« »

# Der falsche Jim Larkin

Jim Larkin

Zwei volle, deprimierende Wochen Arbeit, gekrönt von andauerndem Regen. Nicht das es irgendjemand sonst stören würde. Die Leute scheinen sichtlich beruhigt durch ihre Schirme, die ihnen vorn das Wasser aus dem Gesicht halten und es dafür hinten breitflächig auf dem Rücken verteilen. Aber wenn man um halb neun morgens die O’Connell Street entlang läuft, sich den ersten Kaffee organisiert und nicht auf Anhieb zwischen Touristen und Angestellten unterscheiden kann, dann ist der Zweifel, ob man nun arbeiten oder besser in die National Gallery gehen sollte, auch nicht mehr weit.

Seit ich jedenfalls die genaue Kombination der Busse zwischen meiner Wohnung und der Arbeit herausbekommen habe, wird sogar mein Rucksack über Nacht wieder trocken. Ich weiß nur eines sicher – ich habe eine Woche Freizeit in Sicht. Eine Woche, um die restlichen zwei nachzuholen und noch etwas für die dritte draufzuschlagen.

Ich steige am Parnell Square aus und schlendere die O’Connell Street hinab. Ein Spaziergang zum Tagesanbruch, der mich bis zum Mittag beschäftigen wird. Als ich mit den ersten Guinness-Shirt-tragenden, mit Kamera und Reisetaschen bewaffneten Stoßtrupps, die aus den Airlink-Bussen auf die Gehwege strömen, zusammenstoße, beiße ich mir innerlich in den Arsch, nicht einfach irgendeine Parallelstraße genommen zu haben und meine Laune gefriert augenblicklich. Ich weiß, was gleich kommt.

«Ikskjus mi, Ssör … Kutt ju täik a picktschör off mi ent mei fämmilie, pliess?»

Nein, ich kann kein Bild von euch machen. Ich habe fünfunddreißig hochgradig infektiöse Hautkrankheiten, und wenn ich meine Hautschuppen auf deiner Kamera hinterlasse, dann bekommst du zwölf Tropenkrankheiten, die dich auseinanderfallen lassen wie ein Sandwich von O’Briens!

Ich mache ihm sein bescheuertes Foto und planiere mir meinen weiteren Weg frei.

Sobald ich jemanden finde, der sich darauf einlässt, werde ich Wetten darauf abschließen, wieviele Grüppchen man auf dem Weg bis zur Liffey sieht, die an den Ecken der Einkaufsstraßen mit Tränen in den Augen auf ein paar Polizisten einreden, weil man ihnen etwas aus den Taschen geklaut hat. Pocket-Picking, schreiben sie in ihren Notizblock, obwohl sie genau wissen, dass das kaum einen Sinn macht, und unterstreichen es mit einem großen AGAIN.

Bis dahin lasse ich mir die schlechte Laune gern wieder vom Anblick dieser hübschen jungen Dame nehmen, die mit drei Metern Freiraum um sich herum an den Geschäften vorbeischwebt. Mit pechschwarzen Haaren auf der hellen Haut und einem Kleid: glänzig, beerig, bodenlang. Pimp my Kleid in Dublins Innenstadt. Mein Herz macht Salti.

Da tippt es mich von der Seite an. Nanu?
«Spare some change?»
«What?»
«You got any change?»
Ich sage gar nichts. Gar nicht erst auf ein Gespräch einlassen. Die beißen sich an einem fest, mit Widerhaken und allem drum und dran, sodass man sich nur noch in einen Laden retten kann, aus dem die Security einem schon entgegen grinst. Abends werden sie von fetten Kerlen in BMWs eingesammelt, die armen Teufel.
«Fuck off.», brabbelt die Gestalt und wandelt davon.
Ich überlege, ob ich ihm die Antwort hinterher schicken soll.

Ich fühle mich wie der fünfte Apokalyptische Reiter. Ich bringe die Resignation, die jede Unvoreingenommenheit innerhalb von 500 Meter Wegstrecke bis aufs letzte Atom vollends auflöst. Und zurück bleibt nichts, als was man hier to be pissed off nennen würde. Ich reite vorbei am Stahl-Stiffy, den Quay entlang, überfliege die Liffey und lande direkt in der St. Paddy’s St.

Die Straße ist leer, es ist gerade Gottesdienst.
«Hey, Mister Rastafarian!», brüllt mir schon von weitem ein hinter einem Campingtisch hockender Kerl zu. Je näher ich ihm komme, desto abgewetzter sehen seine Klamotten aus, desto verlebter erscheint sein Gesicht. Aber er lächelt. Und das überträgt sich.

«Hey, Mister Rastafarian!», freut er sich, als ich vor ihm stehe und streckt mir die Hand entgegen.
Aus seinem Tisch steht ein gelber Plastikeimer mit der Aufschrift To Dublin’s Homeless, unter einem einem kleinen, gemusterten Wachstuch liegt noch etwas daneben.
«What are you selling?», frage ich.
«I’m not selling anything. I’m just keeping an eye on that.», sagt er mit Blick auf den Eimer, «If I wouldn’t some of these foreigners would steal it.»
Klar, die foreigners, denk ich. Ist wie zu Hause.

Aber bevor ich etwas sage, krame ich erstmal in meinen Hosentaschen. Mit der Zeit habe ich mir angewöhnt, in der rechten Tasche ausschließlich Kleingeld mit mir herumzutragen, das ich bei Bedarf verteile. Ich greife so viel wie meine Hand fassen kann heraus und lasse es langsam in den Eimer klimpern. Mit jedem messingfarbenen Blitzen zwischen den vielen rotbraunen Münzen wächst das Lächeln des Mannes.
«Thank you, man. Thanks, man.», sagt er und zieht eine zu einer Spirale gedrehte Kerze unter dem Wachstuch hervor, «Take one of these.»
«Keep it.», wiegele ich ab, aber er besteht darauf.
«Take it! We’re not begging … like … like those …»
«Yeah, I know.», sage ich und stecke die Kerze ein.

Er habe früher einmal in der Zementfabrik auf der Northside gearbeitet, sagte er. Sei immer Sonntags nach Croke Park gegangen. Bis dann alles zusammenbrach. Job weg, Frau weg, Kinder weg, Haus weg. Er lächelt, während er das erzählt. Früher muss es pure Verzweiflung gewesen sein, jetzt sind es nur noch schöne Erinnerungen eines starken Mannes. Sein Kopf senkt sich mehr und mehr. Ich weiß nicht, ob er wegtreten oder weinen will.

«What’s your name?», frage ich.
«I’m Jim Larkin.»
«Jim Larkin? Like the political activist?»
«Not like him. I am Jim Larkin.»
«Thought you were dead.», sage ich mit einem Schmunzeln.
«Naaah. That’s what they want you to believe!»

Ich verabschiede mich von Jim mit einem Händedruck. Er hält meine Hand sehr lang fest umklammert. Wenn man nichts zu verlieren hat wirkt man auf die Verzweifelten und jene, die ganz unten angekommen sind, wie ein Elektromagnet.
«God bless you, son.», ruft er mir nach, «God bless you, Mister Rastafarian!»

An meinen Augen trocknen Tränen, sodass die Haut nach den ersten paar Blocks schon beim Blinzeln zu spannen beginnt. Vorsichtshalber nehme ich auf dem Rückweg doch lieber die Parallelstraßen und Backalleys. Nur um ganz sicher zu sein und dieses zerbrechliche Gefühl der Rührung erhalten zu können, bis ich die Haustür hinter mir schließe.

Einen Kommentar schreiben