Was ich über die Hitze schrieb, ist wirklich ungelogen. Die amerikanischen Poeten sagen, dass die Sonne in Chicago im Vergleich zu Texas, Florida usw. völlig harmlos ist. Sei's drum, wir sind jetzt im Besitz fettester Sonnenbrände.
Die Fun Facts: In Chicago gab es einen Mann, Cap'n Streeter, der lange Zeit im Clich mit der STadt lag, weil er behauptete, sein gestrandetes Schiff hätte beim Stranden das Gebiet rund um das Seeufer geschaffen. Er schrieb an Zeitungen und verkündete, dass sein Land außerhalb der USA läge und 'Deestrict of Lake Michigan' hieße. Die Zeitungsmenschen schlugen sich, weil sie es lustig fanden, auf seine Seite. Die Stadt versuchte mehrmals Cap'n Streeter zu verscheuchen, was in Schießereien ausartete. Erst Jahre später konnte gerichtlich festgelegt werden, dass Cap'n Streeter nicht rechtmäßiger Inhaber des Landes rund um die Piers war.
Ich schlafe auf einer sehr komfortablen, riesengroßen Luftmatratze, deren einziges Problem ist, dass sie seit anz gihrem letzten Schlafgast ein unauffindbares Leck hat, das dazu führt, dass man die Matratze jeden Abend aufpumpen muss und mitten in der Nacht in einem Meer aus Gummi aufwacht, kurz überlegt, ob man vielleicht nochmal nachpumpen sollte und dann doch einfach weiter schläft.
Marc ist ein fantastischer Gastgeber. Er erzählt uns so viele tolle Stories über die Stadt, die wir womöglich nie erfahren hätten, sodass es mir fast ein bisschen leid tut, nicht so jemanden für Detroit, Toronto und New York an unserer Seite zu wissen.

Nach dem Aufstehen setzten wir uns in eines von Marc liebsten Diners und gaben uns einige, die so mächtig waren, dass ich die Hälfte davon übrig lassen musste. Das Tipping System ist ganz witzig. Die Bedienungen bekommen nur ca. 4 Dollar pro Stunde, weshalb jeder Gast Minimum 15% Trinkgeld geben sollte, bei gutem Service etwa 20%. Aber wir haben es glücklicherweise automatisch richtig gemacht.
Danach ging es direkt zum Beach, wo wir uns mit den Allen Earnstyzz Jung und Joel Chmara, einem tollen Chicagoer Poeten zum Text-Übersetzen und Baden trafen. Wie gesagt: Das Seeufer in Chicago ist fantastisch. Wunderbare Sandstrände mit haufenweise Spielfeldern für alle möglichen Sportarten.

Marc erzählte uns, dass er vor ein paar Jahren fast täglich sehr früh zum See mit dem Fahrrad gefahren ist, dort ein wenig Schwimmen gegangen ist und danach in einem Café ein wenig geschrieben hat. Er meinte, es sei seine allerbeste und produktivste Zeit gewesen. Glaubt man ihm gern, wenn man einmal den Weg zum See mitgemacht hat und anschließend diesen tollen Strand gesehen hat.

Ja, so lässt es sich arbeiten. Zusammen mit Joel haben wir einen unserer TExte quasi neu übersetzt, das heißt unsere erste Übersetzung an seiner Seite finalisiert. Am Samstag, wenn wir bei der großen Show auftreten werden, wird sie im Hintergrund eingeblendet werden, während wir unseren Tabu-Text machen. Es wird super.
Und natürlich haben wir uns als erstes Andenken wunderbare Sonnenbrände geholt. Meiner tut nicht wirklich weh, aber ich merkte, dass alles einfach nur dauerhaft pulsiert und glüht. Auf jeden Fall finden es alle total lustig, dass wir so herrlich rot sind, klasse.

Dampfwolken aus Gullideckeln gibt es also tatsächlich. Wenn wir nicht zu unseren ersten Proben gemusst hätten, hätte ich spontan vorschlagen wollen, einfach mal anzuhalten und ein bissen Gangster Rap zu machen. Aber man kann ja nicht alles haben. Eigentlich hatte es tagsüber ein bisschen kühler werden sollen, aber so wie ein Deutschland scheint man sich auch hier nicht länger auf die Meteorologen verlassen zu können, denn es war den ganzen Tag unglaublich heiß. Und mit unglaublich heiß meine ich 40 Grad im Schatten und eine Schwüle, die ich noch nie erlebt habe. Man kann praktisch alle fünf Meter das T-Shirt aufwringen.

Die rehearsals liefen super. Ich hätte nicht gedacht, dass wir einmal so viel Performance in unseren Kunstrapper-Text packen würden, aber es ist gut so. Wir machen es nicht, wie ich es vermutet hatte und wechseln einfach von Absatz zu Absatz zwischen Deutsch und Englisch, sondern wir haben mit unseren amerikanischen Pendants Tim und Sully quasi eine komplett neue Performance gebastelt. Jetzt doppeln wir englisch und und deutsch, wechseln hin und her und machen allerlei Hampelei zwischendurch. Wie gut, dass J. W., unser artistic director, das Ganze am Ende total cool fand.
Noch sind wir nicht durch mit dem Kunstrapper-Text, aber wir werden vermutlich den ganzen Freitag darauf verwenden, das letze Viertel des Textes zusammenzubasteln und dann das Ganze immer wieder zu proben, zu proben und zu proben. Es ist wirklich ganz anders, wie die Amerikaner arbeiten und was sie in unseren Texten lesen, aber es ist nichtsdestotrotz sehr und wir haben innerhalb von 3 Stunden knapp drei Viertel des ganzen Textes durcharbeiten, aufteilen und proben können.

Und das ist mein Sonnenbrand. Eigentlich habe ich dieses Bild nur hochgeladen, weil ich meinen Rücken so unglaublich impressive fand, aber das nur nebenbei. Falls man es nicht richtig erkennen kann: Er ist komplett rot und pulsiert. Julius' Rücken sieht nicht besser aus, obwohl ich, als Streber vor dem Herren, natürlich mehr Sonnenbrand haben musste als er.

Zur Belohnung für unsere tolle Arbeit ging es anschließend in eine echt Chicagoer Bar. Die war nicht so sehr anders als eine Bar sonstwo, aber immerhin waren die Getränke irgendwie speziell. Tipp: Wenn es irgendwo 'Wheat Wine' gibt, dann bestellt es einfach nicht. Es ist das wohl härteste Bier, das ich je getrunken habe. Nicht, dass es sofort betrunken macht, aber man hat mit jedem Schluck das Gefühl, gerade ein halbes Brot gegessen zu haben. Dazu gab es total originell tato tats, oder wie auch immer man sie schreibt, bei deren Konsum ich mich total mit Napoleon Dynamite verbunden gefühlt habe. Also fast schon ein bisschen american.
Morgen, bzw. wenn ihr das hier lest heute, fahren wir in die City. Molly, eine Poetin des Chicagoer Slam Ensembles, zeigt uns das Art Institute, anschließend wollen wir Chicagos Innerstes, den Loop erkunden und ganz am Abend geht es zu einer Bus Tour, die die Poeten organiseren, wo wir wahrscheinlich auch irgendwas machen werden.

Das hier ist die Clark Street in Andersonville. Wir wohnen nur zwei Blocks entfernt. Diese ganzen kleinen Häuser sehen total super aus. Ich mag vor allem die überschwänglichen Schilder, die überall an den Häusern kleben. Alles voller Werbung. Wahrscheinlich ist das alles nur halb so cool, wenn man es dauernd und nicht bloß aus vielen Filmen kennt, aber ich finde es klasse.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.








