Silver Jews: Suffering Jukebox
Als ich morgens das Radio anschalte, um mir beim Abwaschen nicht so allein vorzukommen, trällert es “Sprich endlich deutsch mit mir!” aus dem Gerät.
Als ich beim Mittagessen den Fernseher anschalte, um nicht so viel zu essen und mir den Appettit rechtzeitig zu verderben, beschwert sich ein auswanderungswütiges Mädchen über die Mieten in London, für die sie in Berlin ja viel viel größere und viel viel schönere Wohnungen bekommen würde. Außerdem habe sich der Vermieter so normal am Telefon angehört, und plötzlich kommt da ein Inder, sodass sie annehmen musste, in der Wohnung würden überall Teppiche an der Wand hängen.
Als ich mir der Appettit vergangen ist, fragt eine Modellaspirantin mit tattoovierten Augenbrauen heimlich in die Kamera, ob der Designer vielleicht schwul sei, nicht, dass sie da etwas gegen hätte, aber man merkt das schon, gell?! Sie sagt, Deutschland möge ruhig denken, sie sei nur blond und hätte dicke Titten, dafür aber nichts im Kopf. Glaub’ ich ihr.
Als ich Eclipse zu Ende gelesen habe, bleiben mir nur 3 Dinge im Gedächtnis: 1) Schon auf Seite 5 steht: “The word boyfriend had me chewing on the inside of my cheek with a familiar tension while I stirred. It wasn’t the right word, not at all. I needed something more expressive of eternal commitment…” 2) Edward will erst nach der Heirat Geschlechtsverkehr. 3) Das Buch endet mit den Sätzen: “He once again slid my ring into place on the third finger of my left hand. / Where it would stay – conceivably for the rest of eternity.”
Woher kommt dieser ganze Quatsch, diese verrückten Ideen und Einstellungen? Wer sind die Menschen hinter solchen Aussagen und Meinungen? Jeder lacht darüber, wenn es selbst nach der neunten Staffel Big Brother noch welche gibt, die freiwillig in ein völlig vermülltes und mit Kameras zugepflastertes Haus ziehen, weil sich nicht wahrhaben wollen oder wissen, dass sie sich damit nichts als lächerlich machen. Aber niemand straft sie mit dem nötigen Desinteresse, der einzigen Möglichkeit, sie von ihrer krankhaften Bekanntheitsgeilheit zu heilen. Insofern ist es wohl schon falsch, etwas darüber zu schreiben, wer weiß.
Wahrscheinlich ist es eben nicht normal, zu denken, man sei normal. Normal sind dann jene, die sich ständig für außergewöhnlich halten, die tatsächlich zu Casting-Shows rennen, weil sich wirklich glauben, sie hätten eine Begabung für irgendetwas, außer Dieter Bohlen Gründe dafür zu geben, sein Schimpfwort-Sparschwein zu füllen. Normal zu sein heißt dann, dem wohl geplanten und produzierten Trend nach zu jagen, aber niemals sein reaktionären Gepäck zu Hause zu lassen. Oder einfach zu dem (erheblich größeren) Teil zu gehören, der seine Meinung schlicht und ergreifend aus den Verwertungskanälen der eben beschrieben Menschen zieht: aus der Bild-Zeitung oder dem Fernsehen. Auch wenn man es sich nicht verstehen wollen mag, aber allein die Auflage der Bild-Zeitung ist schon höher als die aller großen deutschen Tageszeitungen zusammen, das nur mal zur Orientierung.
Anscheinend wird nur so verständlich, wer dafür verantwortlich ist, dass wir schon wieder von überaus fähigen Menschen regiert werden müssen: die Normalen.
Das nur zum aktuellen Frust.
Bei Spiegel Online (ja, ja) gibt es übrigens eine gute Kritik der ersten Folge der neuen Staffel von DSDS. Dass das ganze Konzept wie immer nur auf der Demütigung von illusionierten Menschen ohne Selbstwertgefühl fußt, dürfte nicht überraschend sein.










Fin, 11. Januar 2010
wieder einmal sehr viel gutes, richtiges, schönes in diesem Eintrag, die leidende Jukebox ist der beste Song, der jemals von einem nicht singen könnenden Sänger geschrieben oder besser gesungen wurde. Twilight ist ein Quell der Freude und relevant.- Edward ist der Wilhelm Meister des 21 Jahrhunderts und ja die Welt ist so.
André Herrmann, 11. Januar 2010
Leider fehlt’s an einer Mignon in Twilight. Und an einem Harfner. Das heißt eigentlich nicht “leider”.