Hallo Terror!

18. November 2010, Litritscher

 

Berlin: „Es gibt Grund zur Sorge, aber nicht zur Hysterie“, beschwichtigte Bundesinnenminster Thomas D. am Mittwochnachmittag und fand sein Echo in Hunderten von Zeitung, auf allen Kanälen im Fernsehen, im Radio und auf noch der kleinsten und unbedeutendsten Internetseite.
Sofort wurden erhöhte Sicherheitsmaßnahmen in ganz Deutschland vorgenommen, Polizisten mit Maschinengewehren ausgestattet, mit denen sie in Sekundenbruchteilen dutzende Menschen aus dem Weg räumen könnten, würden diese einer unmittelbaren Gefahr ausgesetzt. Auch regionale Freiwilligenkorps, so genannte Kameradschaften, seien in den Heimatschutz mit einbezogen worden. Unter dem Operationsnamen „Scheiß auf Schengen!“ würden fortan auch an den Grenzen wieder alle Eindringlinge ins Vaterland passpolizeilich überprüft werden, so der Innenminister.

Erfurt: An Gleis 8 warten in der Nacht zum Donnerstag die urstübelst erfolgreichen Lesebühnenautoren André H. und M. Bittner aus Leipzig und Dresden auf ihren Zug nach Leipzig. Noch ertragen sie die üblichen 120 Minuten Verspätung, denn sie wissen noch nicht, dass militante Thüringer auch in dieser kalten Novembernacht nicht davor zurück schrecken, den Robert-Enke-Gedächtnistod auf ihrer Strecke zu praktizieren. Was bitte, gibt es Asozialeres als sich vor einen Zug, vor ein Auto oder von einem Hochhaus zu stürzen, nur um dem eigenen Leben ein Ende zu setzen.

Berlin: Bereits im letzten Jahr hätten die Sicherheitsbehörden eine Liste besonders schützbedürftiger Einrichtungen in Deutschland erstellt, auf dieser fänden sich unter Anderem alle Einkaufstempel der ECE Projektmanagement GmbH und Co. KG, Herstellungszentren diverserer Pharmaunternehmen wie GlaxoSmithKline, sowie die Axel-Springer-Häuser in Berlin und Hamburg. Minister Thomas D. betonte, Terroristen könnten, ähnlich wie bei Anschlägen von Madrid 2004, London 2005 und Mumbai 2008 versuchen, Kaufhäuser und Bahnhöfe anzugreifen. Außerdem seien deutsche Finanz- und Wirtschaftszentren als Ziele terroristischer Zerstörungsakte anzunehmen. Zeitgleich gaben die Minispräsidenten der Neuen Bundesländer Entwarnung, auf Grund der Strukturschwäche ihrer Regionen seien Anschläge in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern oder Schleswig-Holstein so gut wie auszuschließen.

Erfurt: In der Szenekneipe „Willy B.“ versuchen Michael B. und A. Herrmann die Wartezeit bei Bier und Nachos zu überbrücken. Herrmann bestellt ein König Pilsner, das er nicht austrinkt, weil es wie aus der Kloschüssel geschöpfte Pisse schmeckt. Am Nachbartisch unterhalten sich Erfurter Atzen über Lokalpolitik. Bittner verzweifelt zusehens ob der Eloquenz ihrer Ausführungen, aber auch, weil der Chilli-Käse-Dip verdammt nochmal die Verdauung anregt.

Berlin: Es gäbe konkrete Hinweise, fast schon halbwegs verifizierbare Vermutungen, könnte man sagen, aber man dürfe darüber natürlich nichts sagen, denn es sei ja geheim, trotzdem müsse man es glauben und ernst nehmen, das sei bei CDU eben so, betonte D. nachhaltig.
Erst kürzlich hatten Tausende faschistische Ökostalinisten im Land für Aufruhr gesorgt, als sie im Stuttgarter Schlosspark hilf- und wehrlose Bäume in ihre Gewalt brachten. Nur zahlreiche Hundertschaften der Bereitschaftspolizei konnten diese militanten Mitbestimmungsnazis erfolgreich mittels Wasserwerfern, Pfefferspray und Schlagstöcken aus dem Park deeskalieren.
Kurz darauf hatten ebenso Tausende Rückständige gegen den Schienenverkehr zu protestieren versucht, indem sie sich nahe der niedersächsischen Ortschaft Gorleben an Gleise der Deutschen Bahn AG ketteten und versuchten, Anwohner und Sicherheitsbeamte vermittels mitgebrachter Trommeln und Klampfen in den Wahnsinn zu singen.

Erfurt: Als M.B. und André Herrmann erfahren, dass sich die Abfahrt ihres Zuges nun circa. 220 Minuten verspätet, beschließen Sie, die Stadt Erfurt in Flammen zu setzen, werden dann aber in letzter Sekunde von einem der zur Deeskalation bereit gestellten Getränke- und Snackautomaten abgelenkt. Sie bringen das hilflose Gerät in ihre Gewalt, fordern Schnaps von ihm, lassen sich dann aber von einer Capri-Sonne mit Kirschgeschmack besänftigen. Vorsichtshalber schalten die Sicherheitsbehörden dennoch das Licht im Bahnhof aus, um sich so einen Vorteil im Falle von Ausschreitungen zu sichern.

Berlin: Ein Schelm, wer bei der hier vorliegenden Bedrohungslage eine Verbindung zur desolaten Beliebtheit von Union und FDP vermutet, mehr noch, wer die väterliche Sorge unserer Regierungsparteien mit dem jüngsten CDU-Parteitag letztes Wochenende assoziieren will. Der Minister forderte alle Deutschen zu erhöhter Wachsamkeit auf, überall könnten Verdächtige lauern, am ehesten jedoch in der Nähe fremdländisch eingefärbter Mitbürger.

Erfurt: Bittner und H.s Wortschatz beschränkt sich mittlerweile nur noch auf die Ausdrücke „Scheiße“ und „Dreckmistkacke“, im ICE räumen die mitfahrenden Fahrgäste freiwillig den Waggon, in dem die beiden eingekehrt sind. Zu einem Erregungszeitpunkt, an dem in Frankreich schon längst die Pariser Vorstädte in Flammen stünden, verlangt H. verärgert ein Fahrgastrechteformular vom Zugbegleiter, augenblicklich erlischt seine Wut.

Berlin: Um die Bevölkerung nicht zu verunsichern, startete die Bundesregierung am Donnerstag in Kooperation mit dem Google-Konzern die deutsche Version des Street-View-Programms. Aus dem Kanzleramt hieß es, dass auf diese Weise der Pöbel erst einmal zwei bis drei Wochen lang damit beschäftigt sei, Nutten und zufällig fotografierte nackte Ärsche in den Straßen Deutschlands ausfindig zu machen. So sei sicher gestellt, dass die Behörden nicht durch nervige Nachfragen aus dem zivilen Umfeld bei der Arbeit behindert würden.

Leipzig: B. will die harte Tour und bricht sogleich nach der Ankunft in Leipzig mit dem ersten Zug nach Dresden auf. Herrmann verflucht für kurze Zeit die Abfahrtszeiten der Straßenbahnen, beschließt dann jedoch, der deutschen Wirtschaft etwas Gutes zu tun, zündet sich mehrere Zigaretten an und besteigt kurze Zeit später ein Großraumtaxi. Später wird B. sagen, er habe auf den letzten Metern in Dresden vor Müdigkeit fast kotzen müssen. Herrmann kotzt, als ihm auffällt, dass der gutmütige Taxifahrer in die völlig falsche Richtung fährt. Nach sieben Stunden Zugfahrt und dem totalen Übermüdungszustand werden es die beiden Brandredner zumindest in dieser Nacht unterlassen, neue Pamphlete zu verfassen und unter das unmündige Volk zu mischen.

Berlin: Alles ist ruhig. Noch.

4 Kommentare

  1. Katja

    18. November 2010

    bester text, andré!!!!!!!

  2. André

    18. November 2010

    Merci vielmals!

  3. *indigoidian.de* » Blog Archive » Hallo Terror

    19. November 2010

    [...] Lesen, freuen, ab und an ein bisschen Brötchen auf die Tastatur spucken – und zwar sofort!: Hallo Terror von André Herrmann [...]

  4. eldersign.de » Blog Archiv » Urstübelst

    17. April 2012

    [...] für die Verwendung dieses doppelten Superlativs gebührt André Herrmann a.k.a @nnamrreherdna der [...]

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