Wie gesagt, das war's für uns in Chicago. Seit Dienstagmorgen heißt es für uns: Roadtrip über Detroit (Dienstag bis Donnerstag), Toronto (Donnerstag bis Sonntag) und Niagara Falls (Sonntag), irgendwo (Sonntag bis Dienstag) nach New York (ab Dienstag für eine Woche).

Kumpel Marc und wir, bevor uns der Gute noch freundlicherweise zur Autovermietung gebracht hat. Für ihn ging's nach Savannah Illinois westlich von Chicago in sein Landhaus. Wir sind stolz wie bolle, dass es Marc mit uns tatsächlich gefallen haben muss. Und dass wir vor allem sogar seinen Poetry-Begriffen einen neuen hinzufügen konnten, nämlich den breakout, d.h. dass man während des Textes einfach mal stoppt und irgendwas Anderes macht. Machen wir ja ständig. Jetzt haben wir jedenfalls einen hübsch Ford Focus mit allerlei technischem Schnickschnack, mit dem wir durch die Gegend gondeln.

Auf Anraten von Marc haben wir nochmal einen Zwischenstopp bei den Indiana dunes eingelegt, einem Nationalpark am Lake Michigan, der sehr hübsche Strände mit Dünen vorzuweisen hat. Also nochmal rein ins Wasser und dann weiter. Autofahren in den USA ist erstaunlich easy, zumindest was die Interstates und Expressways angeht, in den Städten ist es wie überall ein bisschen hektisch, aber auch nicht unmöglich. Dank Speedlimit von 70mph rauscht der Verkehr angenehm gleichmäßig, wenn auch für uns Deutsche ein wenig langsam dahin. Nur liegen alle 2 Meilen wahlweise ein geplatzter Reifen oder ein totes Reh am Straßenrand.
Es ist wirklich ein bisschen sinnlos, ein Auto zu haben, das 150mph top fahren kann, wenn man doch nie über 70mph fahren darf, aber naja. Immerhin gibt es kaum wirkliche Raser, Drängler oder soetwas. Und mit Navi verfährt man sich quasi eh nie. Was ich nicht wusste: Zumindest rundum Chicago gibt es ein ziemlich ausgebautes Maut-System, d.h. man kann durchaus kostenlos auf der Interstate Umwege fahren oder den Express-, Sky- oderwieauchimmer-way nehmen, wo man allerdings alle 5 Meilen irgendwas zwischen 70 Cent und 3,50 Dollar bezahlen muss. Zwischen Chicago und Detroit zahlt man dabei etwa 8 Dollar.

Und endlich endlich war ich mal bei Taco Bell. Glaubt mir: Ich werde von denen von nicht gesponsort oder so, aber ich habe dank ausgiebigem Basketballkonsum schon so viel Taco Bell Werbung gesehen, dass ich dort unbedingt einmal hinwollte. Und es schmeckt wirklich gut, zumindest, wenn man einfach die billigsten Tacos nimmt, die teuren sind eher so semigut. Ich kann schon nachvollziehen, warum man in den USA entweder total dick oder total schlank ist, denn das Fast Food ist tatsächlich billiger und praktisch überall zu haben. Und nahe der Interstates kriegt man eh nichts Vernünftiges zu essen.
Zwischen Chicago und Detroit gibt es nicht allzu viel Bemerkenswertes. Viel Land und kleine hässliche Städte. Gary Indiana wird von den Chicagoern gern als besonders hässlich herausgestellt und es ist wirklich nicht allzu ansehnlich, obwohl auch nicht sooooo schlimm. Die großen Stahlwerke östlich von Chicago sind schon ziemlich beeindruckend, nur leider hab ich dank des bloßen Vorbeifahrens keine anständigen Bilder machen können.

Ok, beim Reinfahren war es schon ein bisschen scary. Downtown gibt es wirklich kaum Leute und es kommt nicht selten vor, dass man ganze Hauptstraßen für sich allein hat. Auch wird man im Motel desöfteren freundlich darauf hingewiesen, auf keinen Fall einfach so die Tür zu öffnen oder sich nicht der drei Schlösser zu bedienen. Außerdem ist es schon bisschen komisch, diese riesigen Häuser mitten in der Innenstadt leerstehen zu sehen. Aber es ist lang nicht so schlimm, wie es einem alle möglichen Leute erzählen. Klar, im Vergleich zu Chicago ist es schon betrüblich, aber auch irgendwie cool.
Detroit hard facts: Bis 1950 hatte Detroit knapp 1,9 Millionen Einwohner, heute sind es noch 700.000, was man der Stadt auch ansieht. Heißt: Viele Brachen, viele leerstehende hohe Häuser und Einiges an verfallenen neighbourhoods. Detroit war mal bekannt für seine riesige Autoproduktion durch Ford, General Motors und Chrysler, die auch heute noch dort sind, allerdings nicht in dem Umfang wie früher. Etwa 35% der Stadt sind heute unbewohnt, insbesondere alles rund um das Zentrum sieht ein bisschen sehr lädiert aus. Detroit hat die höchste Kriminalitätsrate der USA und ist Geburtsort von Leuten wie Jack White, Robin Williams und Kim Kardashian. Die Stadt liegt am Detroit River und ist der einzige der Punkt der USA, an dem man in Richtung Süden nach Kanada, genauer nach Windsor, schauen kann. / Essentielles Rap-Wissen: Detroits Vorwahl ist 313, die ursprüngliche Heimat von Eminem und der bekannten, aber heute eher weniger furcheinflößenden 8 Mile Road.

Wie gesagt: Ziemlich viel Leerstand in der Innenstadt, was einem als Ostdeutschen aber nicht sooo krass vorkommt, wie vielleicht Anderen. Aber wenn man einfach mal abseits der Hauptstraßen fährt oder sich in Richtung Norden zwischen downtown und den Suburbs, wohin sich nach Detroits Niedergang das gesellschaftliche Leben verlagert hat, bewegt, dann wird es schon ein bisschen krass. Buchstäblich heruntergekommene Häuser, die man für 50 bis 200 Dollar kaufen kann und teilweise tatsächlich bewohnt sind. Dazu herumtaumelnde Gestalten, die wirklich furchterregend aussehen. Und erst nachdem man diesen etwa 5 Meilen langen kaputten Gürtel durchdrungen hat, wird es wieder freundlicher und everything will be alright again.
Detroit fun facts: In Detroit gab es die erste befestigte Straße der USA, heute sind sie bis auf die Interstates ziemlich hinüber. Zu Prohibitionszeiten war Detroit Hauptstadt des Alkoholschmuggels aus Kanada. Außerdem gibt es unter der Stadt ein riesiges Salzvorkommen und statt einer S- oder U-Bahn nur den winzigen people mover, eine kleine Hochbahn, die eine Schleife durch die Innenstadt fährt.

Hier zum Beispiel, mitten in der Innenstadt ein verlassenes Hochhaus. Man kriegt wirklich ein gutes Gefühl dafür, wie toll es mal zu Hochzeiten in Detroit gewesen sein muss. Prachtvolle Bauten überall, aber die meisten dem Verfall preisgegeben. Und rundherum die Siedlungen, in denen man nur mit dem Fuß gegen ein Haus treten müsste, um es zum Einstürzen zu bringen.
Dass das mit der Kriminalität aber nicht ganz so ausgedacht sein muss, merkt man dann in den Shops, wo man ausnahmlos keinerlei Taschen mitnehmen darf, Bilder von Dieben an den Kassen aushängen und die Kassierer hinter dicken schusssicheren Glaswänden sitzen. Aber man gibt sich redlich Mühe, das Stadtzentrum zu reaktivieren. Insofern gibt es mittlerweile sehr viel Grün überall und hier und da kleine Parkanlagen, wo man eines der Hochhäuser hat wegreißen müssen.

Endlich eine Post gefunden. Im General Motors Buildung. Eine Briefmarke Richtung Europa kostet 1,05 Dollar. Die ersten 14 Karten sind hiermit abgeschickt. Weitere 108 oder so folgen.

Noch so ein schönes verlassenes Hotel direkt im Zentrum. Krass, wie wenig Leute dort auch tagsüber unterwegs sind. Man kann manchmal problemlos mitten auf der Straße stehen und Fotos machen und muss nicht allzu oft an irgendeiner Kreuzung warten, ehe man die Straße überqueren kann.
Das einzige Sportstadion, das man nicht in die Suburbs verlagert hat, ist das der Baseballmannschaft Detroit Tigers. Vielleicht mal ein Wort zum US-Fernsehen, da wir dank Motel auch mal dazu kamen: Es ist echt schlecht, zumindest alles, was nicht Pay-TV ist. Alle 10 Minuten kommt schreckliche Werbung für Herzpillen, christliche Partnervermittlungsseiten, Schulbesuche à la 'Kinder, geht zur Schule, Schule ist gut für euch!' oder wahlweise fetteste Triple-Quattro-Extra-Cheese-Bacon-Burger und so fort. Und die Sendungen sind auch nicht besser. Nur Quatsch. Und das mexikanische Fernsehen ist noch absolut sinnlos und bunt dazu. Alle Männer tragen komische Plüschkostüme in Neonfarben, die Frauen krasseste Pushups und eine Handlung scheint es anscheinend eh nie zu geben.

Ja, halt so ein Haus, an das Leute in Gedenken an die Anschläge von 11. September 2001 allerlei Zeug geschrieben haben. Sieht trotzdem sehr beeindruckend aus, das mitten in der City stehen zu sehen.

In den 80ern begann ein Detroiter Künstler, einige der total verfallenen Häuser mit Müll zu verzieren. Heute ist die Heidelberg Street nördlich des Zentrums total bekannt und praktisch alle Touristen schauen sich die völlig wild beklebten, bemalten und mit Müll vollgepackten Häuser an. Sieht krass aus, vor allem, weil es drumherum noch immer so verfallen aussieht, wie früher mal in der Heidelberg Street selbst.

Die andere Seite von Detroit. Kaum zwanzig Minuten Autofahrt vom Zentrum entfernt liegt Grosse Point, fünf kleine Städte, die offensichtlich die Oberschicht beherbergen. Dort gibt's alles von größerer Villa in gated Community direkt am Lake St. Clair östlich von Detroit bis hin zum kleinen, aber aufgeräumten Kataloghaus. Dann, wenn man westlich fährt, passiert man das Schild von Grosse Point und zack ist der Verfall wieder da.
Entschuldigt übrigens, dass dieser Post schon wieder so lang ist. Aber da er der einzige aus Detroit bleiben wird, wollte ich mal ein bisschen mehr zeigen. Wir waren auch noch beim Henry Ford Museum in Dearborn westlich der Stadt, allerdings schon zu spät, sodass es längst geschlossen war. Naja, so hatten wir wenigstens die Möglichkeit, uns mal wieder ein bisschen in der Stadt zu verfahren. Ist ja auch nicht schlecht.

Den kennt wohl jeder. Michigan Central Station in der Michigan Avenue in downtown Detroit. Ein riesiger alter Bahnhof, der so vor sich hin verfällt und trotzdem total beeindruckend aussieht. Leider kommt man nicht rein, weil erstens riesige Zäune mit Stacheldraht drumherum stehen und zweitens dauernd bridge control und Polizei vorbeifahren. Aber da sollte man tatsächlich mal Führungen machen, bzw. besser nach das Teil wiederbeleben, als was auch immer. Großartig großartig, das mal gesehen zu haben. Und wie gewohnt: Drumherum nur Brachen.

Und hier haben wir ein Haus in der Heidelberg Street bemalt. Eine Frau sammelt dort Dollars, um ihr Haus neu streichen lassen zu können und lässt in der Zwischenzeit alle Leute, die vorbeikommen, darauf unterschreiben. Sieht ziemlich witzig aus.
Morgen, das heißt wenn ihr das lest heute, geht es weiter nach Toronto. Anders als die Fahrt von Chicago nach Detroit (ca. 6 Stunden mit längerer Pause) wird es wohl diesmal nur etwa 4 Stunden dauern. Von dort aus geht dann weiter.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!









Tina
26. Juli 2012
Hallo AndrÄ—,
ist’s schon zu spät meinen Winsch nach ner Karte von dir zu äußern und auch erfüllt zu bekommen? Würde mich echt freuen..
Finde deine Posts übrigens nicht zu lang! Im Gegenteil!würde lieber noch viel mehr von dieser Reise lesen.. Also wär so ‘ne Karte das richtige zum erhöhen des Pensums!:)
Wünsche dir/euch noch viel Spaß!
In bester Hoffnung hier mal meine Adresse:
Tina Kohlbach
Obere Str. 10
08371 Glauchau
Grüße Tina
André
28. Juli 2012
Krieg ich bestimmt hin :)
Kathrin
3. August 2012
danke auch von mir für alle posts von dir! sie sind wunderschön und es ist genau die reise, die auch irgendwann mal machen möchte.
schau mal, hier was brandneues zu detroit, vielleicht ist es sogar gut: http://www.heise.de/tp/artikel/37/37275/1.html
viel spaß noch in amerika! :)
André
4. August 2012
Gerne doch :)