Nachts liege ich in meinem katalogechten Hotelzimmer. Alles hier ist Eiche massiv, der Boden der Rezeption ist aus hellem Marmor oder etwas, das man dafür halten soll (Sterne: 3), die Dame hinter der Theke ist sehr nett. Rechts von mir, hinter der nicht allzu dicken Wand (ich kann jemanden schnarchen hören), liegt die JVA, in der kein Licht mehr brennt, dick umrandet mit Stacheldrahtspiralen und Überwachungskameras. Ich habe die Vorhänge zugezogen, denn meine Badtür schließt nicht. Und obwohl ich im zweiten Stock bin, mir gegenüber nichts als Die neue Kirche sonstwas samt Friedhof liegt und ich es wirkilch versucht habe, war mir die Benutzung der Toilette erst geheuer, nachdem die Vorhänge ihr Blumenmuster zeigten (das Wissen um die Kameras vermutlich oder der übliche Spleen). Es ist ganz still, nicht einmal der Fernseher läuft, obwohl ich jede Gelegenheit zum Fernsehen nutze, seit man mir zu Hause den Anschluss abgestellt hat. Aber ich mag diese Stille, die Langsamkeit suggeriert, so als ließe man ein auf Hochtouren beschleunigtes Auto einfach langsam ausrollen, den Fuß weg vom Gas, bis es von ganz von allein anhält und irgendwann ausgeht. Und so verschwindet die gute Laune und hinterlässt jene Leere in meinem Kopf, die das Knacken des Eiche-Massiv-Schrankes zwischen meinen Ohren widerhallen lassen wird. Die frische Bettwäsche riecht gut, bis ich den bereitgestellten Aschenbecher entdecke. Am Morgen wird mein Brustkorb wieder schmerzen, wie er es immer tut, wenn ich in verrauchten Zimmern schlafe. Und morgens wird mir der Fernseher auch wieder gut genug sein.
# back and back again

Das Wasser drückt sich aus den Kanälen und fließt in dicken Zöpfen die Rue de Martyrs hinab Richtung Sexodrome. Gerade geht die Sonne auf, die Müllmänner schwitzen mit Kippenstummeln im Mund und haben immer ein nettes Wort für die Mütterchen, die schon so früh im Waschsalon ihre Kleider falten. Um diese Uhrzeit steht noch niemand in Barbès und rattert in atemberaubender Geschwindigkeit wieder und wieder “Marlboro, Pall Mall, Pall Mall, Marlboro” herunter, nur die Hütchenspieler machen bis zuletzt einen guten Schnitt mit den nachhausetorkelnden Touristen. Im Bus nach Tocadero klimpern schon die Miniatureiffeltürme, im Marais stimmen ein paar Metalasiaten ihre Jackson-Gitarren vorm Centre Pompidou und ersetzen in ihren Verstärkern die Batterien vom Vortag.
In ein paar Stunden wird sich genau über diese paar Flecken Stadt eine Geräuschkulisse legen, die ihresgleichen sucht, die deutsche Großstädte in späterem Vergleich sehr ruhig erscheinen lassen wird, im guten wie im nicht so guten, im anderen Sinne. Später erkennt man sie schnell, die Deutschen, wie sie im Zug nach Leipzig, kurz nachdem sie eingestiegen sind, wütend ihren Koffer durch den Waggon zerren, weil niemand ihnen einen Platz freigehalten hat. Es gibt keine schlechtere oder bessere Mentalität, denke ich, nur mehr oder weniger hausgemachte Probleme. Aber eine eigene Toilette, mit einer Tür, die nicht mehrere Zentimeter weit aufsteht, selbst, wenn sie geschlossen ist, hat Vorteile.
Hier ist meine Wohnung so groß wie vier bis fünf Pariser Studentenzimmer, das Bier vergleichsweise billig, der Eistee hingegen ganz schön teuer. Nur wozu vergleichen, wenn man genau den Leuten bei Goodbye Deutschland immer vorwirft, eben dass sie ein Deutschland im Ausland zu suchen scheinen. Es ist wunderschön in Paris, denke ich, Punkt.
Und in der Straßenbahn sitzen zwei junge Typen mit Bobschnitt und Pornobrille, sie rappen so laut und unbeholfen sie können K.I.Z.-Songs und schwingen dabei Becks-Ice-Flaschen. Vielleicht seid gerade ihr die Opfer, die sie immerzu besingen, will ich sagen und verkneife es mir. Dann, an der Haltestelle, ist es angenehm ruhig und mein schmerzendes Ohr beginnt, sich zu entspannen. Hoffen wir, dass sich dieses Gefühl noch ein paar Tage lang hält.
# Würdest du bitte endlich still sein, bitte*
Es ist spät, ich bin müde, ich will nach Hause und auf dem Weg dorthin nichts außer meiner verdammten Musik hören. Ich sitze an der Haltestelle, Tegan & Sara singen in meinen Ohren. Hoffentlich hat zu Hause das geöffnete Fenster etwas gebracht, denke ich, Montagvormittag die Fenster zu öffnen ist immer ein großer Fehler, wenn das Müllauto noch nicht da war und einem dann die ganze Wohnung vollstinkt.
Ein paar Meter weiter steht ein Typ, der nicht auch bloß den Nachtbus, sondern augenscheinlich auch die Wende verpasst haben muss. Man nehme eine schwarze Jeans, wasche die Farbe aus, punkte sie sehr fein erneut mit einem Edding, schrumpfe sie gleichzeitig um 1/4 ihrer Größe und montiere gelbe Hosenträger daran. Passend dazu trägt man am Besten schwarz-weiße Holzfällerhemden und auf dem Kopf etwas, das sich sowohl von einer Frisur als auch von einem Haarschnitt deutlich abzugrenzen weiß. Er hat ein Miniradio dabei, das irgendwelche Schlager dudelt und er stilecht auf seiner Schulter trägt.
Ich zünde mir eine Zigarette an und versuche, jeglichen Blickkontakt und sogar Blicke in seine Richtung zu vermeiden. Oft wird einem ja vorgeworfen, man könne sich das als Mann nicht vorstellen, wie es ist, andauernd entgegen dem eigenen Willen angequatscht zu werden. Ich aber kann. Nur quatschen mich nicht reziprok dauernd Frauen, sondern ausschließlich Verrückte an und ich muss zugegeben, es wäre wohl weitaus schlimmer, wenn ich eine Frau wäre und mit Männern, Verrückten und verrückten Männern gleichzeitig zu tun hätte.
Shit, ich hab ihn angeguckt. Den meisten Leuten reicht ja schon ein Blick als Einladung ins eigene Leben. Er nickt mir zu und dreht seine Schlager noch lauter und ich frage mich, ob sich hinter Wollpullundern und fettigen Haaren eigentlich immer unfreiwillige Komik entwickelt. Er kommt näher und stellt sich direkt neben mich, er nickt noch immer und schürzt seine Lippen, wie es die rauchenden Sechszehnjährigen vor der Großraumdisko, an der ich öfter vorbei komme, nicht besser tun könnten. Ich wechsle zu K.I.Z.
Wir hatten mit dem Barkeeper um unsere Getränke gewürfelt und haushoch verloren. Zur Entschädigung gab er uns noch zwei Raketen (und den einzigen Inhaltsstoff selbiger, der mir in diesem Moment schmerzlich wieder einfällt, ist Tabasco) und wandte sich den nächsten Glücksrittern zu, die ebenfalls an diesem Abend nicht bloß viel ausgeben wollten, sondern auch alles verlieren wollten. Und später erwies sich ein Taxi folgerichtig sowohl aus monetären, wie auch aus Gründen schwankender Magen-Darm-Flora als schlechte Idee.
Ich merke, dass er irgendetwas sagt, reagiere aber nicht. Er tippt mich an, ich nehme einen Kopfhörer aus dem Ohr und versuche die Blicke der sechzehnjährigen Diskochecker zu imitieren.
“Kommst wohl gerade vom Tanzen?”, will er wissen.
“Vom Friedhof”, sage ich.
“Trauerfeier?”
“Séance.”
“Was?”
“Ich bin Totengräber.”
“Huih, so mit echten Toten?”
“Nein, wir begraben nur Lebendige.”
Warum immer ich, denke ich, als hätte ich ständig Bereitschaftsdienst, sehe ich tätsächlich so vertrauenerweckend aus, sollte ich Trickbetrüger oder wenigstens Staubsaugervertreter werden? Ich stehe auf, nicke ihm noch einmal zu und ahne, dass es ein Fehler ist. Auch Ghandi muss Momente gehabt haben, in denen er einfach nur kurz seine Ruhe wollte. Ein Mensch kann doch nicht stets aufopferungsvoll sein und die Macken seiner Mitmenschen freudig in die Arme schließen, denke ich, erst recht nicht, wenn ihm der Kopf dreht und der Magen brennt. Ach Scheiße, denke ich, steh auf, ignoriere das Geblubber des Typen und gehe in Richtung des Bahnhofs, um mir die Wartezeit in Bewegung zu vertreiben.
Die Rationalisierung sozialer Einrichtungen hat McDonald’s zum nächtlichen Treffpunkt werden lassen. Nachts scheinen nur Berliner hinter der Theke zu stehen, wenn man es vom Umgangston her betrachtet. Ein paar Atzen schlagen gegen die Glastüren, weil man sie ausgesperrt hat, die Frau auf der Poliermaschine rotiert über den Querbahnsteig. Irgendwann, denke ich, muss ich unbedingt einmal in die Kneipe direkt im Bahnhof. Es sieht so aus, als würde dort drinnen nie ein Wort gewechselt werden und das Getränkeordern problemlos per Handzeichen funktionieren. Auf den Stühlen und an der Bar hängt man über dem eigenen Glas und versucht, irgendeine Wahrheit darin zu erkennen, dazu gibt es Zigaretten, die in Zehn-Minuten-Abständen ihren Weg aus den Schachteln zwischen die spröden Lippen finden.
Als ich wieder draußen bin, steht mein Bus schon bereit. Ich setze mich direkt hinter den Fahrer, wie es alle machen, die entweder blind, ängstlich oder ohne jedwedes Interesse für alles hinter ihnen sind. Ich lasse Biffy Clyro meinen Zynismus besingen und versuche mir mein Bett vorzustellen. Wo gewartet wird, muss angekommen werden, hat Brecht einmal geschrieben, denke ich, während ich dabei zusehe, wie sich ein Pärchen nicht weit von meiner Fensterscheibe lautlos anschreit.
“Hey, da bist du ja wieder”, höre ich eine Stimme, “Ist da noch frei?”, fragt sie schrecklich rhetorisch und schon sitzt der zugehörige Körper neben mir, ich suche Slayer in meinem MP3-Player.
“Was?”, raune ich.
“Ich hab dich schon gesucht.”
“Soso”, sage ich und denke, dass ich lieber etwas Feindseligeres hätte sagen sollen.
“Ja, bist einfach gegangen.”
Wie immer sie euch mitspielen, gebt keinen euresgleichen auf, denke ich, schon wieder Brecht, meine Güte, aber irgendwie ist es spätestens jetzt auch genug.
“Ich verabscheue die menschliche Rasse”, sage ich.
“Und was machst du jetzt so?”
“Nach Hause fahren.”
“Gut, dann komm ich mit”, sagt er, grinst mich an und ich frage mich, ob man vor diesem Grinsen nun Angst haben soll oder nicht.
“Ganz bestimmt nicht”, sage ich, “Du kannst mal lieber abhauen.”
Er sagt nichts, überlegt ein bisschen, es ist still.
“Aber ist doch schön”, sagt er.
“Ist nicht schön”, sag ich.
“So ein bisschen kuscheln”, sinniert er.
“Pfui!”, sage ich, denn was den Unterschied zwischen gleichgeschlechtlichen Komplimenten und verrückten Gequatsche ausmacht, habe ich spätestens in der Bahnhofsmission gelernt.
“Du wirst schon Gefallen daran finden.”
Ok, letzter Versuch, es normal zu regeln, denke ich.
“Hör zu, vergiss es, ich hab da keinen Bock drauf, hau einfach ab, ok?”
“Nein”, sagt er. Einfach so, nein und grinst, ich habe Angst.
Als wir halten, fange ich an zu zählen, drei, fünf, sechs Sekunden. An der nächsten Haltstelle zähle ich innerlich mit, vier, drei, zwei, springe auf und renne aus der Tür auf die Straße. Die Leute im Bus schauen mich ein wenig entgeistert an, als sich direkt hinter mir die Tür schließt, aber das macht nichts. Als der Bus weiterrollt, sitzt der Verrückte still auf seinem Platz und schaut mich ein wenig traurig an, mit dem Mittelfinger signalisiere ich ihm eine schöne Weiterfahrt und eine gute Nacht.
Als ich schon über die Straße bin, kommt der Bus ein paar hundert Meter weiter wieder zum Stehen. Als sich die Türen öffnen, höre ich leise Blasmusik und beginne sofort zu rennen. Ich renne so schnell ich kann, denn so langsam wird es mir doch ein bisschen unheimlich. Ich könnte in den Park rennen, denke ich, mit etwas Glück treffe ich auf ein paar besoffene Schläger, die zwar mich, aber nicht meinen Verfolger an sich vorbei lassen, wo sind die, wenn man die einmal braucht? Oder zum Palmengartenwehr und dort auf ihn warten, um ihn in einem ehrlichen Zweikampf niederzuringen und ihn anschließend den künstlichen Wasserfall hinunter zu werfen. Ich laufe und laufe, mein Mund wird trocken und klebrig, jeder Atemzug schmerzt, irgendwann bleibe ich stehen und höre ein wenig in die Straßen hinein, vielleicht hat er sein Radio ja ausgeschaltet. Kreuz und quer laufe ich nach Hause und obgleich die Wahrscheinlichkeit, den komischen Menschen noch einmal zu treffen, gerade bei schnurgeradem Nachhausegehen am Geringsten wäre, ich muss verschlungene Wege gehen, allein schon, um mich innerlich zu vergewissern, dass er nicht schon längst hinter mir ist. Zu Hause schließe ich hinter mir die Tür und denke: Als ich wiederkehrte, war mein Haar noch nicht grau, da war ich froh, Brecht, natürlich.
* Den Titel habe ich mir ausgeliehen vom großartigen und natürlich immer wieder zu empfehlenden Raymond Carver.
# fuck my life

Dinge im Internet zu verkaufen ist prima, wenn weder Käufer noch Verkäufer versuchen, einander irgendwie über den Tisch zu ziehen. Die Crux liegt allein im Tauschverhältnis von Geld und Vertrauen gegen ein potenzielles Schnäppchen. Die vielleicht blauäugigste aber auch ehrlichste Präventivmaßnahme ist insofern, als Verkäufer selbst ehrlich zu agieren, beziehungsweise die Ware abholen zu lassen, sodass man ihre Funktionstüchtigkeit noch einmal demonstrieren kann. Wenn einem aber genau vor Augen des Käufers der Hals des geliebten drehbaren TFTs mit einem leisen KNACK! zerbricht, der Bildschirm fortan nicht einmal mehr gerade auf dem Fuß hält und es zwangsläufig so wirken muss, als wäre er nicht bis zu eben diesem Moment ein überaus treuer Diener gewesen, befindet man sich in einem schönen Dilemma. Einerseits ist das Verkaufsobjekt plötzlich praktisch wertlos geworden, andererseits macht man sich ungewollt verdächtig, ohnehin längst kaputte Ware als funktionstüchtig getarnt an den ahnungslosen Menschen bringen zu wollen. FML
# Klick Klick (Teil 3/3)
Ein paar Tage später saß Petersen beim Interview. Zuvor hatte man ausgiebig Fotos vor Petersens Haus, am Zaun und in der Einfahrt gemacht. Jetzt saß er mit dem Reporter auf der weißen Ledercouch im Wohnzimmer und seine Frau brachte Kaffee.
“Wie kommt es, dass sich keiner Ihrer Mitstreiter öffentlich zu seiner Meinung bekennt?”, fragte der Reporter, “Gibt es überhaupt noch Mitstreiter?”
“Natürlich gibt es die!”, sagte Petersen, verzog die Augenbrauen und machte eine kleine Kunstpause, “Nur wie sie sich vorstellen können, gibt es unter meinen Unterstützern so manche Personen von gesellschaftlichem Rang, die nicht umsonst Privates und Geschäftliches zu trennen versuchen.”
“Sie meinen, weil sie mancher schon antisozialer Einstellungen beschuldigt?”
“Wer sagt denn so etwas?”, rief Petersen, “Das ist ja eine Frechheit!”
“Na zum Beispiel ihre Nachbarin, Frau Wöller, nachdem sie den Brief bekam, was sagen Sie überhaupt dazu? Geht da nicht jemand zu weit?”
“Was denn für ein Brief? Und wieso darf Frau Wöller so etwas über mich verbreiten?”, rief Petersen. Er sprang auf, rannte zur Terrassentür und sah hinüber zum Kindergarten.
“Herr Petersen, sie wussten davon nichts?”
“Wovon wusste ich nichts? Natürlich wusste ich davon nichts. Ich weiß ja nicht einmal jetzt, wovon Sie sprechen, verdammt! Was versuchen Sie hier denn eigentlich heraus zu finden?”
“Es wäre nur interessant gewesen, eine eventuelle Verbindung herstellen zu können.”
“Was denn für eine Verbindung?”, schrie Petersen.
“Frau Wöller hat uns und die Polizei vorgestern darüber informiert, dass sie im Kindergarten ein Kuvert erreichte, das eine Fotomontage von einem brennenden Kindergarten enthielt.”
“Und was hat das mit mir zu tun?”, brüllte Petersen weiter.
“Interessant dabei war nur, dass genau einen Tag später jemand aus ihrem Bürgerbüro in unserer Redaktion anrief und um eine Berichterstattung bezüglich der Lärmbelästigung durch den Kindergarten bat.”
“Raus!”, schrie Petersen und stampfte durch das Wohnzimmer auf den Reporter zu, “So etwas lasse ich mir doch nicht unterstellen, verschwinden Sie!”
“Aber ich beschuldige Sie doch gar nicht”, versuchte es der Reporter.
Petersen packte ihn am Kragen und schob ihn vor sich her in Richtung Tür, “Hauen Sie ab!”
Aus der Küche sah ihn seine Frau verwirrt an, sagte jedoch nichts. Petersen schob den Reporter weiter, riss die Haustür auf und schubste ihn nach draußen, dann schlug er mit aller Kraft die Tür zu.
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In den kommenden Tagen tat Petersen nichts, als weiterhin jeden Tag kurz vor 12 Uhr auf seiner Terrasse zu stehen und die tobenden Kinder zu dokumentieren, denen die Kindergärtnerinnen seit neustem absichtlich etwas mehr Zeit zu geben schienen, ehe sie sie zum Mittagessen riefen. Seine Frau hatte ihm geraten, jetzt am Besten erst einmal ruhig zu bleiben und die Sache mit dem Reporter zu vergessen. Sie genoss die Ruhe, die sich eingestellt hatte und war beruhigt zu sehen, wie der Argwohn ihres Mannes von Tag zu Tag abzunehmen schien. Als sie eine Woche nach dem Interview auf der Terrasse saßen und Kaffee tranken, klingelte es an der Haustür, Petersen ging sie zu öffnen.
“Was glauben Sie eigentlich, was Sie sind?”, vor der Tür stand Frau Wöllner, mit der rechten Hand hielt sie Petersen einen Stein entgegen.
“Was?”
“Das kann ja wohl nicht ihr ernst sein!”, schrie sie, “Erst die neue Klage, dann die Bilder vom brennenden Kindergarten!”
“Und sie glauben, das war ich? Wie dumm, glauben Sie eigentlich, bin ich?”, rief Petersen.
“Dumm genug jedenfalls, sich anders nicht länger zu helfen zu wissen, als letzte Nacht den Stein hier durch unsere Terrassentür zu schmeißen!”
“Warum sollte ich denn so etwas tun?”
“Das müssen Sie gerade fragen, nach ihren Hetzkampagnen gegen uns!”
“Hetzkampagne? Und was ist das, was sie gerade hier machen?”
“Alleiniger Kläger, sage ich nur!”
“Die ganze Straße ist doch gegen ihren Kindergarten, liebe Frau Wöllner!”
“Und genau weil Sie dieser Ansicht sind und sich nicht mehr anders zu helfen wissen, schmeißen Sie uns die Scheibe ein?”, schrie Frau Wöllner.
“Ich fass’ es nicht!”, rief Petersen, “Wenn Sie glauben, dass Sie jetzt noch irgendeine Chance haben, ihren Verein hier zu halten!”
“Sie werden sich noch wundern, Petersen!”
“Da bin ich aber mal gespannt!”
Frau Wöllner ging aufgeregt zurück ins Nachbarhaus, Petersen blickte ihr kopfschüttelnd nach, dann krachte die Eingangstür ins Schloss.
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Als Petersen am übernächsten Morgen die Zeitung aus dem Briefkasten holte, stockte er. Die Titelseite des Lokalteils zeigte ihn mit der Kamera über den Sichtschutz seines Gartens gelehnt und den Finger am Auslöser. “Aufstand des Antisozialen Alten” stand in großen schwarzen Buchstaben über dem Bild, im zugehörigen Artikel wurde berichtet, wie Petersen auf ekelhafteste Art und Weise jeden Tag die spielenden Kinder überwache und per Gericht dafür gesorgt habe, dass diese nur noch bis zum Mittagessen im Garten spielen dürften. Die zitierte Frau Wöllner sprach von zutiefst antisozialem Verhalten, das den Sinn für die eigenen Nachkommen im Rausch des eigenen Wohlstands zu vergessen schien. Petersens Bemühungen im Bürgerbüro wurden als Aufhetzen der Nachbarn beschrieben, seinem eigenen Willen Folge zu leisten, dem jedoch kein Anwohner nachgekommen sei. Neben der Beschreibung der neusten Angriffe auf den Kindergarten waren die Fotomontagen des brennenden Kindergartens, Drohbriefe und ein Bild der zerschmetterten Terrassenscheibe abgedruckt. Der zuerst noch völlig überzogene, aber wenigstens körperlich friedfertige Konflikt habe eine neue Ebene erreicht, in der sich die verzweifelte Wut des Kinderhassers Petersen in völlig neuem Licht zeige.
Petersen wurde bleich. Er trottete ins Haus und ließ die Zeitung auf der Anrichte neben der Haustür liegen. Er wusste nicht, was er jetzt tun sollte, sich wehren, natürlich, aber das, was da gerade über ihn herein brach, war jenseits dessen, was er je für möglich gehalten hatte. Er hatte nicht einen der Briefe zuvor gesehen, geschweige irgendetwas mit den Bildern oder dem Steinwurf zu tun gehabt, nur war er dumm genug gewesen, als einziger öffentlich zu seiner Meinung den Kindergarten betreffend zu stehen, zwar eine relativ große Gruppe von Unterstützern hinter sich wissend, aber eben nur eine große Gruppe Namenloser.
Kurze Zeit später klingelte es. Wie Petersen von den Polizeibeamten erfuhr, hatte Frau Wöllner Anzeige gegen ihn erstattet. Noch an der Tür beteuerte Petersen mehrmals, er habe nichts das Geringste mit dem zu tun, was ihm außerhalb seiner legalen Mittel möglich sei, aber die Polizisten kümmerte es nicht. Mit der Müdigkeit ihrer täglichen Arbeit gaben sie ihm einen Termin zur Vorladung und sagten, er müsse sich kaum Sorgen machen, wenn er wisse, nicht sicher damit in Verbindung gebracht werden zu können.
Am Nachmittag saß Petersen wieder in seinem Wohnzimmer. Obwohl er nur da saß und überlegte, stand ihm der Schweiß auf der Stirn und seine Finger krallten sich immer wieder in die Armlehne der Ledercouch. Das dürfe alles nicht wahr sein, dachte er. Seine Frau hatte sich der Meinung der Polizisten angeschlossen und hinzugefügt, er solle eine Richtigstellung seitens der Zeitung und den Rückzug der Anzeige seitens von Frau Wöllner fordern, damit wäre wenigstens dafür gesorgt, dass er in nicht allzu schlechtem Licht da stünde. Aber das, was da in der Zeitung stand, stand nun erst einmal da.
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Am darauf folgenden Morgen ging Petersen wieder nach draußen, um die Zeitung zu holen. Am Briefkasten blieb er stehen und blickte hinüber zum Kindergarten. Vor der Tür stand ein Polizeiwagen, zwei Polizisten befragten eine in Tränen aufgelöste Frau Wöllner vor den zerbrochenen Scheiben der ehemals komplett verglasten Eingangsfront. Frau Wöllner sah zu ihm herüber, ihr Blick sprach Verständnislosigkeit. Einer der Polizisten nickte Petersen zu, als würde er ihn grüßen. Petersen dreht sich um und ging zurück in sein Haus. Auf der Couch versuchte er sich zu sortieren.
Die Anzeige von Frau Wöllner würde keinen Erfolg haben, da ihm nichts nachzuweisen sei, warum auch. Ebenso die von der Polizei eingesehen Fotos auf Petersens Kamera bewiesen nichts als das Vorhaben, sein Recht durchsetzen zu wollen. Entweder Petersen habe also mit seiner Vorreiterrolle im Bürgerbüro anderen unbewusst den Freiraum gelassen, sich hinter seinem schützenden Rücken auszutoben, oder der Kindergarten selbst nutzte den für ihn günstigen Moment aus, seine Position im Viertel dadurch zu festigen, dass er sich selbst in eine bemitleidenswerte Position manövrierte.
Noch am selben Tag saß Petersen wieder auf seiner Terrasse und manövrierte seine Kamera in Position. Die Kinder waren längst wieder im Haus, niemand lief länger im Garten umher.
“Und was machst du jetzt?”, fragte Petersens Frau.
“Ich warte”, antwortete er.
“Und worauf wartest du?”
“Darauf, dass es etwas passiert.”
Dabei beließ sie es. Petersen so beschäftigt zu sehen, war ihr ohnehin lieber, als ihn tagelang im Wohnzimmer sitzen zu haben, vor sich hin grübelnd und sich Schreckensszenarien ausmalend.
Den ganzen Tag lang saß er auf Terrasse und hielt die Kamera im Anschlag. Schon am nächste Morgen war seine Richtigstellung in der Zeitung zu lesen. Er hatte beschlossen, keine neue Versammlung im Bürgerbüro einzuberufen, sondern sogar das laufende Verfahren auf sich beruhen zu lassen, bis er Frau Wöllner deutlich machen konnte, dass er nichts mit jenen Auswüchsen zu tun habe, die gerade den Kindergarten heim suchten, eine Rehablitation seines Rufes hätte von ganz allein dafür sorgen können, dass der Träger den Kindergarten in ein anderes Viertel verlegen würde.
Petersens Augen tränten. Bis spät in den Abend hinein hatte er ausgeharrt und genau darauf geachtet, wann das Licht im Büro der Leiterin Frau Wöllner ausging, wann sie das Haus verließ und ob sie nicht vielleicht noch einmal zurück kehren würde. Die Abzüge des Falschparkers waren perfekt wiederhergestellt worden, er bräuchte nur einen Beweis und die ganze Situation könnte sich mit einem Mal wenden und den Verdacht von sich abbringen. Den ganzen Morgen über hatten verschiedene Eltern ihre Kinder am Kindergarten abgeliefert, bald müsste das Frühstück vorbei sein und die Kinder bis zum Mittagessen im Garten spielen. Petersen dachte an den Zeitungsartikel und die Drohbriefe. Die eingeworfenen Scheiben waren notdürftigt mit blauen Plastiksäcken abgeklebt, bis der Glaser sie ersetzen würde. Von drinnen drang das dumpfe Rufen der Kinder nach draußen. Dann hörte er den Schließmechanismus und die Terrassentür öffnete sich. Petersen setzt sein Auge an den Sucher und wartete darauf, irgendetwas verdächtiges vor die Linse zu bekommen. Ein paar Kinder rannten die Terrasse herunter in den Garten, aufgeregt schrien sie und versuchten einander schon direkt bei der Tür zu fangen. Ein kleiner Junge wurde angetippt, blieb stehen und versuchte, den schnellsten Weg auszumachen, ein anderes Kind zu fangen. Er rannte los und auf die Rasenfläche in Richtung des Sandkastens. Petersen hörte ein lautes “Pling!”, er drückte den Auslöser.
Klick.
Den Jungen riss von den Füßen in die Waagerechte, seine Augen waren aufgerissen.
Klick.
Im Licht sah Petersen einen dünnen Draht, der zwischen seinem und dem wiederum an das nächste Haus angrenzenden Gartezaun direkt auf Halshöhe eines Kindes, gespannt war.
Klick.
Die übrigen Kinder standen still, an der Terrassentür erkannte Petersen eine der Kindergärtnerinnen, jetzt sah sie auch Petersen.
Klick.
Als der Junge auf den Boden schlug, konnte Petersen eine rote Linie an seinem Hals erkennen, die sich, genau in dem Moment, als sich der Körper des Jungen entspannte, weitete.
Klick.
Sofort war das T-Shirt des kleinen Jungen blutrot. Petersen stand der Mund offen, die Kinder schrien, nur der kleine Junge lag leblos auf dem Boden, aus seinem Hals drückte sich Welle um Welle Blut.
Petersen riss sich los, die Kindergärtnerin stand noch immer an der provisorisch abgedeckten Terrassentür und rührte sich nicht. Petersen rannte ins Haus und rief den Notdienst. Als er aus der Ferne sich in Interferenzen leiser und wieder lauter werdende Sirenen hörte, kam seine Frau dazu.
“Was ist denn passiert?”, fragte sie.
Petersen tippte aufgeregt auf seiner Kamera herum, mehrmals musste er neu beginnen, ehe er alle Bilder von der Speicherkarte gelöscht hatte. Er überlegte, ob er die Kamera auf den Boden werfen sollte, dann glitt sie ihm ganz von selbst aus der Hand.
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Teil 1 gibt’s hier, Teil 2 hier.










