Mir steht das Wasser nicht gerade bis zum Hals, aber dass es mir in die Schuhe läuft, ist auch nicht sonderlich angenehm. Selbst wenn es nur in Richtung Kneipe geht, bei so viel Übel auf der Welt ist’s schon Erfreulichkeit genug, dass ich mich überhaupt noch aus der Wohnung wage. Man weiß ja nicht, ob unterm eigenen Haus plötzlich ein Bahnhof eingemietet hat oder sich die Erde ganz von selbst in Richtung Hölle weitet, um kleine Justin Biebers auf die Welt zu spucken.
Stolz schiebe ich mich, in eine Deutschlandfahne gewickelt, aus der verschneiten Haustür, morgens stand es in der Zeitung, was zur Fußball-WM noch misslang, ist heute endlich Wirklichkeit, in schwarz-gelben Neoklassiklettern stand es groß auf Seite 1: Deutschland ist Lohnminus-Meister!1 und das will begossen werden. Ein Ausrufezeichen in Richtung der internationalen Welt: Wir haben keine Angst vorm internationalen Terror, schließlich haben wir Schwarz-Gelb!
Doch wie mir nun die Füße stetig feuchter werden, wird mir klar: Was nützt die Angst vorm Terror aus Fernost, wenn schon drei Tage Schneefall unser Land zum Wanken bringen? Nur wenn ich als kleiner Mann dann sag: Das Blitzeis trägt die perfide Handschrift von al Qaida!, dann glaubt mir wieder keiner. Da ist die ganze Stadt schon mit Grillanzünder überzogen, doch brennen will das Zeug dann trotzdem nicht, es ist so unfair.
In der Kneipe ist es voll. Dass man währenddessen nicht twittert, wie fantastisch der Abend ist, ist immer ein gutes Zeichen dafür, dass der Abend tatsächlich fantastisch ist. Ich trinke drei, vier Bier, dann hab ich Meinung und Charakter. Ich weiß, dass ich nach Hause kommen muss, nur bald weiß ich schon nicht mehr wie. Deshalb trink ich weiter, um dieses dass und jenes wie zu töten. Verwirrt irrt blind Justitia durch den verrauchten Raum und stößt mal hier, mal dort ein mühsam aufgestelltes Wertsystem zu Boden. Sie scheint leicht zu haben dieser Tage, nennt sich als Dorfschönheit Justine und ist am liebsten alten, bossbehosten Herren hörig. In Moskau, Stockholm, Stuttgart21, sagt sie, stand sie erst kürzlich diesen bei, die hart und heftig über jene herrschen, die es wagten, der betagten Herrschaft vorwitzig ans Bein zu pissen.
Wir alle sind ein klitzekleines Risiko und wissen bloß, dass Heiner Geißler nicht die Antwort auf die Kluft zwischen uns denen heißen kann, die wir zu unseren Repräsentanten auserkoren haben. Nicht nur die Liberalen, auch die alte Frau Gerechtigkeit steckt mehr und mehr in der Sanierungsfalle. Podolski würde sagen: Politik ist wie Eishockey, nur kriegen die Spieler viel zu selten aufs Maul. Dabei ist sie vielmehr wie die Tiefsee. Was da ganz unten abgeht, ist derart bizarr, dass wir die Bilder davon sogar noch schön finden.
Morgens, um halb acht, breche ich auf dem Klo den neuen Tag an und als schon kurz darauf mein Leben auf dem Absatz vor der Kneipe, den man den Boden der Tatsachen nennt, sein Ende findet, ist es mein letztes Glück, dass die flimmernde Abschiedsshow vor meinem inneren Auge von Günther Jauch modiert wird. Nur zwei Dinge kann ich dir itzo abschließend raten: 1. Wenn du glaubst, ganz unten angekommen zu sein, gibt es immer noch jemanden, der ein Sterni aus der Plastikflasche trinkt. 2. Versuch nicht, gegen den Strom zu schwimmen, sondern steig aus dem Fluss2.


Fan#3742
29. Dezember 2010
Lieber André, danke danke danke für deinen wunderbaren Blog und diesen Eintrag! Wenn ich dein Zeug lese, denke ich immer: Jo. Geil. Hätte ich auch gerne so geschrieben. Ein großer Fan ;)
André
30. Dezember 2010
Hach, danke :-)