Sabine muss weg

24. März 2012, Litritscher

 

Prolog

Mein Kumpel Maik hat jetzt eine Freundin. Seit unserem letzten Klassentreffen,um genau zu sein. Ausgerechnet eine von früher .Seine Freundin ist jetzt die Sabine. Und das sei auch so schön mit der Sabine. Richtig verliebt sei sie in den Maik, hat sie gesagt, die Sabine oder Hitler, wie wir sie zu Schulzeiten immer nannten, bevor sich aus heiterem Himmel Maiks Meinung über sie änderte, als er beim Klassentreffen auf ihre Brüste aufmerksam wurde. So eine zauberhafte und von allen geliebte Meg Ryan, die nach jeder Klassenarbeit jammerte „Oh nein, ich war total schlecht, ich krieg bestimmt ‘ne Fünf!“, und dann zur Überraschung aller eine Eins und den Nobelpreis verliehen bekam. Selbst als sie am Ende die Urkunde für das beste Abitur des Jahrgangs bekomme hatte, hatte sie noch die Überraschte gespielt. „Was? Durchschnitt 0,9? Dabei waren die 15 Punkte in Wirtschaft echt nur Glück!“
Wo soll das nur hinführen? Zusammenziehen? Heirat? Jack Wolfskin-Jacken im Partnerlook? Womöglich noch ein Kind, zu dem Sabine eh nur sagen würde: „Was? Ich? Ein Baby kriegen? Nein, das stirbt doch sicher vorher, sowas kann ich doch bestimmt gar nicht.“

1. Akt

Sonntag. Nur noch ein Tag, dann beginnt die Prüfungszeit. Ich erwarte meinen Kumpel Maik zum gemeinsamen Lernen. Als ich die letzte Bierflasche im Kühlschrank verstaut habe und gerade die Xbox anschließen will, klingelt es.
Ich öffne die Tür. Maik ist nicht allein.
„Hey“, sagt Maik, „Ich hoffe es ist ok, dass ich die Sabine mitgebracht habe.“
„Heyyyyyy“, sagt Sabine, „Ich hab sogar einen eigenen Controller dabei!“
Ich schließe die Tür.
Maik ist jetzt also ein toter Mann. Ich ziehe mein Handy aus der Tasche und lösche seine Nummer aus meinem Adressbuch. Dann setze ich mich an den Computer und verlinke wahllos Fotos vom letzten Wochenende mit seinem Facebookprofil. Wollen doch mal sehen, wie viel Vergangenheit so eine Beziehung aushält. Kriegt er wahrscheinlich eh nicht mit. Hat ja keine Zeit mehr. Schließlich muss er jetzt dauernd so Pärchenkram machen. Völlig abgefahrene Fahrradtouren über irgendwelche Kappstraßen oder pausenlose perverse Partnerspiele treiben, wie Raclette-Essen, Erasmus-Sprachtandems oder sowas Abgespactes. Und am Ende steht immer ein total flippiger Tanzkurs, um die Beziehung zu retten.
Plötzlich klingelt mein Handy. Ich kenne die Nummer nicht und beschließe, mich höflich mit: „WHASSUUUP?“ zu melden.
„Hey André“, sagt Maik.
„WHASSUUUP?“, sage ich.
„Die Sabine und ich, wir haben überlegt, ob wir vielleicht mal einen schönen Raclette-Abend machen wollen?!“
Ich lege auf.
„Freundinnen sind doch scheiße!“, rufe ich in den Raum.
„Ey!“, ruft meine Freundin aus dem Nebenzimmer.
Huch, hatte ich ganz vergessen. Ist auch schon eine Weile her, dass wir uns das letzte Mal gesehen haben. Wenn ich mich recht erinnerte, war sie gerade für ein Jahr im Ausland oder so. Aber so ist das eben, wenn eine Beziehung einfach funktioniert. Außerdem sieht sie so süß aus, wenn sie in ihrem Neckholder-Kleid auf der Couch sitzt und Wodka aus der Flasche trinkt.
„Wir könnten ja mal einen Tanzkurs machen“, ruft meine Freundin, „Nur wir beide, um mal ein bisschen Zeit nur für uns zu haben.“
Dann brechen wir beide in schallendes Gelächter aus, öffnen jeweils ein neues Bier und spielen weiter Fußballmanager 2012.

2. Akt

Eine Woche später befinden wir uns Park und gehen spazieren. Eigentlich hassen wir diesen Pärchenkram, aber da wir zu unserer Belustigung in Knöchelhöhe Stolperdraht rund um den Spielplatz gespannt haben, ist Unauffälligkeit geboten. Das Gesicht meiner Freundin ist von Ekel überzogen, weil wir uns an den Händen halten müssen. Dann kommt endlich das erste Kleinkind. Es rennt freudestrahlend auf den Spielplatz zu und überschlägt sich kreischend.
„9,8 in der B-Note“, ruft meine Freundin begeistert.
„Wir sind so böse“, sage ich und gebe ihr High Five, während ich das Handyvideo bei YouTube hochlade.
„Na da schau einer an, das ‚Alles, bloß kein Pärchen sein‘-Pärchen“, ruft jemand.
Maik und Sabine stehen grinsend vor uns.
„Na, wie geht’s euch, ihr Süßen? Habt ihr Lust, mal was Schönes zu unternehmen? So draußen sitzen und Caipi trinken vielleicht?“, tiriliert Sabine.
Währenddessen kommt das zweite Kind angerannt, überschlägt sich und bremst mit dem kleinen knuffigen Gesicht auf dem Asphalt.
Fröhlich und mit Tränen in den Augen umarme ich meine Freundin und lade nebenbei das Video bei YouTube hoch.
„Wie könnt ihr nur so böse sein? Guck doch, die süßen kleinen Patschehändchen.“, ruft Maik.
Meine Freundin muss sich übergeben. Ich halte ihre Haare, sie gibt mir High Five.
Mittzwanziger-Männer, die nicht selbst Väter sind und trotzdem eine regelrechte Faszination für Babies entwickeln, sind mir seit jeher äußerst suspekt. Und wenn man es recht bedenkt, sind es erstaunlicherweise genau jene Typen, die schon in der Schule lieber Seilspringen machten, als mit den Anderen Völkerball zu spielen.
Beim Völkerball waren die Fronten noch klar. Die da drüben, das waren die Feinde und die mussten sterben. Und als erstes waren immer die Mädchen dran. Rückblickend können sie einem dafür schon leid tun, wenn man bedenkt, wie unsanft ihre kleinen Körper manchmal aufs Parkett klatschten, nachdem ihnen ein Ball aus zweiter Entfernung für ein paar Sekunden die Lichter ausgeknipst hatte. Aber was sollten wir auch Anderes tun, wenn uns noch nicht gegenseitig per Facebook verspotten konnten, weil Facebook noch nicht erfunden war.
„Ihr seid so intolerant!“, nörgelt Sabine.
Meine Freundin streift sich einen Schlagring über, ich halte sie zurück.
Was Sabine damit sagen will: Ihr mögt keine Kinder, ihr seid scheiße. Klingt ja total tolerant. Zugegeben, das mit dem Stolperdraht war vielleicht übertrieben. Mittlerweile hat sich eine ganze Mauer verletzt herumliegender Kleinkinder rund um den Spielplatz gebildet. Aber es ist immerhin konsequenter, als im März unterm Heizpilz zu sitzen und guten Gewissens die Grünen zu wählen.
Plötzlich erklingen Polizeisirenen. Eine Horde aufgebrachter Eltern kommt spielzeugschwingend auf uns zugerannt und will uns verprügeln.
„Das waren die!“, brüllt Sabine und zeigt auf uns.
Genüsslich lässt meine Freundin ihre Halswirbel knacken und holt aus. Als sie Sabine direkt am Kinn erwischt, leuchtet ihr Stimmungsschlagring in bunten Farben. So glücklich sieht man sie selten. Maik nehme ich beseite und erkläre ihm leise, dass die Sache mit Sabine wirklich keine gute Idee war.

Epilog

„Zu mir oder zu dir?“, säuselt meine Freundin, als wir auf der Rückbank des Polizeiautos sitzen.
„Zu uns“, ruft einer der Polizisten,„Und hören Sie auf, so mit den Handschellen zu klimpern.“

 


Foto von quantum bunny

Dass ich nie wieder weit ab vom Stadtzentrum wohnen will, wusste ich spätestens seit der ersten dreißigminütigen Busfahrt nach hier draußen. Trotzdem sind die meisten Leute, die ich kenne, froh darüber, gerade nicht dort wohnen zu müssen, wo die IRA-Provos vor mehr als zehn Jahren Marks & Spencers sowie das halbe Arndale Einkaufszentrum zerlegt haben. Sie sagen, es wäre ruhiger hier, sicherer und so weiter. Keine Jugendlichen, die jeden Freitag und Samstag sturzbetrunken durch die Straßen wanken und in die Nachtbusse kotzen. Keine Schwärme von Mädchen, die für das letzte 1-Pfund-Top bei Primark zu töten bereit sind. Dafür die Alten, die sich zwar durchaus aufrecht am Tresen halten können, aber allabendlich von ihren verheulten Frauen aus den Pubs nach Hause gezerrt werden, während die Barkeeper weiter anschreiben.

Im Grunde wohnt niemand umsonst hier. Entweder man arbeitet in der Nähe und sucht sich zähneknirschend eine Wohnung im Viertel, oder es ist anderswo einfach viel zu teuer. Bei Iceland kann man sich ziemlich billig mit allerlei Fertiggerichten eindecken, ohne je die Ein-Pfund-Marke pro Stück überschreiten zu müssen. Nur, wer noch etwas auf sich hält oder wenigstens den Schein wahren will, geht zu Tesco. Bioläden haben wir nicht. Es ist nicht hip, hier zu wohnen. Entweder du gehst du Iceland oder zu Tesco, so läuft es.

Auch, wenn es romantisch wäre, wird man hier keine großen Existenzen finden. Gescheiterte, en masse, groß Gescheiterte, ganz sicher, aber vielleicht keine Großen. Es wird jetzt wieder später dunkel. Draußen, vor meinem Fenster, im Hof, spielen schon die Nachbarskinder. Ich hingegen verteile meine Zeit großzügig auf das Nichts. Und es ist ok, wenn ich nichts tue. Dafür habe ich noch nie geträumt, vor dem Fernseher zu sitzen, zum Glück.

Henry, mein indischer Freund von der Tesco-Selbstbedienungskasse, geht nie zu Tesco, obwohl er dort Prozente kriegt. Er sagt, er kauft sein Essen bei so einer Art indischem Tante-Emma-Laden, in dem ich nie einkaufen könnte, weil ich kein Hindi spreche. Ich für meinen Teil ernähre mich nachwievor vom Billigregal, auch wenn die Speisekarte in letzter Zeit relativ eintönig geworden ist und es am Montag nur Haggis gab.

Einmal wollte Henry wissen, was das Besondere an deutschem Essen sei. Keine Ahnung, sagte ich, vielleicht, dass man schon auf dem Teller erkennt, wie schwer es einem im Magen liegen wird. Und als es dann langsam wieder wärmer wurde und wir unsere mit Geldscheinen betriebene Heizung endlich ausstellen konnten, da habe ich ihn zum Essen eingeladen. Es gab Braten und Soße und Rotkohl. Eric hatte mit seinen riesigen Händen die Klöße geformt. Henry sagte, ich könne gut kochen, darauf könnte ich ja zurückgreifen, wenn das Andere nicht funktionieren würde. Ja, nickte ich und fragte mich gleichzeitig, ob wenigstens Henry eine Vorstellung davon hatte, was das Andere würde sein können.

Um sich zu revanchieren, lud mich Henry zu sich nach Hause ein. In seine winzige Wohnung in Little India, auch wenn das niemand so sagt. Es gab Mughlai Chicken tikka masala, level of spiciness: tourist. Mit Blüten in der Soße und grünen Lauchstreifen obenauf, sodass es sehr festlich wirkte. Und ich aß und es schmeckte ganz vorzüglich. Das könne er auch als Trumpf in seiner Hinterhand wissen, sagte ich zu Henry. Wenn es mal schlecht liefe mit dem business, das noch keines war, sondern erst noch den MBA brauchte, auf den er hinsparte. Und ich aß immer weiter, ehe ich merkte, dass es doch irgendwann scharf wurde. Und ich summte ein bisschen Tocotronic, obgleich ich den Text etwas umdichtete. Und ich verbrachte den Abend mit der Gewissheit, etwas sehr Leckeres bei einem Freund gegessen zu haben. So etwas, dass man zu Hause so schnell nicht wieder findet. Sowie mit ein paar Krämpfen, die zum Glück über Nacht verschwanden.

 


Foto von quinn.anya

„Hier entsteht ein neuer BASE Shop“, steht auf dem Schild des Ladens, der gestern Nacht noch der Leipziger Burgermeister war. Verdammte Handyläden, denke ich und taumle weiter Richtung Heimat. Mein T-Shirt ist zerrissen und ich sehe wahrscheinlich nicht gut aus. Offensichtlich habe ich mal wieder den Alkoholischen Imperativ völlig missachtet: "Trinke stets so, dass du die Fotos und Videos vom letzten Abend auch deinen Eltern zeigen könntest!"
Als ich die Treppe unseres Hauses nach oben wanke, erkenne ich eine dunkle Gestalt, die sich gerade an meiner Wohnungstür zu schaffen macht.
"Ey!", rufe ich.
"Hau ab, hier bin ich schon!", ruft die Gestalt.
"Versuchst du da grad, in meine Wohnung einzubrechen?"
"Oh, Tschuldigung, ist das Ihre?“, fragt der Kerl.
Er sieht sogar noch übler aus als ich. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich denken, dass Pete Doherty da gerade versucht, meine Wohnungstür zu knacken. Leipzig, Hauptstadt der Einbrüche und Raubüberfälle, eigentlich war es ja nur eine Frage Zeit, bis es auch mich trifft.
Sichtlich unruhig rappelt sich der Typ auf und verfällt sofort in sein übliches Schema.
„Eh, eh“, stammelt er, „Eh, mir fehlen noch ein paar Euro für ein Ticket nach Dresden, könnten Sie mich vielleicht mit 1 oder 2 Euro unterstützen?", murmelt er.
„Willst du mich verarschen?“
„Ich nehm auch Scheine!“
Er macht nicht einmal Anstalten, abzuhauen. Auf alles wird man in diesem Leben vorbereitet, gegen alles kann sich schützen, sogar meinen Arsch könnte ich mir für 100.000 Euro versichern lassen, was zweifelsohne gerechtfertigt wäre, aber was man tun soll, wenn der Einbrecher nicht einmal von selbst gehen will, das sagt einem niemand.

Ein paar Minuten später sitzen wir in der Küche. Ich hatte mir nicht zu helfen gewusst und ihn auf einen Kaffee eingeladen. Das machen doch alle so, wenn sie nicht weiter wissen, Kaffee.
„Und du bist so richtig drogensüchtig?“, frage ich.
„Bundesliga quasi“, sagt der Typ, der sich mir als Maik vorgestellt hat, „Absolut top-notch, Champions League vielmehr.“
„Und wie viel Geld braucht man da so am Tag?“
„100, 200 pro Tag. À propos, Sie hätten nicht zufällig ein oder zwei Euro für mich? Mir fehlt noch etwas für ein Ticket nach Magdeburg.“
„Ruhe jetzt“, sage ich, „Ich stell mir das ziemlich schwierig vor.“
„Ach, am schwierigsten ist es, sich ständig neue Ortsnamen auszudenken.“
Völlig selbstverständlich greift er nach meinen Zigaretten. Dabei fällt mir auf, dass seine Fingernägel völlig akurrat geschnitten sind, auch seine Zähne sind blendend weiß.
„Ein Gewerbe wie jedes andere auch. Nur die Umtriebigsten kriegen das Geld zusammen und kommen über die Runden. Naja“, lacht er, „Zumindest bis der Gewinn einmal zu groß ist.“
Ich stelle ihm einen Kaffee hin, den er in einem Zug austrinkt. Anschließend lässt er die Tasse in seinem Rucksack verschwinden.
„Ey!“, sag ich, „Du kannst doch nicht vor meinen Augen meine Tasse klauen!“
„Sorry“, sagt Maik, „Berufskrankheit.“
„Warte mal“, sage ich, „Du bist gar kein Junkie, oder?“
„Naja, ist eher mein Zweitjob“, sagt Maik, „Tagsüber bin ich Immobilienmakler, aber da sind die Grenzen ja auch irgendwie fließend.“
Warum hab ich nicht einfach die Bullen gerufen, denke ich. Ich bin viel zu gutmütig. Ständig gebe ich nach und immer endet es zu meinem Nachteil. Unbezahlte Praktika, Freunde, die ich nicht ausstehen kann, zu teure Drogen, irgendwann werde ich mir das Hartz-IV-Geld womöglich gleich selbst bezahlen können. Jetzt heißt es Autorität zeigen, seinen Mann stehen und einfach rausschmeißen den Spinner.
„Ich, ich, ach scheiße, ich geh mal Bier holen“, sage ich und renne aus der Wohnung.

Als ich beim Späti ankomme, stehe ich vor verschlossenen Türen. Außerdem ist der Späti weg. Stattdessen verkündet ein Schild, dass hier in Kürze ein BASE-Laden eröffnet. Ich mache auf dem Absatz kehrt und trotte nach Hause.
„Hätte ich Ihnen auch gleich sagen können“, kichert Maik, als ich wieder in der Küche stehe, „Unser Auftraggeber verfügt über ein flächendeckendes Netzwerk von Geschäftsstellen.“
„Auftraggeber?“, frage ich verwirrt.
„Überlegen sie mal“, sagt Maik.
„Sie arbeiten für BASE!“, rufe ich.
Maik nickt.
„Aber wieso übernehmen die neuerdings alle möglichen Läden?“
„Verstehen Sie es immer noch nicht?“, grinst Maik, breitet die Arme aus und schaut demonstrativ an sich selbst herab.
„Das sind gar keine Junkies!“, sage ich.
„Ein todsicherer Plan“, erklärt Maik, „Tausende als Junkies getarnte Makler überfallen so lange alle Läden der Stadt, bis die Besitzer verängstigt genug sind und freiwillig wegziehen. Anschließend vermitteln wir die frei gewordenen Ladenflächen an Handyläden.“
„Aber wieso Handyläden?“
„Das weiß niemand. Haben Sie schon einmal einen Kunden in einem Handyladen gesehen? Ich auch nicht. Aber die Wege des Kapitals sind unergründlich.“
„Und wieso brecht ihr neuerdings auch in Wohnungen ein?“
„Kleiner Nebenverdienst“, sagt Maik, „Irgendwo müssen die Mitarbeiter ja wohnen.“
Draußen beginnt es zu poltern. Als ich die Tür öffne stehen zwei verwahrloste Junkie-BASE-Mitarbeiter vor mir. „Alles fertig? Können wir einziehen?“, fragen sie.
Ich knalle die Tür zu und stampfe zurück in die Küche. Dort versucht Maik gerade, den Aufkleber mit der Seriennummer von meinem Laptop zu kratzen.
Jetzt reichts. Ich stürme in den Flur und greife nach dem Telefon.
„Herzlich Willkommen bei der Polizei Leipzig. Leider rufen Sie außerhalb unserer Öffnungszeiten an. Sie erreichen uns von Montag bis Freitag zwischen 8 und 20 Uhr.“
Ich lege auf. Was für eine beschissene Welt ist das nur geworden?
„Ja ja, die Polizei, dein Freund und Helfer“, grinst Maik, der plötzlich hinter mir steht, „Völlig überlastet, die Herren. Aber die kriegen wir auch noch.“
„Ihr seid doch pervers!“, schreie ich.
„Irrtum“, sagt Maik, „Die ganze Welt ist pervers. Warum sonst hat man David Garret noch nicht auf einem Scheiterhaufen aus Geigen verbrannt? Warum darf David Guetta noch immer den Musikgeschmack unschuldiger Jugendlicher vergwaltigen? Wir bedienen Bedürfnisse.“
„Vor allem mein Bedürfnis nach Aggression“, höre ich mich sagen, hole aus und schlage zu. Blitzschnell duckt sich Maik mit einer Matrixbewegung weg und mit einem lauten KRRR fliegt meine Faust gegen die Wand.
Ich schaue auf meine verdrehten und höllisch schmerzenden Finger. Fuck, denke ich, sogar meine Knochen sind Weicheier und geben nach. Ich muss ins Krankenhaus.
„Versuchen Sie ruhig ihr Glück“, sagt Maik und grinst schon wieder so ekelhaft.

Im Krankenhaus ist alles normal. Außer dass man mich bedenklich oft fragt, ob ich Interesse an Karten für David Guetta hätte oder noch ein paar Flats hinzubuchen wolle.
Als ich mit geschienter Hand an meinem Haus ankomme, bleibe ich wie angewurzelt stehen.
Vor meiner Haustür ist eine riesige Zeltstadt entstanden, hunderte Menschen in Karohemden und Rahmenbrillen harren in der Kälte und versuchen, sich Espresso-Macchaitos auf ihren mitgebrachten Gaskochern zu fabrizieren, über allem tront ein riesiges Plakat: Hier entsteht in Kürze Leipzigs erster Apple Store.
„Tja“, sagt Maik, der plötzlich wieder neben mir steht, „Der hat aber wirklich noch gefehlt.“

 


Foto von das_sabrinchen

Samstag, 17 Uhr. Wir stehen auf dem Marktplatz. Thomas sieht unruhig aus und knetet seine Hände.
„Ich möchte dir jetzt mein Geheimnis verraten.“
„Worum geht’s?“, frage ich.
„Schau dich mal um, was siehst du?“
Der Marktplatz ist leer. Hier und da liest jemand im Licht der Schaufenster eine dicke Tageszeitung. Ein paar letzte Besorgungen für das Wochenende werden gemacht.
„Nichts Besonderes“, sage ich, „Der Markt halt. Hey, können wir kurz in den Buchladen gehen?“
„Schau genauer hin!“, insistiert Thomas und reicht mir einen Flachmann .
Ich nehme einen Schluck. Mein Sichtfeld beginnt zu flackern, helles Licht blitzt auf.
„Wow, Weltunglück geistert durch den Nachmittag“, sage ich, ein wenig Georg Trakl zitierend.
„Du musst dich frei machen von all den intellektuellen Assoziationen. Hier, nimm‘ noch‘n Schluck!“

Und plötzlich wird es anders. Alles beginnt zu verschwimmen. Ich höre Gekreische, klimperndes Geschirr und Prosit-Rufe. Die Luft ist schwanger von fettigen Düften und überall quälende Melodien.
Ich öffne die Augen. Wir stehen inmitten eines Labyrinths als Holzbuden, aus den kleinen Schornsteinen dampft es. Tausende Menschen drängen sich durch die schmalen Gassen oder harren an wackligen Stehtischen in der Kälte, wo sie rotes, dampfendes Gebräu aus eigenartig verzierten Bechern trinken. Sie rempeln, sie lallen, sie kaufen so genannte ‚erzgebirgsche Schnitzkunst‘.
„Ja“, nickt Thomas, als er meine Fassungslosigkeit bemerkt hat, „Ich sehe doofe Menschen!“
„Aber das ist doch nicht echt!“, rufe ich, „So etwas gibt es nicht!“
„Sie laufen durch die Gegend wie normale Menschen. Die sehen nur, was sie sehen wollen!“
„Wie oft siehst du sie?“
„Die ganze Zeit! Jedes Jahr von November bis Dezember! Sie sind überall!“
Langsam schieben wir uns durch die Massen. Thomas wimmert leise. Hin und wieder versucht eine angetrunkene Mittvierzigerin mir einen Klaps auf den Hintern zu geben.
„Sei vorsichtig“, sagt Thomas, „Der rote Trank verstärkt ihre Doofheit!“
Das Warenangebot der Holzbuden scheint sich alle fünf Meter zu wiederholen.
„Glühwein, Kreppelchen, Schnitzkunst und ein Karussell. Das zieht sie hierher“, erklärt Thomas.
„Isländischer Rentierspieß, Finnische Lachshappen, Norwegische Weihnachtswurst“, lese ich laut von den Schildern der Holzbuden.
„Je nördlicher der Name klingt, desto besser. Damit huldigen sie ihrem imaginären Anführer, einem dicken Mann, der der Legende nach am Nordpol leben soll und Geschenke bringt.“
„Der Weihnachtsmann?“, frage ich.
„Ja! Woher weißt du das? Kennst du das Märchen?“
„Meine Eltern haben mir davon erzählt“, sage ich, „Einmal, als uns an einem langen und fröhlichen Rezitationsabend im Winter keine Gedichte des Sturm und Drangs mehr einfielen.“
„Das hier nennen sie Weihnachtsmarkt. Kein logischer Bezug zur Legende, aber das stört sie nicht.“

Wir kommen an einen extra abgetrennten Bereich inmitten des Marktes.
„Mittelalterlicher Weihnachtsmarkt“, lese ich vor, „Das ergibt doch gar keinen Sinn!“
„Eben! Das ist der Kern des Marktes. Nur hier sind sie verwundbar!“
„Was hat das Mittelalter mit Weihnachtsmarkt zu tun?“, rufe ich, „Das Mittelalter war eine unheimlich grausame Zeit, in der man euch Vögel als Allererste verbrannt hätte!“
„Ja!“, schreit Thomas, „Hinterfrag es, nur so kannst du sie bezwingen!“
„Und was bitte ist weihnachtlich an euren zerlumpten Kostümen? Euer Glühwein kommt auch nur aus einem Tetra-Pack! Ihr versucht doch nur, eure handwerkliche Unfähigkeit unter dem Deckmantel des Mittelalters zu legitimieren. Auf einem echten Markt wärt ihr doch die größten Verlierer!“

Plötzlich wird es still. Die Buden sind verschwunden, das trinkende Volk mit ihnen. Thomas grinst.
„Wow“, sage ich, „Das war gruselig.“
„Für mich endet es nie“, sagt Thomas und zuckt, als ihm eine unsichtbare Frau auf den Hintern haut, „Aber du kannst dich schützen.“
„Wie denn?“
„Bleib kritisch und verkläre keine geschichtlichen Fakten. Und halt dich von Menschen in violetten Moonboots fern. Das sind die Schlimmsten!“

 


Foto von Jeephead

"Es geht los! Es geht los! Fußbaaaall!", brüllt Thomas, während er meine Zimmertür aufreißt.
"Jetzt schon?", frag ich.
"Hab gerade das erste Auto mit Kieler Kennzeichen gesehen!", ruft Thomas euphorisch, "Hast du deine Aufstellung fertig?"
"Klar", sag ich, "Seit gestern Abend schon."
Thomas und ich nehmen unsere Plätze am Fenster ein. Unten vorm Haus haben Polizisten die Straße abgesperrt und müssen in klirrender Kälte dort ausharren. Kein Auto kommt mehr durch, nur noch Fußgänger. Die Querstraße wurde wie üblich zum Parkplatz umfunktioniert. Gerade hält das erste Kieler Auto.
"Ist echt geil, so nah am Stadion zu wohnen, oder?", sagt Thomas.

"Ok", sage ich, "Ich fang an. B-4!"
Thomas schaut auf seinen Notizblock und verzieht keine Miene.
Aus dem Auto steigen drei mit Fanschals behangene Kieler. Die Polizisten zeigen in unsere Straße in Richtung Stadion. Ganz gemächlich schlendern sie an der Absperrung vorbei und betreten das Kopfsteinpflaster. Als sie keine drei Schritte weit gekommen sind, rutscht der Mittlere plötzlich weg, fliegt hoch in die Luft und knallt unbequem auf den Boden.
"STRIKE!", rufe ich.
"Anfängerglück!", muckiert sich Thomas.
"B-3!", rufe ich.
Die anderen beiden versuchen dem Fan aufzuhelfen, aber im gleichen Moment reißt es auch sie zu Boden.
"STRIKE!", rufe ich, "B-2!"
Ein Polizist eilt zur Hilfe, aber genau als er ankommt rutscht er auf Stein B-1 aus und knallt auf den Rücken.
"STRIKE!", rufe ich, "Polizisten zählen doppelt!"
"Fuck, das war mein Zerstörer!"

Am anderen Ende der Straße taumelt ein betrunkener Erasmusspanier in unsere Richtung.
"Los, dein Tipp!", mault Thomas.
"Der kann nichtmal geradeaus laufen!", sage ich, "Das ist erhöhter Schwierigkeitsgrad!"
"Dein Tipp!"
"W-8!", sage ich.
Orientierungslos tappt der Spanier über das Spielfeld und streift dabei alles von Z-15 bis X-1.
"The Berghain is over there!", brülle ich aus dem Fenster und zeige irgendwohin.
Der Junge schaut nach links und nach rechts, nach vorne und nach hinten, taumelt dabei unentwegt weiter, plötzlich dreht er sich einmal um die eigene Achse, rutscht weg und kommt zu Fall.
"Streubombe! W-8 bis W-3!", rufe ich, als er zum Liegen gekommen ist.
"Mein Flugzeugträger!", jault Thomas.

Auf einmal werden die Polizisten unruhig.
"Ok, S-4!", sage ich.
"Kannste vergessen", sagt Thomas und deutet in Richtung Parkplatz. Dort stehen vierzig dunkel gekleidete Gestalten und zünden gerade ihre Bengalos an. Dichter Rauch durchzieht unsere Straße und binnen Sekunden ist nichts mehr vom Spielfeld zu sehen.
"Was soll denn das, ihr Chaoten?", brüllt Thomas aus dem Fenster, "Ihr macht den ganzen Sport kaputt! Wir wollen hier in Ruhe das Spiel genießen!"
Im gleichen Moment haben sich am anderen Ende der Straße vierzig ebenfalls dunkel Gekleidete eingefunden, die ihrerseits Bengalos zücken.
"Was denkt ihr, was ihr uns Spielern damit antut, wenn wir jedes Wochenende bangen müssen, ob wir überhaupt spielen können!"
Plötzlich kommen aus einer Querstraße vierzig weitere dunkel gekleidete Gestalten. Anhand ihrer Vermummung darf man vermuten, dass es Polizisten sind. Statt Bengalos zücken sie Pfefferspray und würzen fröhlich unsere Straße.
Thomas knallt das Fenster zu und lässt sich auf einen Stuhl fallen.
Dumpf hört man das Aufeinandertreffen der drei dunkel gekleideten Parteien. Im Hintergrund dröhnen Fangesänge aus dem Stadion.

"Ist echt geil, so nah am Stadion zu wohnen, oder?", frage ich.
"Ja", sagt Thomas, "Kannst nichtmal in Ruhe 'Fans versenken' spielen, ohne dass die Penner auflaufen."
"Jup", sage ich.
"Und diese blöden Fußballspiele nerven auch."