# Halle, eine Stadt zum Hassen

Da ich nun schon mehrmals danach gefragt wurde und es gestern auch gewagt habe, meinen “Halle-Text” – besser gesagt die Verarbeitung der Tatsache, dass mich durch dümmste Umstände jeder Besuch in Halle mindestens 40 Euro bei den örtlichen Verkehrsbetrieben kostet – in Halle selbst vorzulesen (ja, er kam gut an), kann ich ihn nun auch getrost hier veröffentlichen. Jetzt erschüttert mich nichts mehr.

Weiterlesen auf eigene Verantwortung.

Halle, im Englischen auch Hell genannt, liegt irgendwo da. Oder da.
Jedenfalls nicht hier. Das ist gut so. Wäre die Erde in Wirklichkeit eine Scheibe, Halle würde immer auf der anderen Seite liegen und nichtsdestotrotz noch viel zu nah sein.
Halle liegt also irgendwo, nur nicht hier, das ist gut so, so liegt es da, umgeben von malerischen Gemeinden wie Morl, Schkopau oder Brachwitz, die in ihrer Gesamtheit eine unsichtbare Mauer samt Säuregraben rund um dieses Territorium ziehen.

Halle hat rund 230.000 Insassen und ist ausbruchssicher. Halle ist keine Stadt, sondern ein Gefängnis, was die zentral gelegene Straf- und Besserungsanstalt “Roter Ochse” erklärt.

Metaphorisch ausgedrückt ist Halle ein kleines, lispelndes Mädchen von zuckersüßen 8 Lenzen, das Blumen sammelnd über außerstädtische Streuobstwiesen hüpft, mit Häschen und Bienchen auf Du und Du ist, der Mutti einen Strauß zum Sonntag pflückt und dann fröhlich jauchzend in eine Bärenfalle tritt. Nach jahrelangem Krankenhausaufenthalt kommt es in die Pubertät, es bekommt Zahnspange mit kopfumspannenden Metallbügeln, Verachtung von allen Seiten, Augenklappe und Holzbein.
Wenn man ein Kind hat, auch wenn es nicht in Halle gezeugt wurde, sondern weil es vielleicht auch einfach nur scheiße, ein Versehen oder bloß strohdoof ist, dann sollte man auch konsequent sein, dann sollte man es „Halle“ nennen.

Vor einigen Jahren hat sich die Ministerkonferenz für Raumordnung einen kleinen Scherz erlaubt und Halle in die Metropolregion Sachsendreieck, bestehend aus den drei Ballungsräumen Chemnitz-Zwickau, Dresden und Leipzig-Halle, aufgenommen.

Zwickau, ich glaub es hackt! Zwickau ist die einzige Stadt, in der man beim Aussteigen aus dem Zug von hysterischen Männern in pinken Poloshirts und sauerbratenfarbenen Shorts begrüßt wird mit den überaus treffenden Worten: “JO BIST DU DENN WOHNSINNICH?”, die wahrlich einzige Stadt, in deren Bahnhof man sich noch verlaufen kann und bangen muss, keinen Weg mehr ans Tageslicht zurück zu finden. So, wie es die Stadtväter auch selbst schon geschrieben haben: “Wer durch seinen Zwickau-Aufenthalt möglichst nachhaltige Bereicherung erfahren will, wird dies kaum an einem Tag bewältigen.” (Das ist Originalzitat http://www.zwickau.de)
Und das stimmt, einen Aufenthalt in Zwickau, dem Nabel der Welt, der gruseligen Pforte ins Erzgebirge, dort wo man einen Dialekt spricht, bei dem jedem Hardcore-Niederbayern die süßbesenfte Weißwurst sauer aufstößt, bewacht von Scharen schampusbeschwippster Rentner, die sich mit mitgebrachten “Bemmen” und Nordic-Walking-Lanzen mal einen “rischtisch schön’ Dooch” im Gebirge machen wollen, solch einen Tag kann man so schnell nicht verarbeiten und verdrängen.

Und Chemnitz… naja, gießen wir nicht noch Öl ins Feuer, reden wir lieber nicht über Chemnitz.

Dresden und Leipzig sind gut.

Halle dagegen kommt wieder einmal nur als der kleine behinderte Bruder daher, der Leipzig stets und ständig am Arsch klebt, das fängt ja schon beim Namen an: Leipzig-Halle.

Halle einen tollen Poetry Slam, das war’s.

Halle hat auch eine Messe. Wusstet ihr nicht? Ich auch nicht.

Halle ist so nämlich durch, dass nicht einmal mehr Masochisten zugeben wollen, aus Halle zu kommen. Nicht zuletzt deshalb, wird Halle auch niemals als Halle an der Saale, sondern immer als Halle bei Leipzig oder das Halle im Osten angeprisen.

Industriell betrachtet konzentriert sich Halle seit der Wende auf technologieorientierte Branchen. Wer kennt ihn denn nicht, den “Technologiepark campus weinberg”, der zweitgrößte Technologiepark Ostdeutschlands, gleich hinter den blühenden Landschaften von Berlin-Adlershof – Hey, Glückwunsch!

Im Internet rühmt man sich damit, dass Halle nach dem zweiten Weltkrieg weitaus weniger zerstört war als andere ostdeutsche Städte. Ich hingegen aber frage: Warum eigentlich nicht?

1980 beschließt die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands nach Aufhebung der 12 Jahre bestehenden repressiven Sozialistengesetze auf ihrem Parteitag in Halle, sich in Sozialdemokratische Partei Deutschlands umzutaufen. Was daraus geworden ist, sehen wir heute.

Oh und ich hasse die Hallesche Verkehrs-AG, die HAVAG, ich hasse sie so sehr, weil ich jedes Mal, wenn ich in diese gottverdammte Stadt fahre und mich der Straßenbahn dieses Höllenvereins bedienen muss, an kaputte Automaten gerate. Kaputte Automaten, die wahrscheinlich immer genau dann ihren letzten scheiß Schein aushauchen, wenn ich ihren Weg kreuze, die sich dann virtuell grinsend ihre Bits und Bytes reiben und gleich intern Alarm für alle Kontrolleure schlagen, die dann schlaftrunken aus dem Bett in die Bahn wanken, nur um sofort auf mich zuzustürmen und mir mit ihrem übergroßen Rechnungsding einen Feststellungsbeleg über 40 Euro und den anderen Fahrgästen ein Thema fürs Kaffeekränzchen zu kredenzen.
“Fahrscheine jibbt dit och bei’n Fahrer.”, höre ich sie dann ob meiner Sorgen desinteressiert dozieren, aber war es nicht schon immer so, dass ich vor der Fahrertür zurückschreckte, weil in mir das Dogma meiner Schulbusjugend aufloderte: Während der Fahrt nicht mit dem Fahrer sprechen, sonst öffentliche Zwölfteilung!
Als damals in der fünften Klasse der kleine Robert Meier von einem Tag auf den nächsten einfach spurlos verschwunden war, ahnten wir anderen schon, was geschehen war. Seither habe ich nie gewagt, die Ketten dieser eisernen Regel zu sprengen.

Aber das stört den gemeinen Hallenser Hallunken ja nicht. Denn in Halle liegt das Temperaturjahresmittel bei 9,1°C an der frischen Luft und bei -80°C in den Körpern der Einwohner. Halle ist so kalt, dass selbst Eskimos Gefrierbrand bekommen und auf den Bänken vorm Bahnhof festfrieren.

Es ist überdies die einzige Stadt, deren Internetseite nicht funktioniert. Leute Leute, selbst die Zwickauer kriegen das gebacken…
Versucht man zu lang, diese nicht funktionierende Seite aufzurufen, so stürzt einem zuerst der Computer ab, dann die Decke auf den Kopf und schließlich das eigene Haus eine Klippe hinab, selbst wenn dort vorher noch nie eine Klippe gewesen ist!

In Halle gibt es keine Freude, nichts zu lachen. Um die Selbstmordraten zu senken, baut man deshalb Fußgängerbrücken über Autobahnen, um so leichter Zugang zu depressionshemmenden Konsumtempeln zu ermöglichen, deren Brückenteile dann aber aus heiterem Himmel nicht passen. “Abweischungen aus unerklärlichen Gründen” heißt es dann. Und wieder lacht die Welt, aber niemand lacht in Halle. Alle lachen über Halle, aber niemand lacht mit Halle.

Recht so, sage ich, Halle hat sich selbst verdient.

5 Reaktionen

Recht hast du und ich bin dort aufgewachsen. *heul*. Die hast vergessen die Inzest aus Stadtrat und dem Vorstand der HAVAG zu erwähnen.

[...] wieder von kaputten Fahrkartenautomaten zum Schwarzfahren genötigt. Rächte mich mit einem Text. Der brachte auch die Strafe wieder rein. Kaufte mir einen neuen Pullover. Ich glaubte, die [...]

[...] Vielleicht erinnert sich der ein oder andere an dieses schreckliche Machwerk niederer Kultur: Halle, eine Stadt zum Hassen. [...]

Ein Hallenser, 22. Oktober 2009

Weia.
Wie kommen Sie dazu so über Halle zu reden ohne Inhalten und nur mit Beleidigungen?
Der Fahrkartenautomat hat also nicht funktioniert… Kann ja nur in Halle passieren. Sonst nirgendwo. Sie nehmen es auch lieber in Kauf 40€ für das Schwarzfahren zu bezahlen als zum Fahrer zu gehen und sich einen Karte zu kaufen. Weil eine böse pseudo-Kindergeschichte Ihnen zuviel angst macht.
An jeder 2.-3. Straßenbahnhaltestelle gibt auch Fahrkartenautomaten.

Vielleicht, ja nur vielleicht, lag es ja an Ihnen oder Ihren Internetprovider das die Homepage nicht funktionierte.
Und das Ihr PC abstürzte war natürlich auch Halle.de.
Obwohl das vermutlich alles nur schmückendes Beiwerk war um die Frustration über das Mangelndes Eigenbewusstsein hinwegzutäuschen. Sie sind offensichtlich zu Freige gewesen eine Karte beim Fahrer zu kaufen.

Hoffentlich stimmt es das bei Ihnen immer die Kartenautomaten kaputt gehen. Ich wünsche es Ihnen.

[...] und Nachdenken an. Auch kritische Beiträge kommen gut an. So gewann André Hermann mit seinem Text »Halle, eine Stadt zum Hassen« im Dezember 2008 den Slam. Trotz seiner heiklen Betrachtung der Stadt traf er den Nerv des [...]

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