Ich habe keine Ahnung, wer sie ist.
Es wird einem so schnell zum Verhängnis, sich nicht anständig vorgestellt zu haben, aber was soll man auch machen, wenn es gesprächstechnisch bisher einfach nicht gepasst hat? Wer hat denn schon die Courage, inmitten eines wichtigen Disputs über die Inhaltsleere des letzten Twilight-Bandes nochmal die Namen der Diskutanten zu erfragen? Sobald die Gruppe groß genug ist, schnappt man die Namen der Einzelnen ohnehin meist irgendwann auf. Und dass sich mit einem Mal alle verabschieden, Thomas aufs Klo geht und nur sie und ich übrig bleiben, das kann doch niemand ahnen. Auf alles wird man im Studium vorbereitet, spontane Plenare über das Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate, Blitzdiskussionen über §14 Absatz 3 des Luftsicherheitsgesetzes, auf alles weiß man Antworten, aber doch nicht auf solche Banalitäten.
Sicher ist ihr auch schon aufgefallen, dass wir seit gut drei Minuten wortlos hier herum stehen. Ein besonders lockerer Typ würde wahrscheinlich einen kessen Spruch raushauen, "Schon gut, wenn man auch mal schweigen kann!" oder solche Granaten. Mein Problem aber ist, dass ich ein viel zu konsequenter Schweiger bin, als dass ich solch einen Satz überhaupt über die Lippen brächte. Außerdem könnte sie genau so gut mal eine steile These kicken, um Pandoras Diskussionsbüchse zum Explodieren zu bringen. Es könnte durchaus als Zeichen einer geheimnisvollen und total genialen Egozentrik gewertet werden, wenn ich jetzt einfach wegginge, aber die meisten Leute fänden das sicher blöd, man kann das leider nicht am Aussehen eines Menschen erkennen, zu welcher Gruppe er gehört. Mit einem eigenen Wikipedia-Artikel wäre das vielleicht einfacher, da hätte ich zu Hause noch schnell hineineditieren können, das ich insbesondere für meine plötzlichen Verschwinde-Aktionen bekannt bin und mich auf diese Weise gleich noch interessanter gemacht, denn nur die wichtigsten Menschen auf diesem Planeten haben eigene Wikipedia-Artikel.
"Und wo kommst du so her?", frage ich.
"Paderborn", sagt sie.
"Würd ich nie hinziehen", sage ich.
Klasse, Applaus für mich, Gesprächsmatt in zwei Zügen. Schmollt sie jetzt etwa? Gehört sie auch dieser verrückten Gruppe Mensch, die irgendeinen perfiden Stolz auf ihre Heimat entwickelt hat? Aber ich sag lieber nichts, das wird eh nur falsch verstanden. Zumal mein Gesprächsangebot ja bereits erfolgt ist. Wie kann denn das bei Thomas so lange dauern, mal auf die Toilette zu gehen?
Aus einem Rhetorikkurs, den ich nie besucht habe, weiß ich, dass man am Besten, sprich am flüssigsten über Dinge spricht, die einen selbst begeistern. Vor ein paar Tagen stand es wieder in der Zeitung, dass riesige Inseln als Plastikflaschen im Pazifik und Atlantik treiben, so groß wie Westeuropa. So etwas interessiert mich. Das muss doch großartig aussehen. Sollte ich einmal nach Japan oder in die USA fliegen, werde ich während des Flugs kein Auge zumachen können. Womöglich entsteht irgendwann ganz automatisch eine tausende Kilometer lange Plastikbrücke zwischen den Kontinenten, sodass es bald Buslinien von der Bretagne Richtung Neuengland geben wird. Warum noch kein Privatfernsehsender auf die Idee gekommen ist, mit Hilfe der Inseln ein noch entwürdigenderes Fernsehshowkonzept zu stricken, bei dem man Pfandflaschensammler an Bungeeseilen nach Flaschen tauchen lässt, während Peter Zwegat im Hubschrauber live den erbeuteten Umsatz errechnet. Das ist es, das hat Potenzial!
"Sammelst du Pfandflaschen?", frage ich begeistert.
Sie sagt nichts.
"Und magst du Bungeespringen?"
Läuft alles eher suboptimal hier. So ist das eben, wenn man für die Arbeit an der Basis der Gesellschaft nicht gemacht ist. Kein Wunder, dass die Nobelpreisverleihung in jedem Jahr einem Treffen des Breakfast Clubs gleicht, wenn die Sache einmal aus dieser Perspektive betrachtet. Und selbst jene, die halbwegs klar kamen, der Physiker Richard Feynman zum Beispiel, quasi der erste Pickup-Artist mit Physikdiplom, mussten jegliche soziale Interaktion als Experiment betrachten. Nun gut, die beliebtesten Wissenschaftler sind immer jene, die sich auch ein Standbein in der Populärwissenschaft erarbeiten, also das Volk an ihrem Erkenntnissen teilhaben lassen.
"Eigentlich will ich mich gar nicht mit dir unterhalten, aber die gesellschaftliche Konvention verlangt es!", sage ich.
"Das ist aber nett!", raunt sie.
"Nett spielt da überhaupt keine Rolle, das ist Wissenschaft, immer schön wertfrei bleiben!", rufe ich.
"Dann unterhalt dich doch einfach nicht mit mir!"
"Vielleicht ist das das Beste", sage ich, "Weißt du, ich verliere zu schnell das Interesse, sobald ich das Prinzip einer Sache durchschaut habe."
"Achja?"
Weiter hinten sehe ich Thomas einen kurzen Schwenk zu Bar machen. Langsam kriegen wir das ja doch noch hin mit dem Gespräch. Ich bin fast ein bisschen stolz auf uns.
"Ja, es gibt nur noch wenige Bereiche, die mich wirklich interessieren, Quantenphysik zum Beispiel oder Metal", steige ich wieder ein.
"Du kennst doch nichtmal meinen Namen!", ruft sie.
"Das ist ja das Schlimmste. Der ist vollkommen irrelevant!", rufe ich.
"Wofür irrelevant?"
"Der trägt nichts dazu bei, die Sache interessanter zu machen! Gib dir doch mal ein bisschen Mühe!"
Thomas drängt sich von der Bar zurück in unsere Richtung, während er drei Gläser in seinen Händen balanciert. Fröhlich ob unseres kleines Plausches winke ich ihm zu. Wieder eine gesellschaftliche Klippe erfolgreich umschifft, denke ich und klopfe mir innerlich auf die Schulter. Thomas reicht jedem von uns ein Glas, ich setze an und will gerade einen Zug nehmen, als mich ein Schwall aus Gin und Tonic von der backbord-Seite her trifft.
"Du hast echt super Freunde!", brüllt das Mädchen Thomas an.
"Ich kenn die gar nicht!", rufe ich.
"Was geht denn mit euch?", fragt Thomas.
"Der ist doch total bekloppt!", höre ich das Mädchen rufen, während ich mich umdrehe und einfach weggehe, wobei ich versuche, möglichst genial auszusehen. Zu Hause werde ich mir unbedingt einen Wikipedia-Artikel anlegen müssen, um schnell noch ein paar Dinge klarstellen zu können. Nicht, dass da falsche Schlüsse gezogen werden.



Verschiedenes
7. Juli 2011
“So ist das eben, wenn man für die Arbeit an der Basis der Gesellschaft nicht …”…
So ist das eben, wenn man für die Arbeit an der Basis der Gesellschaft nicht gemacht ist. Kein Wunder, dass die Nobelpreisverleihung in jedem Jahr einem Treffen des Breakfast Clubs gleicht, wenn die Sache einmal aus dieser Perspektive betrachtet. Und s…
Rock
7. Juli 2011
gefällt mir.
Ist gut geschrieben, intressant und unterhaltsam zu lesen.
André
7. Juli 2011
Na dann hab ich ja Glück gehabt :-D
Möbius
7. Juli 2011
zum schmunzeln schön und alltäglich vertraut
Sandra Olyslager (via facebook)
7. Juli 2011
großartig.