killing me slimy

13. Oktober 2010, Litritscher

 


Foto von roobarb!

Wenn ich Eric regelmäßig nachts durch eine Zimmerdecke und eine Wand schnarchen hören kann, dann muss ich ihm mit meinem Husten mittlerweile schlaflose Nächte verschaffen. Ich weiß nicht, was sich dort in mir abgelagert hat, aber ich wäre erleichtert, wenn es nicht mehr dort wäre. Mein Hals ist ein einziges Schlachtfeld in puterrot, Nasenhöhlen und Rachen brennen wie Feuer und wenn der scheussliche, jeden Gedanken zermahlende Druck in meinem Kopf durch einem gezielten Stich mit einer langen Nadel weichen würde, ich würde sofort zustechen. Fast hat es überhaupt keinen Zweck mehr, Nasenspray oder solche Witze zu verwenden, wenn man nach dem Putzen sofort merkt, wie der Schleim nachrutscht, als hätte ich einen unsichtbaren Schleimtank in meinem Kopf, dessen Existenz mir bisher verborgen geblieben war.

Normalerweise weiß ich Krankheiten bestens und sofort contra zu geben. Wenn sie anbranden, habe ich ein ausgeklügeltes und lang erarbeitetes Konzept aus einem heißem Bad, warmen Klamotten, einer Wärmflasche, frühem Schlafengehn und viel viel Tee, das nur selten seine Wirkung verfehlt. Demnach ist es auch völlig legitim, dass ich den ganzen chemist's shops und pharmacies jetzt die Schuld daran gebe, dass ich trotz meiner Mühen nicht einmal meinen Kopf drehen kann, ohne dass Beine, Hals und natürlich der Kopf selbst eine Schmerzsimulation in meinem Gehirn ablaufen lassen, die ihresgleichen sucht.

Eric sagt, dass ich übertreibe und wäre zu wehleidig. Ich habe ihm davon erzählt, wie schön die Sonnenaufgänge sind, wenn man sie nicht vernebelt von zu vielen Pints auf einer Bushaltestellenbank, sondern am eigenen Fenster nahe der Heizung miterlebt. Ich schaue sie mir an, habe ich gesagt, weil ich vor lauter Husten nicht schlafen kann. Da kenne er noch jemanden, dem es so geht, hat Eric gesagt und sich außerdem geweigert, Henry, meinem Freund von der Selbstbedienungskasse bei Tesco, in meiner Abwesenheit Grüße zu bestellen.

In ein paar Tagen werden sie uns das Telefon und den Internetanschluss abstellen, das heißt, vielleicht auch nicht. Wenn alles gut geht, werde ich gar nicht mitbekommen, dass etwas passiert. Irgendwann nachts werden sie fast nahtlos den alten Anschluss ab- und den neuen zuschalten. Morgens wird Eric die neuen Daten in den Router eintippen und ehe ich aufwache, läuft alles wie gewohnt. Aber das wird sicher nicht so einfach, darum stelle ich mich schon jetzt darauf ein, dass mein Notebook bald gänzlich nutzlos für mich sein wird.

Nur wer weiß, ob das für mich dann überhaupt noch von Belang sein wird.

 


Foto von -nathan

Als ich die Tür des Kühlschranks öffne, schweben mir weiße Wölkchen entgegen, die große Augen aus kondensiertem Wasser an den Schränken hinterlassen. Eric muss letzte Nacht am Thermostat gespielt haben, mein Essen ist zu einem Block gefroren. Ich entferne die Verpackung samt die Schutzfolie und probiere mein Glück mit der Mikrowelle. Aus dem Wohnzimmer dröhnt die englische Version von Der schwächste fliegt. Für mich macht es überhaupt keinen Sinn, englische Game Shows zu schauen, denn ich kann keine einzige Frage beantworten, weil ich von alledem, was hier als Allgemeinwissen gilt, keine Ahnung habe. Die Teilnehmer scheinen nicht ganz so schlimm zu sein, wie im deutschen pendant, die Moderatorin kommt sogar noch ohne Push-Up-BH und tiefen Ausschnitt aus. Vorm großen Wohnzimmerfenster checkt einer der Nachbarn unsere Mülltonnen. Es ist fast Monatsende, Zeit für die meisten von ihnen, nach Entlastung für die eigenen überquellenden Tonnen Ausschau zu halten. In der Küche knallt es, mein Shephard's Pie ist explodiert.

Es tut ihm sehr leid, sagt Eric und schaut mir noch eine ganze Weile beim Putzen der vielen Rillen und Löchlein in der Mikrowelle zu. Aber eigentlich scheint er nur so lange bei mir zu stehen, um mir von dem rothaarigen Mädchen erzählen zu können, dass er angeblich erst kürzlich abgeschleppt hat. Während er redet, geht er ununterbrochen in der Küche auf und ab, too keep myself warm, wie er sagt. Vielleicht hat es gar nicht am Kühlschrank gelegen, sondern einfach daran, dass wir seit Tagen kein Geld mehr auf der Gaskarte haben und sich niemand verantwortlich zeichnet, sie aufzuladen und die Heizung zum Leben zu erwecken. Beim reden reibt er sich die Hände, sagt hin und wieder "Hoho!" und wedelt seine dürren Finger durch die kalte Küchenluft. "When?", frage ich und meine irgendwie gleichzeitig Gas und Mädchen. "When's your class?" "Logic?", frage ich. "Yes" "Wednesday afternoon!", sage ich. "Wednesday afternoon then!" Ein rothaariges Mädchen, sagt er, mit festen Brüsten und roten Haaren, gut, dass niemand von uns da gewesen sei.

Das Schöne an logic ist, dass sie keinerlei gut ausgebildetete Redegewandtheit erfordert. Früher hatte ich ein Buch namens "In Mathe war ich immer schlecht", darin schwärmte der Autor von der Sprachunabhängigkeit der Mathematik. Und indem ich Quantoren beseitige, umstelle und Prädikate nach Gutdünken verteile, merke ich selbst, was er damit gemeint haben muss. Ich kenne noch so gut wie niemanden hier, nur Josh zum Beispiel. Schon in der ersten Vorlesung haben wir uns irgendwie darauf geeinigt, dass man Philosophie einfach studiert haben sollte, ohne dass wir selbst in irgendeiner Weise Ahnung von ihr gehabt hätten. Ich Politik/Philosophie, er Physik/Philosophie, ich löse seine wöchentlichen tests in der Pause, er erklärt mir, wie englische Politik funktioniert. Manchmal laufen wir nach den ersten anderthalb Stunden schnell rüber zur Mensa und essen klebrige Dinge aus großen Metallschalen, die beim Transfer von Kelle zu Teller ein Geräusch von sich geben, das einem langsam von der Haut abgezogenen Pflaster gleicht. Es ist bald November und Eric sagt, wenn es noch kälter wird, könnte der Regen bald zu Schnee werden. In der Vorlesung habe ich eine Rothaarige gesehen, aber sie sieht nicht aus, als würde sie die Veranstaltung wegen Eric verpassen wollen.

 


Foto von zawtowers

In dem winzigen Chinatown, das angeblich das zweitgrößte Englands ist, wird chinesisches Neujahr gefeiert. Von Piccadilly Gardens aus kann man die Portland Richtung Oxford Street herunter das zunehmende Rot erkennen, das dort alles kennzeichnet. Die Karten und Ladenschilder sind zweitsprachig, manchmal dreisprachig, soweit ich das beurteilen kann und vor den Kellerlädchen sitzen alte Männer mit ruhigen Gesichtern auf durchgescheuerten Stühlen, so als würden sie abends einfach mit den Werbeschildern wieder im Verkaufsraum verstaut und am kommenden Morgen wieder aufgestellt werden. Irgendwann steigen von dem kleinen Platz zwischen Faulkner und Nicholas Street hunderte roter Ballons lautlos in den Himmel, nach ein paar Sekunden des Steigens hält sicherlich die ganze Stadt ein paar Momente lang inne. Vielleicht denkt man, dass es ein schöner Brauch ist und nur ein paar Kinder fragen, was mit den Ballons passiert, wenn sie von unten an die Wolken stoßen, die jetzt wieder dichter werden. Überall kann man vom Bus aus die roten Laternen sehen, die zum Neujahrsfest aufgehängt wurden und sich wie ein Netz durch alle Stadtteile ziehen, nur ab dem Crowcroft Park sind es die Tesco-Tüten, die wie weiße Geister in den Bäumen gondeln und das Rauschen der Blättern nachahmen.

Als ich abends aus dem Fenster schaue, senkt sich die Sonne über den ewig gleichen Straßenreihen, deren Backsteinrot im Licht so schön glimmt, als würde das ganze Viertel schwelen. Und während ich rauchend am Fenster stehe und immer noch einen Zug nehme, bis mir mit einem Mal die heiße Luft eine Kerbe in die Lippe brennt, beendet sich mein Tag von selbst. Durch das geöffnete Fenster schwappt es quer über den Schreibtisch, färbt ihn schwarz und bringt die Gewichte, die sich wie dicke Schals auf meine Schultern legen. Meine Knie brechen weg, weil ich nur noch Resonanzkörper bin, das Vibrieren des Handys kann ich bis in die Fingerspitzen hören, aber ich nehme nicht ab. Mein Atem geht viel zu schnell und die Haut, die ich von meinen Fingern ab beiße, wird schon dünn, bis sich kleine Risse mit Blut füllen, die sich in ein paar Tagen entzünden und bei allen Bewegungen schmerzen werden. Ich mochte die Backsteinmauern, ich mag die Gegend und all das, warum muss mir immer wieder aus einander brechen? Das Handy vibriert, ich nehme ab.

Der Laden ist gänzlich weiß gekachelt, es sieht wie in einer großen Tiefkühltruhe aus. Mein Fisch ist soaking wet vom Essig und dampft bis hoch zu den Lampen, aber das coating hält. Wir reden nicht mit einander, während wir essen. dafür verstehen wir uns zu gut. Man muss ein ganzen Stück die Stockport Road Richtung Ortsausgang laufen, ehe man hier ist, aber es lohnt sich. Die Verkäuferin stemmt ihre dicken Arme auf die Theke und schaut interessiert dabei zu, wie sauber die germans den Fisch zerschneiden und fragt gleich mehrfach, ob Fisch und Essig wirklich etwas Neues für uns sei. Irgendwo zwischen den bookies und Iceland muss es von mir abgefallen sein und ich halte kurz inne und schaue auf die Straße, nur um mir kurz bewusst zu machen, dass es wirklich so ist. Denn es kommt ohnehin wieder.

Später ahne ich noch draußen den hohen und mehrfach nach unten gestaffelten Rang des Apollo theatres, das Rot auf dem Holz und die breiten Holzstränge, die sich vom Boden nahe der Bühne bis unter die Decke winden und die goldenen Wirbel dort oben begrenzen. "You know, when it's all going down, you gotta go back up on your own!" sagt sie beim Kreisverkehr und ich frage mich, ob das grammatikalisch überhaupt korrekt war, aber darum es nicht. Wenn es dir nicht gegeben ist, einschätzen zu können, wann du zu viel allein gewesen bist, dann ist es besser, im Zweifelsfall lieber einmal zu oft unterwegs gewesen zu sein, vielleicht meint sie das. Im Bus reißt die Müdigkeit meinen Mund auf und saugt Luft in mich hinein. Meine Augen zeigen einen Stop-Motion-Film, jeder Sekunde fehlen ein paar Bilder, aber die Story bleibt erkenntlich. Mein Atem ist warm und kondensiert am Grün der Haustür.

versprochen

31. August 2010, Litritscher

 


Bild von xiaming

Das Handy führte ihn zuverlässig in die Rue Gabrielle. Mit grünen Ranken behangenen lag das Haus neben einem kleinen Lebensmittelladen, über die sandsteinfarbenen Häuser konnte man nicht weit entfernt die Türme der Sacré-CÅ“ur erkennen. Er zog seinen Koffer auf den Treppenabsatz, drückte die Kombination für das Außentor auf der kleinen Tastatur und eine kleine Lichtwelche rollte über das Display, ehe das Schloss aufsprang und den Weg zur Haustür freigab. Nachdem er die zweite Kombination eingegeben und sein Gepäck durch den schmalen Durchgang des Vorderhauses gezogen hatte, stand er im Innenhof. Das Hinterhaus sah weitaus verfallener aus als das vordere, in allen drei Stockwerken standen die Fenster weit offen, aus dem ersten Stock klang ein ruhiger Chanson, von dessen Inhalt er kaum etwas verstand, dahinter Gemurmel und Gelächter.
"Hallo?", rief er mit nach oben gestrecktem Kinn aus dem Hof hinauf.
Die Musik wurde leiser und ein dünner junger Mann streckte sich aus dem Fenster. Seine Haare waren pechschwarz und seine karamelfarbene Haut machte sein weißes Unterhemd strahlen. Er sah sich um und dann in den Hof, lächelte und die schwarzen Stoppeln in seinem Gesicht zogen sich zu den Seiten.
"Ah, du bist Sebastien!", rief der junge Mann grinsend.
"Adem?"

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Bild von dacran

"Alter, eine Woche kostenlos da wohnen, dann ist das doch ein unschlagbares Angebot!", sagte Thomas noch einmal, "Das muss man mitnehmen!"
"Ja", sagte ich, "Hast schon recht."
"Natürlich hab ich recht, besser geht's doch gar nicht, wir brauchen nur Essen und Trinken bezahlen!"
Die Schlange rückte mit aberwitzig vielen Schritten ein winziges Stück weiter vor, ich blieb stehen und sah noch einmal zurück zur Gepäckaufgabe, Thomas bemerkte es.
"Mach dir nicht ins Hemd, man!"
"Schon gut", sagte ich und blickte wieder ins Leere. Keine zehn Kilo hatte der Koffer gewogen, wir konnten ihn nicht öffnen, weil wir die Zahlenkobination nicht kannten und wussten also auch nicht, was drin war. Die Frau hinter der Waage hatte nur gelächelt und mit der Hand über die rote Schleife am Griff gestrichen, als ich das Hartschalenmonster einhändig aufs Band gehoben hatte.
"Ist nur ein Freundschaftsdienst, so sparen die ja auch Geld!", sagte Thomas.
"Ja, ja", wir waren an der Reihe, ich begann, Gürtel, Portemonnaie, Handy und so weiter in eine der Plastikschalen umzuschichten, Thomas zeigte auf die Duty-Free-Läden.
"Ob die da drin Pudding haben?"

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