Foto von quinn.anya

„Hier entsteht ein neuer BASE Shop“, steht auf dem Schild des Ladens, der gestern Nacht noch der Leipziger Burgermeister war. Verdammte Handyläden, denke ich und taumle weiter Richtung Heimat. Mein T-Shirt ist zerrissen und ich sehe wahrscheinlich nicht gut aus. Offensichtlich habe ich mal wieder den Alkoholischen Imperativ völlig missachtet: “Trinke stets so, dass du die Fotos und Videos vom letzten Abend auch deinen Eltern zeigen könntest!”
Als ich die Treppe unseres Hauses nach oben wanke, erkenne ich eine dunkle Gestalt, die sich gerade an meiner Wohnungstür zu schaffen macht.
“Ey!”, rufe ich.
“Hau ab, hier bin ich schon!”, ruft die Gestalt.
“Versuchst du da grad, in meine Wohnung einzubrechen?”
“Oh, Tschuldigung, ist das Ihre?“, fragt der Kerl.
Er sieht sogar noch übler aus als ich. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich denken, dass Pete Doherty da gerade versucht, meine Wohnungstür zu knacken. Leipzig, Hauptstadt der Einbrüche und Raubüberfälle, eigentlich war es ja nur eine Frage Zeit, bis es auch mich trifft.
Sichtlich unruhig rappelt sich der Typ auf und verfällt sofort in sein übliches Schema.
„Eh, eh“, stammelt er, „Eh, mir fehlen noch ein paar Euro für ein Ticket nach Dresden, könnten Sie mich vielleicht mit 1 oder 2 Euro unterstützen?”, murmelt er.
„Willst du mich verarschen?“
„Ich nehm auch Scheine!“
Er macht nicht einmal Anstalten, abzuhauen. Auf alles wird man in diesem Leben vorbereitet, gegen alles kann sich schützen, sogar meinen Arsch könnte ich mir für 100.000 Euro versichern lassen, was zweifelsohne gerechtfertigt wäre, aber was man tun soll, wenn der Einbrecher nicht einmal von selbst gehen will, das sagt einem niemand.

Ein paar Minuten später sitzen wir in der Küche. Ich hatte mir nicht zu helfen gewusst und ihn auf einen Kaffee eingeladen. Das machen doch alle so, wenn sie nicht weiter wissen, Kaffee.
„Und du bist so richtig drogensüchtig?“, frage ich.
„Bundesliga quasi“, sagt der Typ, der sich mir als Maik vorgestellt hat, „Absolut top-notch, Champions League vielmehr.“
„Und wie viel Geld braucht man da so am Tag?“
„100, 200 pro Tag. À propos, Sie hätten nicht zufällig ein oder zwei Euro für mich? Mir fehlt noch etwas für ein Ticket nach Magdeburg.“
„Ruhe jetzt“, sage ich, „Ich stell mir das ziemlich schwierig vor.“
„Ach, am schwierigsten ist es, sich ständig neue Ortsnamen auszudenken.“
Völlig selbstverständlich greift er nach meinen Zigaretten. Dabei fällt mir auf, dass seine Fingernägel völlig akurrat geschnitten sind, auch seine Zähne sind blendend weiß.
„Ein Gewerbe wie jedes andere auch. Nur die Umtriebigsten kriegen das Geld zusammen und kommen über die Runden. Naja“, lacht er, „Zumindest bis der Gewinn einmal zu groß ist.“
Ich stelle ihm einen Kaffee hin, den er in einem Zug austrinkt. Anschließend lässt er die Tasse in seinem Rucksack verschwinden.
„Ey!“, sag ich, „Du kannst doch nicht vor meinen Augen meine Tasse klauen!“
„Sorry“, sagt Maik, „Berufskrankheit.“
„Warte mal“, sage ich, „Du bist gar kein Junkie, oder?“
„Naja, ist eher mein Zweitjob“, sagt Maik, „Tagsüber bin ich Immobilienmakler, aber da sind die Grenzen ja auch irgendwie fließend.“
Warum hab ich nicht einfach die Bullen gerufen, denke ich. Ich bin viel zu gutmütig. Ständig gebe ich nach und immer endet es zu meinem Nachteil. Unbezahlte Praktika, Freunde, die ich nicht ausstehen kann, zu teure Drogen, irgendwann werde ich mir das Hartz-IV-Geld womöglich gleich selbst bezahlen können. Jetzt heißt es Autorität zeigen, seinen Mann stehen und einfach rausschmeißen den Spinner.
„Ich, ich, ach scheiße, ich geh mal Bier holen“, sage ich und renne aus der Wohnung.

Als ich beim Späti ankomme, stehe ich vor verschlossenen Türen. Außerdem ist der Späti weg. Stattdessen verkündet ein Schild, dass hier in Kürze ein BASE-Laden eröffnet. Ich mache auf dem Absatz kehrt und trotte nach Hause.
„Hätte ich Ihnen auch gleich sagen können“, kichert Maik, als ich wieder in der Küche stehe, „Unser Auftraggeber verfügt über ein flächendeckendes Netzwerk von Geschäftsstellen.“
„Auftraggeber?“, frage ich verwirrt.
„Überlegen sie mal“, sagt Maik.
„Sie arbeiten für BASE!“, rufe ich.
Maik nickt.
„Aber wieso übernehmen die neuerdings alle möglichen Läden?“
„Verstehen Sie es immer noch nicht?“, grinst Maik, breitet die Arme aus und schaut demonstrativ an sich selbst herab.
„Das sind gar keine Junkies!“, sage ich.
„Ein todsicherer Plan“, erklärt Maik, „Tausende als Junkies getarnte Makler überfallen so lange alle Läden der Stadt, bis die Besitzer verängstigt genug sind und freiwillig wegziehen. Anschließend vermitteln wir die frei gewordenen Ladenflächen an Handyläden.“
„Aber wieso Handyläden?“
„Das weiß niemand. Haben Sie schon einmal einen Kunden in einem Handyladen gesehen? Ich auch nicht. Aber die Wege des Kapitals sind unergründlich.“
„Und wieso brecht ihr neuerdings auch in Wohnungen ein?“
„Kleiner Nebenverdienst“, sagt Maik, „Irgendwo müssen die Mitarbeiter ja wohnen.“
Draußen beginnt es zu poltern. Als ich die Tür öffne stehen zwei verwahrloste Junkie-BASE-Mitarbeiter vor mir. „Alles fertig? Können wir einziehen?“, fragen sie.
Ich knalle die Tür zu und stampfe zurück in die Küche. Dort versucht Maik gerade, den Aufkleber mit der Seriennummer von meinem Laptop zu kratzen.
Jetzt reichts. Ich stürme in den Flur und greife nach dem Telefon.
„Herzlich Willkommen bei der Polizei Leipzig. Leider rufen Sie außerhalb unserer Öffnungszeiten an. Sie erreichen uns von Montag bis Freitag zwischen 8 und 20 Uhr.“
Ich lege auf. Was für eine beschissene Welt ist das nur geworden?
„Ja ja, die Polizei, dein Freund und Helfer“, grinst Maik, der plötzlich hinter mir steht, „Völlig überlastet, die Herren. Aber die kriegen wir auch noch.“
„Ihr seid doch pervers!“, schreie ich.
„Irrtum“, sagt Maik, „Die ganze Welt ist pervers. Warum sonst hat man David Garret noch nicht auf einem Scheiterhaufen aus Geigen verbrannt? Warum darf David Guetta noch immer den Musikgeschmack unschuldiger Jugendlicher vergwaltigen? Wir bedienen Bedürfnisse.“
„Vor allem mein Bedürfnis nach Aggression“, höre ich mich sagen, hole aus und schlage zu. Blitzschnell duckt sich Maik mit einer Matrixbewegung weg und mit einem lauten KRRR fliegt meine Faust gegen die Wand.
Ich schaue auf meine verdrehten und höllisch schmerzenden Finger. Fuck, denke ich, sogar meine Knochen sind Weicheier und geben nach. Ich muss ins Krankenhaus.
„Versuchen Sie ruhig ihr Glück“, sagt Maik und grinst schon wieder so ekelhaft.

Im Krankenhaus ist alles normal. Außer dass man mich bedenklich oft fragt, ob ich Interesse an Karten für David Guetta hätte oder noch ein paar Flats hinzubuchen wolle.
Als ich mit geschienter Hand an meinem Haus ankomme, bleibe ich wie angewurzelt stehen.
Vor meiner Haustür ist eine riesige Zeltstadt entstanden, hunderte Menschen in Karohemden und Rahmenbrillen harren in der Kälte und versuchen, sich Espresso-Macchaitos auf ihren mitgebrachten Gaskochern zu fabrizieren, über allem tront ein riesiges Plakat: Hier entsteht in Kürze Leipzigs erster Apple Store.
„Tja“, sagt Maik, der plötzlich wieder neben mir steht, „Der hat aber wirklich noch gefehlt.“


Foto von das_sabrinchen

Samstag, 17 Uhr. Wir stehen auf dem Marktplatz. Thomas sieht unruhig aus und knetet seine Hände.
„Ich möchte dir jetzt mein Geheimnis verraten.“
„Worum geht’s?“, frage ich.
„Schau dich mal um, was siehst du?“
Der Marktplatz ist leer. Hier und da liest jemand im Licht der Schaufenster eine dicke Tageszeitung. Ein paar letzte Besorgungen für das Wochenende werden gemacht.
„Nichts Besonderes“, sage ich, „Der Markt halt. Hey, können wir kurz in den Buchladen gehen?“
„Schau genauer hin!“, insistiert Thomas und reicht mir einen Flachmann .
Ich nehme einen Schluck. Mein Sichtfeld beginnt zu flackern, helles Licht blitzt auf.
„Wow, Weltunglück geistert durch den Nachmittag“, sage ich, ein wenig Georg Trakl zitierend.
„Du musst dich frei machen von all den intellektuellen Assoziationen. Hier, nimm‘ noch‘n Schluck!“

Und plötzlich wird es anders. Alles beginnt zu verschwimmen. Ich höre Gekreische, klimperndes Geschirr und Prosit-Rufe. Die Luft ist schwanger von fettigen Düften und überall quälende Melodien.
Ich öffne die Augen. Wir stehen inmitten eines Labyrinths als Holzbuden, aus den kleinen Schornsteinen dampft es. Tausende Menschen drängen sich durch die schmalen Gassen oder harren an wackligen Stehtischen in der Kälte, wo sie rotes, dampfendes Gebräu aus eigenartig verzierten Bechern trinken. Sie rempeln, sie lallen, sie kaufen so genannte ‚erzgebirgsche Schnitzkunst‘.
„Ja“, nickt Thomas, als er meine Fassungslosigkeit bemerkt hat, „Ich sehe doofe Menschen!“
„Aber das ist doch nicht echt!“, rufe ich, „So etwas gibt es nicht!“
„Sie laufen durch die Gegend wie normale Menschen. Die sehen nur, was sie sehen wollen!“
„Wie oft siehst du sie?“
„Die ganze Zeit! Jedes Jahr von November bis Dezember! Sie sind überall!“
Langsam schieben wir uns durch die Massen. Thomas wimmert leise. Hin und wieder versucht eine angetrunkene Mittvierzigerin mir einen Klaps auf den Hintern zu geben.
„Sei vorsichtig“, sagt Thomas, „Der rote Trank verstärkt ihre Doofheit!“
Das Warenangebot der Holzbuden scheint sich alle fünf Meter zu wiederholen.
„Glühwein, Kreppelchen, Schnitzkunst und ein Karussell. Das zieht sie hierher“, erklärt Thomas.
„Isländischer Rentierspieß, Finnische Lachshappen, Norwegische Weihnachtswurst“, lese ich laut von den Schildern der Holzbuden.
„Je nördlicher der Name klingt, desto besser. Damit huldigen sie ihrem imaginären Anführer, einem dicken Mann, der der Legende nach am Nordpol leben soll und Geschenke bringt.“
„Der Weihnachtsmann?“, frage ich.
„Ja! Woher weißt du das? Kennst du das Märchen?“
„Meine Eltern haben mir davon erzählt“, sage ich, „Einmal, als uns an einem langen und fröhlichen Rezitationsabend im Winter keine Gedichte des Sturm und Drangs mehr einfielen.“
„Das hier nennen sie Weihnachtsmarkt. Kein logischer Bezug zur Legende, aber das stört sie nicht.“

Wir kommen an einen extra abgetrennten Bereich inmitten des Marktes.
„Mittelalterlicher Weihnachtsmarkt“, lese ich vor, „Das ergibt doch gar keinen Sinn!“
„Eben! Das ist der Kern des Marktes. Nur hier sind sie verwundbar!“
„Was hat das Mittelalter mit Weihnachtsmarkt zu tun?“, rufe ich, „Das Mittelalter war eine unheimlich grausame Zeit, in der man euch Vögel als Allererste verbrannt hätte!“
„Ja!“, schreit Thomas, „Hinterfrag es, nur so kannst du sie bezwingen!“
„Und was bitte ist weihnachtlich an euren zerlumpten Kostümen? Euer Glühwein kommt auch nur aus einem Tetra-Pack! Ihr versucht doch nur, eure handwerkliche Unfähigkeit unter dem Deckmantel des Mittelalters zu legitimieren. Auf einem echten Markt wärt ihr doch die größten Verlierer!“

Plötzlich wird es still. Die Buden sind verschwunden, das trinkende Volk mit ihnen. Thomas grinst.
„Wow“, sage ich, „Das war gruselig.“
„Für mich endet es nie“, sagt Thomas und zuckt, als ihm eine unsichtbare Frau auf den Hintern haut, „Aber du kannst dich schützen.“
„Wie denn?“
„Bleib kritisch und verkläre keine geschichtlichen Fakten. Und halt dich von Menschen in violetten Moonboots fern. Das sind die Schlimmsten!“


Foto von Jeephead

“Es geht los! Es geht los! Fußbaaaall!”, brüllt Thomas, während er meine Zimmertür aufreißt.
“Jetzt schon?”, frag ich.
“Hab gerade das erste Auto mit Kieler Kennzeichen gesehen!”, ruft Thomas euphorisch, “Hast du deine Aufstellung fertig?”
“Klar”, sag ich, “Seit gestern Abend schon.”
Thomas und ich nehmen unsere Plätze am Fenster ein. Unten vorm Haus haben Polizisten die Straße abgesperrt und müssen in klirrender Kälte dort ausharren. Kein Auto kommt mehr durch, nur noch Fußgänger. Die Querstraße wurde wie üblich zum Parkplatz umfunktioniert. Gerade hält das erste Kieler Auto.
“Ist echt geil, so nah am Stadion zu wohnen, oder?”, sagt Thomas.

“Ok”, sage ich, “Ich fang an. B-4!”
Thomas schaut auf seinen Notizblock und verzieht keine Miene.
Aus dem Auto steigen drei mit Fanschals behangene Kieler. Die Polizisten zeigen in unsere Straße in Richtung Stadion. Ganz gemächlich schlendern sie an der Absperrung vorbei und betreten das Kopfsteinpflaster. Als sie keine drei Schritte weit gekommen sind, rutscht der Mittlere plötzlich weg, fliegt hoch in die Luft und knallt unbequem auf den Boden.
“STRIKE!”, rufe ich.
“Anfängerglück!”, muckiert sich Thomas.
“B-3!”, rufe ich.
Die anderen beiden versuchen dem Fan aufzuhelfen, aber im gleichen Moment reißt es auch sie zu Boden.
“STRIKE!”, rufe ich, “B-2!”
Ein Polizist eilt zur Hilfe, aber genau als er ankommt rutscht er auf Stein B-1 aus und knallt auf den Rücken.
“STRIKE!”, rufe ich, “Polizisten zählen doppelt!”
“Fuck, das war mein Zerstörer!”

Am anderen Ende der Straße taumelt ein betrunkener Erasmusspanier in unsere Richtung.
“Los, dein Tipp!”, mault Thomas.
“Der kann nichtmal geradeaus laufen!”, sage ich, “Das ist erhöhter Schwierigkeitsgrad!”
“Dein Tipp!”
“W-8!”, sage ich.
Orientierungslos tappt der Spanier über das Spielfeld und streift dabei alles von Z-15 bis X-1.
“The Berghain is over there!”, brülle ich aus dem Fenster und zeige irgendwohin.
Der Junge schaut nach links und nach rechts, nach vorne und nach hinten, taumelt dabei unentwegt weiter, plötzlich dreht er sich einmal um die eigene Achse, rutscht weg und kommt zu Fall.
“Streubombe! W-8 bis W-3!”, rufe ich, als er zum Liegen gekommen ist.
“Mein Flugzeugträger!”, jault Thomas.

Auf einmal werden die Polizisten unruhig.
“Ok, S-4!”, sage ich.
“Kannste vergessen”, sagt Thomas und deutet in Richtung Parkplatz. Dort stehen vierzig dunkel gekleidete Gestalten und zünden gerade ihre Bengalos an. Dichter Rauch durchzieht unsere Straße und binnen Sekunden ist nichts mehr vom Spielfeld zu sehen.
“Was soll denn das, ihr Chaoten?”, brüllt Thomas aus dem Fenster, “Ihr macht den ganzen Sport kaputt! Wir wollen hier in Ruhe das Spiel genießen!”
Im gleichen Moment haben sich am anderen Ende der Straße vierzig ebenfalls dunkel Gekleidete eingefunden, die ihrerseits Bengalos zücken.
“Was denkt ihr, was ihr uns Spielern damit antut, wenn wir jedes Wochenende bangen müssen, ob wir überhaupt spielen können!”
Plötzlich kommen aus einer Querstraße vierzig weitere dunkel gekleidete Gestalten. Anhand ihrer Vermummung darf man vermuten, dass es Polizisten sind. Statt Bengalos zücken sie Pfefferspray und würzen fröhlich unsere Straße.
Thomas knallt das Fenster zu und lässt sich auf einen Stuhl fallen.
Dumpf hört man das Aufeinandertreffen der drei dunkel gekleideten Parteien. Im Hintergrund dröhnen Fangesänge aus dem Stadion.

“Ist echt geil, so nah am Stadion zu wohnen, oder?”, frage ich.
“Ja”, sagt Thomas, “Kannst nichtmal in Ruhe ‘Fans versenken’ spielen, ohne dass die Penner auflaufen.”
“Jup”, sage ich.
“Und diese blöden Fußballspiele nerven auch.”


Foto von OutsiderM2

“Scheiß Feiertag!”, ruft Thomas.
“Kann doch keiner ahnen”, sage ich.
Die Leute auf der Straße mustern uns. Wahrscheinlich überlegen sie, ob wir arbeitslos oder bloß freischaffend sind.
Der Feiertag hat uns völlig unvorbereitet erwischt. Der Kühlschrank ist leer und die einzige Chance, etwas Essbares in unserer Nähe aufzutreiben, ist ein Gewaltmarsch zum Hauptbahnhof. Draußen herrschen Minusgrade.

“Ey ihr Homos!”, ruft uns vor einer der Innenstadtdiskos ein Jugendlicher zu.
Er trägt eine viel zu große Jogginghose, violette Mütze, eine Daunenjacke und einen glitzernden Stein im Ohr.
“Ich weiß wirklich nicht, ob jemand, der so rumläuft, andere Menschen beleidigen sollte!”, ruft Thomas zurück.
“Was’n los ihr Homos?”, schreit der Junge und rotzt auf den Boden.
“Vielleicht ist der gestern Abend gar nicht in den Club reingekommen, weil er vor der Tür an seiner eigenen Spuckepütze festgefroren ist?!”, sinniert Thomas, als wir auf den Jungen zusteuern.
“Ey! Homos!”, ruft er.
“Vielleicht kommt er aus Halle?”, unke ich.
“Homos!”, ruft der Junge, als wir genau an ihm vorbeilaufen.
Dann geht alles ganz schnell. Blitzschnell dreht sich Thomas zu ihm, packt seinen Kopf mit den Händen und leckt ihm quer über die Wange. Dann drückt er die feuchte Wange gegen eine Laterne, hält 2 Sekunden inne und lässt los. Es hält.
“Aua!”, sagt der Junge.
“Schau an!”, sagt Thomas.

Zehn Minuten später sind wir am Hauptbahnhof. Obwohl es gerade einmal 11 Uhr ist, scheint die halbe Stadt auf den Beinen zu sein.
“Guck dir das an”, sagt Thomas, “Es ist eiskalt. Und nur weil Feiertag ist, denken die Leute, sie müssten draußen rumlaufen.”
“Aber wir laufen doch auch rum?”, sage ich.
“Aber mit Ziel!”, sagt Thomas, “Die Leute haben doch kein Ziel! Am Wochenende können sie wenigstens in die Einkaufscenter gehen und irgendwas Sinnloses kaufen. Aber am Feiertag sind die einfach nur verloren.”
Neben mir steht ein Mann am Fahrkartenautomaten und zieht eine Fahrkarte nach der anderen aus dem Gerät.
“Die sind halt nix Anderes gewohnt”, sage ich, “Entweder was erleben oder was einkaufen, am besten beides gleichzeitig.”
Auf der anderen Straßenseite beobachte ich eine Familie, die immer im Kreis läuft. Immer, wenn sie beim Bratwurstmann ankommen, kaufen sie vier Bratwürste, die sie eine halbe Runde später im Mülleimer versenken.
“Völlig ausgehungert”, sagt Thomas, “Denen kannst du jetzt sogar dein benutztes Taschentuch verkaufen.”
Ein Mann nebenuns hält inne: “Sie verkaufen ein Taschentuch?”
“Ist mein letztes”, sagt Thomas.
“Ja, aber da kann man doch noch was machen, oder?”, fragt der Mann.
“Sechzig Euro!”, sagt Thomas.
“Zwei Euro! Weil’s gebraucht ist.”
“Neuwertig! Kaum Gebrauchsspuren”, sagt Thomas, breitet sein Papiertaschentuch aus und hält es demonstrativ gegen das Licht.
“Sieh an. Fünf Euro, letztes Angebot!”
“Passt!”

Ein paar Minuten später haben wir allen Müll, den wir noch in unseren Taschen finden konnten, zu Bargeld gemacht. Glücklich ziehen unsere Käufer mit einem zerbrochenen Kugelschreiber (4 Euro), einen 64-MB-USB-Stick (antik, 40 Euro), zahlreichen Kaugummipapieren (Paketpreis 8 Euro), einem alten Plektrum (zukunftsträchtige Investition, 12 Euro) und einigen Steinen (“echt”, Stückpreis 25 Euro), die ich aus den Straßenbahnschienen gepult habe, von dannen. Ein Straßenmusikant, der unseren Trick mitbekommen hat, singt immer wieder “Ich verkaufe Melodien, Melodien, Melodien!”, während die Leute Schein um Schein in seinen zerbeulten Hut stopfen.

“Geil, jetzt können wir sogar Obst kaufen”, freut sich Thomas und tätschelt seine pralle Tasche.
“Obst ist nicht real”, sag ich.
Am Supermarkt stehen wir verschlossenen Türen. Einige Rentner fahren in stoischer Ruhe mit ihren Rollatoren immer und immer wieder gegen die Eingangstür. Überhaupt bietet das Einkaufszentrum im Hauptbahnhof ein trauriges Bild. Wie hungrige Tiere schleichen ineinander verkeilte Pärchen von Schaufenster zu Schaufenster, so als wollten sie es Rilkes Panther gleichtun. Ab und zu zeigen sie auf Hosen und Jacken und seufzen dann leise, wenn ihnen die Macht des Feiertags wieder bewusst wird.
Thomas steht versteinert vorm Supermarkt. Fassungslos tätschelt er an seiner Geldtasche herum.
“Da hast du’s”, sage ich, “Die Sinnlosigkeit des Geldes. Mit dem Kugelschreiber hätten wir uns immerhin noch etwas jagen können.”
“Ich dachte ich kaufe jetzt einfach für 100 Euro hier ein”, seufzt Thomas, “Ganz viel Zeug aus der Werbung. Weil ich’s mir verdient habe.”
“Das geht so schnell mit dem Geld. Erst haste keins, dann haste zuviel.”
“Schrecklich ist das.”
“Und denkt jetzt bloß nicht an die Inflation. Rein technisch gesehen wird das Geld in deiner Tasche da sogar gerade immer mehr.”
Angewidert wendet sich Thomas auf und schlägt auf seine Jackentasche. In diesem Moment gibt die Naht nach, zahllose Münzen prasseln auf den Boden und rollen durch die Einkaufspassage. Sofort springen die Leute den Münzen hinterher und stopfen sich das Kleingeld in die eigenen Taschen.
“Manche Dinge erledigen sich ganz von alleine”, sage ich.
“Das ist eben dieses Postmoderne. Sogar das Schlechte will man besitzen, hauptsache Eigentum.”
“Wusstest du, dass die höchste Selbstmordrate weltweit bei angehenden BWL-Studenten kurz nach Ende ihres Wachstums auftritt?”
“Nachvollziehbar.”


Foto von H.-D.N.

Pünktlich um 11:53 Uhr stehe ich am Fenster bereit. Unten an der Kreuzung ein milder Mittagsverkehr. Gekonnt öffne ich einhändig meine Bierdose und überprüfe den Sitz meines Feinrippunterhemds. Dazu stecke ich mir hinter jedes Ohr eine Zigarette, eine dritte klemme ich mir so in den Mundwinkel, sodass sie beim sprechen sehr schön auf und ab hüpft.

Von weitem höre ich es kommen. Eine Frauenstimme quäkt aus schlechten Boxen: “Und nun fahren wir geradewegs in eines von Leipzigs schönsten Quartieren. Schauen Sie nur, wie gut die gründerzeitlichen Fassaden nach dem Niedergang der DDR wieder hergestellt worden sind.”
Ich nehme einen tiefen Zug aus meiner Bierdose und öffne das Fenster so weit wie möglich. Zuverlässig nähert sich der Bus.
“Leipzig ist heute beliebter denn je. Gerade letzte Woche hat die Frankfurter Allgemeine Zeitung wieder ein Loblied auf unsere schöne Stadt verfasst.”
Ein Stechen durchfährt meinen Kopf. Immer und immer wieder tauchen blitzartig Bilder von Menschen in Polohemden vor meinem inneren Auge auf.
“Laut New York Times gehört Leipzig zu den zehn Orten auf der Welt, die man unbedingt gesehen haben sollte.”
Ich ohrfeige mich. Ist mit der Zeit so ein blöder Reflex geworden, wenn jemand diese Sache mit der Times erwähnt.

“Die Stadt ist bekannt für seinen lebendigen Untergrund und seine Kreativwirtschaft, die unheimlich … kreativ ist”, plappert die Frau weiter. Als der Bus noch etwa zwanzig Meter entfernt ist, wuchte ich mich auf das Fensterbrett. Gar nicht so einfach, wenn man dabei nicht die vielen Bierflaschen umstoßen will, die ich zur Dekoration aufgestellt habe. “Leipzig ist heute eine Boomstadt. Die billigen Wohn- und Lebenshaltungskosten machen sie zu einem Magnet für junge Menschen, die im Gegenzug die Straßen mit Lebensfreude bevölkern.” Na prima, jetzt hab ich einen Teil des Erbrochenen nicht zurückhalten können und alles ist mir aufs Unterhemd gekleckert.

Wie bestellt hält der Bus direkt unter meinem Fenster.
“Und jetzt, meine Damen und Herren, wenden Sie bitte ihren Blick nach rechts”, sagt die Frau und alle Passagiere schauen auf das Haus gegenüber.
Ich räuspere mich.
“Vierhundertfünfzigtausend Euro. Tatsächlich steht in diesem Traumhaus noch eine Wohnung zum Verkauf. Vierhundertfünfzigtausend Euro!”
Eine Frau im Oberdeck stößt begeistert ihren Mann an: “Du Luttger, des isch geschenkt!”
Mit dem Fuß rücke ich meinen Verstärker ein wenig näher ans Fenster und mit einer galanten Bewegung drehe ich gleichzeitig alle Knöpfe bis zum Anschlag nach rechts. Dann drücke ich auf play, augenblicklich sind alle Blicke auf mich gewandt.

“Herzlisch willkomm’ zum Hauptteil dor Veranstaldung!”, brülle ich in breitestem Sächsisch und recke meine Bierdose nach oben.
“Du Luttger, isch des enn Ostdeutscher?!” kommt es aus dem Oberdeck.
“Was wolld’n ihr eigntlisch alle hior?”, schreie ich und schnipse meine Zigarette aus dem Fenster. “Bleibt doch eenfach ze Hause, mach ich doch ooch! Keene Arbeet jibt’s überall, nich nur hior!”
Die Frau im Oberdeck zückt ihre Kamera: “Oah, isch des offregend, Luttger! Des isch wie bei Akte 2011!”
Ich versuche, meinen Bauch so weit es geht herauszustrecken und hebe an: “Zieht doch nach Bitterfeld, ihr Viertel-Vor-Sager! Bitterfeld hat ooch schöne Eggn!”
Die Leute werden unruhig, aber noch zeigt die Ampel an der Kreuzung rot.
“Unn wir wolln ooch keene Szene-Clubs hier hamm’ Und eure Töschter soll’n ma liewer in … in Bochum studiern!”, rufe ich.
“Meine Damen und Herren, schauen Sie, wie schön die Fassade…”
“Halt’n Sabbel!”, brülle ich und schwenke mein Bier, “Sch’wohne hier seit … seit fümmsibbzsch Jahrn! Und plötzlich findet ihr Assis des geil hier und wollt alle herziehen und Kreati … Kreativität hier machen? Was geht’n mit euch?!”
Die Tourleiterin schaut ungeduldig auf die Ampel: “Meine Damen und Herren …”

Plötzlich springt ein junges Mädchen im Oberdeck auf. “Yeah!”, schreit sie und reckt ihre Faust in meine Richtung, “You never walk alone!”
“Wat?”, schreie ich.
“Yeah, gib’s Ihnen!”, schreit das Mädchen.
Ihre Freundin daneben schaut mich mit verliebten Augen an: “Er ist so authentisch!”
Sofort sind unzählige Kameras auf mich gerichtet.
“Luttger! Desch glaubt uns keiner!”
“Könntet Sie vielleicht nochmal das Bier so hoch in die Luft?”
“Würden Sie vielleicht mal meinen Namen auf sächsisch aussprechen?”
Ich halte mir die Ohren zu. Nicht wie in Berlin sollte es enden.

Gestern bekam ich einen Brief von komischen Format. Darin das Belegexemplar eines Touristikkatalogs. Auf dem Cover ein Bild von mir. “Leipzig, eine Oase der Authentizität” stand darunter. Und wir dachten, wir müssen kämpfen. Dabei hatten wir von Anfang an verloren.

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