Es ist wieder einmal an der Zeit, einen guten Text zu diskutieren. Und zwar dreht es sich dabei diesmal um Es gibt wirklich nichts zu diskutieren von Frank Plumpton Ramsey. Nach 26 Jahren war das Leben dieses 1903 geborenen, bemerkenswerten Mannes schon zu Ende. Und dennoch hat er es in seiner kurzen Zeit geschafft, bahnbrechende Aufsätze zu Mathematik, Logik und eben auch Philosophie zu veröffentlichen. Es gibt wirklich nichts zu diskutieren ist eigentlich kein Text, sondern ein Vortrag, den Ramsey 1925 vor einer Diskussionsgruppe, den Aposteln, in Cambridge gehalten hat. Posthum erschienen ist er jedoch als Text. Es wäre noch hinzuzufügen, dass Ramsey diesen Vortrag, wahrscheinlich in einem Anflug von Ironie, als Epilogue in seinen Philosophical Papers hat drucken lassen.

Worum geht es also? Ramsey geht davon aus, das es kein Selbstverschulden ist, das er kein Thema für den Vortrag finden konnte und es demnach einen Grund geben muss, weshalb er einfach keines fand. Dafür zieht er die Typentheorie nach Bertrand Russell zu Rate. über die Mathematik kann er also bestimmen (er wird sich auf die neuere Version von Russells Typentheorie beziehen), das es kein Thema erster Ordnung für die Anwesenden gab, das sie hätten diskutieren können.

Das mag sich alles fürchterlich anhören, wenn es denn plötzlich wirklich nichts mehr zu diskutieren gäbe. Aber für alle, die den Satz so verstanden haben, schickt Ramsey sogleich die Entwarnung hinterher. Es gab Themen, die man diskutieren (im Kreis der Anwesenden) hätte diskutieren können, nur gibt es sie jetzt nicht mehr. Denn dabei stützt er sich auf die Erkenntnis, das es außerhalb aller Naturwissenschaften nichts zu wissen, allenfalls zu meinen oder zu fühlen gibt. Naturwissenschaftlich bedarft jedenfalls muss das Publikum nicht gewesen sein, denn diese Möglichkeit eines Themenbereiches macht Ramsey zunichte, ebenso wie Geschichte, Politik, Psychologie, Philosophie und ästhetik.

Zum Beispiel, so heißt es, lässt sich Naturwissenschaft, Geschichte oder Politik ausschließlich noch in Expertenkreisen diskutieren. Denn zur Diskussion bedarf eines umfänglichen Wissens über ein Thema. Und wenn man über dieses nicht verfügt, so ist man nur Lernender, der allenfalls gebannt den Experten lauschen und lernen, nicht aber darüber hinaus agieren kann.

Bei der Philosophie ist es nicht anders. Nur lässt sie sich in zwei Bereiche einteilen: Populärphilosophie und alle Philosophie um die Logik. Doch, es gibt nicht einmal dort etwas zu bereden, wenn Philosophie, nach Wittgenstein, kein Thema, sondern eine Tätigkeit ist, die einem die intellektuellen Kopfschmerzen lindern soll. In der populären Philosophie ist es noch schlimmer, wenn man Verhältnisse zwischen Mensch und Natur oder A und B beäugt. Ohne eine naturwissenschaftliche Basis ist es kaum möglich, so Ramsey, hierin tiefer einzudringen. Somit scheitert das Vorhaben immer.

Um das zu untermauern, was bisher noch wackelig erscheint, kommt Ramsey auf Russells Vortrag What I Believe zu sprechen. In ihm beschäftigte sich Russell mit seinen Ansichten zu Natur- und Werphilosophie. Da sich Russel bei seiner Naturphilosophie auf seine Mengenlehre und gefestigte physikalische, physiologische und mathematische Erkenntnisse stützt, wäre es unmöglich für eine Gruppe von Menschen, darüber hinauszugehen, wenn sie nichts von den einzelnen Bereichen verstünden. Diskutieren könnten sie dann nur die Punktualisierung und Gewichtung seiner Argumente, äußerlichkeiten eben, keine Mengen erster Ordnung.

Die dazugehörige Wertphilosophie beruhte darauf, was der Mensch wolle und wie er es nach Möglichkeit bekäme. Doch das hatte nichts mehr mit Philosophie zu tun gehabt, als Russell dies zu beantworten versuchte, denn das Thema war psychologischer Natur. Natürlich ließe sich über Wertsystem ganz vortrefflich streiten, jedoch nie über Absolutes, denn Ramsey meint, dass mit dem Verwurf der Theologie und der Existenz Gottes jegliche Objektivität aller Werte verloren gegangen ist.

Bei der Psychologie ist nicht viel anders. Es geht entweder um Introspektion und darauf basierender Verallgemeinerung oder um bloßes Vergleichen von Gemütszuständen/Stimmungen. Denn wenn Person A sagt, dass sie das Gemälde schön findet und B sagt, dass es hässlich ist, dann haben sie zwar kommuniziert, nicht aber mehr getan, als bloss ihre Meinungen verglichen. Die ästhetik ist nach Ramsey nicht anders gestrickt. Ein Kunstwerk vermittelt, so sagt er, keine Argumente, sondern Gefühle. Und über Gefühle ließe sich nun einmal nicht diskutieren.

Aus diesem Ganzen folgert Ramsey, das es für die Gruppe der Anwesenden wirklich nichts zu diskutieren gibt. Ursache dafür ist der Fortschritt, der einerseits verkompliziert und andererseits gleich komplett asuslöscht. Entweder ist das, worüber früher jeder diskutieren konnte, zu schwierig geworden, oder einfach lächerlich.

Was also wollte Ramsey sagen? Was gibt es hierzu noch zu sagen? An manchen Stellen macht er sich ganz schön einfach, zum Beispiel wenn er den Fortschritt in seiner Wichtigkeit zu begrenzen versucht und die Gefühle an oberste Stelle rückt - und dies mit wissenschaftlicher Akribie zu belegen versucht. Andererseits hat er geschickt verknüpft, was in der Realität nicht zusammen hält und dadurch auch auf philosophischer Basis verständlich gemacht, das es für Laien aller Gebiete reichlich wenig, resp. gar keine Diskussionsthemen gibt. Doch er ist die Realität zu simpel angegangen. Der Fakt, das es aufhaltend sein sollte, ein Thema anzugehen, von dem man nichts versteht, schreibt noch lange nicht vor, das dem so ist. Vorallendingen, wann weiß man, wo man sich beteiligen kann und wo nicht, besonders dann, wenn viele Entdeckungen aus reiner Neugierde resultierten, für die aus Ausgangspunkt nur bedingt wissenschaftliche Kenntnis vorhanden sein musste. Auch nimmt er es mit der ästhetik ein wenig zu leicht. Hätte man Nietzsche in puncto ästhetik gesagt, das sie allenfalls ein Gefühl ist und nicht auch bestimmten Maßgaben und Regeln folgt, wahrscheinlich hätte er sich die Haare ausgerissen. Mit der Aussage aber, das die Objektivität der Welt entglitten ist, hat er allerdings genau den Nerv seiner Zeit und der folgenden Epochen getroffen, das muss man ihm unbedingt zu Gute halten.

Auch ist sein Schlußwort ein besonders schönes. Er spricht von seiner perspektivischen Weltsicht, die somit nicht maßstabsgetreu ist. Das Nichtsvorhandensein von Demut gegenüber der Unendlichkeit des Alls wird bei ihm durch die Größe der Menschheit im Vordergrund seiner Sicht ersetzt. Selbst die Gewissheit, das irgendwann alles zu Ende ist, bringt ihn nicht davon ab zu sagen, das die Gegenwart wertvoll ist, denn rationalisiert ist diese Gewissheit zwar real, aber nicht sonderlich im Moment spürbar. Auch wenn er sich damit selbst ein Bein stellt, den Emotivismus preist und eigentlich selbiges für die Akribie tun wollte, bleibt sein letzter Absatz schön. Er geht ja sogar selbst darauf ein. Jeder mag ihn verachten, es kann ihm egal sein, wenn eine Tatsache per se nicht gut oder schlecht, sondern als gut oder schlecht gefühlt wird. Ganz ab vom Thema aber sollte es, so Ramsey, einen genau deshalb nicht bedrücken, wenn es nichts zu diskutieren gibt.

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