Die Tür geht, das kann man so sagen, denke ich, als die Tür geht. Über Nacht hat mein Körper so viele Cocktails ausgeschwitzt, würde man mein Schlaf-T-Shirt über einem Glas auswringen, mindestens ein Long Island käme noch dabei heraus. Mein Rachen fühlt sich chilenisch an, Fäulnisgase zwischen Alkohol und Falafel steigen empor, kein einziger Bergbauarbeiter hätte dort unten auch nur eine Nacht überlebt. Trotzdem muss mein Gehirn aus unerfindlichen Gründen an Volumen zugenommen haben und mittlerweile zu klein für meinen Schädel geworden sein, sogar die Schritte im Flur schmerzen.
Als Timo in der Tür steht, fällt mir auf, dass Timo und ich gestern gar nicht gemeinsam hier angekommen sind, die geplatzten Äderchen in seinen Augen erinnern an meinen Lateinlehrer. In meinem Kopf ist der letzte Abend zu einem Erinnerungsklumpen verkommen, alles klebt zusammen, nur das gesamte Etwas ist noch als solches zu erkennen.
"Gestern war gut", resümiere ich und beobachte, wie Timo damit beschäftigt ist, eine bequeme Position im Türrahmen unserer Küche zu finden.
Mittlerweile hat eine interessante Reaktion eingesetzt. Mein Körper verlangt nach Nikotin, mein Kopf aber rät ihm davon ab. Ein kurzer Check des Kopfes beim Magen verrät, dass er wohl recht hat, Physiker bezeichnen so etwas als instabilen Zustand, außerdem könnte ich bereits jetzt jeden Johnny-Cash-Imitator in die Schranken verweisen. Manchmal ist es auch von Vorteil, vor dem Schlafengehen aufs Händewaschen zu verzichten, denke ich und nehme einen tiefen Atemzug aus meinen Händen, das beruhigt.
"Wo kommst du denn her?", frag ich Timo, der jetzt mit dem Türrahmen ein gleichschenkliges Dreieck bildet und seine Position als komfortabel zu erachten scheint.
"Bett", sagt er.
"Nein, wo du herkommst."
"Draußen", sagt er.
Auf den drei Metern von der Tür bis zur Küche liegen zwei Jacken, unser Schuhschrank und das Telefon. In der Toilettenschüssel zeigt sich, dass es mindestens einem von uns nicht gut geht.
Als ich gerade wieder zurück gehen will, klopft es an der Tür.
"Wer ist das?", rufe ich.
"Huber", ruft es durch die Tür.
"Nicht du!", rufe ich gegen die Tür, "Wer ist das, Timo?"
"Weiß ich", ruft er.
Ich gehe zurück in die Küche.
"Wer war's?", fragt Timo, während ich mich durch das durch ihn selbst gespannte Dreieck hindurch schlängele.
"Keine Ahnung", sage ich.
"Aber da muss man doch aufmachen."
"Muss man nicht, Postmoderne und so, Erwartungen müssen auch enttäuscht werden", sage ich.
Das instabile Etwas in Magengegend rumorte. Vor Abenden wie dem letzten wäre es klug gewesen, denke ich, überall in der Wohnung Schnitzel auszulegen, über deren Fund man sich an Tagen wie diesem sicher unsäglich freuen würde.
"Du musst doch 'was essen", sage ich zu Timo, der noch immer in der Tür hängt.
"Ja ja", sagt er.
"Entlasten wir ein wenig die Wirtschaft und bestellen uns etwas?"
"Ich entlaste doch nicht die Wirtschaft, indem ich Geld in sie hinein pumpe, außerdem hab ich dem System gestern schon genug Steuern geschenkt", sagt Timo.
"Seh ich, seh ich", sage ich, "Aber das kommt von der FDP, da darfst du nichts hinterfragen."
"Eine postmoderne Partei, sozusagen."
"Richtig."
"Bestellst du?"
"Lass es uns ausknobeln."
"Wir sind so politisch."

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