Deinen Blick werde ich nie vergessen. Alle Kinder haben diese himmelblauen Kugeln in ihren Köpfen hängen, mit denen sie die Welt in ihren Umrissen begreifen lernen. Sie gewöhnen sich an das, was sie nur im Schlaf loswerden können und bilden ihren ganz eigenen Ton, ihre Schablone. Deine Augen sind dunkel und man glaubt, bis auf den Grund blicken zu können, so wie man es bei abgestandenen Tümpeln tut, um die wunderlichsten Dinge zu erspähen. Sie müssen sich mit jedem deiner Tage getrübt haben. Es hinterließ jede Minute eine Nuance, eine Kerbe in dieser Rinde, auf deren Muster ich stets mit Bewunderung sah. Ich dachte in all den kleinen Winkeln und Gängen aus Schwarz und den Lichtungen, besetzt mit braunem Laub, deinen Weg erkennen zu können.
Du sagtest, du hättest ihn nur adaptiert von jenen Tieren, denen wir früher auf dem Ferienhof begegnet waren. Ich genoss die Arbeit, das Ausmisten und Füttern der Kälber, das Rübenstecken, Unkrautjäten, zusammen mit den behinderten Kindern. Wir rauchten die ersten Zigaretten in der Mittagspause und schrieben den Kühen in Schönschrift ihre Namen auf die Tafeln über ihren Köpfen. Wir streichelten ihren Rücken, schrubbten ihre Beine und führten sie bald jeden Morgen auf die Weide. Wir zeigten ihnen die grünsten Stellen und hielten den wütigen Bullen davon ab, sie zu verletzen. Und trotzdem sahen sie stets zu Tode betrübt aus.
Du fragtest, wieviele Abende wir bei den gleichen, sich nicht erschöpfenden Themen verbracht haben und wieviel Spaziergänge wir nicht genießen konnten, da wir in Gedanken umher schwirrten und die Eindrücke an uns vorbei rauschen ließen. Ich kann es nicht sagen. Nur, dass es wirklich viele, lange Nächte, manchmal gar schon Morgen waren. Mit jeder Aussage setzten wir Stein auf Stein und bauten unseren Turm, der uns bis hoch an die Giganten brachte, mit denen wir uns nicht zu vergleichen wagten. Währenddessen zogen draußen die Jahreszeiten vorbei. Wir zementierten uns ein Fundament, stärker als Beton und Stahl, das uns zusammenhielt und doch so wacklig gebaut schien, dass es nur allzu leicht zerbarst.
Du zeigtest mir, wie es ist, in der Dämmerung auf die alte Eiche am Rathaus zu steigen und von hoch oben die Sonne untergehen zu sehen. Ich lernte, mit dem Wind zu sprechen und zu hören, was er einem zuträgt, wenn man sich nur anstrengt, es zu hören.
Dein Gesicht habe ich fast schon vergessen. Und so sehr ich es versuche, über die Konturen will mir die Erinnerung nicht hinaus helfen. Monatelang habe ich nach dir gesucht, seit du plötzlich verschwunden warst. Doch man sagte nur, du wärest weg. Mit dem Bus seist du davon gefahren. In der letzten Reihe, um im Verlassen noch einen Abschied feiern zu können. Ich habe mir diese Geschichte in den Stunden zusammengebaut, in denen ich allein hoch oben im Baum saß und mich weigerte, erwachsen zu werden.
Von oben warf ich dem Ernst des Lebens die Herbstkastanien auf den Kopf und lachte doppelt so laut, als das ich es von mir gewohnt war, um mich nicht allein zu fühlen. Mein Onkel schenkte mir kurz vor seinem Tod diese Farbpalette, mit der ich heute meine kleinen Bilder male. Fetzen unserer Stunden und Vorstellungen meiner selbst, von meinem Bild in deinem Kopf.
Siehst du, sie ist schon fast kaputt vom Weh, das sie zu ertragen hat. Ich mische Farben, die so schwer sind, dass das Holz sie nicht ertragen kann und beinahe bricht. So manche Leinwand habe ich mit dem Pinsel schon durchstochen. Von meinem Rücken und dem Stolz ganz zu schweigen. In der Stadt geben sie mir die Hand und stehen mit schiefem Kopf vor diesem Dreck und murren, hm, ja, das ist die Suche nach dem Glück. Zur Hölle, weg mit ihnen, weg mit all dem Mist.
In der Schule erzählten sie mir dann von Egozentrismus, vom Hinwegrationalisieren und Tautologisieren. Alles stimmt, alles ist recht so. Alles bleibt so. Alles ist nicht. Nichts ist nich. Und nur wegen dieses Trugschlusses, deshalb stimmt es auch.

