
Foto von ElizaPeyton
Dass er seinen Führerschein nicht beim ersten Versuch bekommen sollte, hatten wir eigentlich nur aus Spaß gewettet. Dass er beim dritten Fehlversuch dann einfach auf der Kreuzung, wo er jemandem die Vorfahrt genommen hatte, anhielt, ausstieg und nach Hause ging, war eigentlich erst der Anfang. Es lag ja nicht daran, dass er nicht fahren konnte, sondern vielmehr daran, dass ihm beim Fahren in Gesellschaft immer die dümmsten Ideen kamen. Eine Tatsache, die wir erst nach dem sechsten und erfolgreichen Versuch bemerken sollten.
“Der Stephan hat gestern seinen Führerschein gekriegt”, erzählte mir Christoph eines Morgens vor dem Unterricht.
“Ah ja”, sagte ich, “Und wo ist er dann?”
“Der kommt sicher mit Auto!”
Stephan kam nicht.
In der Hofpause rief er uns an. Ja, er habe bestanden. Ja, er hatte mit dem Auto kommen wollen. Ja, mit seinem Bruder. Deshalb sei er ein bisschen spät dran gewesen. Nein, es sei dann was dazwischen gekommen. Nicht dazwischen, genauer gesagt sei es etwas vor sie gekommen. Ja, naja, erst ein paar Straßenpfeiler und dann dieser Graben.
Stephans Bruder war ein Tüftler. Einer, der beim Abschleppen eines Autos schonmal auf die Idee kommen konnte, einen Bremstest zu machen, ohne an das Auto hinter sich zu denken. Vielleicht hat sich davon auch etwas an Stephan vererbt. Als ihn seine Eltern wieder hinters Lenkrad ließen, begann er jedenfalls, sich besonders für Fliehkräfte zu interessieren.
“Mit 40 durch ‘ne 90-Grad-Kurve is’ überhaupt keen Problem!”, sagte er immer, “Musst nur richteh rumreißen!”
Wahrscheinlich hatte er recht damit. Nur als er Christoph und mir das Spektakel dann bei 70 km/h hatte zeigen müssen, hatte das Auto dann doch eher Lust gehabt, geradewegs gegen einen Laternenmasten zu fahren, sodass uns im Kofferraum ein ganzer Kasten Bier explodierte. Natürlich, und so hatte es später auch die Polizei erfahren, hatte diese abartige Sonne Stephan nur geblendet und manövrierunfähig gemacht.
Weil Stephan in der Nachbarstadt wohnte, war er praktisch immer mit dem Auto unterwegs, es sei denn es befand sich in der Reparatur oder musste gerade von der Versicherung durch ein neues ersetzt werden, was beides häufiger vorkam. Wenn er mobil war, war Stephan mein Fahrdienst. Ich hatte und wollte kein Auto, aber Stephan fuhr so gern, deshalb hatte ich zu jeder Party einen Chauffeur. Der Trick war, Stephan exakt drei Stunden, bevor ich vor hatte, die Segel Richtung Heimat zu setzen, darauf hin zu weisen, seinen Alkoholkonsum zu minimieren. Das klappte nie, aber es beruhigt mich sehr. Und selbst wenn mir Dialoge wie:
“André, kannst du mal bitte nach vorne gucken?”
“Ja?”
“Siehst du da was?”
“Nur schwarz.”
“Gut, dann fahr ich lieber nur 130.”
im Nachhinein etwas beunruhigen, Unfälle hatte Stephan nur dann, wenn sie möglichst sinnlos und vermeidbar waren, und es waren nicht wenige.
Er rammte Rehe, weil er Pech hatte, er rammte Einkaufswagen, weil er die falsche Supermarkteinfahrt nahm, er riss sich den Unterboden auf, weil der Schotterweg eine todsichere Abkürzung war, er riss sich den Fingernagel ein, als er einmal Rückwärts- und Vorwärtsgang verwechselte.
Morgen holt mich Stephan ab. Wir fahren zu Christoph. Am Telefon hat er gesagt, dass er mit dem Zug kommt. Er würde nicht mehr so gern mit dem Auto fahren, seit ihm die Achse nach diesem Sprung gebrochen sei. Aber ich habe nicht weiter nachgefragt.