»Tschüss dann!« rief Thomas in die leere Wohnung hinein. »Bis in einem halben Tag!« Er wusste nicht recht, ob es ihn kümmern sollte, dass es stimmte, was er sagte. Man könnte genausogut gleich wieder pennen gehen, wenn man zu Hause ist, dachte er. Als er die Tür langsam hinter sich zuzog war es ihm, als schallte ihm eine Stimme hinterher: »Ich denke nur elf Stunden?« »Ja, nur elf. Die letzte Stunde verbuchen wir als früher Feierabend gemacht und freuen uns darüber.« brummte er. Mit einem blechernen Ratschen schnappte die Tür ins Schloss.
Es hatte sich angehört, als hätte seine Mutter mit ihm geredet. Als hätte sie im Bad gestanden und sich die Haare gemacht. Ein paar Sekunden später das gute Nonchalence auf die Haut und ihren typischen Duft im Elternhaus verströmt. Komisch, dass man sich an solche Dinge immer dann erinnern muss, wenn man sie nicht gebrauchen kann, dachte er. Dann muss sich nur den ganzen Tag mit Erinnerungen herumplagen. Und vergleicht dann das damals mit heute. Selbst wenn es nicht vergleichbar ist, macht man es. Es geht immer zu Ungunsten des Jetzt aus.
Thomas parkte seinen Golfdrei Straßen von der Baustelle entfernt, um die letzten Meter zu Fuss gehen zu zu können. Die erste Zigarette noch bevor er überhaupt in die Nähe von alledem kam, was den Großteil seines Tages bestimmte. Er mochte es, wenn nach einigen Stunden Abstinenz das süße Gift durch seinen Kopf kreiste und dem Morgen einen grauen Schleier auferlegte, der für kurze Zeit irgendwie alles etwas eträglicher machte. Als er um die letzte Ecke bog und noch viel zu viel Zeit auf der Uhr sah, begrüsste ihn Holle, schon von weitem:
»Alter! Siehst du scheisse aus!« lachte er.
»Jaja, war ‘ne Scheissnacht.« gab Thomas zu und schnippte seine Zigarette quer über die Straße.
Und dabei hatte er eigentlich gut geschlafen. Den ganzen Abend zuvor hatte er bei einem schönen Film auf der Couch gelegen und an nichts gedacht. In seinem Heftchen hatte er nur eine Zeile für den Tag vermerkt: Großartiger Tag – nicht nachgedacht., worüber noch groß und in krakliger Schrift I don’t like Mondays! prangte.
Holle klimperte gut gelaunt mit den Schlüsseln für die Baustelle vor seinem Gesicht.
»Hast du was zu rauchen dabei?«, fragte er.
Thomas hatte diese Frage schon viel zu oft gehört und gab viel zu oft eine Antwort. »Kippen, wie immer.«
Und ebenso gewohnt war die Antwort Holles: »Das ist doch nichts zu rauchen, alter!«
Man muss sich nicht so anstrengen, dachte Thomas. Es ist schon nicht verkehrt, so wie es ist. Small talk, grinste er. Der Höflichkeit wegen idiotisch. Dann besser gar nichts sagen, dachte er und nahm sich vor, morgen nicht mehr zu antworten. Vielleicht würde er einen Zettel schreiben.
[...]
»Hey! Hey!« kam es von weit er und jemand schlug Thomas auf die Schultern. »Bloss weil du hier bist heißt das nicht, dass du auch hier bleiben musst!«. Hölsch hatte ihn mit seiner Ledertasche am Arm gestreift und dabei aus dem Halbschlaf gerissen. »Feierabend!« sang er und ließ das braune Ding vor Thomas’ Augen herumpendeln.
Was in den letzten Stunden passiert ist, wie sie überhaupt vergangen sind? Keine Ahnung, man! Thomas diskutierte mit sich selbst und bemerkte erst beim Klicken der Schließbolzen seiner Autotür, dass schon wieder eine Runde geschafft war. Er durchwühlte förmlich alles, was er möglichst frischen Eindrücken in seinem Gedächtnis finden konnte, nach etwas Brauchbarem. Aber da, wo eigentlich Verzweiflung, Unverständnis oder vielleicht die zwei innen glatt abgezogenen Zimmer von heute zu finden sein sollten, war gar nichts. Dass er nichts Erfreuliches finden konnte, kümmerte ihn nicht. Hätte er auch nie erwartet, denn das einzige, was er je erwartete, war, dass sie Zeit um Himmels willen höchstens nach Feierabend stehen bliebe, aber bloss niemals davor. Aber dass nicht einmal Gram oder Kummer diesen leeren Fleck eingenommen hatten, warf ihn dann wirklich wieder in dieses Hin und Her zwischen Wehmut und Leichtigkeit des vergangenen Morgens zurück.
Das ist überhaupt das Bitterste, dachte er, zu wissen, zu wissen nicht zu wissen wie man sich fühlen soll. Fühlen soll, er lachte kurz und verstummte abrupt. Man lacht nicht, wenn man allein ist, ermahnte er sich. Und noch bitterer ist, wenn man keine Verbindung zu dem hat, was den eigenen Alltag bestimmt. Es ist schön, wie er von einem abfällt, wenn die Tür des Golfs zuklappt und man gleich zig Kilo leichter in den Sitz fällt. Man fällt nichts, keine Schwere. Denn die ist irgendwo auf dem Weg liegengeblieben.
Gut, dachte Thomas, jetzt nur nicht einpennen, und startete sein Auto.













