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# Chronologie eines beschissenen Tages

Donnerstag, 16:30 Uhr, Feierabend.

Am Morgen hatte mein Chef noch vor versammelter Mannschaft eine kleine Hasstirade auf den kommenden Feiertag verlauten lassen. Lang und breit hatte er erklärt, dass wir ranklotzen und der Zeit voraus arbeiten müssten, um solche Geschäftsschädigungen überhaupt im Entferntesten ausmerzen zu können. Geschäftsschädigungen. Müdes Lächeln aller und darauf folgende Stille, als klar wurde, dass diese Hirnrissigkeit tatsächlich nicht bloß ein lahmarschiger Scherz gewesen sein sollte.
Danach war er in fünfminütiges Lamentieren über die Millionen von Aufträgen verfallen, die uns aufgrund dieses einen Freitags noch durch die Lappen gehen würden. Er wisse das nämlich. Er käme immerhin aus der Industrie! In-dus-trie!

So sind sie. Wenn sie erst einmal das große Geld gewittert haben, werden sie euphorisch. Nervig. Halten sich mit weniger als hundert Angestellten für einen Großkonzern.
Naja. Eklig wird es aber erst, wenn sie dann mitbekommen, dass es wohl beim Wittern allein bleiben wird. Dass der Zug ohne sie abgefahren ist und sich das Adjektiv mittelständisch für immer und ewig an ihrem Unternehmen festgesaugt hat. Dann werden sie gehässig. Denn an ihnen kann es ja schließlich nicht liegen.

Uns als Beschäftigte interessierte das herzlich wenig. Vor allen Dingen nicht die In-dus-trie. In den Augen aller konnte man die Leichtigkeit sehen, die sich vom üblichen Freitag diesmal schon auf einen Donnerstag verschoben hatte. Der letzte Tag vorm Wochenende ist immer der einfachste. Und der erste danach der schlimmste. Psychologie der Wochentage.

Mein Plan war sorgfältig ausgearbeitet: Das verlängerte Wochenende nutzen, ein paar Freunde aufsammeln, früh morgens treffen, in einen Zug Richtung Süden setzen und ein idyllisches Wochenende unter bayrischer Sonne genießen. Raus aus der muffigen Stadt, weg sein. Der Entfernung ein bisschen Freiheitsgefühl abnehmen.
Ganz einfach. Wenn nur nicht schon die Vorbereitungen so schlampig gelaufen wären.

Glücklicherweise hatte man mich nicht damit beauftragt, das kleine Ferienhäuschen zu organisieren, hatte ich es doch noch nicht einmal auf die Reihe bekommen, die Fahrkarten zu besorgen. Aber kein Problem. Dem Chef etwas von wichtigen Terminen erzählt, die sich keineswegs verschieben ließen, dabei reumütig geguckt und eine halbe Stunde früher aus dem Gebäude gestolpert. Zum nächsten S-Bahnhof.

Ich tapperte wie ein kleiner Junge zum Ferienbeginn die Stufen zum Bahnsteig hoch und ging zielgerichtet zum Fahrscheinautomaten. Jemand hatte ein breites Fuck you! in den Bildschirm geritzt, was Bedienung und Erkennen der Auswahlmöglichkeiten merklich erschwerte. Ich tippte wild auf dem Bildschirm herum und schaffte es auch irgendwie, das gewünschte Ziel einzugeben. Bezahlen also.

Schon vor ein paar Tagen hatte ich mich, wie aus reiner Routine heraus, wieder einmal gefragt, wie eigentlich die PIN meiner Bankkarte lautete. Das war kurz vorm Einschlafen und nicht der beste Moment, einen klaren Gedanken zu fassen. Ich hatte es bei irgendwie in der Art belassen und mir selbst gut zugeredet, dass ich mich an nächsten Morgen schon wieder daran erinnern können würde.

Weg. Also einfach mal versuchen. Bei schätzungsweise 50 Millionen Bankkarten im ganzen Land ist die Chance, die Viererkombination der Zahlen zu erraten ja immerhin höher als beim Lotto, dachte ich. Trotzdem daneben. Na gut, zweimal ist ja kein Problem. Wieder falsch.

Ein Kumpel hatte mir einmal erklärt, wie jämmerlich schlecht die Software solcher Automaten eigentlich geschrieben sei. Ich solle da auf nichts vertrauen, was nicht eine separate Taste hat, sagte er. Wenn einem aber dennoch nicht klar werden will, dass A für Abbruch und B für Bestätigen steht und dass der Automat, egal ob man nun eine Nummer eingegeben hat oder nicht, nach einem Druck auf B eine Eingabe als getätigt ansieht, dann braucht man sich wirklich nicht zu wundern, wenn einem die Karte endgültig gesperrt wird.

Wenn man dann dreimal auf umständlichste Art und Weise mit verdrehten Fingern und schon längst zerzausten Haaren auf einem dieser Automaten rumgehackt, auf der zerkratzen Eingabefläche verquere Eingaben vorgenommen und halb verschwörerisch mit einer Bankkarte rumhantiert hat, deren PIN man nicht einmal zu kennen scheint, dann schauen auch schon mal die behäbigen Herren des BGS interessiert aus ihrem Häusschen am Bahnsteig und flüstern komisches Zeug in ihre Funkgeräte.

Besser man verschwindet einfach, dachte ich und stieg in die S1, die gerade neben mir Halt gemacht hatte. Schließlich musste ich eh zur nächsten Bank, um mich vor den Angestellten lächerlich zu machen.

„Nur entsperren?“, zwitscherte die Frau am Schalter.
„Ja, nur entsperren.“
„Die PIN kennen sie noch?“
„Ich denke schon.“, sagte ich und war mir seit dem dritten Fehlversuch ziemlich sicher, sie jetzt endgültig wieder zu wissen.
„Probieren Sie mal am Automaten.“

Ich probierte. Falsch. Kann doch nicht sein. Andere. Falsch. Ach, was soll’s?! Falsch. Zu viele Versuche.

Die Frau grinste schon, als ich wieder zu ihr geschlürft kam.
„War wohl nix?“
„Ne.“
Sie feixte vor sich hin.
„Lachen Sie ruhig laut.“, sagte ich und zuckte mit den Schultern.
„Ist mir auch mal passiert. Aber in Thailand.“
Ich wollte fast sagen, dass ich immer geglaubt hatte, das Thailand der Frauen sie die Dominikanische Republik, denn ihre Fröhlichkeit begann mich zu nerven. Aber ich verkniff es mir: „Ja ja, schade schade.“
„Gut, dann beantrage ich jetzt eine neue PIN.“
„Machen Sie das.“
„Brauchen Sie denn noch Geld?“
„Nein, nur Zeit.“, murrte ich mit einem Blick auf die Uhr.

Bargeld hatte ich genug. Aber irgendwann vor ein paar Jahren muss jemand auf die glorreiche Idee gekommen sein, die Automaten ausschließlich mit Kartenlesern und die Service-Center mit dämlichen Öffnungszeiten auszustatten. Halb sechs. Vielleicht erwische ich noch eine unfreundliche Service-Dame, wenn ich mich beeile, dachte ich.

Natürlich erwischte ich keine Service-Dame. Nicht einmal eine unfreundliche. Die einzige Sache, bei der sie wirklich überpünktlich sind. Feierabend. Also nach Hause. Die Karten am nächsten Morgen holen. Mir würde schon eine dumme Ausrede einfallen. Oder eine andere Dummheit.

In der S-Bahn kann man wunderbar resignieren. Der quäkende Signalton kurz vor dem Losfahren, das Klackern der winzigen Schienenstöße und die vorbei rauschenden Altbauten im langsam endenden Tag. Man kann sich zurücklehnen und den Blick über die Gesichte der anderen Fahrgäste schweifen lassen. Bankkaufleute mit dicken Lachfalten, Kosmetikerinnen, denen in der Abendsonne die braune Schminke am Kinn herunter tropft. Oder drei braungebrannte Vollidioten, die einen mit der gleichen Neugier betrachten. Sie sahen mich an, grinsten, kamen herüber und stellten sich dicht neben mich.

„Was hast’n da in der Tasche?“, fragte der eine.
„Geht dich ‘nen Scheißdreck an.“, murmelte ich, ohne richtige Lust, mich mit irgendwelche bescheuerten Jugendlichen auseinander zu setzen.
„Gib mal her.“, sagte er und zog an der Tasche, in der ich den Firmenlaptop mit mir herum trug.
„Vergiss es.“
„Du hast doch Kohle!“
„An die ich nicht rankomme!“

Lächerlich. Wie er zu diesem halbherzigen Kneipenschwinger ausholte. Er hätte mir auch gleich sagen können, dass er versuchen würde, mir eine in die Fresse zu hauen, wenn er es so andeutete.
Das größte Problem der Leute ist ohnehin, dass sie keinerlei Körperspannung haben. Wie auch, wenn sie ausladend wie ein Zwanzigtonner mit ihren Armen rangieren. Umso schmerzhafter wurde der Konter direkt auf seinen Solarplexus, der ihm Atem, Sicht, Halt auf den Beinen und seinen Freunden das dämliche Grinsen nahm.

„Ich hol die Bullen, Alter!“, brüllte einer von ihnen, als die nächste Station erreicht und er aus dem Waggon gehechtet war.
Sein Kollege hatte es immer noch nicht auf die Reihe bekommen, wieder aufzustehen und lag wie ein lustiger Embryo auf dem Boden.
Der Dritte schaute etwas bedeppert durch die Scheibe auf den Bahnhof und die Leute winkten ihm zu, als sein hitziger Atem die Scheibe beschlagen ließ und ihm der kleine Schlag auf den Kehlkopf die Lust genommen hatte, sich weiter zu wehren oder zu artikulieren

„Vollidiot.“, rief ich ihm nach, als die Bullen meine Adresse aufnehmen und der Gesprächstermin auf den nächsten Morgen festsetzten, „Versaust mir das ganze Wochenende!“
„Wir sprechen uns noch!“, brüllte einer der drei von der Rolltreppe zurück.
„Ich hoffe doch!“
Die Polizisten guckten böse.

Ich bekam eine Anzeige, weil ich mich an armen, minderjährigen Idioten vergriffen hatte. Es tat mir nicht einmal leid, im Gegenteil, ich hätte gern das volle Verfahrensprogramm erlebt, wenn die netten Eltern der armen Jungen nicht urplötzlich die Anzeige hätten im Sande verlaufen lassen.

Nichtsdestotrotz, mein Wochenende war im Eimer. Keiner fuhr weg. Die Buchung wurde storniert, die Karten waren eh nicht besorgt. Es blieb beim üblichen Ausgehen. Und ich unternahm ungewohnt viele Spaziergänge durch die anliegenden Bezirke. Ohne jeden Vorwand.

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