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Ein bisschen Herzblut war ja schon dabei. Aber es war noch eine ganz andere Zeit. Solidaritätsprinzip, das hatte sich damals noch nicht ausschließlich auf die Versicherungen beschränkt. Es hieß auch, dass man nur mit guten Kumpels überlebte. Jeder half dem Anderen, eine Hand griff in die nächste und vervollständige eine Bande, die einem in jeder Situation noch einen gewissen Rückhalt gab. Man traf sich ein-, zweimal die Woche nach der Arbeit zum Skat, zum Bier oder einfach nur, um zusammenzusitzen und zu vergessen, dass man am nächsten Morgen schon wieder an der Drehbank stünde.

Wenn wir Schule hatten, dann ging es schon morgens um halb fünf los. Man knatterte auf dem selbst reparierten Moped durch die noch schlafender Stadt, genoss die Ruhe unter den ausglühenden Straßenlaternen und sammelte einen nach dem Anderen ein, um so gesammelt und gestärkt die fünfzig Kilometer Weg mit rasanter siebzig Sachen entlang zu hetzen. Meist waren wir noch übermüdet von den voran gegangenen Abenden, hingen schief in der Bank oder lagen halb schlafend auf den Tischen. Unterrichtet wurden wir von dickbauchigen Meistern, denen es irgendwie gelungen war, nach der Ausbildung noch ein Studium dranzuhängen. Sie nervte die Situation sicher mehr als uns. Wir waren froh, ein paar Male in der Woche aus dem Betrieb zu sein und uns einfach berieseln lassen zu können. Und dabei waren wir keine schlechten Schüler, das muss man dazu sagen. Natürlich gab es Ausnahmen, aber nicht unter uns paar Hanseln. Wir zogen einander mit, denke ich.

Niemand brauchte sich um uns zu sorgen, wir passten aufeinander auf und ließen keinen zurück. Als ein Haufen Chaoten in der Heimatstadt bekannt und fast erschlagen von den Hunderttausenderstädten, durch die wir tingelten, wenn die Berufsschule rief. Kleinstadthelden, ja, aber wahrscheinlich glücklicher und ruhiger, als all jene, die ihre Tage in den Großbetrieben mit tausend Gesichtslosen verbrachten, die vom Chef einzig und allein die Unterschrift auf ihrem Vertrag kannten.

Lang vor CNC, der Computerized Numerical Control, CAM und dem ganzen Zeug hatte man als angehender Werkzeugmacher ja sogar noch mit Anerkennung zu rechnen. Die Leute sagten sich “Ohja, der muss ja etwas im Köpchen haben.”, denn wer in der Volksschule zuvor, ganz besonders in Mathe, schlecht stand, hatte bei uns überhaupt nichts verloren. Man ließ uns machen in der Schule, denn wir waren soetwas wie die Créme aller dort. Dass es ohne uns nicht ging, das war jedem klar. Dass wir Arbeit bekommen mussten, wenn wir allein einen Gesellenbrief in der Hand hätten, war ebenso glasklar. Wir skizzierten alles noch selbst und fertigten anständige Pläne auf großen Reissbrettern an, wobei sich mancher sicher wie in der Erfüllung eines Kindheitstraumes, als Brückenbauer oder großer Architekt vorkam. Dass er sich die Hände schmutzig machte, sich erst zu Hause wusch und die rauchenden Schornsteine dort hinten am Bahnhof ignorierte, wenn er die Kneipentür aufriss und mit tosenden Begrüssungen an einen Tisch zitiert wurde, war dabei vollkommen nebensächlich. Vielmehr lebte mit dieser Zeit ein Geist, den ich schon seit langer Zeit vermisse.

Ich erinnere mich Schippe, dem wir aufgrund seiner extrem weit vorstehenden Unterlippe diesen Spitznamen gegeben hatten. Er war etwas jünger als der Rest, denn er war schon nach der achten Klasse von der Schule gegangen, weil er es “nicht mehr ausgehalten” hatte, wie er sagte. Er war groß, hatte lange, schlacksige Arme und wusste wohl die meiste Zeit nicht, was ihm widerfuhr. Er fuhr mit dem Zug zur Schule, seine Mutter sparten sich mit Mühe die Karten zusammen und brachte ihn vor der Arbeit zum Bahnhof. Als ich einmal selbst den Zug nehmen musste, weil der Schnee das Mopedfahren unmöglich machte, waren die beiden auch dort. Die Mutter gab ihm zum Abschied einen Kuss, fuhr ihm durch die ohnehin zerworfenen Haare und flüsterte etwas in der Durchhalten-Manier. Es muss ihm wirklich schwer gefallen sein. Er starrte nur unverwandt aus dem Fenster auf die vorbeihuschenden Wiesen und vereinzelten Häuser. Und ich glaube Tränen an seinen Wangen gesehen zu haben. Tränen, die sicher seine Mutter in den Pausen unterdrückte, wenn sie an ihren Sohn und seine Unfähigkeit mit dem Leben klar zu kommen denken musste.

Nach der Wende wurde dann alles ein wenig anders. Wie gesagt, CNC und all das Zeug kamen auf, viele sattelten um, machten einfach geradewegs weiter, als hätte der Mauerfall nur weit weg oder gleich in einer komplett anderen, vielleicht Phantasiewelt, stattgefunden. Es kamen neue Chefs, die nicht einfach nur darauf achteten, dass die anstehende Arbeit gemacht wurde, sondern alles schneller als sonst, besser als sonst und vorallem mehr von allem wollten. Manchmal dachte ich, dass wir schlecht getauscht hatten. Ein glückliches Privatleben, selbst wenn es auf einer Staatslüge gebaut worden war und sicher nicht mehr lang von allein gestanden hätte, gegen ein wirkliches Sklavendasein, Coca-Cola und die Möglichkeit, auch über Bulgarien hinaus zu kommen.

Es gibt Nächte, da bedauere ich all das etwas. Dann stelle ich mir vor, am nächsten Morgen in meine alten Arbeitshosen zu steigen und dem Meister meine Meinung zu sagen, wenn ich mich im Recht fühlte. Ich versuche ein klares Bild dieser Zeit in meinem Kopf aufrecht zu erhalten und es nicht von den vielen Warums überpinseln zu lassen. Ich trinke morgens eine Tasse Kaffee, studiere die Zeitung und versuche den Tag ohne das Gefühl der Schuld herum zu bringen, ein Schmarotzer an dem System zu sein, dass diese unbekannte Masse damals still gewählt hatte und bei dem ich irgendwie auf der Strecke geblieben bin. Mit dem Anderen treffe ich mich noch alle zwei Wochen. Wir spielen kein Skat mehr, aber wir reden oft über den Duft der rötlichen Sonne, die über den Fabriktoren lag, wenn wir lachend und Schraubschlüsseln in den Fingern drehend in Richtung der Waschräume schlenderten.

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