heeme

27. September 2010, Allzumenschlich

 


Dass es in der letzten Nacht dann nur noch drei Stunden Schlaf sind, ist prinzipiell eher zweitrangig, wenn auch nur theoretisch. Praktisch merkt man mit jedem Schritt durch die Stadt, wie die Beine brennen und der eigene Kopf irgendwo zwischen noch-gestern und schon-heute fest hängt. Am Hotelausgang rotzt mir ein italienischer Arbeiter einen prächtig gelben Klumpen vor die Füße, mich selbst im Schaufenster betrachtend, muss ich an den Refrain eines Tegan and Sara-Songs denken, im Zug wundere ich mich über die höchste Smartphone- und Laptopdichte seit Langem und schlafe sofort ein. Andere schreiben ganze Romane in den Zügen dieses Landes, schreiben wenigstens Texte, die sie später in Sammelbänden veröffentlichen, schreiben Kolumnen und so weiter, ich aber schlafe. Fast ausnahmslos hänge ich bewusst- und traumlos in den Zweitklassesitzen oder höre vor mich hin dösend Musik über so unglaublich gut die Umgebung abschirmende Kopfhörer und lasse die vorbei huschende Außenwelt auf mich einregnen.

Wahrscheinlich habe ich diesen Zustand des stundenlangen Dämmerns, der so manche Biolehrerin zu Kommentaren wie "André, könnten Sie bitte aufhören, Desinteresse zu verbreiten?" inspirierte, einfach seit meiner Schulzeit beibehalten und direkt in die Züge der DB transferiert. Nabokov, denke ich dann, wenn ich schon wieder müde werde, Nabokov hat auch irgendwie nur ganz wenig geschrieben, irgendwo mal gelesen, das tröstet ein wenig. Und es könnte ja sein, dass mich unerwarteterweise die Aktivität packt und ich die drei Bücher im Rucksack dann doch wie im Rausch durchlese, da sind die drei Kilo mehr zu tragen schon gerechtfertigt. Es geht schließlich nicht um Quantität, wenn sie auch schult, eigentlich zählt nur die Qualität, beim Schlaf wie bei dem ganzen Rest. Irgendwo bei Duisburg scheint die ominöse Regengrenze gelegen zu haben. Ich klappe den Laptop zu, bin zu müde, das wirre Zeug irgendwie verständlich zu machen, dieser verdammte Regen.

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