
Foto von Curtis Cronn
Ein bisschen trauere ich jener dunklen Zeit nach, die Kollege Strübing folgendermaßen treffend umschreibt: “Die hatten eine Höhle, ein Fell und genau zwei Apps: Einen Faustkeil und einen angespitzten Stock, der über die beiden Funktionen ‘Feuermachen’ und ‘Mammut erlegen’ verfügte.” Das Leben damals muss so herrlich simpel gewesen sein. Immer, wenn man Dokus im Fernsehen guckt oder mal einen Ausflug in die Trinkerecke vorm Rewe macht, sieht man die wulstigen und zugewucherten Urzeitler gesellig ums Feuer sitzen, sich anbrüllen und am Fleisch einer aufgerissenen Salamipackung, resp. eines erlegten Mammuts laben. Und alle sehen sie irgendwie gleich aus, mit ihren Wackenmähnen und den kuscheligen Fellen, fernab jeder zivilisatorischen Luxusproblematik, wie sie einem heutzutage das Leben in der Wissensgesellschaft zur Hölle macht. Friseure zum Beispiel. Ich hasse Friseure. Eigentlich hasse ich sie nicht, aber es klingt besser, als wenn ich sagen würde, dass mir der Gang zum Friseur mehr einem Gang zum Schafott gleicht, als einer ästhetischen Aufwertung meiner selbst für zwei oder drei Monate.
Das Problem nämlich ist, dass man einen Plan haben muss. Das heißt, wenn man zum Friseur geht, muss man wissen, was man will und “Haare ab!” ist da leider eine zu unpräzise Formulierung. Früher, als ich noch Haare bis zur Brust hatte, kannte ich diese Probleme nicht. Aber da kannte ich auch kein gesellschaftliches Leben, lebte auf einem einsamen Berg und hörte den ganzen Tag lang Slayer. Irgendwann stieg ich dann glücklicherweise herab und ließ mir von einer weinenden Meisterfriseurin mein Haupt scheren. Manchmal glaube ich, ich hätte mich einer dieser Friseurazubinen zur Verfügung stellen sollen, die hin und wieder per Aushang nach Modellen für ihre Abschlussarbeiten suchen. Aber meine Angst war einfach zu groß, dass sie mir einen Beckham-Iro oder die damals so angesagte Bill-Kaulitz-Sonic-Stachelfrisur hätte verpassen und mich damit endgültig der Lächerlichkeit preis geben können.
Das zweite Problem also: Man gibt sein Schicksal in die Hände einer Fremden, bzw. eines Fremden. Und wenn diese Person dann schlechte Laune hat, weil heute Mittwoch ist und Sarah Papadopoulos bald bei GZSZ den Serientod sterben muss, dann ist das, grob gesagt, schlecht für das Ergebnis. Man erkennt diese Einschätzung des Haarfleischers meist schon daran, dass einem nicht einmal mehr angeboten wird “noch ä bissl Wachs oder Gel rein” zu machen, weil es sowieso aussichtslos ist. So als würde man halbherzig ein paar Weizensamen auf die verbrannte Erde werfen wollen, wo gerade eine Atombombe detoniert ist. Aussichtslos.
Ich wette, dass ich schon längst stadtbekannt bin und man heimlich Wetten darauf abschließt, wie ich wohl dieses Mal den Coiffeurladen verlassen werde. Beim letzten Mal hat es mir ja sehr gut gefallen, was die Dame dort auf meinem Kopf gezaubert hatte. Deshalb hatte ich mir auch gleich vorgenommen, zu Hause aufwendige 360-Grad-Aufnahmen meines Kopfes anzufertigen, die mich ein für alle Mal meiner Friseurprobleme entledigen würden. Stolz hatte ich mir ausgemalt, wie ich dann einfach nur noch mein kleines Album hätte vorzeigen und “So will ich es!” hätte sagen müssen. Aber man kennt das ja, Disziplin und Planerfüllung sind in etwa so wie Erdnussbutter und Marmelade: zusammen einfach unmöglich. Aus diesem Grund ist es zu den Fotos nie gekommen.
Und dann sitzt man wieder da, gefoltert vom eigenen Antlitz, das einen aus dem rundherum aufgebauten Spiegelkabinett anglotzt, während man brav mit einer Nummer in der Hand darauf wartet, sich das Haupt verunstalten zu lassen. Heimlich versucht man, die Gestaltungsanweisungen der anderen Leidensgenossn aufzuschnappen, so von wegen “Ja, und dann seitlich schön mit der Maschine abstufen und das Deckhaar einen Tick länger und mit Schere” und danach sieht es gut aus. Oder die vielen Frauen, die schon Wochen im voraus Pläne für jedes Haare erstellt zu haben scheinen. Und dann sagt man “Ja, so oben ein bisschen länger als an den Seiten und den Nacken mit Maschine” und sieht anschließend aus wie Forrest Gump. Unter dem Gekichere der Angestellten verlässt man geprügelt den Laden und prüft die Frisuren der draußen Umherlaufenden, die alle so normal aussehen, während das da oben über den eigenen Augen sogar Lady Gaga zu krass wäre. Und man setzt sich in die Straßenbahn, geht noch schnell einkaufen, kommt nach Hause und bemerkt, dass man im Gesicht die Hälfte der abgeschnittenen Haare wieder mitgekommen hat. So etwas passiert nur mir.
Das Gute ist: Wenn ich mich in meinem Freundeskreis so umschaue, sieht es aber glücklicherweise so aus, als wäre das alles nur noch Frage der Geschwindigkeit der evolutionären Entwicklung, bis Männer ohnehin keinerlei Haare mehr auf dem Kopf haben und sich somit den Gang zum Friseur sparen können. So kommen vielleicht wenigstens die Generationen nach mir in diesen Genuss. Für sie halte ich hier meine Pein fest. Schätzt euch glücklich, ihr Männer der Zukunft! Glatzen sind super, wenn sie einem stehen und man sich von jenem Gedankengut fernhält, das den Kahlschlag in Verruf gebracht hat. Und auch wenn die Geheimratsecken meines Vaters schon nach dem Nacken greifen, sieht es wohl oder übel so aus, als werde ich noch lange Zeit zum Friseur gehen müssen. Zwar weiß ich bis heute nicht, was ich dort sagen soll, um anschließend halbwegs annehmbar auszusehen, aber ich habe ja noch ein paar Jahre Zeit.
Und vielleicht muss das alles ja so sein. Wenn man es genau nimmt, könnte alles viel schlimmer sein. Zum Beispiel könnte die Wehrpflicht wieder eingeführt werden, diesmal allerdings für alle Leute über 23 Jahren oder ich könnte mir so eine Schiebermütze kaufen, wie sie alle tragen. Oder überfallen und in ein Clockwork-Orange-mäßiges Umprogrammierungskino gesperrt werden, in dem ich mit unendlichen Stern-TV-Sendungen gefoltert würde, bis ich mir freiwillig so etwas machen lassen würde. Man muss nur genau hinschauen, dann findet man immer genügend Leute, deren Kopf es weitaus schlimmer getroffen hat, als den eigenen.
















