Prolog
Mein Kumpel Maik hat jetzt eine Freundin. Seit unserem letzten Klassentreffen,um genau zu sein. Ausgerechnet eine von früher .Seine Freundin ist jetzt die Sabine. Und das sei auch so schön mit der Sabine. Richtig verliebt sei sie in den Maik, hat sie gesagt, die Sabine oder Hitler, wie wir sie zu Schulzeiten immer nannten, bevor sich aus heiterem Himmel Maiks Meinung über sie änderte, als er beim Klassentreffen auf ihre Brüste aufmerksam wurde. So eine zauberhafte und von allen geliebte Meg Ryan, die nach jeder Klassenarbeit jammerte „Oh nein, ich war total schlecht, ich krieg bestimmt ‘ne Fünf!“, und dann zur Überraschung aller eine Eins und den Nobelpreis verliehen bekam. Selbst als sie am Ende die Urkunde für das beste Abitur des Jahrgangs bekomme hatte, hatte sie noch die Überraschte gespielt. „Was? Durchschnitt 0,9? Dabei waren die 15 Punkte in Wirtschaft echt nur Glück!“
Wo soll das nur hinführen? Zusammenziehen? Heirat? Jack Wolfskin-Jacken im Partnerlook? Womöglich noch ein Kind, zu dem Sabine eh nur sagen würde: „Was? Ich? Ein Baby kriegen? Nein, das stirbt doch sicher vorher, sowas kann ich doch bestimmt gar nicht.“
1. Akt
Sonntag. Nur noch ein Tag, dann beginnt die Prüfungszeit. Ich erwarte meinen Kumpel Maik zum gemeinsamen Lernen. Als ich die letzte Bierflasche im Kühlschrank verstaut habe und gerade die Xbox anschließen will, klingelt es.
Ich öffne die Tür. Maik ist nicht allein.
„Hey“, sagt Maik, „Ich hoffe es ist ok, dass ich die Sabine mitgebracht habe.“
„Heyyyyyy“, sagt Sabine, „Ich hab sogar einen eigenen Controller dabei!“
Ich schließe die Tür.
Maik ist jetzt also ein toter Mann. Ich ziehe mein Handy aus der Tasche und lösche seine Nummer aus meinem Adressbuch. Dann setze ich mich an den Computer und verlinke wahllos Fotos vom letzten Wochenende mit seinem Facebookprofil. Wollen doch mal sehen, wie viel Vergangenheit so eine Beziehung aushält. Kriegt er wahrscheinlich eh nicht mit. Hat ja keine Zeit mehr. Schließlich muss er jetzt dauernd so Pärchenkram machen. Völlig abgefahrene Fahrradtouren über irgendwelche Kappstraßen oder pausenlose perverse Partnerspiele treiben, wie Raclette-Essen, Erasmus-Sprachtandems oder sowas Abgespactes. Und am Ende steht immer ein total flippiger Tanzkurs, um die Beziehung zu retten.
Plötzlich klingelt mein Handy. Ich kenne die Nummer nicht und beschließe, mich höflich mit: „WHASSUUUP?“ zu melden.
„Hey André“, sagt Maik.
„WHASSUUUP?“, sage ich.
„Die Sabine und ich, wir haben überlegt, ob wir vielleicht mal einen schönen Raclette-Abend machen wollen?!“
Ich lege auf.
„Freundinnen sind doch scheiße!“, rufe ich in den Raum.
„Ey!“, ruft meine Freundin aus dem Nebenzimmer.
Huch, hatte ich ganz vergessen. Ist auch schon eine Weile her, dass wir uns das letzte Mal gesehen haben. Wenn ich mich recht erinnerte, war sie gerade für ein Jahr im Ausland oder so. Aber so ist das eben, wenn eine Beziehung einfach funktioniert. Außerdem sieht sie so süß aus, wenn sie in ihrem Neckholder-Kleid auf der Couch sitzt und Wodka aus der Flasche trinkt.
„Wir könnten ja mal einen Tanzkurs machen“, ruft meine Freundin, „Nur wir beide, um mal ein bisschen Zeit nur für uns zu haben.“
Dann brechen wir beide in schallendes Gelächter aus, öffnen jeweils ein neues Bier und spielen weiter Fußballmanager 2012.
2. Akt
Eine Woche später befinden wir uns Park und gehen spazieren. Eigentlich hassen wir diesen Pärchenkram, aber da wir zu unserer Belustigung in Knöchelhöhe Stolperdraht rund um den Spielplatz gespannt haben, ist Unauffälligkeit geboten. Das Gesicht meiner Freundin ist von Ekel überzogen, weil wir uns an den Händen halten müssen. Dann kommt endlich das erste Kleinkind. Es rennt freudestrahlend auf den Spielplatz zu und überschlägt sich kreischend.
„9,8 in der B-Note“, ruft meine Freundin begeistert.
„Wir sind so böse“, sage ich und gebe ihr High Five, während ich das Handyvideo bei YouTube hochlade.
„Na da schau einer an, das ‚Alles, bloß kein Pärchen sein‘-Pärchen“, ruft jemand.
Maik und Sabine stehen grinsend vor uns.
„Na, wie geht’s euch, ihr Süßen? Habt ihr Lust, mal was Schönes zu unternehmen? So draußen sitzen und Caipi trinken vielleicht?“, tiriliert Sabine.
Währenddessen kommt das zweite Kind angerannt, überschlägt sich und bremst mit dem kleinen knuffigen Gesicht auf dem Asphalt.
Fröhlich und mit Tränen in den Augen umarme ich meine Freundin und lade nebenbei das Video bei YouTube hoch.
„Wie könnt ihr nur so böse sein? Guck doch, die süßen kleinen Patschehändchen.“, ruft Maik.
Meine Freundin muss sich übergeben. Ich halte ihre Haare, sie gibt mir High Five.
Mittzwanziger-Männer, die nicht selbst Väter sind und trotzdem eine regelrechte Faszination für Babies entwickeln, sind mir seit jeher äußerst suspekt. Und wenn man es recht bedenkt, sind es erstaunlicherweise genau jene Typen, die schon in der Schule lieber Seilspringen machten, als mit den Anderen Völkerball zu spielen.
Beim Völkerball waren die Fronten noch klar. Die da drüben, das waren die Feinde und die mussten sterben. Und als erstes waren immer die Mädchen dran. Rückblickend können sie einem dafür schon leid tun, wenn man bedenkt, wie unsanft ihre kleinen Körper manchmal aufs Parkett klatschten, nachdem ihnen ein Ball aus zweiter Entfernung für ein paar Sekunden die Lichter ausgeknipst hatte. Aber was sollten wir auch Anderes tun, wenn uns noch nicht gegenseitig per Facebook verspotten konnten, weil Facebook noch nicht erfunden war.
„Ihr seid so intolerant!“, nörgelt Sabine.
Meine Freundin streift sich einen Schlagring über, ich halte sie zurück.
Was Sabine damit sagen will: Ihr mögt keine Kinder, ihr seid scheiße. Klingt ja total tolerant. Zugegeben, das mit dem Stolperdraht war vielleicht übertrieben. Mittlerweile hat sich eine ganze Mauer verletzt herumliegender Kleinkinder rund um den Spielplatz gebildet. Aber es ist immerhin konsequenter, als im März unterm Heizpilz zu sitzen und guten Gewissens die Grünen zu wählen.
Plötzlich erklingen Polizeisirenen. Eine Horde aufgebrachter Eltern kommt spielzeugschwingend auf uns zugerannt und will uns verprügeln.
„Das waren die!“, brüllt Sabine und zeigt auf uns.
Genüsslich lässt meine Freundin ihre Halswirbel knacken und holt aus. Als sie Sabine direkt am Kinn erwischt, leuchtet ihr Stimmungsschlagring in bunten Farben. So glücklich sieht man sie selten. Maik nehme ich beseite und erkläre ihm leise, dass die Sache mit Sabine wirklich keine gute Idee war.
Epilog
„Zu mir oder zu dir?“, säuselt meine Freundin, als wir auf der Rückbank des Polizeiautos sitzen.
„Zu uns“, ruft einer der Polizisten,„Und hören Sie auf, so mit den Handschellen zu klimpern.“





