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“Alter, eine Woche kostenlos da wohnen, dann ist das doch ein unschlagbares Angebot!”, sagte Thomas noch einmal, “Das muss man mitnehmen!”
“Ja”, sagte ich, “Hast schon recht.”
“Natürlich hab ich recht, besser geht’s doch gar nicht, wir brauchen nur Essen und Trinken bezahlen!”
Die Schlange rückte mit aberwitzig vielen Schritten ein winziges Stück weiter vor, ich blieb stehen und sah noch einmal zurück zur Gepäckaufgabe, Thomas bemerkte es.
“Mach dir nicht ins Hemd, man!”
“Schon gut”, sagte ich und blickte wieder ins Leere. Keine zehn Kilo hatte der Koffer gewogen, wir konnten ihn nicht öffnen, weil wir die Zahlenkobination nicht kannten und wussten also auch nicht, was drin war. Die Frau hinter der Waage hatte nur gelächelt und mit der Hand über die rote Schleife am Griff gestrichen, als ich das Hartschalenmonster einhändig aufs Band gehoben hatte.
“Ist nur ein Freundschaftsdienst, so sparen die ja auch Geld!”, sagte Thomas.
“Ja, ja”, wir waren an der Reihe, ich begann, Gürtel, Portemonnaie, Handy und so weiter in eine der Plastikschalen umzuschichten, Thomas zeigte auf die Duty-Free-Läden.
“Ob die da drin Pudding haben?”

Vielleicht hat er recht, dachte ich, ich mache mir zu viele Gedanken, hab zu viel Angst und kein Vertrauen in Fremde, außerdem freut er sich so und hat das alles organisiert. Und ich hab den Koffer gar nicht aufgegeben, auf mich fällt wenn dann nichts zurück, dachte ich. Erst vor ein paar Tagen hatte Thomas die Anzeige im Internet gesehen, auf einer der vielen Couchsharing-Seiten, die langsam in Mode kamen. Menschen von überall her boten Schlafgelegenheiten für Umherreisende an, kostenlos, einfach weil sie Spaß daran hatten, Leute aus allen Teilen der Erde bei sich zu Hause zu haben und natürlich hofften, im Gegenzug auch einmal die Gastfreundschaft ihrer Gäste in Anspruch nehmen zu können. Thomas’ Anzeige war von einem deutschen Ehepaar aufgegeben worden, das sich in Paris niedergelassen hatte. Er hatte sie sofort angeschrieben und alles klar gemacht, eine Woche, auch dass ich mitkäme, wäre kein Problem, hatten sie geschrieben, sie wären eh die meiste Zeit im Büro, Architekten oder so und könnten uns daher höchstens abends ein wenig die Stadt außerhalb der Touristenmeilen zeigen, kein Ding. Das Ganze hatte ganz vorzüglich in meinen nicht existenten Zeitplan gepasst, die Flüge waren billig und meine Tage zwischen Abi und Studium zogen sich ohnehin zäh in die Länge, also warum nicht.

Zwei Tage, bevor es losgehen sollte, war dann die Mail gekommen. Das Pärchen hatte sorgsam und lieb darum gebeten, ihnen einen Koffer mit nach Paris zu bringen, sodass sie die Versandkosten sparen könnten. Am Tag unserer Abreise sollten wir uns mit einem ihrer Freunde am Flughafen in Berlin treffen und dort den Koffer in Empfang nehmen, in Paris würden sie uns dann mitsamt dem Koffer in Barbès persönlich abholen.
“Das ist doch Quatsch”, hatte ich zu Thomas gesagt, “So ein Blödsinn, in Paris wohnen, aber keine 50 Euro übrig haben, um sich einen Koffer schicken zu lassen?”
“Hört sich eher an, als sollten wir an ihrer Stelle eine Bombe mit ins Flugzeug schmuggeln.”
“Ja, jetzt sind sich sogar die Terroristen schon für den Märtyrertod zu schade, wer weiß, womit die uns da aus dem Zoll ziehen.”
“Quatsch!”
“Naja, kann doch sein.”
“Kannst gern hier bleiben”, hatte Thomas gesagt, “Ich will da hin und ich fahr da hin!”
Damit war unsere Diskussion beendet gewesen und ich hatte mich gefügt. Vorsichtshalber aber hatte ich mir noch die Bewertungen des Pärchens auf der Seite angesehen, alles super, lauter Nettigkeitsbekundungen, Grüße und Dankeschöns für wunderbare Aufenthalte und kein Wort über mitzubringende Koffer.

Unser Flug wurde noch nicht einmal auf dem Display über uns angezeigt. Wir hatten schon zehn Minuten früher am Treffpunkt, einer der Bushaltestellen vorm Eingang des Flughafens, gewartet. Irgendwann, nachdem wie haufenweise Busse ankommen und abfahren gesehen hatten und ich langsam leid wurde, die jeweils Aussteigenden nach einem potentiellen Freund eines deutschen Ehepaares in Paris abzusuchen, war tatsächlich ein grau melierter Mann um die vierzig mit einem dicken Koffer zu uns gekommen, hatte uns suchend angeschaut und nur “Thomas?” gefragt. Thomas hatte gelacht und und ihm den Koffer abgenommen, gepaart mit unendlichen Versicherungen, es würde schon alles klar gehen und dass er schöne Grüße bestellen werde, obwohl es schien, als hätte der Mann nicht ein einziges Wort verstanden.
Ich wusste nicht, wo er tatsächlich Pudding aufgetrieben hatte, aber als wir darauf warteten, endlich ins Flugzeug zu kommen, löffelte Thomas fröhlich Becher um Becher seines 4er-Packs Schokopudding und grinste mich immerfort an.
“Noch lachst du, noch sind die Drogenhunde noch nicht an den Koffern gewesen”, sagte ich.
“Klappe zu!”, kam es vom Sitz gegenüber.
Draußen landeten und starteten die Flugzeuge im Minutentakt. Flughäfen sind immer dann der entspannteste und weltfremdeste Ort zugleich, wenn man selbst an ihnen nichts zu tun hat, dachte ich, wenn man nicht irgendwohin fliegt oder irgendwoher kommt, sondern nur jemanden abholt oder aus Mangel an Freizeitbeschäftigung dort ist. Dann, nur dann, wirkt ein Flughafen wie aus einer anderen Welt, das Gröhlen der Flugzeuge übersteuert zu einem steten Rauschen, das bald schon nur noch beruhigend wirkt und alles scheint romantischerweise ein bisschen egal.

Am Flughafen Charles de Gaulle wurden wir wider erwarten nicht einmal nach unseren Ausweisen gefragt. Das Gepäck rollte schwerfällig auf einer der verschlugenen Gummibahnen heran, niemand beachtete uns und Thomas griff den ominösen Koffer, ich meinen Rucksack, dann schlurften wir in Richtung Bahnhof. Der Flughafen an sich machte so wenig her, wie die meisten der deutschen Flughäfen, die Check-In-Schalter waren ein wenig kryptisch gekennzeichnet, aber man gewöhnte sich schnell an das jeweilige System. Wir besorgten uns Fahrkarten in die Stadt und stiegen in einen RER zum Gare du Nord. Der Bahnhof stank elendig nach Schweiß, Thomas hatte Mühe, den Koffer an den abwechselnd stehenden und vor sich hin schlürfenden Menschen vorbei zu zerren, wir brauchten ewig, um an jedem Durchgang unsere Fahrtkarten kontrollieren zu lassen und dann so schnell wie möglich das Gepäck durch die schmalen Schranken zu bugsieren. Irgendwann saßen wir tatsächlich in der Metro zum Porte de Clignancourt.

Als wir die Rolltreppen in Barbès nach oben ratterten, standen dort mehr als zehn Männer, lehnten sich an die Zäune und zu den herauf ratternden Menschen herunter und riefen dabei immer und immer wieder in unglaublicher Geschwindigkeit “Marlboro, Marlboro, Marlboro, Marlboro? Marlboro, Marlboro, Marlboro, Marlboro?”, während sie stapelweise der rot-weißen Packungen herum zeigten. Ich sah niemanden, der irgendeinem Mann eine Schachtel abkaufte und obwohl mich wenigstens ihre Preise interessiert hätten, fragte ich nicht weiter nach. Inmitten der Treppen stand wir kurz vorm Ausgang und sahen uns um. Wir hatten keine Beschreibung der beiden, aber wir dachten, es könne schon nicht so schwer sein, ein wartendes, deutsches Pärchen zu erkennen, die korrekte Kleidung und den immer wieder nervösen Blick auf die Uhr. Wir waren noch gut in der Zeit, ein kleines bisschen verspätet zwar, aber nicht so sehr, dass man es uns hätte übel nehmen und uns sitzen lassen können. Hin und wieder kam einer der Typen zu uns und fragte, ob wir ihm nicht ein paar seiner Zigaretten abkaufen wollten, aber wir verneinten von mal zu mal.

Wir hatten noch nicht lang gewartet, als ein dicker Mann mit schwarzflächigem Dreitagebart über die Treppen nach unten stolziert kam. Ich beobachtete die vorbei laufenden Leute und blieb an seinen Augen hängen, die sofort unseren Koffer erkannt zu haben schienen. Ich stupste Thomas mit dem Fuß an und nickte so unauffällig es ging zu dem Mann hin, der mittlerweile schon unten angekommen war und auf uns zu kam. Als er direkt vor uns stand, musterte er uns und überlegte, dann, mit einem Mal, breitete er sichtlich fröhlich die Arme aus.
“Ah, there you are!”
“What?”, fragte Thomas.
Sein Englisch war mehr als gebrochen, “So nice of you, you bring case”, im Hintergrund immerfort “Marlboro, Marlboro, Marlboro, Marlboro?”
“We’re waiting for Lisa and Christian”, sagte Thomas.
“Ah, yes, yes”, sagte der Dicke, “They have no time, but I pick up case.”
“No no, they said we’d meet them here and stay at their home for a week!”
“Yes, yes, they later, I pickup case”, sagte der Mann und griff nach der rote Schleife.
“Siehst du”, sagte ich.
“Klappe!”, rief Thomas und griff ebenfalls nach dem Koffer, “No way”, brüllte er.
“Way, way.”
“Not way way, no way!”, schrie er und riss so stark er konnte am Koffer.
Plötzlich hörte ich das Aufeinanderschlagen von Metall. Mit einem Mal war die Hand des schwarzgesichtigen Mannes vom Griff des Koffers hoch an Thomas’ Kehle gerast und hielt sie dort fest umklammert. Thomas hing mit dem Rücken an einem der Stahlzäune, deren schwere Türen langsam hin und her schaukelten. Die umstehenden Männer hielten kurz inne und schauten uns an, dann drehten sie sich sofort wieder um und verfielen wieder in ihren Marlboro-Chor.
“Stop it!”, schrie ich, meine Stimme überschlug sich.
Der Dicke sah Thomas tief in die Augen, dessen Hände sich in die Arme des Mannes vergraben hatten, und ließ dann langsam los. Thomas’ Gesicht war dunkler geworden und wechselte, nachdem er wieder Luft bekam, langsam die Farbe.
Der Mann sah Thomas fest in die Augen, drückte sich mit der anderen Hand kurz die eben noch schraubstockartig zusammengefahrene und griff dann wieder nach Koffer, diesmal begleitet von einem freundlichen Nicken, Thomas sagte nichts, ich bewegte mich nicht.

“Shit!”, sagte ich, als der dicke Typ durch eine der Drehtüren verschwunden war und betastete meinen Rucksack, der natürlich noch da war, denn um ihn war es gar nicht gegangen.
Thomas stand regungslos neben mir und betastete seinen Hals. Ich wollte etwas sagen, aber verkniff es mir.
“Sorry”, sagte er.
“Macht nichts, ist ja irgendwie alles gut gegangen.”
“So halb.”
“Passt schon.”
“Aber jetzt hab ich alles versaut.”
“Genau genommen, war es praktisch schon von Anfang an versaut und fand erst jetzt seine ganz eigene Krönung”, sagte ich.
“Ja”, lachte Thomas, “In Bud Spencers Todesgriff!”
Niemand schien sich auch nur im Entferntesten darum zu scheren, was gerade vorgefallen war. Von den unter- und überirdischen Stationen strömten Menschen über Menschen an uns vorbei, sahen uns nicht einmal und wenn, dann nur mit jener leeren Aufmerksamkeit, die den Alltag in Großstädten gleichzeitig so beruhigend wie auch einsam machen kann. Was sollten wir jetzt machen? Wir könnten uns ein Hotel nehmen oder nach einem Hostel suchen, dachte ich, wir würden schon irgendetwas finden, wir müssten sogar, denn unser Rückflug ging erst in einer Woche. Und dann? Genau das machen, was wir sonst auch gemacht hätten, was auch immer das gewesen wäre. Thomas kaufte einem der Typen eine Schachtel Marlboro ab.
“4 Euro”, sagte er, “Schnäppchen!”
“Lass mal losgehen”, ich setzte meinen Rucksack auf.
Thomas blieb stehen und überlegte.
“Was’n?”, fragte ich, er grinste.
“Was machen wir, wenn die beiden jetzt doch noch hier auftauchen?”
“Tschüss!”

Drei Stunden später fanden wir endlich ein Zimmer, geschätzte 10 Quadratmeter für 20 Euro pro Nacht in einem kleinen Hinterhaus mitten in Montmartre. Auf dem Weg dorthin fotografierte ich mehrere Space-Invader-Mosaike an Häuserwänden. Und später, als es gerade dunkel wurde, saßen wir auf den Treppen vor der Sacré-CÅ“ur und rauchten Thomas’ Marlboro-Zigaretten, die buchstäblich ätzenden schmeckten.
“Die sind sicher nicht echt”, sagte ich.
Thomas lachte, “Was meinst du, war eigentlich in dem Koffer?”

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