Die kriminellste Stadt der USA verabschiedete uns mit Regen, wobei es sich draußen dank der hohen Luftfeuchtigkeit trotzdem sauheiß anfühlte. Nochmal schnell in einen dieser fernsehtypischen On-The-Road-Donutläden und dann ging's wieder für wunderbare fünf Stunden auf die Interstate in Richtung Kanada. Bis Sonntag sind wir nun erstmal in Toronto, aber dazu gleich mehr.

Die wenigen Dinge, die amerikanische Interstates von kanadischen unterscheiden, sind schnell erklärt: 1. Es liegen nicht dauernd tote Rehe und geplatzte Reifen am Straßenrand. 2. Alle Geschwindigkeitsbegrenzungen sind in km/h angegeben. 3. Man darf nur 100km/h fahren. 4. Alle fahren 120km/h. 5. Ab 50km/h über dem speed limit gibt's Führerscheinentzug forever und 10.000 Dollar Strafe. 6. Wenn man von Detroit nach Toronto fährt, kommt man durch Paris, Camebridge, London und Woodstock. 7. Bis kurz vor Toronto fährt man praktisch nur durchs Nichts. 8. Manchmal gibt es auf der Autobahn eine fetzige Taxispur ganz links. 9. LKWs fahren immer auf der mittelsten Spur. 10. An den Autobahnen gibt es dieselben Schnellfressketten wie in den USA.

Unser fetziges Zimmer nicht weit von der Innenstadt. Nichts Besonderes, aber ein Foto kann ja nicht schaden. Wir konnten auch endlich mal Klamotten waschen, sodass sich die Leute auf der Straße nicht mehr allein wegen des Geruchs nach uns umdrehen. Damit ich mich nicht groß von Detroit und meinem Zimmernachbarn umgewöhnen muss, sitzt auch hier morgens ein Typ vor der Tür und kifft fröhlich vor sich hin. Zur Abwechslung liest er dann nebenbei ein Buch über Hitler oder lobt mein Tattoo. Auch gibt es hier eine frankokanadische Schulklasse, die abends ganz cool in der Lobby sitzt und dann unter den strafenden Blicken ihrer Lehrer vor Mitternacht ins Bett geschickt wird. Wir apprechiaten das.
Wenn man, wie wir, gerade aus Detroit kommt und quasi schon alles erlebt hat, dann wirkt Kanada unglaublich harmlos. Selbst die Gangster Rapper, die auf der Yonge Street vor der Armenspeisung stehen und überall tattooviert sind, kann man nicht richtig ernst nehmen, wenn man vorher in Detroit finstere Männer in ihren Lowridern durch die Straßen cruisen gesehen hat. Wenn man dann im Supermarkt für eine Flasche Cola und zwei Dosen Fertignudeln auch gleich mal 10 Dollar bezahlt und Leute mit Bergen von Einkäufen sieht, kommt man schnell zu dem Schluss, dass hier alles reich sein müssen. Ist aber vielleicht zu pauschal, diese Feststellung.

Die Yonge Street (gesprochen Young) liegt gleich um die Ecke. Eigentlich wollten wir ja nurmal ein Willkommensbier trinken, aber es ist gar nicht so einfach, dort eine Kneipe zu finden. Die Yonge Street ist übrigens die längste Straße der Welt (1896km lang) und wir mussten gefühlt die halbe Länge weit laufen, ehe wir ein annehmbares Pub gefunden hatten. Zur Info: Ein normales Bier kostet etwa 7,50 kanadische Dollar (die fast genau so viel wert sind wie US-Dollar). Überhaupt ist hier alles ein bisschen teurer. Und wie in den USA kommt praktisch auf alles noch diese komische Steuer drauf, sodass man an der Kasse immer noch mal eine kleine Überraschung erlebt.
Toronto hard facts: Toronto ist nicht die Hauptstadt Kanadas, aber die größte Stadt. 2,5 Millionen Menschen wohnen hier, im golden horseshoe, quasi der erweiterten Metropolregion, gibt es 8,1 Millionen. Unter Toronto gibt es eine riesige und 27km lange Fußgängerzone, den so genannten Path, der haufenweise Läden beinhaltet und verschiedene Hochhäuser downtown unterirdisch miteinander verbindet. Toronto ist voll im Aufbruch, überall gibt es Baustellen und an jeder Ecke scheint ein neues Hochhaus im Entstehen zu sein. Das Motto der Stadt ist "Diversity Over Strength".

Wenn man sich von Norden der City nähert, sieht man den CN Tower ziemlich selten, weil er von den unglaublich vielen Hochhäusern, die es hier gibt, ständig verdeckt wird. Und wie gesagt: Es kommen sogar noch mehr dazu. Aber irgendwann lugt dann der CN Tower doch mal zwischen den Häusern hervor und dann sieht er ziemlich krass aus. Drittgrößter Fernsehturm der Welt mit rund 550 Metern und erdbebenfest bis Stärke 8,5 (wann das mal ausprobiert, weiß ich leider nicht). Der Eintritt ist teuer. Für rund 27 Dollar kommt man immerhin auf die untere der beiden Aussichtsplattformen (die höhere kostet etwa 40 Dollar) und zu den Glasfußböden, auf denen aber meist hyperaktive Kinder herumliegen und ihre Eltern um Fotos anflehen.
Selbst das kanadische Fernsehen ist weniger schlecht, als das in den USA. Zwar gibt es denselben Kram wie überall, aber alles weniger penetrant. Schon allein, dass nicht alle 10 Minuten Werbung kommt, hilft da viel. Und dass der Mann im Hostel nicht hinter einer dicken Plexiglasscheibe sitzt, weil er Angst vor Leuten mit Pistolen haben muss, vielleicht auch.

Kommando zurück: Vorher waren wir noch im Eaton Center, diesem angeblich megariesigen Kaufhauskomplex mit über 250 Geschäften und und und. Leider wirkt das Ding gar nicht so krass. Ist halt ein Einkaufszentrum, in dem man den gleichen Quatsch kaufen kann, wie überall. Vielen dank auch, Globalisierung. Aber wenn man denn so will, kann wohl auch eine Führung durch das Center mitmachen und sich richtig gut fühlen.
Toronto fun facts: Toronto besteht aus etwa 140 Stadtteilen und 44 Verwaltungsbezirken. Der Bürgermeister von Toronto ist studierte Politikwissenschaftler (es gibt also noch Hoffnung für mich). Die Flagge der Stadt wurde 1976 von einer 21-Jährigen designt. Die meisten Shops in Toronto schließen um 18 Uhr (stellt man sich weniger schlimm vor, als es ist, wenn man plötzlich noch etwas zu essen braucht und nicht gleich 15 Dollar für ein Sandwich ausgeben will). Die Mordrate hier liegt bei etwas 1/20tel von Detroit. Aus Toronto stammen bspw. Jim Carey, Nelly Furtado und Mike Myers (auch wenn er während der Eröffnungszeremonie der olympischen Spiele gefeaturet wurde).

Jetzt aber mal ein Ausblick vom CN Tower. Hier in Richtung Westen, links der Lake Ontario. Nicht im Bild: Die große künstliche Insel, die direkt vorm Hafen liegt. Über diese Straßen dort kamen auch wir, die weißen Streifen dort unten sind ein paar der lustigen Doppelstockzüge, die es hier gibt. Sie sind lustig, weil sie total eckig und total grün sind. Das hier ist etwa auf einer Höhe von 350 Metern aufgenommen. Ein Stockwerk tiefer gibt es auch eine unverglaste Aussichtsplattform. Geht alles auch mit Höhenangst ganz gut, nur die Aufzugfahrt ist wie immer ein Graus.
Warum es hier so viele Asiaten gibt, haben wir leider noch nicht rausgefunden. An dem doch eher kleinen Chinatown mag es wohl nicht liegen. Auch sprechen die Kanadier für unsere Ohren gar nicht so lustig, wie die Amerikaner immer sagen. Wenn man so will, kann man vielleicht sagen, dass wir quasi in der amerikanischen Schweiz sind. Alle machen sich lustig drüber, doch wahrscheinlich sind sie in Wirklichkeit viel cooler als alle, die über sie lachen. Aber das ist nur Theorie.

Der Ausblick Richtung Norden. Irgendwo dort hinten wohnen wir. Einfach zwei, drei Meilen die Yonge Street nach oben, dann rechts, zwei Blocks später wieder rechts und schon ist man da. Zu Fuß dauert es irgendwas zwischen 30 und 45 Minuten.
Angeblich gibt es in Toronto gerade ein riesiges Jazz-Festival. Aber mit Größtenordnungen sollte man sowieso vorsehen. Bisher war bis auf die Wolkenkratzer und die Essenportionen eigentlich jede Erzählung von irgendwas zu überdimensioniert. Detroit ist längst nicht so krass, wie alle sagen, Kanada nicht so sehr zu belächeln, wie es alle gern hätten und wir noch immer keine Gangster Rapper, auch wenn wir das gerne so hätten.

Und hier beweist TTZ seine Furchtlosigkeit. Ok, mir war nicht so wohl dabei, aber es ging dann doch halbwegs. Warum es so aussieht, als ob wir Clownsschuhe trügen, weiß ich auch nicht.
Um ein weiteres Gerücht, das sich insbesondere bei Amerikanern stark zu halten scheint, aus der Welt zu schaffen: In Kanada sind die Zigaretten nicht spottbillig. 8 Dollar für 25 Zigaretten sind jetzt zumindest nicht die Mega-Ersparnis gegenüber 10 Dollar für 21 Zigaretten. Aber es war zumindest schon in den USA interessant, dass bspw. keine Person, mit der wir zu tun hatte, noch rauchte. Ich schreibe bewusst noch, da uns viele erzählten, sie hätten früher geraucht, dann sei es aber so teuer geworden, dass alle einfach aufgehört hätten. Funktioniert anscheinend doch, es ist bei uns einfach noch nicht teuer genug.

Das hier ist Kensington, gleich neben Torontos Chinatown. Hier gibt es haufenweise kleine Vintage Shops und die Häuser sehen sehr süß aus. Auch viele lustige Menschen kann man hier sehen. Billiger als sonst irgendwo ist es trotzdem nicht, aber dafür wenigstens gebraucht. Für Hipster und Vintage Fans aber ist Kensington ein absolutes Paradies, ebenso wie die Queens Street westlich der Yonge Street.

Und hier haben wir auf der Queens Street zufällig eines der hippen TV Studios entdeckt, wo gerade so etwas wie MTV TRL live gesendet wurde. Auch müssen wohl die Toronto Blue Jays, die hiesige Baseballmannschaft, die trotz ihres Sitzes in Kanada in der amerikanischen Profiliga spielen, ein Spiel gehabt haben, denn plötzlich war alles voller Blau-Weißer Dudes.
Eigentlich wäre ich gern zu einem Spiel der Blue Jays gegangen, aber das wäre bestimmt exorbitant teuer im Vergleich zu einem Ticket in den USA gewesen. Ich gehe dann einfach zu den Yankees. Obwohl ich das einzige Stadiondach, das sich auf Knopfdruck öffnen und schließen lässt, schon gern gesehen hätte. Immerhin: Vom CN Tower habe ich es ja gesehen. Nur nicht gerade so, wie ich es richtig wollte, naja.

Und wie es der Zufall so will, haben wir wieder das Queer-Viertel erwischt. Es gibt sogar regenbogenfarbene Straßenschilder und haufenweise Ankündigungen zweifelhafter Parties.

Und dann habe ich mir auf der Queens Street ein T-Shirt mit meinem neuen Lebensmotto gekauft. Mehr gibt's hierzu eigentlich nicht zu sagen.
Das war's erstmal aus Toronto. Neues gibt's bald. Zuerst müssen wir aber noch ausklamüsern, auf welchem Weg wir von Sonntag bis Dienstag nach New York kommen und vor allem, wo wir unterwegs noch halten wollen.









Hansi
28. Juli 2012
Klasse, das ist die mechanische Eule aus dem alten “Kampf der Titanen”-Film!
André
28. Juli 2012
Yes, da haben sich die Engländer, die ganztags vorm Hostel sitzen, gefreut :)