Als ich zum ersten Mal nach Leipzig kam und nicht bloß als orientierungsloser Achtjähriger über den Weihnachtsmarkt geschleift und wieder mit in die anhaltinische Heimat genommen wurde (auf der Fahrt pinkelte ein betrunkener Nazi in der Regionalbahn in den Gang, ich hatte Höllenangst), wusste ich nicht einmal, wie ich zum Studentenwerk komme. Berlin war der Plan gewesen und wäre es auch geworden, hätte sich das OSI der FU nicht erst einen Monat später als alle anderen Unis gedreht. Ich kam aus dem Bahnhof und ging einfach geradeaus, in der Hoffnung, die Goethestraße würde schon zu mir kommen, tat sie aber nicht. Wo heute diese komische Unikirche steht, gab es damals nichts als Bauzäune und an der Nikolaikirche nahm ich von einer orientalischen Frau dummerweise eine dieser Rosen an. Mit Hilfe eines Passanten, von dem ich allein sein Gestikulieren verstand, kam ich schließlich doch noch zum Studentenwerk und man schickte mich nach Lößnig (für alle, die es nicht kennen: blickt man an der Endhaltestelle gen Süden, sieht es aus, es wäre hier das Ende der Erdscheibe). Ich traute keinen Straßenbahnen, deshalb nahm ich ein Taxi und zahlte ein kleines Vermögen für die Fahrt bis dort unten. Richtige Städte, dachte ich, haben S-Bahnen, Berlin zum Beispiel, Straßenbahnen hatten wir auch zu Hause und dort traute ich ihnen auch nicht. Am letzten möglichen Termin bekam ich doch noch ein Wohnheimszimmer, das vorletzte von allen möglichen (diese traurigen Gesichter auf dem Gang, als man mir sagte, ich solle auf vor der Tür verkünden, es gäbe nur noch ein Zimmer, herrjeh). Für das Suchen einer WG war ich zu doof gewesen, ich fand ja nicht einmal den Weg in die Südvorstadt, geschweige denn wieder zurück (später wohnte ich kurz im Wohnheim in einer Vierer-WG, wobei ich zwei der drei Mitbewohner zu Gesicht bekommen habe). Auf dem Rückweg verlief ich mich. Heute weiß ich, dass ich am Bayrischen Platz ausgestiegen und die Arthur-Hoffmann-Straße Richtung Connewitz entlang gelaufen sein muss. Irgendwann muss ich dann aus Langeweile rechts abgebogen und auf der Karli gelandet sein, dort fragte ich eine Einheimische, wie ich zum Bahnhof käme, aber ich verstand ja nicht, was sie sagte. Es war fast wie bei der Musterung, dort ließen sie mich nach einer halben Stunde freiwillig gehen, es war gerade einmal sieben Uhr morgens, dann verlief ich mich in Wittenberg und kam erst 17 Uhr wieder zu Hause an, schreckliche Geschichte. Als ich einen Monat später mehr oder weniger umzog (wir hatten ja nichts), war ich am ersten Abend totunglücklich. Ich kannte niemanden, war mir nicht so recht sicher, ob das alles gut gehen würde und das Wohnheimsinternet funktionierte auf meinem iBook nicht. Schon am ersten Wochenende, als ich nach Hause fuhr, von meiner Weltgewandtheit zu berichten, wäre ich am liebsten dort geblieben, nicht im Wohnheim, aber irgendwo in der Stadt, mit den Leuten, die ich getroffen hatte und für die ich ein unbeschriebenes Blatt war. Ich lernte viele tolle Menschen kennen und mein Leben erhielt eine 180°-Wendung. Das mag mir niemand abnehmen, vor allem, weil es so klingt, als hätte ich als Kronzeuge in irgendeinem Gansterepos dringend eine neue Identität gebraucht, aber es ist so. Und wenn es nicht so blöd klänge, würde ich schreiben, ich habe mich damals vielleicht, irgendwo zwischen Bayrischem Platz und Karli, unbewusst von der Stadt einfangen lassen. Aber es klingt nun einmal so pathetisch. Sagen wir es so: Ich bin einfach geblieben, weil es auszuhalten war und sich eigentlich von Tag zu Tag nur besser anfühlte. Und wie das in etwa ist, illustriert dieses Video sehr gut:
Gefunden bei Konni.


patrick white
7. Januar 2011
auch bei mir war es der im video gezeigte kirchenchor, der mich einerseits zum bleiben animierte und mir andererseits den abschied so schmerzhaft werden lies.
André
7. Januar 2011
Ganz genau :D
Ben
7. Januar 2011
André I love u!!!
not because of the text but the Blümchen twitter thing made me all wishy-washy, tupsy-turvy-.
we need to meet up soon.
André
8. Januar 2011
I think so, too.