I
Er war müde geworden, das sah man ihm an. Wie er auf dem Stuhl hing, anstatt auf ihm zu sitzen. Er hing nur, allein die Steifheit, die ihm seine Knochen gaben, hielt ihn noch zusammen. Sodass er nicht zerfloss und sich auf dem Boden verteilte, auseinanderbrach in viele kleine Kügelchen, die sich im Raum verteilen und verlieren. Da trank er Schnaps, der ihm wenigstens das Gefühl geben konnte, zu zerlaufen. Ich weiß nicht, welchen Schnaps, aber es muss billiger gewesen sein, den teuren hätte er sich gar nicht leisten können, denn er brachte ja nichts mehr fertig.
Sowieso sah man ihn selten draußen, aber wenn schon draußen, dann nur in der Kneipe, die lag bloß 50 Meter die Straße hoch und war ein gutes Alibi, um wenigstens aus dem Haus zu sein. Dort blieb er eine Weile, bis es dunkel wurde und kam erst heim, wenn niemand ihn mehr in der Küche erwarten würde. Da mussten es dann schon ein paar Schnäpse sein. Nach der Arbeit, vielleicht ab 16 Uhr, oder wenn er es wieder nicht zur Arbeit schaffte und die anderen von der Arbeit kamen, bis es dunkel war und das war im Sommer, ja, da mussten es schon ein paar sein.
Es muss dann auch schon etwas später gewesen sein, ganz sicher schon dunkel und eigentlich bald Zeit, wieder nach Hause zu wanken, mit einem kleinen Umweg, damit sich der Alkohol im Körper verteilte und nicht alles im Kopf hängen blieb. Zeit zu Gehen, hat er sicher gedacht und nur auf sich selbst gewartet, bis er fertig bringen konnte, den Rest aus seinem Glas in sich hinein zu schütten. Denn sparsam war er natürlich, wie alle, es gab nichts zu verschenken und selbst wenn es ihm egal war, verschenkte auch er lieber nichts, um nicht unnötig auffallen zu müssen.
Dort an der Bar, oder Theke, wie man sagte, Bars gab’s im Westen, die Theken im Osten, dahinter immer eine Kerstin, die die Drehung der Flasche bucchstäblich im Handumdrehen beherrschte. Dort saß er dann, mit dem Rücken zu allen, die er sich weg wünschte, oder wünschte er sich weg von ihnen, das weiß ich nicht. So oder so wäre es ja aufs Selbe hinaus gelaufen, also scheiß drauf. Er saß halt einfach da und kippte.
II
Ich wartete öfter in der Küche, das wusste er, da kam er extra später. Deshalb fing ich an, noch länger in der Küche zu warten und vertrieb mir die Zeit mit seinen Büchern und Pfannkuchen. Mutter fing schon im Juli an, Pfannkuchen zu backen, oder im Fett zu braten, ich weiß nicht, ob man da noch backen sagt, weil wir es nicht abwarten konnten. Immer am Freitag stellte sie uns eine große Schale voll davon auf den Tisch. Die aßen wir dann wie Verrückte und stopften uns die Münder voll damit, weil sie auch so gut schmeckten. Für mich versteckte sie immer ein paar im Schrank, damit ich etwas essen konnte, wenn ich wartete.
Der Sommer war heiß. Nicht wie heute, drei Tage warm, dann Regen, drei Tage warm, Regen und so weiter. Richtig warm war es. 6 Wochen lang, mindestens, so viel Hitzefrei konnten die Lehrer gar nicht geben. Auf Arbeit gab’s ja eh kein Früher-Gehen. Da wurde durchgezogen bis drei, halb vier. Oft war er dann schon weg, oder lag im Bett oder aß etwas und ging dann ins Bett oder in die Kneipe. Ein paar Mal war ich mit. Aber es wird einem sogar das Rauchen zu langweilig, wenn man sich stundenlang nur anschweigen soll.
Deshalb wartete ich irgendwann nur noch. Ich weiß nicht, ob ich mir Sorgen machte. Vielleicht, weil ich, für den Fall, dass er irgendwann mal mit blutigem Gesicht in der Tür stehen würde, auf den Beinen sein wollte, um nochmal in die Kneipe gehen zu können und dem, der dafür verantwortlich war, auch ein paar aufs Maul zu hauen. Solang der Andere am Ende schlimmer aussieht, ist jede Schlägerei ein Sieg.
Die Pfannkuchen hielten mich wach. Vom Lesen werde ich schnell müde. Arbeiten musste ich ja auch noch. Und wenn man noch nicht einmal Bier hat, oder jemanden, der einen anschweigt, dann ist das Rauchen noch langweiliger. Wenn ich jetzt fies wäre, würde ich sagen, dass es darum gut war, dass es nicht so lang ging. Aber das würde ich nie sagen, bei meinem Bruder.
III
Meine Mutter weckte mich auf, weil ich auf dem Tisch eingeschlafen war, mit den Pfannkuchen vor mir. Ich dachte, ich wäre einfach eingeschlafen und hätte es nicht bemerkt, als er nach Hause kam. Mir tat der Rücken weh und ich ging mich waschen, denn ich musste ja zur Arbeit und ging in unser Zimmer, um meine Tasche zu packen, während Mutter mir Schnitten schmierte. Da war er nicht, scheiße. Also fünf Minuten eher los. Die Jacke an und runter, gleich aufs Moped, ich wollt’ ja nicht wieder zurück laufen müssen, das Stück hätte er dann ruhig allein laufen können.
Aber unten an der Tür standen sie schon. Mit seinem Hemd in der Hand. Irgendwie sieht man’s schon, wenn etwas nicht stimmt. ‘S passt einfach nichts so richtig. Ich hielt ihnen die Tür auf und sie gingen ganz schnell nach oben. Meine Mutter fing sofort an zu weinen. Sie hat das auch sofort gemerkt. Vater kam dazu, die anderen schliefen weiter, die mussten immer erst eine Stunde später raus.
Auf dem Hemd war kein Blut oder so, wie man es erwartet hätte. Aber das hat es irgendwie noch schlimmer gemacht. Mit Blut wär’s vielleicht okay gewesen. Also nicht okay, aber irgendwie anders, anders oder etwas leichter schlimm, will ich mal sagen. Aber so, war es einfach nur sein Hemd, ohne ihn drin. In der Hand von zwei Männern, die einem alles berichten, genau so, berichten, wie sich das Wort auch anhört.
Ausgetickt sei er in der Kneipe. Er, ausgetickt, soll mit Stühlen geworfen haben, und als die Polizei kommen sollte, soll er abgehauen sein. Hinten durch den Wald, wo sie sein Hemd gefunden haben. Völlig in Ordnung, ordentlich über einen Ast gelegt. Nicht einmal aufgerissen. Sondern ordentlich über einen Ast gelegt. Dann soll er gelaufen sein, aus Angst. Kilometerweit gelaufen, bis sein Körper nicht mehr konnte. Aber hellwach soll er gewesen sein, sodass die Angst noch hinter ihm her war. Die Bullen sowieso nicht. Ausgetickt. Und sich im Fluss ersoffen.
IV
Wir durften ihn nicht sehen. Dafür seien sie zuständig, meinten die Männer. Wir sollten es akzeptieren. Sie wollten uns damit nicht belasten, sagten sie. Aber wir sollten auch nicht zur Polizei gehen und Welle machen. Welle machen käme uns überhaupt nicht zu Gute. Das würde alles nur Schlimmer machen und vielleicht noch auf uns zurück fallen.
Und es gab auch keine Beerdigung. Stattdessen bekamen wir einen Brief, der den Weg zum Grab verlief, in das man ihn gepackt hatte. Schön am Rand des Friedhofs, heute machen sie das ja nicht mehr. Damit’s auch der letzte Idiot merken sollen, haben sie ihn extra an den Rand gepackt.
Nein nein, keine Welle machen. Meine Eltern hielten sich dran. Ich hielt mich auch dran. Hab nur einmal besoffen mit Stühlen geworfen. Mal drauf ankommen lassen. Da haben sie mich aus der Kneipe geworfen und der Wirt kam hinterher und hat mir eine aufs Maul gegeben. Und ich ihm auch. Am Ende sah er schlimmer aus als ich. Aber dann war nichts mehr. Bisschen Gepelze, mehr nicht.
V
Jetzt schreibe ich Briefe. Jedes Jahr, an diese Behörde, die ab und zu einen neuen Namen bekommt. Die schreiben dann zurück, dass sie noch suchen und sich melden, wenn es etwas Neues gibt. So als ob sie mich abwimmeln wollen. Obwohl ich mich doch melden muss, sonst verfällt doch der Anspruch.
Ich wäre gern dabei gewesen. Vielleicht hätten sie mich eingesperrt, wenn’s wirklich so schlimm gewesen ist. Aber so weit hätten die mich nicht bringen können. Dann hätte ich vielleicht ein paar Monate oder Jahre gesessen. In Schwedt vielleicht. Davon erzählt ja niemand etwas. Und alle, die dort waren, sind komplett umgekrempelt. Meinetwegen. Aber ich wäre ja zurück gekommen.
Darum geht’s mir. Auch wenn’s nicht so war. Darum schreib’ ich ja die Briefe. Ich wär’ gern dabei gewesen. Und ich wär’ zurück gekommen. Und dann wär’ er noch da gewesen.













