Breaking Bad fetzt. So eine gute Serie, meine Herren. Wie das Intro schon andeutet geht es um einen völlig überqualifizierten und gleichsam unterbezahlten Chemielehrer, der wegen einer Krebserkrankung beginnt, das beste Crystal-Meth aller Zeiten zu kochen. Großartig, die ganze Story dazu, mit dem Schwager, der leider bei der Drogenfahndung arbeitet, dem Partner, der leider selbst zu gern vom eigenen Produkt probiert und der komischen Ehefrau, die nichts von alledem wissen darf. Und wie sich so viele kleine Fetzen nach mehreren Folgen immer zu großen Erklärungen zusammen fügen, das gab’s zum letzten Mal so richtig gut bei LOST. Aber seit diesem verkorksten Ende… Lassen wir das. Wenn eine Serie also mal wieder richtig Suchtpotential hat, dann kann es schon passieren, dass man eine Staffel am Tag schaut und damit aus Versehen den ewigen LOST-Rekord bricht. Man darf es eben nur nicht übertreiben mit dem Konsum, sonst folgt auf das kurze Hoch ein langer und schmerzhafter Entzug, ehe die nächsten Staffel in kleinen Häppchen erscheint. Anyway, ich muss mich zügeln. Erst im Juli gibt es neue Folgen, bis dahin muss ich mir die übrig gebliebene dritte Staffel einteilen. Aber ich habe mich im Griff. Sport hilft. Und wenn ich gerade mal nicht vom filmischen Nektar naschen darf, aber trotzdem keine Lust habe, mich überschwänglich zu bewegen, kann ich ja immerhin das Bad putzen. Oder Gitarre spielen. Letzteres nicht sehr gut, aber immerhin reicht es gerade so, um Powderfinger zu spielen. Hab ich heute auch getan. Was für eine Überleitung.
Die beiden Krankenschwestern machen nicht einmal den Anschein, als hätten Sie besondere Lust darauf, den 100-Bier-Gutschein zu gewinnen. Klatsch und Tratsch ist ihre Rubrik, haben sie gesagt und warum auch immer, bei Klatsch und Tratsch weiß ich auch alles. “Wer ist seit kurzem in den Schlagzeilen, weil er sich jüngst nach fünfundzwanzig Ehejahren von seiner Frau getrennt hat?”, “Wer ersetzt Charlie Sheen bei Two and a Half Men?”, “Wie oft haben sich Kate Middleton und Prince William bei ihrer Hochzeit auf dem Balkon des Buckingham Pallace geküsst?”, alles kein Problem. Stufe für Stufe geht es nach oben, zehn Bier, fünfzehn, zwanzig, fünfundzwanzig, den Krankenschwestern scheint’s irgendwie seltsam egal zu sein. Sodass sie bei fünfzig Bier einfach noch das Zwei-Runden-Weiter-Feld erdrehen. So wird’s gemacht, so erspielt man sich den gelben Gutschein mit den hundert freien Kästchen, obwohl man augescheinlich lieber Wein gewonnen hätte.
Natürlich haben wir auch unsere Namen auf Zettel gekritzelt und in die Karaffe geworfen. Erst unser vierter Versuch, überhaupt mal bei Riskier dein Bier dranzukommen, es passt ja zeitlich nicht so oft. Aber wenn ich in der Pause meinen Pullover schon mit der Ketchup-Senf-Mischung meines Hot-Dogs beschmiere, ist das prinzipiell eine ziemlich gute Ausgangslage dafür, später doch noch auf die Bühne zu müssen.
Die restlichen Teilnehmer sind leider nicht so das Wahre und kommen dementsprechend auch nur langsam voran. Klar, die Fragen werden irgendwie schwerer und wenn man Pech hat, muss man sich die ganze Zeit über mit Bundesligafragen von 1964, Bieroullette oder verrückten 80er-Musikfragen zu mysteriösen Backgroundsängerinnen herumschlagen. Und man glaubt es kaum, in der allerletzten Runde haben wir Glück. Muss nur schnell gehen, heißt es, denn es wird schon spät. 100 Bier also, alles Andere ist Kinderkram.
“Wie alt ist der nachgewiesen älteste Mensch der Welt geworden?” Mehr oder weniger.
Der nette Mann aus dem Publikum, der unser Maß vorgeben muss, schätzt 127, klasse. Hätte er nicht 500 sagen können? Naja, muss ja schnell gehen, darum weniger, was erfreulicherweise stimmt.
Aus mir unerklärlichen Gründen verfange ich mich bei fast jedem Dreh mit den Fingern zwischen den Nägeln der Drehscheibe. Tut weh sowas, aber die Leute mögen es, wenn man sich wehtut, sie finden ungewollte Selbstverstümmelung sympathisch.
“Welche Person ist die älteste? Irgendwer, noch irgendwer, Madonna, Cher?”
Das Publikum brüllt Cher, super. Nur dass es bei dem Spiel darum geht, dass wir antworten. Zählt also nicht, prima.
“Welches Land liegt am Golf von Aden.”
Weiß ich, hätte ich fast meine Bachelorarbeit drüber geschrieben. Somalia, yeay. Weiß aber auch irgendwie jeder, muss man nicht stolz drauf sein.
“Der wievielte Bundeskanzler war Helmut Schmidt?”
Erste Reaktion meinerseits: Pfft, keine Ahnung. “Aber du studierst doch Politik und so weiter?!” Gut, aber irgendwie schmeiße ich trotzdem die ganze Zeit über Bundeskanzler und -präsidenten durcheinander. Was soll’s, dafür gibt es schließlich Sidekicks. Der argumentiert “Adenauer, Erhard, irgendwer, ach ja, Kiesinger, Brandt, Schmidt, der fünfte” und hat natürlich recht.
Irgendwann kommen wir auch mal eine Runde weiter, ohne etwas dafür tun zu müssen, aber natürlich erdrehe ich danach sofort wieder eine Runde zurück, that’s me. Immerhin zwei Gratis-Currywürste beschere ich uns, ehe es im Debakel enden muss.
“Wie viele weibliche Ministerpräsidentinnen gibt es derzeit in Deutschland?”
Alles klar, macht’s gut, Freunde. Wenn andere Teilnehmer zuvor auf das Politik-Geschichte-Feld kamen, mussten sie wissen, wer neuer Ministerpräsident von Baden-Würtemberg ist und solche Späße, wir aber kriegen natürlich die Nerdfragen, fantastisch.
Gut, Hannelore Kraft hätte uns einfallen müssen, wirklich. Aber wer kennt denn bitte diese Frau aus Thüringen? Christine Lieberknecht? Nichts gegen Frau Lieberknecht als solche, aber das Einzige, was wir über Thüringens MinisterpräsidentInnen wissen, sind wir uns schnell einig, ist, dass wir nichts darüber wissen, Sokrates würde uns High Five geben. Und so sagt man dann halt einfach “Null”, hetzt sich wahrscheinlich alle anwesenden FrauenrechtlerInnen auf den Hals und endet ohne die angepeilten einhundert Flaschenbiere. Aber eine CD, eine Platte und ein Knicklicht bekommen wir. Das ist doch auch schön. Wir nennen es eine Auftaktveranstaltung.
Und während wir später an der Bar versacken und uns überlegen, welches ein gutes Masterthema für eine Titelverteidigung (natürlich denken wir schon optimistisch nach vorn) wäre, zerbreche ich vor Aufregung das Knicklicht, sodass meine Jacke von jetzt bis ewig im Dunkeln scheußlich leuchten wird. Und irgendwann fachsimpeln wir plötzlich über Herr der Ringe, Die unendliche Geschichte und Star Trek und wundern uns in regelmäßigen Abständen, woher und warum wir all dieses Zeug wissen, ohne uns dennoch daran erinnern zu können, wie die Tabaksorte hieß, die Gandalf und Bilbo rauchen. Und als wir später über die feuchten Straßen nach Hause laufen, leuchtet meine Jacke nur noch halb so grell. Und natürlich müssen wir noch irgendetwas Ungesundes zu Essen kaufen. Und dann viel zu müde sein, um das Spiel der Mavs zu gucken, obwohl wir punktgenau zu Spielbeginn wieder in unseren Wohnungen sind. Und wir wissen schon beim Aufschließen, dass wir am nächsten Morgen etwas länger schlafen werden. Und kurz vorm Einschlafen fällt es mir dann ein: Das, worüber ich am Allermeisten weiß, mein persönliches Masterthema, die Konzentration all meines Detail- und Hintergrundwissens auf einen einzigen Punkt. Ich würde Karate Kid Teil 1 nehmen.

Foto von meczilla attacks
Ich weiß gar nicht, ob man so etwas laut sagen sollte. Vielleicht wäre es besser, Stillschweigen darüber zu bewahren. Es ist ohnehin schon immer irgendetwas zwischen peinlicher Berührtheit und Anteil nehmender Freude, das einem entgegen weht, wenn man es offen zugibt. Wenn man bei den Gesprächen nicht bloß still bleibt und sich seinen Teil denkt. Wenn man etwas dazugeben muss, weil man ja auch eine wohlerwogene Meinung dazu hat. Weil man ja auch alle Staffeln Gilmore Girls geguckt hat und sich bestens in der Stars-Hollow-Szene auskennt.
Jawohl, jetzt kenne ich alle Folgen, alle Staffeln, alles. Ich weiß wer Dean, Jess und Logan sind und erinnere mich sogar an Max Medina. Ich weiß, das Paris nicht nur eine Stadt und eine verrückte Hotelerbin bezeichnet, weiß, was das Maskottchen der Yale-Universität ist und hätte so gern einmal mit Emily Gilmore in voller Boshaftigkeit bei einem Drink die Welt seziert.
Und trotzdem weiß ich gar nicht mehr so genau, warum ich mal damit angefangen habe, die Serie zu schauen. Vielleicht war es damals schlichtweg die einzige Serie, die gerade lief, wenn ich am Dienstagnachmittag von der Schule nach Hause kam. Denn eigentlich wird man, von Frauen wie von Männern, eher dafür belächelt, rund 116 Stunden lang zwei Frauen beim Schnellsprechen zuzuschauen, als dass man dazu beglückwünscht wird, ebenfalls die Heile-Welt-Optik von Stars Hollow zu schätzen. Wo alle Probleme nur deshalb so groß erschienen, weil die Stadt so winzig und völlig verkitscht war. Nicht so übertrieben und scheußlich wie in Eine himmlische Familie, aber immerhin mit so viel victorianischen Flaniermeilen und bunten Laubbäumen, dass es die eigene Welt eine Dreiviertelstunde lang erträglicher machen konnte.
Und ich kannte schon eine ganze Menge Folgen, nur eben das große Ende nie. Also habe ich irgendwann im vergangenen Winter angefangen, alle Staffeln noch einmal zu schauen. Ich dachte, ab der sechsten von sieben Staffeln würde mir alles fehlen, aber im Endeffekt hätte es wohl ausgereicht, einfach die letzten fünf, sechs Folgen zu schauen und ich wäre perfekt informiert gewesen. So aber bin ich nunmehr der absolute Fachmann, was die Miss Patties, die Babettes usw. angeht. Und es war sogar ganz schön, zu merken, wie anders ich die Serie jetzt im Vergleich zu früher geschaut habe, als ich bspw. Rory noch mochte. Nicht, weil ich sie besonders hübsch fand, sondern vielmehr, weil ich mich so gut mit ihrer Unsicherheit identifizieren konnte. Heute dagegen erscheint sie mir nur noch wie ein verwöhntes Mädchen mit reichen Großeltern, das leider immer wieder von allen Seiten eine falsche Einzigartigkeit attestiert bekommt und dabei ständig große Lebensentwürfe kreiert, nur um sie kurze Zeit später wieder einzureißen. So ein Mädchen, das jeder aus der Schule kennt, das nach der Klausur immer halb weinend “Ich krieg bestimmt ‘ne Sechs!” plärrt, am Ende dann aber z u f ä l l i g doch eine Eins bekommt und dummerweise nie bemerkt, dass es ein Kleid im Wert von mehreren tausend Dollar trägt, während es auf seine street credibility schwört.
Grrr! Aber genug des Rory-Hassens. Ich könnte mich jetzt darüber auslassen, wie vorhersehbar die Geschichte ist, wie sehr die Serie entzaubert wird, wenn man sie mal auf ihre Grundpfeiler, sprich das ewige Hin- und Her zwischen Luke und Lorelai, Rorys Werdegang und all den Klatsch und Tratsch drumherum reduziert und wie herbeiinszeniert das große Finale wirkt, weil es offensichtlich macht, dass die Serie eben keine andere große Storyline als das siebenjährige Begleiten zweier junger Frauen hatte, aber wozu? Denn das Besondere entsteht schließlich erst aus der Einbettung der Serie in das Leben des Zuschauers. Klingt nach wahnsinnig krasser Medientheorie à la Marshall McLuhan, ist aber auch so. Wir mögen eine Serie, einen Film, ein Bild, ein Kunstwerk allgemein, was auch immer, genau deshalb, weil es in uns eine bestimmte Reaktion hervorruft, die nichts Anderes so hervorrufen kann. Dafür räumen ihm einen Platz in unserem Gedächtnis und in unserem Herzen ein. Klingt wahnsinnig kitschig. Ist es auch. Aber nur deshalb kommen einem diese 116 Stunden auch nicht völlig verschwendet vor.
Und wenn jetzt irgendwann doch noch die vierte und beste Staffel Aus heiterem Himmel auf DVD erscheint, wäre alles perfekt. Dann schließt sich der Kreis.

Die Polizisten verteilen sogar Plastebecher, in die man sein Bier umfüllen kann, naja, umfüllen muss. Sieben Stunden lang machen sie das schon, sagt einer, und wenn’s schlecht läuft, geht das noch zehn Stunden so weiter. Sieht fast schon menschlich aus, wenn sie die Helme nur am Gürtel hängen und den Mundschutz gar nicht erst dran gebastelt haben.
“Irgendwo hier ist auch Maria”, sagt Christoph.
“Welche Maria?”, fragte Stephan.
“Na, die Maria halt”, sage ich.
Es sind vielleicht tausend, denke ich, als wir uns durch die schwarz gekleidete Masse schlängeln und nach einem Sitzplatz Ausschau halten. Von der kleinen Bühne drückt sich unbestimmbares Gitarrengeschrammel über den ganzen Platz. Alle warten, keiner scheint so richtig zu wissen worauf, aber alle warten darauf, dass es losgeht.
“Und was machen wir jetzt?”, fragt Stephan.
“Wir gucken mal nach Maria”, sagt Christoph.
“Und gehen Bier holen”, sage ich.
Plastebecher leeren, Plastebecher abgeben, Polizei grüßen, Späti rein, Späti raus, Polizei grüßen, Plastebecher nehmen, umfüllen. Scheinen hier alle so zu machen, ist usus. Bei der dritten Runde wird es langsam dunkel, Stephan reicht Chili-Reis-Waffeln herum, die sollen gut sein gegen alles und mir fällt mein Handy herunter. Neue Handies sind dafür zwar nicht mehr konzipiert, aber wie es aussieht, hat es überlebt.
“Guck, da ist Natalie Portman!”, ruft Stephan und zeigt auf ein Thor-Plakat.
“Ja, aber wir suchen Maria”, sage ich.
“Außerdem ist die nicht echt”, sagt Christoph.
Ja, Frau Merkel hat schon angerufen. Sogar eine kleine Entschuldigung für ihre völkerrechtsfußtretende Freude ob der Osamaschen Liquidation konnte ich ihr abringen. Seitdem geht es hier drunter und drüber. Schreiende Mädchen haben das Haus gegenüber in ihre Gewalt genommen und tanzen lasziv an den Fenstern, um meine Aufmerksamkeit zu erhaschen. Boulevardblattjournalisten drüben auf dem Dach drohen, sie würden augenblicklich springen, gäbe ich ihnen nicht bald ein Interview. Im Treppenhaus sitzen manisch kritzelnde Literaturinstituts-studenten und versuchen, mein Leben in einen Spontanroman zu pressen. Til Schweiger will einen Film mit mir drehen, in dem ich das obgliatorische kleine süße Kind spielen darf. Das versammelte Volk auf der Straße wartet nur darauf, dass ihm endlich Anweisungen erteile. Und die GSG9 hat angeboten, ein paar besonders penetrante Fans im Namen der Weltdemokratie aus dem Weg zu schaffen und ins Meer zu kippen.
Das ist also die große Berühmtheit, der Freifahrtschein in Richtung “Mach doch, was du willst, wir finden’s eh geil!”. Ein bisschen muss ich mich noch daran gewöhnen, fortan, wie ich es mir gewünscht habe, nur noch gesiezt zu werden. Aber das geht sicher vorbei, sobald ich endlich arrogant genug geworden bin. Ich geb mir ja Mühe. Danke, liebe Academy, ich hatte schon befürchtet, mein Ruhm käme vielleicht doch erst posthum. Und das wäre irgendwie blöd gewesen.
Und für alle, die sich wundern: Das ist ein Fehler. Nicht pro Monat, sondern pro Tag muss es heißen.














