John hat einen lustigen Namen.
Globalisierungstechnisch ganz weit vorn. Er könnte ihn englisch aussprechen, Dschonn, oder amerikanisch, Dschaaahn, aber er besteht darauf, dass man ihn deutsch ausspricht.
“Klingt mir zu italienisch!”, meint er und grinst, “Molto bene!”

Manchmal sitzt er, an einer Bratwurst knabbernd, vorm Supermarkt und feuert reihenweise Weisheiten in die Welt hinaus:
“Ist doch alles Scheiße mit der SDP, mit der SCU, mit der ganzen scheiß SPDCU!”

“Hält doch kein Schwein auf Dauer aus, was die Anzugaffen da ausklamüsern!”

“Dass die auch überhaupt keinen Durchblick haben, die Affen!”

Seine abgewetzten Nikes pellen sich wie seine braungelbe Haut in breiten Fetzen. DieTrainingshose steckt in dicken Wollsocken, sein Gesicht ist verlebt und vom dichten Bart fast völlig verhüllt. Neben sich hat er zwei, drei Flaschen abgefülltes Glück stehen.

Er versteht sich gut mit dem Wurstverkäufer.
“Na, John, schon wieder im Kleister?”
“Alles im Kleister, Meister!”

Ich bringe ihm gern ein Bier mit, wenn er danach fragt.
“Feine Geste, feine Geste!”
Wir kennen uns und lernen uns jedes Mal neu kennen.
Weshalb wir uns nie verabschieden.

Manchmal kommt es vorbei, setzt sich in meinen Kopf und starrt aus meinen Augen, dieses Mitleid mit all den Tageszeitungen. Beim Aufschlagen der ersten Seiten schon schweben die Seufzer unter dem Papier hervor. Rascheln ein wenig. Aber viel zu leise, als dass sie irgendjemanden schon aus der schlaftrunkenen Kaffeelaune reißen könnten. Wo ist eigentlich die verdammte Wurst? Wieder tropft Blut auf den Schoß und Kotze von denen, die daneben standen, als der Photograph die Bilder von all den zerfetzten Leuten und den vergwaltigten Kindern schoss. 20.000 Dollar zahlen dafür die Hochglanzmagazine. Tod ist trendy, seit jeher.

Wie ich schwimme und untergehe, umblättere und alles einfach wegschiebe. Geh doch zurück nach was weiß ich wohin. Untergebuttert von unserem Leserreporter Bernd Bumskopp. Rein physisch. Von einem, der selbst in toten Augen noch einen geilen Geldschein sehen kann. Das Kamerahandy immer griffbereit am ledernen Gürtel, über den der mettwurstgefütterte Wohlstandsranzen hinweg wabert. Bernd, oh Bernd, Bernd, ja ja. Profi und Amateur unterscheidet nur die Qualität des Ekels.

Viele heraus ragende Storys gibt es zu lesen beim Duden’schen Verlagshaus. Zum Beispiel die Neuregelungen der deutschen Orthografie, zusammen gefasst in 25 einfachen Paragrafen. Mit Hilfe dieser grandiosen Zusammenstellung kann jeder Anlauf nehmen spielend selbst die Hürden der Zeichensetzung zu überwinden.

Denn gestern, am 01. August 2007 trat sie endlich verbindlich in Kraft: die neue deutsch’sche Rechtschreibung. Schon am Abend knallten die ersten Sektkorken in den germanistischen Fakultäten aller Universitäten, die die Verhauptschulung der Sprache mit wahren Freudenschreien und Fensterstürzen begrüßten.

Großartig, verehrte Kultusministerkonferenz, sowie verehrter Rat für deutsche Rechtschreibung. Sie beide wollten die bisherigen Regeln an heutige Erfordernisse – meinten sie damit die Degeneration des Sprachgefühls? – anpassen und endlich legitimieren, was von verzweifelten Deutschlehrern leider schon längst nicht mehr rot angestrichen wurde, um den Klassen-Durchschnitt halbwegs halten zu können.

Genau das haben sie geschafft. Ihnen ist tatsächlich gelungen, was sich manch ein Mitglied des Vereins Deutsche Sprache e.V. sicherlich nicht einmal hätte erträumen können: Die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Sprache im internationalen Vergleich zu steigern und gleichzeitig so zu tun, als sei dies überhaupt notwendig.

Fabulös, meine Glückwünsche.

Zum Chrashkurs in neuer deutscher Schlechtschreibung.

Wie lang soll ein Kopf denn so etwas überhaupt aushalten können? Das Klopfen, das Drehen und die immer währenden Versuche, sich die Klarheit zu verschaffen, die man zu brauchen meint? Ständig unter Spannung zu sein, als hinge er fest eingekeilt in einem Schraubstock. Immer am Puls der Zeit, mit jedem Schlag ein Stück weiter nach vorn. Agieren, agieren! Und niemals Halt machen, nie stehen bleiben, verschnaufen oder sich einfach einmal umsehen. All das von dem Gefühl begleitet, die zwölf Aufgaben des Herakles längst überboten zu haben.

Man will sich auch zurücklehnen können. Sich anlehnen dürfen, die Augen schließen und alles über die inneren Wasserfälle ins gedankliche Nirgendwo entlassen. Nichts mehr mit irgendetwas zu tun haben. Oder nur noch etwas haben, dass sich lohnt. Für ein paar Minuten. Vielleicht für ein paar Monate. Aber trotzdem wie ein farbenblinder Stier jedem flatternden Tuch hinterher hetzend. Es wird sich wieder nicht lohnen.

Denn vielleicht ist das auch die ganze Kunst. Aufzustehen, loszugehen, etwas zu machen. Sich zurückzulehnen, das frisch aufgelegte Parfum zu spüren, wie es die eigenen Nüstern umweht und keinerlei Unruhe mehr über sich selbst kommen zu lassen. Den ganzen vielen Helfern von nun an zu entbehren. Der sekündlichen genugtuenden Freiheit. Den Kopfketten, dem Kettenkarussell im Kopf. Wie es genau dann ist. Sich selbst zuzusehen. Und weder Furcht noch Eifer zu verspüren. Sondern bloße Zufriedenheit.

Das Leben im Konjunktiv wäre ein großartiges.

“Kannst du ruhig glauben!”

“Tu ich doch.”

“Ich hab schon Stunden auf dem Klo verbracht. Kann ich einfach am besten denken. Ungestört und ohne Ablenkung. Dabei kommen mir die besten Ideen.”

“Hm.”

“Und da vergess ich alles. Bis die Spülung geht. Wegen meinen Scheißideen.”

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