
Foto von quinn.anya
„Hier entsteht ein neuer BASE Shop“, steht auf dem Schild des Ladens, der gestern Nacht noch der Leipziger Burgermeister war. Verdammte Handyläden, denke ich und taumle weiter Richtung Heimat. Mein T-Shirt ist zerrissen und ich sehe wahrscheinlich nicht gut aus. Offensichtlich habe ich mal wieder den Alkoholischen Imperativ völlig missachtet: “Trinke stets so, dass du die Fotos und Videos vom letzten Abend auch deinen Eltern zeigen könntest!”
Als ich die Treppe unseres Hauses nach oben wanke, erkenne ich eine dunkle Gestalt, die sich gerade an meiner Wohnungstür zu schaffen macht.
“Ey!”, rufe ich.
“Hau ab, hier bin ich schon!”, ruft die Gestalt.
“Versuchst du da grad, in meine Wohnung einzubrechen?”
“Oh, Tschuldigung, ist das Ihre?“, fragt der Kerl.
Er sieht sogar noch übler aus als ich. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich denken, dass Pete Doherty da gerade versucht, meine Wohnungstür zu knacken. Leipzig, Hauptstadt der Einbrüche und Raubüberfälle, eigentlich war es ja nur eine Frage Zeit, bis es auch mich trifft.
Sichtlich unruhig rappelt sich der Typ auf und verfällt sofort in sein übliches Schema.
„Eh, eh“, stammelt er, „Eh, mir fehlen noch ein paar Euro für ein Ticket nach Dresden, könnten Sie mich vielleicht mit 1 oder 2 Euro unterstützen?”, murmelt er.
„Willst du mich verarschen?“
„Ich nehm auch Scheine!“
Er macht nicht einmal Anstalten, abzuhauen. Auf alles wird man in diesem Leben vorbereitet, gegen alles kann sich schützen, sogar meinen Arsch könnte ich mir für 100.000 Euro versichern lassen, was zweifelsohne gerechtfertigt wäre, aber was man tun soll, wenn der Einbrecher nicht einmal von selbst gehen will, das sagt einem niemand.
Ein paar Minuten später sitzen wir in der Küche. Ich hatte mir nicht zu helfen gewusst und ihn auf einen Kaffee eingeladen. Das machen doch alle so, wenn sie nicht weiter wissen, Kaffee.
„Und du bist so richtig drogensüchtig?“, frage ich.
„Bundesliga quasi“, sagt der Typ, der sich mir als Maik vorgestellt hat, „Absolut top-notch, Champions League vielmehr.“
„Und wie viel Geld braucht man da so am Tag?“
„100, 200 pro Tag. À propos, Sie hätten nicht zufällig ein oder zwei Euro für mich? Mir fehlt noch etwas für ein Ticket nach Magdeburg.“
„Ruhe jetzt“, sage ich, „Ich stell mir das ziemlich schwierig vor.“
„Ach, am schwierigsten ist es, sich ständig neue Ortsnamen auszudenken.“
Völlig selbstverständlich greift er nach meinen Zigaretten. Dabei fällt mir auf, dass seine Fingernägel völlig akurrat geschnitten sind, auch seine Zähne sind blendend weiß.
„Ein Gewerbe wie jedes andere auch. Nur die Umtriebigsten kriegen das Geld zusammen und kommen über die Runden. Naja“, lacht er, „Zumindest bis der Gewinn einmal zu groß ist.“
Ich stelle ihm einen Kaffee hin, den er in einem Zug austrinkt. Anschließend lässt er die Tasse in seinem Rucksack verschwinden.
„Ey!“, sag ich, „Du kannst doch nicht vor meinen Augen meine Tasse klauen!“
„Sorry“, sagt Maik, „Berufskrankheit.“
„Warte mal“, sage ich, „Du bist gar kein Junkie, oder?“
„Naja, ist eher mein Zweitjob“, sagt Maik, „Tagsüber bin ich Immobilienmakler, aber da sind die Grenzen ja auch irgendwie fließend.“
Warum hab ich nicht einfach die Bullen gerufen, denke ich. Ich bin viel zu gutmütig. Ständig gebe ich nach und immer endet es zu meinem Nachteil. Unbezahlte Praktika, Freunde, die ich nicht ausstehen kann, zu teure Drogen, irgendwann werde ich mir das Hartz-IV-Geld womöglich gleich selbst bezahlen können. Jetzt heißt es Autorität zeigen, seinen Mann stehen und einfach rausschmeißen den Spinner.
„Ich, ich, ach scheiße, ich geh mal Bier holen“, sage ich und renne aus der Wohnung.
Als ich beim Späti ankomme, stehe ich vor verschlossenen Türen. Außerdem ist der Späti weg. Stattdessen verkündet ein Schild, dass hier in Kürze ein BASE-Laden eröffnet. Ich mache auf dem Absatz kehrt und trotte nach Hause.
„Hätte ich Ihnen auch gleich sagen können“, kichert Maik, als ich wieder in der Küche stehe, „Unser Auftraggeber verfügt über ein flächendeckendes Netzwerk von Geschäftsstellen.“
„Auftraggeber?“, frage ich verwirrt.
„Überlegen sie mal“, sagt Maik.
„Sie arbeiten für BASE!“, rufe ich.
Maik nickt.
„Aber wieso übernehmen die neuerdings alle möglichen Läden?“
„Verstehen Sie es immer noch nicht?“, grinst Maik, breitet die Arme aus und schaut demonstrativ an sich selbst herab.
„Das sind gar keine Junkies!“, sage ich.
„Ein todsicherer Plan“, erklärt Maik, „Tausende als Junkies getarnte Makler überfallen so lange alle Läden der Stadt, bis die Besitzer verängstigt genug sind und freiwillig wegziehen. Anschließend vermitteln wir die frei gewordenen Ladenflächen an Handyläden.“
„Aber wieso Handyläden?“
„Das weiß niemand. Haben Sie schon einmal einen Kunden in einem Handyladen gesehen? Ich auch nicht. Aber die Wege des Kapitals sind unergründlich.“
„Und wieso brecht ihr neuerdings auch in Wohnungen ein?“
„Kleiner Nebenverdienst“, sagt Maik, „Irgendwo müssen die Mitarbeiter ja wohnen.“
Draußen beginnt es zu poltern. Als ich die Tür öffne stehen zwei verwahrloste Junkie-BASE-Mitarbeiter vor mir. „Alles fertig? Können wir einziehen?“, fragen sie.
Ich knalle die Tür zu und stampfe zurück in die Küche. Dort versucht Maik gerade, den Aufkleber mit der Seriennummer von meinem Laptop zu kratzen.
Jetzt reichts. Ich stürme in den Flur und greife nach dem Telefon.
„Herzlich Willkommen bei der Polizei Leipzig. Leider rufen Sie außerhalb unserer Öffnungszeiten an. Sie erreichen uns von Montag bis Freitag zwischen 8 und 20 Uhr.“
Ich lege auf. Was für eine beschissene Welt ist das nur geworden?
„Ja ja, die Polizei, dein Freund und Helfer“, grinst Maik, der plötzlich hinter mir steht, „Völlig überlastet, die Herren. Aber die kriegen wir auch noch.“
„Ihr seid doch pervers!“, schreie ich.
„Irrtum“, sagt Maik, „Die ganze Welt ist pervers. Warum sonst hat man David Garret noch nicht auf einem Scheiterhaufen aus Geigen verbrannt? Warum darf David Guetta noch immer den Musikgeschmack unschuldiger Jugendlicher vergwaltigen? Wir bedienen Bedürfnisse.“
„Vor allem mein Bedürfnis nach Aggression“, höre ich mich sagen, hole aus und schlage zu. Blitzschnell duckt sich Maik mit einer Matrixbewegung weg und mit einem lauten KRRR fliegt meine Faust gegen die Wand.
Ich schaue auf meine verdrehten und höllisch schmerzenden Finger. Fuck, denke ich, sogar meine Knochen sind Weicheier und geben nach. Ich muss ins Krankenhaus.
„Versuchen Sie ruhig ihr Glück“, sagt Maik und grinst schon wieder so ekelhaft.
Im Krankenhaus ist alles normal. Außer dass man mich bedenklich oft fragt, ob ich Interesse an Karten für David Guetta hätte oder noch ein paar Flats hinzubuchen wolle.
Als ich mit geschienter Hand an meinem Haus ankomme, bleibe ich wie angewurzelt stehen.
Vor meiner Haustür ist eine riesige Zeltstadt entstanden, hunderte Menschen in Karohemden und Rahmenbrillen harren in der Kälte und versuchen, sich Espresso-Macchaitos auf ihren mitgebrachten Gaskochern zu fabrizieren, über allem tront ein riesiges Plakat: Hier entsteht in Kürze Leipzigs erster Apple Store.
„Tja“, sagt Maik, der plötzlich wieder neben mir steht, „Der hat aber wirklich noch gefehlt.“

















