Gestern habe ich mein Bett noch angeprisen, dann beschloss es jedoch, dass die zwei Löcher, die es bereits hatte, noch größer werden mussten, sodass ich mitten in der Nacht in mehreren Lagen Gummi auf dem Boden aufwachte. Marc war so herzensgut und hat mir umgehend ein neues Bett besorgt, wobei das alte mittlerweile beschlossen hat, auch mit Löchern luftgefüllt zu bleiben.

Wie dem auch sei, wir wohnen in Andersonville, einem tollen Queer-Viertel im Nordwesten Chicagos im ersten Ring rund um die City. Das heißt, hier gibt es keine Skyskrapers, dafür aber haufenweise dieser kleinen Häuser, die meist ein bis zwei Wohnungen beherbergen, die wiederum jeweils Vor- und Hintereingänge haben, aber dazu gleich mehr. Andersonville ist eine neigbourhood, in der früher die schwedischen Einwanderer lebten, gleich daneben im Nachbarviertel die deutschen Einwohner (es gibt Oktoberfeste dort). Auch hat es anscheinend ein paar Leute aus Kentucky herverschlagen, was sich an den Terassen vor den Häusern zeigt (wir haben keine Terrase, weil wir in einem Schwedenhaus wohnen).
Fast hätte ich es vergessen: Es ist mittlerweile ein bisschen kühler geworden, d.h. geschmeidige 30 Grad, bei denen man trotzdem noch schwitzt und nicht mit langen Hosen das Haus verlassen sollte. Am Mittwochabend gab es ein riesiges Gewitter und unsere Handtücher, die wir nach dem Beach-Tag zum Trocknen aufgehängt hatten, sind immer noch nass (glücklicherweise klaut sie niemand).

Die Metros, die die City mit den äußeren Stadtringen und den Suburbs (d.h. den suburbanen Städten) verbinden, sehen so aus. Schön silber, wie man es sich vorstellt. Ich finde sie fantastisch und habe mich sehr darüber gefreut, als wir mit einer von ihnen endlich einmal in die City gefahren sind. Zwar dauert es von uns bis ganz tief hinein gut 40 Minuten, aber allein, was man zwischendurch alles sieht, ist super. Joel, einer der Chicagoer Poeten, hat es ganz richtig gesagt: Chicago sieht irgendwie sehr real aus. Ein bisschen heruntergekommen, aber gleichzeitig unglaublich toll und echt. Fun Fact: Ein Ticket für 3 Stunden kostet 2 Dollar und 25 Cents, ein Tagesticket 5 Dollar 75 Cents.

Ich weiß nicht, ob das hier typisch Chicago ist, aber es gibt diese hölzernen Treppen hinten den Häusern fast überall. Die meisten sehen ein bisschen verbraucht aus, genauso wie die Metroschienen ausschließlich auf riesigen Holzbauten verlegt sind und die Bahnsteige komplett aus alten Holz bestehen. Aber es hat irgendetwas, muss man sagen. Immerhin hat so jede Wohnung einen Vor- und Hintereingang und eine kleine Terrasse für sich.
Eigentlich hatte Molly, eine andere Chicagoer Poetin des SpeakEasy-Ensembles uns und den Allen-Earnstyzz-Jungs angeboten, uns das Chicago Art Institute, die große Gallerie zu zeigen, weil sie so sehr art enthusiastic ist. Allerdings sind die Allen-Earnstyzz-Jungs mittlerweile nicht so sehr dafür bekannt, dass sie ihren Keller im Poets House am Logan Square allzu oft verlassen (zugegeben, sie haben auch die ganze letzte Woche, in der wir noch nicht da waren, praktisch nur proben müssen), bzw. wenn dann zumindest nicht am Vormittag. Also meinte Molly, sie würde einfach allen, die sich um 10.30 Uhr am Art Institute einfinden, eine kleine Führung geben. Wir haben es rechtzeitig geschafft. Die Anderen natürlich auch, wenn auch erst anderthalb Stunden später, aber das ist okay.

Falls ich es noch nicht geschrieben habe: Chicago ist Gotham City. Wirklich. Batman begins und The Dark Knight wurden zu großen Teilen hier gedreht und es sieht wirklich so aus, wie man es aus dem Film kennt. Diese rostigen Eisenbahntrassen gehören zu den EL-Trains, die eine große Schleife rundum die City fahren, den so genannten Loop. An irgendeiner Stelle gibt es auch drei Trassen übereinander, aber die habe ich leider noch nicht zu Gesicht bekommen. Außerdem soll es diese berühmte Unterführung geben, wo eine Straße direkt unter den Skyscrapern entlang geführt wird (ich sage nur: Dort, wo Batman in The Dark Knight mit seinem Bike durchfährt).
Die Fun Facts: Die Vorwahl von Chicago ist 312. Oprahs erste Fernsehsendung wurde hier produziert. Die Chicago Transportation Authority (CTA) befördert am Tag etwas 1,5 Millionen Fahrgäste. Zum vergleich: In Leipzig (grob 1/5 der Einwohner) sind es etwa 350.000 Fahrgäste pro Tag. Die ältesten Trassen stammen von 1982.

Das Art Institute ist super. Aber man sollte ein bisschen mehr als die zwei Stunden, die wir im Endeffekt Zeit hatten, ehe es spontan wieder zu Proben ging, mitbringen. Im Art Institute kann man das berühmte Hopper-Gemälde Nighthawks bestaunen, ebenso wie das American-Gothic-Bild, einen van-Gogh, einige Picassos, Braques, Beckmanns, Ernsts und viele andere Gemälde. Am besten ist, man schließt sich keiner der schrecklichen guided tours an, denn die sind unendlich hektisch und laut.

Mich als kleinen Gerhard-Richter-Fan hat es natürlich besonders gefreut, dass es auch ein paar Bilder von ihm in Chicago gibt. Da ich davon ausgehe, dass Herr Richter von Blog mit großer Akribie verfolgt, sei er hiermit herzlich gegrüßt. Über einen kleinen Hallo!-Kommentar würde ich mich sehr freuen. Es gibt ziemlich viele der unscharfen Bilder dort, unter anderem die berühmten Kerzen.
Die Proben liefen erwartungsgemäß prima. Wir hatten ein bisschen Zeit, unseren üblichen Internetkram zu erledigen und mussten dann mit Andre aus Luzern, der auch gerade für fünf Monate in Chicago ist und an der Show am Samstag beteiligt ist, unsere Übersetzungen für den Tabu-Text finalisieren, was selbstverständlich reibungslos verlief. Mit dem Resultat können wir wirklich zufrieden sein. Später sollten wir uns alle zur Poets Bus Tour durch Chicago treffen, sodass wir spontan noch unseren Gewürz-Text in gekürzter Form ins Englische übersetzt haben (leider kamen wir dank Regen dann doch nicht dran, aber wir werden den Text einfach am Sonntag in der Green Mill, dem Geburtsort des Poetry Slams, vortragen).
Mit Marc ist es nachwievor total super. Es ist toll, sich mit ihm über eine seine Idee hinter dem Slam zu unterhalten. Dass es eigentlich nachwievor "nur" eine Möglichkeit für jede und jeden sein soll, sich auszuprobieren, weiterzuentwickeln und am Ende mit irgendeiner kreativen Neuerung weitermachen zu können. Dass einem dabei die Professionalisierung des Slams manchmal in die Quere kommt, ist natürlich schade.

Wie gesagt: Chicago = Gotham City, dem entsprechend geht es hier praktisch überall nur um Batman, gerade weil der neue Film heute (also mittlerweile gestern) in den amerikanischen Kinos anlief. Noch haben wir ihn leider nicht sehen können, da alle Tickets in der Stadt ausverkauft sind (klingt komisch, is aber so). Wahrscheinlich gucken wir den Film am Sonntag. Immerhin noch vor allen Leuten außerhalb der Staaten, was wir ziemlich cool finden. Und wie das Bild richtig sagt: Es ist ein riesiger Hype rund um diesen Film. Schon am Abend sah man überall Menschen mit Batman-Masken herumlaufen, die man anscheinend bekommt, wenn man den Film guckt.

Kulturelles Ereigniss der Extraklasse: echte Chicagoer deep dish pizza, d.h extradicke Pizza, die mit allerlei Zeug je nach Wunsch gefüllt wird. Unsere Riesenpizza, von der fünf Leute satt wurden, hatte Käse, italienische Wurst und Pilze und kostete 40 Dollar. Sie war wahnsinnig lecker, obgleich man nach anderthalb slices wirklich wirklich wirklich voll ist. Die deep dish pizza wurde in Chicago erfunden und ist etwa 5-6cm hoch. Angeblich gibt es einige Restaurants, wo sie noch viel viel toller ist, aber da wir faul waren, haben wir uns einfach vom angeblich besten Lieferservice beliefern lassen.
Und dann kam die Bus Tour. Die Tour ist eine der hinführenden Veranstaltungen zu der deutsch-englischen Veranstaltungen am Samstagabend. Vorher haben wir noch ein Treffen mit den Konsulat (famous famous), aber bis dahin müssen wir erst noch den ganzen Freitag und Samstag hindurch proben.

Unsere tour guides waren Joel und Tim, letzterer gehört zu unseren Partnern, mit denen wir unsere Texte für die Show neu inszenieren und einstudieren. Die beiden erzählten praktisch nur Quatsch zu allen möglichen Sehenswürdigkeiten, zwischendurch gab es ein paar Stops, wo der ein oder andere Poet etwas vortrug und so weiter. Das schwarze Gebäude dort ist das Hancock Building. Insider-Tipp: Lieber dort auf die Aussichtsplattform gehen, als auf den Willis-(früher Sears-)Tower. Denn das Hancock Building ist kostenlos, hat die bessere Aussicht und hat oben eine Bar.

Die Tour war der Wahnsinn. Erstens weil man die City im Dunkeln zu Gesicht bekam, zweitens, weil alle Mitfahrenden mit der Zeit immer ausgelassener wurden und bspw. an Straßenecken wartendte Pärchen lautstark zum Rummachen animierten und drittens, weil der Busfahrer einfach wie ein Henker durch die Straßen und über die Expressways jagte, dass man dauernd Angst haben musste, gleich aus dem Doppeldeckerbus zu fallen.
Habe ich schon erzählt, dass ich mir beim farmers market Mais gekauft habe und mir keiner der Amerikaner glauben will, dass ich das Zeug roh esse? Glauben die einfach nicht. Seither reden sie sich ein, dass ich Zähne aus Stein hätte. Aber der Mais schmeckt gut. So viel dazu.
Morgen, sprich heute, sind ganztags Proben angesetzt. Wer weiß, wie lang wir brauchen werden. Abends gibt es wieder eine der hinführenden Shows, diesmal namens "Real Talk". Wir sind gespannt.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.








