Goodnight Nobody

22. Oktober 2010, Kritikaster

 

Wie ist es, eine Nacht durch zu machen? Wie ist es, zwei Nächte durch zu machen und wie ist es, jede Nacht durch zu machen, durch machen zu müssen, weil es nicht anders geht? Wie lebt man ohne Schlaf, ohne die Möglichkeit, sich für ein paar Stunden au der Realität zu retten und den eigenen Kopf Ordnung in das bringen zu lassen, was sich am Tag zuvor angesammelt hat? Wie ist es, über 7000 Nächte lang nicht geschlafen zu haben? Vermischen sich Traum und Realität zu einem sonderbar surrealen Film oder verlagert sich die geisterhafte Traumwelt einfach ins Reale? Was passiert in all jenen Momenten, in denen der Körper normalerweise geradezu nach Schlaf schreit, er aber das Schlafen schlichtweg verlernt hat? Und ist das Mehr ans Lebenszeit nun ein Geschenk oder eine unsägliche Bürde?

Gestern Abend durfte ich im Rahmen des Dokumentarfilmfestivals DOK Leipzig den Film Goodnight Nobody von Jacqueline Zünd sehen. Er zeigt Ausschnitte aus dem Leben von vier Personen auf jeweils unterschiedlichen Kontinenten, die allein die Insomnie in Form von völliger Schlaflosigkeit eint und begleitet sie durch eine Nacht, in der er dokumentiert, wie sie mit dem Fluch oder Segen der zusätzlichen Zeit umgehen.

Da gibt es bspw. Fedir aus der Ukraine. Laut eigenen Angaben hat er seit mehr als 20 Jahren nicht geschlafen. Die Gründe? Er weiß sie selbst nicht, irgendwann ging es nicht mehr. Deshalb bleibt er nach dem allabendlichen Fernsehen mit der Familie allein im Wohnzimmer zurück, sieht Abspann um Abspann, nimmt einen kleinen Imbiss zu sich und sitzt da. Von Zeit zu Zeit, sagt er, kommen Delegationen von Wissenschaftlern zu ihm nach Hause, die seine Krankheit untersuchen wollen, geholfen hat ihm bisher trotzdem nichts, mittlerweile verlangt er eine Gebühr, noch immer kommen die Briefe, adressiert an Den Mann, der seit 20 Jahren nicht geschlafen hat, zuverlässig bei ihm an. Seine Frau, sagt er, muss sich wohl oder übel damit abfinden, wie er zu leben hat, damit, dass er sich nur zeitweise zu ihr ins Bett legt, bis es ihm einfach zu öde wird, sich hin und her zu wälzen und damit, dass er große Teile der Nacht einfach nur auf der Couch im Haus der Familie sitzt und abwartet, bis es endlich wieder hell wird.

Mila aus den USA quält dies Langeweile umso mehr, denn Sie kann sich tagsüber weder in Familie, noch in Arbeit flüchten. Stundenlang fährt sie mit dem Auto durch die Nacht, fährt Achten auf Parkplätzen oder schnurgeradeaus die Landstraßen entlang, schreibt Listen mit absurden Einfällen und tut alles in ihrer Macht stehende, um die Zeit davon ab zu halten, endlos lang zu werden, selbst wenn dazu andauernd der Fernseher laufen muss und es einem bald so vorkommt, als hätte man jeden Film schon 20mal gesehen. Wenn das der Fall ist, helfen oft nur noch die Supermärkte, die rund um die Uhr geöffnet haben.

Aber auch wenn Jeremie aus Bukina Faso sicher jedes Stück in dem Theater, in dem er jeden Tag 24 Stunden das Mädchen für alles spielt, schon mehrmals gesehen hat, liebt er seine Arbeit und insbesondere jene Stunden, in denen er niemandem mehr begegnet und in wortwörtlich gemeinter Ruhe seine kleinen Jobs machen kann: Fegen, Aufräumen, Kette rauchen und dabei Musik zu hören. Die Nacht nach 3 Uhr ist seine Zeit, dann wenn niemand mehr unterwegs ist, wenn selbst die Nachtwächter der Läden eingeschlafen sind und er auf der Freilichtbühne des Theaters in den Requisiten sitzt, raucht und versucht, mit den umher streunenden Katzen Theaterstücke zu improvisieren.

Das Dorf in der Ukraine, die Städte in Arizona und Bukina Faso, alle wirken nachts gespenstisch leer, allenfalls Shanghai lebt ebenso nachts, wenn auch so völlig anders als tagsüber. Manchmal läuft Lin nachts schon die Treppen ihres Wohnhauses auf und ab, um wenigstens erschöpft ein paar Stunden ruhen zu können, ehe sie wieder zu ihrem Job als Krankenschwester aufbricht. Fast scheint es, als hätte sie das Schlafen wirklich verlernt, wenn sie von den nächtlichen Streits ihrer Eltern erzählt, die sie durch ihre bloße Anwesenheit einzudämmen versuchte und vom ewigen Lernen für die Schule, um in jedem Jahr die Jahrgangsbeste sein und ihren Eltern imponieren zu können. Auch jetzt nutzt sie Teile ihrer Nächte noch dazu, sich Lernstoff einzuprägen, wiederholt und wiederholt, wäscht ab, läuft nochmal die Treppen ihres Hauses hoch und runter, versucht still zu liegen.

Sicher sind sehr viele Zuschauer und auch ich mit der Einstellung in den Film gegangen, dass es toll sein muss, auf Schlaf verzichten zu können und dadurch so viel zusätzliche Zeit zu haben. Wahrscheinlich kam niemand daran vorbei, mit der Vorstellung zu liebäugeln, wie vielen unerledigten Dinge man endlich nachkommen, wie vielen Hobbies und potentiellen Hobbies man nachgehen, was man alles lesen und anschauen könnte, wenn man nicht mehr schlafen müsste. Andererseits verwundert dann schnell die Lethargie, mit der die vier Protagonisten ihre Nächte verbringen und weist zielsicher darauf hin, dass es nur teilweise von der verfügbaren Zeit abhängig ist, was man tut und schafft, sondern ebenso von der eigenen Bereitschaft, diese nicht ungenutzt verstreichen zu lassen. Und spätestens dann, wenn man nach dem Film zu Hause ins Bett sinkt und merkt, wie einen der Schlaf übermannt, man die Entspannung der Gliedmaßen gerade noch mitbekommen, ehe einem das Bewusstsein davon gleitet, weiß man, dass die Zeit an den Schlaf keineswegs verloren geht.

So nimmt einem ebenso der Film recht schnell die Illusion, dass es besonders schön ist, dauerhaft mit Informationen der eigenen Umwelt überflutet zu werden, keine Minute abseits des eigenen Bewusstseins sein zu können, bis einem irgendwann der Tag in seiner überbordenen Masse von Eindrücken immer fremder wird und man die Welt nur noch nachts wirklich aushalten kann. Bald schon hat man ein wenig Mitleid mit Fedir, dem alten Mann, der sein Leben lang dafür gearbeitet zu haben scheint, im Ruhestand ruhelos sein zu müssen, mit Mila, die einem erst mit der Zeit in ihrer absurden Kauzigkeit sympathisch wird, mit Lin, für die es längst keinen Unterschied mehr zwischen Traum und Realität gibt, wie auch für Jeremie, dem nächtlichen Theaterdirektor. Mit ihnen zeigt der Film vier unterschiedliche Einstellungen zur Schlaflosigkeit, von bloßem Abwarten und Aushalten bis zum Genießen der Stille. Die Episoden der einzelnen Charaktäre sind zu recht ohne zusätzliche Lichtquellen gedreht worden, das gibt ihnen unendlich viel Athmosphäre, die Analogaufnahmen, weit ab von HD, geben den Bildern von der Welt eine schöne Distanz, die an Lost in Translation erinnert, der Soundtrack schafft es, sehr schön nachzuahmen, wie sich die endlos lang gezogenen Nächte anhören würden, wären sie aus Tönen gemacht. Wann immer jemand die Möglichkeit hat, Goodnight Nobody im Kino zu sehen, möge er hingehen, es lohnt sich sehr.

Goodnight Nobody
Jacqueline Zünd

CH, D 2010, 77 min

1 Kommentar

  1. Hansi

    22. Oktober 2010

    Ich habe einmal 36 h ohne Schlaf geschafft. Nach 35,5 h wurde ich von einem rosafarbenen Elefanten ohne Hosen in der U-Bahn von Berlin angerempelt, obwohl ich zu dem Zeitpunkt gerade in Frankfurt am Main war.

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