Direkttrains

Ich werde dieses verdammte Globusgefühl nicht los. Natürlich wusste ich zuerst auch nicht, dass es Globusgefühl heißt, aber der Hypochonder von Welt weiß mit NetDoktor.de schließlich bestens umzugehen. Globusgefühl also die Diagnose. Oder Kehlkopfkrebs. Aber so schlimm, dass ich daran glaube, bin ich schon gar nicht mehr. Früher war das anders. Da plante ich in solchen Fällen schon die große Abschiedstournee, schrieb mir eine bewegende Grabrede, regelte die Vererbung von Spielzeug, Klamotten und Freundin und wenn ich damit dann endlich fertig war, war der Schnupfen meist schon wieder weg. Globusgefühl, hört sich nach dem guten alten Atlas an, das Gewicht der Welt auf seinen Schultern, meint aber nichts Anderes als den allseits bekannten Kloß im Hals. Geht meistens schnell wieder weg und ist natürlich auch kein Kloß, sondern eine äußere Verspannung, die innen gefühlt wird. Bisher aber hält es sich hartnäckig. Gibt angeblich viele Gründe dafür, freudsche wie auch ernstzunehmende. Wenn es wirklich Stress ist, dann muss es in meinem Fall solcher sein, der erst nach dem Stressigen seine Wirkung entfaltet und sich dabei darauf beschränkt, mir ein stetiges Ich-werde-gerade-von-einem-Unsichtbaren-gewürgt-Gefühl zu verpassen. Wobei, dass ich neuerdings immer vor 9 Uhr aufwache, ganz egal wann und in welchem Zustand ich zuvor mein holdes Bettchen aufgesucht habe, kann auch nicht so normal sein. Aber vielleicht ist das nur das Alter. Es geht ja abwärts mit mir, ich werde alt und bald werde ich sicher sogar Frikassee essen. Richtig freuen werde ich mich drauf, Frikassee. Und vielleicht auch noch Brokkoli. Frikassee, Brokkoli, beides Bezeichnungen für scheußliche Dinge, die folgerichtig auch noch scheußlich geschrieben werden. Vielleicht lässt sich da ein Gesetz ableiten. Frikassee, Brokkoli, Gaddafi, Rote Beete, passt. Und Tomaten.


Direkttomaten

Tomaten nicht zu mögen, bzw. sie nur dann zu mögen, wenn sie püriert sind, stellt einen in dieser Gesellschaft vor schier unlösbare Probleme. Es wird einfach nicht akzeptiert, keine Tomaten zu essen, dabei müsste man den meisten Menschen nur mal ein Video davon zeigen, wie es aussieht, wenn sie in eine Tomate beißen und sie wüssten, was ich meine. Tomaten sind evil und dass dieser Strunk angeblich giftig ist, macht mich fertig. Gerade Menschen im Gastronomiegewerbe beizubringen, das "Keine Tomaten!" nicht als Witz gemeint ist, ist schier unmöglich. Egal ob Döner, Burger, whatever, überall Tomaten, egal wie man sehr man "Keine Tomaten! Keine Tomaten!" gekreischt hat. Man muss gezwungenermaßen die Allergiekarte spielen, anders versteht es niemand. Erst wenn sich das Schreckensszenario eines röchelnden Kunden, den die Tomatenscheibe im Burger direkt an der Theke dahin rafft, in die Kochköpfe schleicht, funktioniert es. Eine Schande, zum Lügen gezwungen zu werden, bloß weil der Koch zu ignorant ist und "Seit fümmzwanzsch Jarn!" schleimigen Tomatensalat neben dem Schnitzel drapiert, lassen wir das.

Je näher ich dem Ende des Studiums komme, desto schlimmer wird das Gefühl des Altseins. Außerdem wäre es gut, wenn da etwas stünde, von dem man sagen könnte: "Ah, genau, so geht's dann weiter!" Da ist aber nichts. Nichts Genaues, eher ein Interessenklumpen, aus dem eine Zeitung, ein Soloprogramm, eine E-Gitarre und ein bahnbrechender Roman hervor schauen. Und der Klumpen lacht mich aus. Wäre ich direkt nach der Schule an der Uni geblieben und hätte ich mich ausschließlich in der Regelstudienzeit dort ausgetobt, ich wäre mit 23 fertig gewesen. Und hätte mich am Ende wahrscheinlich uralt gefühlt. Hätte dann erst recht nicht gewusst, was ich will und was ich tun soll. Vielleicht wäre ich auch ganz automatisch Langzeitstudent geworden, war ja schließlich Magister. Und dann hätte ich einfach alles so gemacht, wie Sebastian Lehmann in seinem schönen Buch. Aber es wird auch so funktionieren. Irgendwie. Man muss sich das auch immer ein wenig einreden. "Abwarten, das kommt alles", sagen ja die, die schon erfolgreich sind und gar nicht mehr warten müssen. Und ich glaube ja auch an Gerechtigkeit, nur vielleicht nicht gerade in unserer Gesellschaft. Aber man muss ja positiv bleiben, das müssen alle, auch jene, für die positiv eher die negative Diagnose ist. Nunja, ich warte dann mal, ab jetzt.

 

Eine unendliche Ewigkeit elend unergiebiger Recherche, die Semesterferien flattern irgendwie ungenutzt vorbei und ganz schnell hast du sogar schon das neue Vorlesungsverzeichnis höhnend vor Augen. Plötzlich bist du dir nicht einmal mehr sicher, wie du das letztes Jahr mit der Bachelorarbeit innerhalb von drei Monaten hinbekommen hast – vielleicht produktives Wachkoma oder so etwas Verrücktes – und wie das im nächsten Jahr mit der Masterarbeit werden soll, am Besten gar nicht dran denken. Hat ja eigentlich bisher immer funktioniert, also erstmal auf die Kontingenz der Zukunft vertrauen und abwarten, wird schon werden. Und es dauert ein, zwei Wochen, ehe du dir sicher bist, dass es ganz bestimmt nicht von allein wird. Wenn du Glück hast, setzt dann der Stolz ein, während ein dicker Block Verpflichtungen näher auf auf dich zu rückt, der dir gar keine andere Wahl lässt, als es jetzt einfach zu machen. Und dann ist da wirklich dieses produktive Wachkoma, das dir am Ende einen winzigen Stapel Papier vorm Drucker hinterlässt. So einfach ist das, so einfach.

Tipp: 1) Man sollte sich niemals Themen aussuchen, die nur sehr spärlich erforscht sind, das ist halber Selbstmord. 2) Nicht von Guttenberg paranoid machen lassen und in einen Quellenbelegwahn verfallen. Trotzdem: Eine Woche vor der Buchmesse fertig geworden, und das, obwohl ich mich schon hatte die Nacht zum 31. März durchhecheln sehen. Jetzt: Aufpassen, nicht in Erfolgslethargie zu verfallen und einen weltbewegenden Roman schreiben, obwohl es zwei Texte für die Lesebühne für's Erste auch tun würden. Freunde, es geht wieder aufwärts.

 

Dass der Buchhandel bis Mitte des 18. Jahrhundert noch fast geldlos funktionierte und Buchhändler ihre Waren auf den Messen in Frankfurt und Leipzig einfach Seite gegen Seite, bzw. Buch gegen Buch stachen, sprich tauschten? Dass es einen riesigen Aufstand gab, als Leipziger Verleger plötzlich die Barbezahlung ihrer Bücher verlangten? Dass sich sogar süd- und westdeutsche Buchhändler fortan Reichsbuchhändlern nannten und ganz einfach alle Bücher Leipziger Verleger konsequent nachdruckten, sprich raubkopierten? Dass dieses Raubkopieren gleichzeitig Fluch und Segen für den Markt war? Dass Werke erst durch das illegale Kopieren auch in den kleinsten Winkel deutscher Landen gelangen konnten? Dass die Raubkopierer auf Grund der billigen Kopierwaren dazu gezwungen waren, möglichst viel davon abzusetzen und so gleichzeitig die Entwicklung des Versand- und Transportwesens begünstigten? Dass Autoren sich gegen die mickrigen Verlagshonorare zu wehren versuchten, indem sie die Bücher kurzzeitig einfach selbst verlegten? Dass nahezu alle Buchhändler einfach mit Raubkopien darauf reagierten und so diesen Emanzipationsversuch schlichtweg niederkopierten? Dass es allgemein viel mehr Schmähschriften gab und sich Verleger, Buchhändler und Schriftsteller noch so wunderbar öffentlich beleidigten? Dass sich einmal fast ein vom Buchhandel unabhängiges Subskriptionsmodell entwickelt hat, das am Ende eigentlich nur daran zu Grunde ging, dass die ersten Bücher so gar nicht den Geschmack der Besteller trafen? Dass sowohl Bismarck als auch SPD-Mitbegründer Lassalle der Meinung waren, Schriftsteller seien "eine Bande von Menschen, unfähig zum Elementarschullehrer, zu arbeitsscheu zum Postsecretär"? Dass Lassalle in der Wikipedia selbst als Schriftsteller bezeichnet wird? Dass ich dank dieser verrückten Hausarbeit an nichts Anderes mehr denken kann? Sie wussten es? Wusst ich's doch.

 

Ehe wir irgendwann einmal so berüchtigt sind wie Charlie Sheen oder Martin Semmelrogge und dem freudschen Es in unserer Brust freien Lauf lassen dürfen, müssen wir durch die deutschsprachigen Gefilde ziehen und öffentlich Texte vorlesen, Lieder singen und Quatsch machen. Glücklicherweise tun wir das sehr gern, insbesondere Letzteres.

Mein lieber Teamfreundpartner Julius darf bald, am 23. März 2011, bereits zum dritten Mal im Deutschen Schauspielhaus zu Hamburg beim Kampf der Künste Slam-Dreikampf potentielle Gegner zerpflücken. Ging es beim ersten Mal noch mit Christina Aguilera und TTZ gegen Superkabarettist und Herzensfreund Marc-Uwe Kling, beim zweiten Mal mit Rap und TFHO gegen Herzenskabarettist und Superfreund Volker Strübing, geht es nun sogar mit vereinten TFHO-TTZ-Kräften an gegen Hamburgs Finesse, das Erfolgsteam Team & Struppi.

Es wurde auch wieder darum gebeten, im Vorfeld des Dreikampfes in Text, Lied und Film, einen kleinen Trailer zu drehen und ihr dürft entscheiden, wer die inoffizielle Trailer-Vorrunde gewinnt. Was sagt ihr?

Team & Struppis Werk:

Direktstruppig

Unser Teaser, gestern im wunderbaren Leipziger Clara-Park gedreht, beweist eigentlich nur, dass wir zu viel Freizeit haben:

DirektTTZbam!

Und wer nicht genug von unserer Filmkunst bekommen kann, der kann sich hier den Trailer vom letzten Mal anschauen.

 

Manchmal schält man sich morgens aus dem Bett und bemerkt so unschöne Dinge wie die Verwandlung zum Käfer oder die Deportation Helmstedt über Nacht. Manchmal findet man im virtuellen Postfach aber auch nur einen Link, der einem den plötzlichen Prominentenstatus schwarz auf weiß bescheinigt. Seit ich mich vor ein paar Stunden aus meinem Regenerationssarg erhob, weil vor dem Haus ein kreischender Mob aus Fashionbloggerinnen ein Statement erwartete, steht mein Telefon nicht mehr still. Bis jetzt bekam ich bereits mehrere Ghostwritingangebote, leitende Stellen in Bundesministerien, einen Platz in der Band Muse, sowie zwielichtige sexuelle Praktiken angeboten. Danke, lieber anonymer WELT-Praktikant, dass du mich erwähltest, auch die Handynummer von Charlie Sheen wird mir sicherlich zu sehr viel Spaß verhelfen. Und selbst wenn mir in zwei Wochen vielleicht mein Berühmtheitsgrad wieder aberkannt wird, ich werde nicht im Sturm das Schiff verlassen. Ein herzliches Dankeschön auch an dich, lieber Karl Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester, ohne dich wäre das alles nicht möglich gewesen. (Zeit, mal wieder auf meinen Twitter-Account hinzuweisen, der ist super!)