Ich musste einfach. Wollte nicht dauernd umstimmen müssen. Und vor allem eine Gitarre haben, die ausschließlich für Krach da ist. Und es war gar nicht so einfach, etwas mit fester Brücke, durchgehendem Hals und der einer Kombination aus 85/81er EMG-pickups zu finden. Am Ende hieß es dann wie zu erwarten Ibanez oder ESP. Dass letztere gewonnen hat, sieht man ja auf dem Bild. Zwar ist es nur eine LTD, aber ich bin mehr als zufrieden. Die Gitarre ist göttlicher als Thors Hammer. Sehr leicht und schlank, wenn man zuvor eine Paula gewöhnt war, und die Mensur ist trotz voller 24 Bünde schön kurz. Noch ist sie auf E Standard gestimmt, aber demnächst werde ich sie dann mit dickeren Saiten bestücken und sie erst einmal auf Drop C stimmen. Mögen die Nachbarn viel Spaß damit haben.

Das hier ist übrigens ein automatisch veröffentlichter Post, den ich in weiser Voraussicht geschrieben habe, weil ich mich bis zum Samstag wahrscheinlich längst zu Tode gefreut habe.

Endlich hab ich mein Zeugnis! Wurde ja auch Zeit. Schließlich ist die Schose schon mehr als ein halbes Jahr lang abgehakt und wird gerade durch Masterwürden ersetzt. Aber Uni-Mühlen mahlen mitunter nunmal langsam, seeehr langsam. Da darf es durchaus vorkommen, dass man sich fast nicht zum zweiten Semester zurückmelden kann, weil man noch immer nicht das Bachelorzeugnis nachgereicht hat. Nachreichen konnte wohlgemerkt, denn das gute Stück war ja noch gar nicht fertig ausgestellt. Man sollte meinen, solche Sachen wären uni-intern leicht zu klären. Sind sie nicht. Lassen sich im Endeffekt aber trotzdem immer irgendwie zurechtbiegen.

Egal. Ich freu mich sehr darüber. Ab jetzt bin ich Wissenschaftler, olé!


Foto von ElizaPeyton

Dass er seinen Führerschein nicht beim ersten Versuch bekommen sollte, hatten wir eigentlich nur aus Spaß gewettet. Dass er beim dritten Fehlversuch dann einfach auf der Kreuzung, wo er jemandem die Vorfahrt genommen hatte, anhielt, ausstieg und nach Hause ging, war eigentlich erst der Anfang. Es lag ja nicht daran, dass er nicht fahren konnte, sondern vielmehr daran, dass ihm beim Fahren in Gesellschaft immer die dümmsten Ideen kamen. Eine Tatsache, die wir erst nach dem sechsten und erfolgreichen Versuch bemerken sollten.

“Der Stephan hat gestern seinen Führerschein gekriegt”, erzählte mir Christoph eines Morgens vor dem Unterricht.
“Ah ja”, sagte ich, “Und wo ist er dann?”
“Der kommt sicher mit Auto!”
Stephan kam nicht.
In der Hofpause rief er uns an. Ja, er habe bestanden. Ja, er hatte mit dem Auto kommen wollen. Ja, mit seinem Bruder. Deshalb sei er ein bisschen spät dran gewesen. Nein, es sei dann was dazwischen gekommen. Nicht dazwischen, genauer gesagt sei es etwas vor sie gekommen. Ja, naja, erst ein paar Straßenpfeiler und dann dieser Graben.

Stephans Bruder war ein Tüftler. Einer, der beim Abschleppen eines Autos schonmal auf die Idee kommen konnte, einen Bremstest zu machen, ohne an das Auto hinter sich zu denken. Vielleicht hat sich davon auch etwas an Stephan vererbt. Als ihn seine Eltern wieder hinters Lenkrad ließen, begann er jedenfalls, sich besonders für Fliehkräfte zu interessieren.
“Mit 40 durch ‘ne 90-Grad-Kurve is’ überhaupt keen Problem!”, sagte er immer, “Musst nur richteh rumreißen!”
Wahrscheinlich hatte er recht damit. Nur als er Christoph und mir das Spektakel dann bei 70 km/h hatte zeigen müssen, hatte das Auto dann doch eher Lust gehabt, geradewegs gegen einen Laternenmasten zu fahren, sodass uns im Kofferraum ein ganzer Kasten Bier explodierte. Natürlich, und so hatte es später auch die Polizei erfahren, hatte diese abartige Sonne Stephan nur geblendet und manövrierunfähig gemacht.

Weil Stephan in der Nachbarstadt wohnte, war er praktisch immer mit dem Auto unterwegs, es sei denn es befand sich in der Reparatur oder musste gerade von der Versicherung durch ein neues ersetzt werden, was beides häufiger vorkam. Wenn er mobil war, war Stephan mein Fahrdienst. Ich hatte und wollte kein Auto, aber Stephan fuhr so gern, deshalb hatte ich zu jeder Party einen Chauffeur. Der Trick war, Stephan exakt drei Stunden, bevor ich vor hatte, die Segel Richtung Heimat zu setzen, darauf hin zu weisen, seinen Alkoholkonsum zu minimieren. Das klappte nie, aber es beruhigt mich sehr. Und selbst wenn mir Dialoge wie:
“André, kannst du mal bitte nach vorne gucken?”
“Ja?”
“Siehst du da was?”
“Nur schwarz.”
“Gut, dann fahr ich lieber nur 130.”
im Nachhinein etwas beunruhigen, Unfälle hatte Stephan nur dann, wenn sie möglichst sinnlos und vermeidbar waren, und es waren nicht wenige.

Er rammte Rehe, weil er Pech hatte, er rammte Einkaufswagen, weil er die falsche Supermarkteinfahrt nahm, er riss sich den Unterboden auf, weil der Schotterweg eine todsichere Abkürzung war, er riss sich den Fingernagel ein, als er einmal Rückwärts- und Vorwärtsgang verwechselte.

Morgen holt mich Stephan ab. Wir fahren zu Christoph. Am Telefon hat er gesagt, dass er mit dem Zug kommt. Er würde nicht mehr so gern mit dem Auto fahren, seit ihm die Achse nach diesem Sprung gebrochen sei. Aber ich habe nicht weiter nachgefragt.

Vielleicht ist es ein Fehler meinerseits. Aber ich deute so etwas immer sofort als quasischicksalhafte Verquickung, die ich nur deshalb mit einem quasi präfixiere, weil ich nicht an Schicksal glaube. Welche krude Macht hält Muse also davon ab, mich als Rhythmus-Gitarristen zu engagieren? Welcher Dämon sorgt dafür, dass mir die Facebook-”Deine Top-Profilstalker”-App und all jene, die bereitwillig draufklicken, so maßlos auf die Ketten gehen? Welcher Hipster ist daran schuld, dass sich Bauer Lämmes und die flinke Fleischfachverkäuferin Moni nicht auf Dauer für einander erwärmen konnten? Vielleicht habe ich zu viel Beckett gelesen und bin mittlerweile völlig desillusioniert, verbittert und schon lange nicht mehr lebensfähig. Ich meine, ich kann vielleicht noch davon absehen, dass mir der gesamte weltliche Zufall feindlich gesonnen ist, wenn ich bei Mensch ärgere dich nicht, Dart, Billard, Kicker usw. dauerhaft führe und am Ende natürlich kein einziges Spiel gewinne. Oder wenn das Wetter immer genau dann wieder von Frühlingsanfang auf Wintercomeback umschaltet, sobald ich mich traue, auf eine dicke Jacke zu verzichten (ein Grund, warum ich über keine Übergangsklamotten verfüge). Oder wenn der Postmann klingelt, er nur Pakete für zwölf verschiedene Nachbarn hat, aber genau weiß, dass ich zu Hause bin und sie annehme. Natürlich weiß ich, dass solche Erkenntnisse nur in jenen Köpfen entstehen, die partout alles Positive ausblenden, weil sie es als jederzeit blind voraussetzen und deshalb oft nicht wertschätzen. Dabei freue ich mich wie blöd, wenn ich beim Durchs-Programm-Zappen plötzlich einen Bud-Spencer-Film finde, wahlweise auch solche Terence Hill oder beiden. Und neuerdings auch über gutes Wetter und Natur, blühende Pflanzen, deren Namen ich nicht kenne, und solches Zeug. Aber das ist wohl meinem sich immer weiter beschleunigenden Alterungsprozess geschuldet. Die ersten zwanzig Jahre im Leben kommen einem angeblich genau so lang vor wie alles, was danach kommt. Das heißt, ich sollte vielleicht schnellstmöglich beginnen, mich auf meinen irdischen Abschied vorzubereiten, ehe ich keine Zeit mehr dazu habe und einfach umfalle. Aber es stört niemanden, wenn ich es für eine Verschwörung der Welt gegen mich halte. Wenn so etwas Lady Gaga passieren würde, die Zeitungen wären wochenlang voll davon. Oder wenn es Price William erwischen würde, womöglich würde die Hochzeit einfach abgesagt. Unter so vielen Umständen hätte es mich auch wirklich nicht gestört. Aber wenn mein Geburtstag, der im Rhythmus von wasweißichwievielenJahren mal auf Ostern fällt und ich dann mit tausend Grad Fieber im Bett liege, dann ist das nicht cool. Gar nicht cool.

Und dann sitzen dort Leute im Seminar, die wirklich ambitioniert, fast schon fanatisch darüber diskutieren können, welcher Theoretiker die beste Staatsdefinition abgeliefert hat, insofern sie am deckungsgleichsten mit dem modernen Staat ist. Und jedes akademische Buzzwort, das durch den Raum geschleudert wird, wirkt wie ein neues Gramm auf meinen Augenlidern, mein Kopf hat längst schon dicht und jetzt wollen auch die Schotten schließen. Es gibt solche Menschen, die stundenlang über Theorien lamentieren können, die schon lange jedem Realitätsbezug Bye-Bye gewunken haben, ohne dabei müde zu werden. Und gerade das Abstrakte scheint dabei der Antrieb zu sein, denn erst wo es unübersichtlich wird, hat schließlich auch alles irgendwie eine Daseinsberechtigung. Nur dass es mich müde macht, so unendlich müde, über Dinge zu diskutieren, bei denen ich applaudieren möchte, sobald jemand “Ja, und was bringt mir das dann?” in die Runde fragt. Es gibt Physiker, die untersuchen, inwiefern sich die Superkräfte von Comichelden mit der Physik vereinbaren lassen, es gibt Germanisten, die Typologien von Märchenwesen erstellen und durch ewige Grimm-Recherche heraus bekommen wollen, ab wie viel Metern man sich Riese nennen darf. Das ist genau so weltfremd, aber macht keine Hehl daraus, schlichtweg Spaß zu sein. Aber die Klärung des Staatsbegriffs ist akademisch gesehen heißester Scheiß, blankester Ernst, sodass ich allwöchentlich mit diesem Brei im Kopf zurück bleibe, von dem ich nur weiß, dass er da ist, nicht was er ist und ob er überhaupt genießbar ist.

Und wo wir gerade bei Sinnlosigkeiten sind, hier ein Mann, der brennendes Benzin einfach mit einem Staubsauger wegsaugt:


Direktsuckit!

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