Wahrscheinlich stehen die echten Autoren Abend für Abend hinter dem Tresen, wischen Tische und vergeben Schnäpse, zumindest die Menschen, die etwas zu erzählen haben. Denn wenn der Trend schon dahin geht, die Wirklichkeit wieder auf den Plan zu bringen, man den Leuten aufs Maul schaut, bevor man ihnen textuell etwas auf die Fresse gibt, so müssen diejenigen, die den Stoff haben, jene sein, die nah am Leben sind.
Man kann versuchen, ganz ohne gleich in einer Kneipe arbeiten zu müssen, sich den Dingen nahe zu bringen und einfach andauernd in einer Kneipe sein. Zwischen Hans, dem alten Mann aus Chemnitz, der heute Abend nach Leipzig getrampt ist, um seine zwei Frauen zu besuchen, in der Hoffnung, sich mit einer von beiden wieder vertragen zu können und so einen Schlafplatz zu haben. Und zwischen Jonas, dem Punk aus gütbürglichem Hause in Pirna, der verständlicherweise nach Leipzig gekommen ist, darüber brauchen wir gar nicht sprechen, aber es irgendwie auf den Hans abgesehen hat.
Und man hört ihnen zu. Hans, dem alten Mann aus Chemnitz, der ein South Park T-Shirt trägt und das auch allen mitteilt, aber es dabei nicht als South Park, sondern als Süd Park-Hemd bezeichnet. Hans hatte Pech bei seinen Frauen. Beide haben sofort die Bullen gerufen, als sie ihn im Hausflur sahen, also nicht gleichzeitig, sondern jede für sich, in einem jeweils anderen Haus. Die Polizisten waren nicht nett, haben den Hans aber nicht mit auf die Wache genommen, weil sie ihn so an der Backe gehabt und dafür hätten sorgen müssen, dass der Hans auch irgendwie wieder nach Hause kommt. Deshalb sitzt Hans in der Kneipe und trinkt. Er weiß, dass er nach Hause kommen muss, aber er weiß nicht wie. Deshalb trinkt er. Um dieses "dass" und jenes "wie" loszuwerden.
Jonas hingegen ist aus gutem Haus. Er sagt das nicht und würde das auch nie zugeben, aber man riecht es ihm an. Am frisch gewaschenen und weichbespülerten "Fuck the System"-Shirt mit drei Ausrufezeichen, am Iro, für den er extra das teure Haarwachs nimmt. Er hasst Fussball und irgendwie auch Hans. Er lacht ihn aus und zieht somit doch nicht seinen Groll, sondern seine Zuneigung auf sich.
"Ey, kann ich heute bei dir pennen?"
Und Jonas spricht aus, was man denkt, wenn Hans nach einem Schlafplatz fragt.
"Ey, willst du mich ficken, oder was?"
Beziehungsweise spricht er es nicht aus.
Manchmal erzählt man zu viel. Und man ärgert sich über die autobiographische Färbung der Gesprächsthemen. Das ist zwar authentisch, aber auch nicht wirklich echt, wenn man nicht selbst Hartz IV empfängt oder Punk ist. In jedem Fall bewundert man die Kerstin, die Barfrau Kerstin, die in jeder Bar arbeitet und immer Kerstin heißt, vielleicht einer alten Barfrauendynastie entstammt und diesen Namen mit Ruhm und Ehre zu tragen weiß.
Und noch ehe man genügend mitbekommen hat, schlagen auch die Schnäpse wie kleine Granaten ein, die man hier zum Detonieren der Gespäche benötigt. Und man ist pflichtbewusst auf dem Weg nach Hause. Mit dem Wissen, kein Hans und kein Jonas zu sein. Was nicht schlimm ist. Aber auch keine Kerstin. Was bis auf den Fakt, dass man prinzipiell nichts gegen sein Geschlecht hat, irgendwie traurig anmutet.









Hansi
15. Februar 2009
Schöner Text. Überlege spontan, alle “man” durch ein “ich” zu ersetzen, nur um die Wirkung zu sehen. … Fertig. Toll.
André Herrmann
16. Februar 2009
Oh ja, das funktioniert. Dankeschön.