# Bruder Bono

Reichlich spät waren wir in Farrington’s Pub angekommen und hatten die ersten Pints auf den Sieg der Dubs erhoben. Wir hatten das Spiel nicht gesehen und stattdessen den ganzen Nachmittag damit verbracht, wie zwei verlotterte Kamele durch die Stadt zu traben und nach einer Wohnung zu suchen. Denn jener nette Vermieter, der mir ein wirkliches Schnäppchen von Wohnung zugesagt hatte, hatte es bereits an einen glücklichen Polen vermietet und uns ein wenig verunsichert zu erklären versucht, dass heute doch ein sehr weitläufiger Begriff sei.
Aber das sollte nicht das Problem sein. Schon am späten Nachmittag, nach viel Telefonieren und Busfahren, unterschrieb ich den Vertrag für unsere kleine Wohnung und mein Begleiter und ich beschlossen, die Taschen vorerst unausgepackt zu lassen, um den Abend auswärts zu verbringen.

Kurz nach elf hatten sich die Reihen im Pub schon gelichtet. Dem Barkeeper standen kleine Ringe unter den Augen, die so schwarzbraun zu werden drohten wie das Stout, das er ausschenkte. Noch ein, zwei Stunden, dann würde er hoffentlich die letzten Typen mit dem Dreck der Abtreter vor die Tür kehren können. Immerhin war es Sonntag. Da stimmte zwar die ein oder andere Runde in ihren einheitlich blau-blauen Trikots noch ab und zu irgendein Liedchen an, aber insgesamt hatten die meisten Gäste ihren Zenit überschritten. Viele hingen, auf beide Ellenbogen gestützt, hinter ihren Tischchen und starrten mit rot verquollenem Gesicht in ihr halb geleertes Glas, als könnten sie darin noch irgendeine andere Wahrheit entdecken, als das es für sie an diesem Abend besser das letzte Bier war. Andere gestikulierten und nölten ziemlich ausschweifend auf Andere ein, da sie sich nach dem x-ten Pint wieder im Stande fühlten, alle weltpolitischen und gesellschaftlichen Probleme mit einem Fingerschnipp zu lösen.

Wir hatten die Unterhaltung auf das Minimalste reduziert und hielten uns hinter unseren Gläsern.
«Hey!», sagte mein Begleiter und nickte zur anderen Ecke des Pubs, in der zwei Typen gerade eine Darbietung von Bruce Springsteens Summer of 69 auf Luftgitarren ansetzten. Und während der Manager hinter der Theke die Musik immer leiser drehte, steigerten sie die ihrige Lautstärke umso mehr.

Da taumelte ein muskelbepackter Kerl mit Zigarette im Mundwinkel vom Tresen zu uns herüber und brabbelte mir irgendetwas zu, dass sich anhörte wie The Porsche actually was a Rolls Royce!
Ich zuckte mit den Schultern, ich verstand kein Wort: «Sorry?»
Er wiederholte es und diesmal hörte es sich noch mehr nach The Porsche actually was a Rolls Royce! an. Ich begann an meiner Wahrnehmung zu zweifeln. Hatte ich jetzt, beim zweiten Mal, vielleicht nicht einfach nur das gehört, was ich hatte hören wollen? Ich verzog das Gesicht, um ihm zu verstehen zu geben, dass ich absolut nichts kapierte.
Er sah mich stumm an. Seine Augen starrten auf einen Punkt direkt hinter mir an der Wand, als würden sie nur auf ein Zeichen warten. Sein Gesicht sah so leblos aus wie eine an der Wand zerschmetterte Nektarine, die Augen waren halb geschlossen, seine Lippen unförmig aufeinander gepresst. Da grinste er vor sich hin, hob seine Hand, gab mir High Five und torkelte in Richtung der Tür davon. Wir waren ratlos. Kurz darauf trat einer seiner Freunde zu mir. Er deutete auf seinen Kollegen, der vor der Tür stand, schwankend seine Zigarette rauchte und sagte in erklärender Absicht etwas wie His Porsche actually was a Rolls Royce! und zog lachend davon.
Vielleicht hab ich einfach zu wenig getrunken, dachte ich.

Der Abend floss zäh dahin wie zwanzig Jahre alter Cherry, langsam und unbewusst, mit hellen Momenten in fünfminütigen Abständen, was ihn in Wirklichkeit umso mehr beschleunigte. Nach zu viel Guinness, das meine Beine langsam aber sicher verflüssigte und sie bereits ziemlich schlacksig hatte werden lassen, blies ich zum Rückzug. Wer keine bequeme Schlummerposition auf dem Tisch oder Tresen finden konnte, war sowieso schon längst ins heimische Bett verschwunden. Der Barkeeper nickte übermüdet. Nein, kein Trinkgeld, das macht man hier nicht.

In dieser Stadt kommt einen ein Kater besonders teuer zu stehen, dachte ich, als ich mich an den rot gestrichenen Holzpfeilern abstützte. Mein Gesicht war taub, meine Augen waren matschig geworden. Ich fühlte mich gerädert, aufgesaugt, durchgekaut und wieder aufs Pflaster gerotzt. Je länger ich versuchte, meine Betrunkenheit zu kaschieren, desto offensichtlicher wurde sie. Ich konnte die ganzen Schwadronen von Polizisten schon in ihren Kommandozentralen sitzen und gröhlen sehen, wenn sie mich unter den vielen Kameras entlang schwanken sehen würden. Mit immenser Anstrengung versuchte ich geradeaus zu laufen und schunkelte hin und her, wie die am Quay vertäuten Ausflugsboote in den Wellen der Liffey. Wieder einmal überkam mich eines jener Gelüste, die einem immer nur dann kommen, wenn man sie auf keinen Fall wahrnehmen sollte. So, wie Andere im Suff zu singen anfangen, war es bei mir schon immer der Drang gewesen, loszurennen. Am Besten blind in die Nacht hinein, was schon mehrmals als stumpfe Erklärung für die ein oder andere Abschürfung herhalten musste. Aber ich fühlte mich unheimlich schnell. Vielmehr wahrscheinlich rannte ich einfach immer schnell genug, sodass mein gelähmter Kopf mit dem Verarbeiten in Echtzeit gar nicht mehr hinterherkam. Da ich aber ohnehin recht schwungvoll über das vom Nieselregen glitzernde Kopfsteinpflaster stolzierte, schien es für mich beinahe zur Notwendigkeit zu werden, dem Schwung endlich nachzugeben.
Dass ich noch ein paar Schritte gehe, erklärte ich meinem Begleiter und verabschiedete mich ins Dunkel. Mit drehendem dröhnendem Schädel könnte ich eh nicht einschlafen, rief ich ihm nach. Es würde sich anfühlen, als spielte jemand mit riesigen, silbernen Kugeln Marble Madness in meinem Kopf.

Meine Turnschuhe quietschten auf dem feuchten Boden. Ich hatte Mühe, nicht gleich vollends auf die Schnauze zu fliegen. Immer wieder in gleichmäßigen Abständen verlor ich kurz den Halt und schlitterte über zwei, drei Reihen Steine hinweg. Dazu kam, dass meine volle Blase jetzt endgültig ihren Tribut verlangte. In mir, obwohl ich eher das Gefühl hatte, einen mit Wasser prall gefüllten Ballon mit mir herumzutragen, hüpfte das gute Guinness, oder besser, was davon noch übrig war, fröhlich im Takt der Schritte auf und ab. Ich fühlte mich weit in der Zeit zurückversetzt. Irgendwann, vierte Klasse. Mit randvoll gefüllten Einkaufstüten auf dem Nachhauseweg und dem andauernden Bedenken, sie würden unten aufreissen und ihre Inneren auf der Straße verteilen.

Da, endlich, ein Hotel. Ich stieß die hölzernen Türen auf und stapfte in die Eingangshalle. Der Nachtportier an der Rezeption rechts sah mich mit einem entgeisterten Blick an. Aber für eingehende Betrachtungen war jetzt keine Zeit mehr. Es galt, Explosionen zu verhinden.
«Toilet?!», rief ich ihm zu.
Etwas verdutzt zeigte er auf einen Gang am Ende der Halle. Dann wollte er etwas sagen, aber ich kam ihm zuvor.
«I’ll pay for it!», lallte ich und verschwand.

Als ich erheblich erleichtert und ruhigen Schrittes zurückkehrte, bemerkte ich an einer Wand einige Fotos. Überschrift: The Clarence Hotel. Clarence Hotel? Mein Begleiter, begeisterter U2-Fan seines Zeichens, hatte mir davon erzählt und ganz langsam dämmerte mir auch, in wessen Hotel ich gerade gestürmt war, als ich mir die Fotos, etwas genauer besah. Einige von ihnen zeigten unverkennbar Bono und The Edge. Aber was sollte es mich kümmern, dachte ich, gerade die müssten für notwendige Bedürfnisse Verständnis habe. Ich kramte ein 2-Euro-Stück aus meiner Tasche, das ich mit unverkennbarer Großzügigkeit dem Portier spenden wollte.

«For you.», erklärte ich, indem ich ihm das Geldstück hinhielt.
Er schüttelte den Kopf. «That’s 500 Euro.», sagte er.
«What?», rief ich, «Yer joking, right?»
«Nope.», wiegelte er ab.

Die Security-Affen führten mich durch den ganzen Service-Bereich bis in die Küche und erklärten, ich werde die restlichen 498 Euro wohl oder übel abarbeiten müssen. Ich machte überhaupt nichts. Ich sah mich schon längst nicht zu überhaupt nichts mehr im Stande. Sie zogen mir eine völlig verdreckte Schürze an und setzten mir eine krumme Kochmütze auf. Ich erklärte ihnen in flüssigstem Englisch, wie ich es nur betrunken spreche, dass ich die Deutsche Botschaft benachrichtigen würde. Und Bono. Wo sind die Menschenrechtler, wenn man sie braucht, dachte ich. Am Nachmittag hatte ich ein paar Straßen weiter ein Amnesty-International-Café entdeckt. Wahrscheinlich hockt er da, dachte ich, hockt da jetzt und trinkt Fair-Trade-Kaffee anstatt die Ausbeutung im eigenen Haus zu verhindern. Der Souchef, besser noch jener Tellerwäscher, der nachts den Souchef mimte, spendierte eine halbe Flasche Jameson für den ohnehin viel zu besoffenen Gast aus Dschörmäinija!
Zwei Stunden später verabschiedeten wir uns bereits mit Umarmungen und Whiskey in the Jar auf den Lippen.
Einer der Türsteher hieß Clarence.

Als ich in unserer Wohnung ankam, die bis auf Betten, der Küche, einem Tisch und vier Stühlen vollkommen leer war, wurde es schon wieder hell. Mein Begleiter hockte in der kleinen Küche und starrte mich an, als käme ich von einem anderen Planeten.
«Gott, siehst du scheiße aus.», lachte ich.
«Wo kommst du denn her?», rief er, «Ich wollte ja schon fast wieder los, um dich zu suchen.»
«War mit Bono Kaffee trinken.»
«Was?»
«Fäääär Treeeeyyytt Koffiiiiii!», schnurrte ich.

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