Sonntag. Es klingelt. Ich öffne die Tür.
"Süßes oder Saures!", brüllen mir drei als die Heiligen drei Könige verkleidete Nachbarskinder entgegen.
Ich schaue auf meine Armbanduhr. 11. Dezember. Zweiter Advent.
"Eh, ich glaub ihr bringt da etwas durcheinander", sage ich.
"Süßes oder Saures!", brüllen die Kinder erneut.
"Also ich versteh ja, dass einem das furchtbar surreal vorkommt, wenn plötzlich überall Bäume mit Glitzerkram behangen werden und eure Eltern euch ein Märchenvon einem dicken Mann erzählen, der euch nur dann mit haufenweise Spielzeug belohnt, wenn ihr zufällig genau das tut, was eure Eltern von euch verlangen", sage ich," Aber..."
"Süßes oder Saures!"
"Aber ich glaube trotzdem, dass man sich zum Advent nicht verkleidet. Das heißt wer weiß, vielleicht hat sich das ja schon wieder geändert. Ich meine, bei mir gab's das ja mit Halloween auch noch nicht. Bei uns gab's nur harte, körperliche Arbeit im Bergwerk. Und Snickers.“
"Jetzt geben Sie den Kindern doch endlich etwas Süßes", ruft eine Frauenstimme von der Treppe aus, wahrscheinlich die ängstliche Mutter eines der Kinder.
„Süßes oder Saures!“, rufen die Kinder mit neuem Elan.
„Jetzt hören Sie mir mal gut zu“, rufe ich, „Halloween, Heilige drei Könige und Adventszeit in einem, das kann doch gar nicht gehen, das ist ja fast schon so etwas wie Geschichtsrevisionismus!“
„Max, Linda und Basti, ihr hört da nicht hin, was der Mann sagt“, ruft die Frau, „Den Weihnachtsmann gibt’s wirklich!“
„Seh ich gar nicht ein, warum ich hier diese armen Kinder belügen sollte“, brülle ich Richtung Treppe, „Ist ja scheußlich, wie diese Kinder zu braven Konsumenten in einer ekelhaften Leistungsgesellschaft erzogen werden. Und als ob Weihnachten nicht ohnehin schon der Orgasmus des Kapitalismus wäre, veruschen Sie...“
„Mama, was ist Orgasmus?“, fragt das kleine Mädchen.
„Das heißt, dass ihr lieb sein sollt, sonst kommt der Weihnachtsmann nämlich überhaupt nicht!“
„Und das fliegende Spaghettimonster erst recht nicht!“, rufe ich.
„Wann kommt das fliegende Spaghettimonster?“
„Jeden Dienstag um halb acht!“
„Wow, Mama, krieg ich eine Baby Born vom fliegenden Spaghettimonster?“, ruft das Mädchen.
„Ich will Lego Star Wars!“, ruft der Junge, der wohl Melchior sein soll.
„Ich nix Star Wars, ich Harry Potter haben will!“, schreit der andere Junge, den man als heiligen Migrantenkönig Casper verkleidet hat.
„Das fliegende Spaghettimonster erfüllt alle Wünsche, egal wie gut oder schlecht sich die Kinder benehmen. Vor ihm sind alle Menschen gleich“, doziere ich.
„Juhu!“, rufen die Kinder.
„Endkrass, alter!“, ruft der Migrantenkönig.
Siegreich lächelnd schaue ich in Richtung Treppe. Wieder einmal hat das Gute gesiegt.
„Süßes oder Saures!“, brüllt die Mutter plötzlich.
„Süßes oder Saures!“, brüllen die Kinder.
Ich hämmere die Wohnungstür zu und stampfe in die Küche.
„Hast du das gehört?“, rufe ich.
„Klar!“, Thomas steht wortlos vorm Waschbecken und verknotet eine Wasserbombe, ehe er sie auf einen riesigen Vorrat von Bomben platziert.
„Los, jetzt mach das Fenster auf“, grinst er, „Wer zuerst die Alte trifft, gewinnt.“


