc., da helfen auch Satire und Ironie nicht, wenn die nächste Mieterhöhung kommt.

  10. Ich finde, dass man sich mit Ironie auf jeden Fall positioniert. Andersherum ist der Verzicht auf Ironie ebensowenig notwendigerweise eine Positionierung. Ich finde die Ironie-Variante einfach unterhaltsamer. Und ja, Unterhaltsamkeit ist für mich eine Kategorie – ich langweile mich ungern.

    Natürlich hast du in gewisser Weise recht damit, dass die viel gelobte Leipziger „Untergrundkultur“ auf den Schultern der vielen Kulturschaffenden ruht, die sich damit in gewisser Weise ihrer eigenen Exklusivität berauben, sobald das alles bekannter und erfolgreicher wird.
    Sie deshalb am Ende für die ganze Entwicklung verantwortlich zu machen, halte ich aber für zu kurz gegriffen, weil dazwischen meiner Meinung nach immer noch mindestens die Stadtentwicklungsbehörden stehen sollten.

    Wie irgendjemand das, was ganz speziell ich mache, interpretiert (besonders ‚lebensgierig‘, bla bla), entzieht sich leider meinem Zugriff. Klar, ich könnte mich andauernd gegen alles Mögliche positionieren, aber womöglich würde ich dabei auch versäumen, überhaupt noch etwas Anderes als das zu tun.
    Im Falle des Slams fände ich es sogar irgendwie komisch, wenn man das plötzlich zu einer politischen Veranstaltung umdeuten wollen würde, die es einfach nicht ist. (Nicht, dass du das behauptet hättest, aber ich sag’s nur.)

    Dass eine Sammlung von (aus meiner Sicht) völlig übertriebenen Leipzig-Hype-Artikeln ein Mitmachen beim Hypen selbst ist, würde ich nicht unterschreiben. Für mich ist das ein Positionieren. Aber, wie du schriebst, für dich eben auf Grund der Ironie nicht. Das ist okay. Trotzdem schreibe ich so etwas wie den dritten Absatz dort oben ja nicht umsonst oder weil ich dadurch besonders ‚lebensgierig‘ wirken möchte.

    Und ich finde eben nicht, dass Leipzig so wirkt, wie es diese Artikel schreiben. Falls doch: Sei’s drum. Ich wüsste spontan auch nicht, welches andere Image mir lieber wäre, außer eben genau jenes unaufgeregte, selbstbestimmte, eigenständige, das ich erlebe. Natürlich gibt es da Schnittmengen zu dem in den Medien breitgetretenen Bild, aber es ist eben viel weniger hip und trendy und konsumorientiert. Und wenn das noch eine Weile so bleibt, habe ich nichts dagegen. Nur, weil ich mich daran beteilige, die Freitagabende ein wenig lebendiger zu gestalten, sehe ich mich da nicht unbedingt als Grundlagenbereiter des Hypes.

  11. kaput

    Dein Kommentar ist schon ausführlicher als das Statement zu dem Blog. Ich will ja auch nicht dich oder Poetry-Slams oder sonstwen angreifen, habe aber eben auch von anderen Beteiligten ausm Party-/Kunst-/Kultur-Bereich auch dieselbe Genervtheit gg.über des ganzen Leipzig-Hypes festgestellt. Dass sie ihren Teil dazu nunmal – sicherlich unabsichtlich – beitragen, bemerkt aber niemand oder möchte es nicht so richtig zugeben. Das finde ich schon bemerkenswert, da ja jeder seine Veranstaltungen, Locations, Musik-, Kunst-, … -Projekte wiederum sehr bewusst vermarktet über Blogs, Flyer, Konzepte etc und das dann ein Außenbild ergibt. Es braucht auch keine Stadtentwicklungsbehörden, die das dann in die Medien hieven, denk ich mal, das schaffen die auch so. War ja mit dem ganzen Leipziger Schule-Blabla auch so.
    Sorry, dass du jetzt derjenige bist der es hier abbekommt, bist quasi auch Stellvertreter, hehe.

    Im Übrigen ist mir schon vor ein paar Jahren aufgefallen, dass neu Zugezogene genau dasselbe Lebensgefühl-Tralala beschrieben haben wie jetzt die genannten Zeitungen. Aus deren Perspektive ist es auch ne spannende Sache, kann ich niemanden verübeln, daher denke ich schon, dass Berichterstattung nicht sooo weit danebenliegt, nur mitunter peinlich geschrieben ist. Ich find das alles nicht weiter schlimm, ich zieh mir raus was mir Spaß macht und damit ist es ok und irgendwann wird sich der Hype auch wieder legen.

    naja, soweit dazu, ich will’s jetzt nicht krampfhaft ausdiskutieren, so sehr berührt es dann meinen Alltag auch nicht.

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