Als ich zu Hause ankam, wurde es gerade erst richtig hell. Die Sonne schob sich friedlich an den uralten Plattenbauten vorbei und warf die ersten Lichtstrahlen durch die angrenzenden Balkons. Der erste Schwung des Arbeitsverkehsr musste gerade durch sein, denn der Hauptstraße roch es noch nach frischem Gummi und viel zu starkem Axe-Deodorant. Hier und da hatten ein paar Leute ihre Fenster geöffnet und sahen mit übermüdeten Augen, auf die wackligen Blechfensterbretter gestützt, verschlafen dem Spektakel zu. Ihre Gesichter sahen so leblos aus wie der violette Schleier am Ende des kleinen Birkenwäldchens ganz weit hinten am Horizont. Dort, wo die Morgenluft herkommt.
Ich öffnete die Tür und hatte schon wieder die Befürchtung, dass schrille Klimpern meines Schlüsselbundes könnte jene Ruhe stören, die wenigstens bis zum Mittagessen im Treppenhaus gastieren würde. An einer Wohnungstür hing schon seit längerem das dazugehörige Bekennerschreiben: Vorlesungen vor 12 sind menschenverachtend!
Aber für die zig leeren Weinflaschen auf dem Schränkchen direkt hinter der Schwelle konnte ich ja nichts. Aus dem Augenwinkel sah ich noch, wie eine nach der anderen ins Kippen geriet. Ich versuchte meine Tasche los zu werden, aber sie alle knallten scheppernd die Boden und manch eine rollte dumpf den Korridor hinab.
Gleich reisst er die Tür auf, dachte ich, aber es blieb ruhig. Nach einigen Sekunden regte sich etwas. Ich hörte, wie Peter schnaufte und sich in seinem Bett hin und her warf. Na immerhin. Aber er stand nicht auf.Zuerst war ich mir nicht sicher, ob ich es riskieren sollte, aber dann hämmerte ich doch ein paar Mal mit allem, was meine Arme, die unter der verloren gegangenen Last meiner Tasche ins Koma zu fallen schienen, gegen Peters Zimmertür.
«Bin wieder da!», brüllte ich das Holz an.
«Hast du 'ne Macke?», schrie Peter und seine Stimme überschlug sich ungelenk.
Ich konnte kaum noch vor lachen.
«Nimm mal lieber weniger von dem Zeug.»
Seit sich Peters Liaison zu doch etwas Festerem entwickelt hatte, war er richtig zahm geworden. Er war so penibel in bezug auf sein äußeres geworden, dass man ihm fast hätte ganz andere Gefühlsregungen unterstellen können. Den Nagelknipser hatte er gleich mit zu sich genommen. Und ganz plötzlich waren wir zur Vorzeige-WG in puncto schöner und sauberer wohnen geworden. Man konnte seine Grobheit manchmal wirklich vermissen. Besonders dann, wenn er mit dem Besen durch die ohnehin schon winzige Küche tänzelte und einem die herunterfallenden Krümel beinahe abrang.
Aber trotzdem war ich froh, ihn so zu sehen. Es war nichts verkehrtes daran, wenn er seit diesem Abend und ein paar darauf folgenden Treffen bei einem wir nicht mehr die Leute vom TuS, sondern sich und Patrick meinte. Patrick, so hatte sich übrigens heraus gestellt, war natürlich doch nicht ihr Name. Aber sie benutzte ihn aus Gründen, die sie mir selbst nicht so recht erklären konnte. In Wirklichkeit hieß sich ja Domenique, was sich für die meisten Leute beim ersten Mal auch nicht wie ein Mädchenname anhörte.
Vor lauter Flaschenumschmeissen und Türhämmern hatte ich völlig vergessen, Peter über das spätere Aufkreuzen seiner Herzensdame zu informieren. Ich tappte in mein Zimmer und ließ mich ins Bett fallen. Irgendwann im Zug hatte mein Handy in der Tasche zu zucken begonnen, ich verspürte jedoch nicht den geringsten Drang, wenigstens jetzt nachzusehen, was das komische Ding denn wollte. Patrick wird schon klingeln, dachte ich, dann kann ich aufmachen und Peter immer noch Bescheid sagen. Dann schlief ich ein.
Es hat schon etwas Apokalyptisches, wenn man mit Panteras Psycho Holidays geweckt und einem der schönste Traum blitzschnell in tausend winzige Stücke zerfetzt wird. Wenn sich einem die Gitarrensoli so wunderbar in die Schläfen fräsen und selbst den ohnehin schon brennenden Tinitus übertönen. Aber es macht hellwach.
«Was geht denn hier?», fragte ich, als ich in die Küche kam und ungewollt Zeuge wurde, wie Peter seine großartigen Windmühlen auf der Luftgitarre präsentierte. Ihm gegenüber Patrick, die gerade eine letzte Pfütze Sekt in ihr Bier zu schütten versuchte.
Peter beendete seine Ambitionen zum Metaller: «Er ist erwacht!», rief und kam mir entgegen gewankt, «Huldigt!»
«Was macht ihr hier?», fragte ich noch einmal und musste mich schon mächtig ins Zeug legen, um die Bässe zu übertreffen.
«Na du hättest mir ja wenigstens die Tür aufmachen können. Dass mit dem Frühstück seh' ich ja nicht so eng.»
Das Gequietsche wurde mir entschieden zuviel. «Jetzt macht wenigstens die Musik aus, verdammt.»
«Oh, das sieht nicht gut aus.», murmelte Patrick und zog mit einem Ruck den Stecker der Anlage.
«Rausgeklingelt hat sie mich! Sturm!», unterbrach Peter sie und fuchtelte abwegig mit seinen dicken Armen.
«Dabei hattest gerade du mich doch eingeladen!», wandete sie sich mir zu, ohne Peter zu beachten.
«Ich war halt müde.», versuchte ich mich zu rechtfertigen und versuchte nebenbei die Bierflaschen auf dem kleinen Tisch zu zählen. Ich konnte mir nicht helfen, das Ergebnis war immer ungerade.
«Schwarzgefahren bist du!», blökte Peter und brach in heilloses Gelächter aus.
«Ja gut. Das war ja auch nett vom dir, ja? Und ich entschuldige mich hiermit offiziell dafür. Ich habe eben geschlafen. Na und? Hier bin ich.»
«It's time to set my daemons free!», schrie Peter, indem er die Anlage wieder in Betrieb nahm.
«Was ist mit dem?», fragte ich Domenique, Patrick, oder wie auch man sie nennen mochte und deutete auf ihren Freund und meinen Mitbewohner.
«Keine Ahnung. Hat mir schon mit Bier in die Hand gedrückt, als ich kam.»
Eine der ungelösten Fälle meiner Existenz, dachte ich. «Bin erstmal im Bad.»
«Now I'm far from home, spending time alone!», gröhlte Peter mir nach. Ich drehte mich um und schlürfte dem Bad entgegen.
«Tür zu!», kreischte jemand, als ich den Griff gerade herunter gedrückt und die Tür einen Spalt weit geöffnet hatte, ohne sehen zu können, wer drinnen war.
Kleines Statusaufnahme, dachte ich. Ich habe einen besoffenen Typen in der Küche herumtorkeln, seine Freundin ist auch nicht mehr ganz nüchtern, jemand wildfremdes lässt mich nicht einmal mehr ins eigene Bad, und das alles um ---
«Wie spät ist es?», rief ich zur Küche hin.
«Halb!», rief Patrick.
«Halb was?»
«Zwölf, man!», lachte Peter.
--- und das alles um halb zwölf, ich sah kurz in Peters Zimmer, um mich zu vergewissern, dass es wirklich hell war, halb zwölf Uhr morgens. Zwar hatten die Vorlesungen an diesem Vormittag wieder offiziell wieder begonnen, aber es schien als hätten wir uns noch ein, zwei Tage frei zusätzlich gegönnt. Ein Tag zum übertreiben, einer zum Bereuen.
Ach was soll's, dachte ich und griff mir das erstbeste herumstehende Bier, da ging plötzlich die Badezimmer auf und ein ein junges Mädel sah auf mich herab, wie ich an die Tür gelehnt gerade die Flasche ansetzte.
«Du bist das also.»
«Wer bin ich?»
«Na der schlafender Mitbewohner, der andere zum Frühstück einlädt.»
Jetzt werfen einem sogar Wildfremde schon die Müdigkeit vor. «Entschuldige bitte.», sagte ich ziemlich übertrieben.
«Find ich aber nett. Die Geste. überhaupt.»
So langsam wusste ich wirklich nicht mehr, wie ich was verstehen sollte.
«Komm, beweg dich!», sagte Patrick und schob das Mädchen, dem ich vor dem Bad begegnet war, in Richtung Haustür. Ich kam gerade aus dem Bad und fühlte mich, als könnte ich endlich auch wirklich etwas von dem mitbekommen, das um mich herum geschah. So war es immer. Eine warme Dusche und alles sah schon etwas anders aus. Sauber fühlte ich mich gut. Wenigstens für eine Weile.
«Was ist mit ihr?», fragte ich Peter, der mittlerweile auch wieder eine gesunde Gesichtsfarbe bekommen haben musste.
«Sternhagelvoll. Hat den größten Teil des Slivovitz allein vernichtet. Zuviel für sie.»
«Dreht ihr heute alle am Rad?»
«Ein bisschen.», sagte Peter ohne jedes Interesse.
Das Mädchen ließ sich bereitwillig bis zum Kleiderständer schieben, ehe sie darin etwas fand, woran sie sich festklammern konnte.
«Hey hey, nicht festhalten. Nicht an dem Mantel!«, rief Patrick und versuchte mit ihren spitzen Fingern das Mädchen vom Kleiderständer zu lösen.
«Der Mantel!», rief das sturzbetrunkene Mädchen aufgeregt, «Wessen ist das?«
«Seiner.», erklärte Patrick und zeigte auf mich.
«Das ist deiner?», fragte sie und starrte mich mit weit aufgerissenen Augen an. «Ein schwarzer Cashmeremantel und ein linierte Schal!», rief sie und lachte irgendwie wahnsinnig dabei. «Man, das ist ja hocherotisch!»
«Alles klar, alles klar.», Patrick schien es langsam gehörig auf die Nerven zu gehen. Sie zog sich und ihrer Begleiterin die Jacken an und führte sie ins Treppenhaus. Aber zuerst noch gab sie Peter einen Kuss. «Tut mir leid, konnte ich ja nicht wissen.»
«Macht nix.», sagte er und schloß die Tür. Gerade jetzt, da ich eigentlich mitfeiern wollte, auch wenn es offensichtlich nichts zu feiern gab.
«Sie wollte mir eine Glatze rasieren.», sagte Peter und grinste, «Irre, wie manche abgehen, wenn sie voll sind.»
«Was sollte das?», fragte ich.
«Regel Nummer eins - Keine unbekannten Arbeitskolleginnen zum Trinken überreden.»
«Und nun?», wollte ich wissen.
«Jetzt gehen wir wieder schlafen. Hab Domenique gesagt, dass wir heute Abend mit ihr weggehen. Ruf Tina an. Die muss auch mit.»
«Ja, eh.»
«Ich geh schlafen.», sagte er, machte auf der Stelle kehrt und ging in sein Zimmer.
In der Küche roch es nach Erbrochenem, aber ich konnte nirgendwo etwas davon sehen. Manche Tage sind nich dazu gemacht, dass ich sie verstehe, dachte ich und legte mich auch wieder schlafen.

