Schon nach den ersten drei Tagen kam Thomas alles unendlich vor. Am Montag glaubt man immer noch, dass es bis Wochenende keine lange Zeit mehr ist, dachte er. Montag um, Woche um. Und am Mittwoch wird einem dann klar, dass eben erst Mittwoch ist. Man degeneriert ziemlich schnell, dachte er, so werden die letzten zweieinhalb Tage nach der Mittagspause zur Tortur. Man lässt am besten die Uhr zu Hause. Aber überhaupt kam ihm das, was er seit dieser Woche wieder tagtäglich vor sich sah, etwas komisch vor.
Gerade mal fünf Tage zuvor, am Freitag hatte sein Telefon geklingelt. Er hatte sich mühsam aus dem Bett geschwungen und kurz vorm dreizehnten Anlauf des Klingelns den Hörer abgenommen.
»Was is?« hatte Thomas in den Hörer gepflaumt, ohne an irgendetwas dabei zu denken. Er hatte nur versucht, seinem Unmut darüber, mitten in der Nacht um 13 Uhr aus dem Bett gerufen zu werden.
»Firma Hersch, moin!« hatte es von der anderen Seite geheissen.
»Hersch, wat?«
»Hersch!« kam es lauter zurück.
»Aha!«
Und nun saß er schon wieder hier. Auf einem Stapel von Zementsäcken, mit den Beinen kurz über den Boden schaukelnd und die Seite Pfütze Kaffee aus seiner Thermoskanne kitzelnd. Wirklich nicht fair, dachte er. Wenn man schon das Zeitgefühl verliert, dann immer zu eigenen Ungunsten. Er suchte nach einem Anhaltspunkt für jeden vergangenen Tag, vom letzten Herbst bis heute. Aber es war nichts da. Nur eine Sekunde, an der man einen Unterschied von gestern, heute und keine Ahnung wann hätte festmachen können. Nur war nichts zu holen. Die letzten sechs, sieben Monate erschienen ihm wie eine graue Masse, die er verschlafen oder verträumt haben musste. Dabei war das verträumen nicht sonderlich weit hergeholt. Nicht umsonst schrak er zusammen, als sich Olle mit voller Wucht von der naheliegenden Mauer auf eine der Glaswollerollen fallen ließ.
»Nichts passiert.« grinste er, als er Thomas' Schrecken im Gesicht sah und sich die feinen Splitter von Hemd und Hose strich.
»Nicht wischen!« rief Thomas, »Oder du wunderst dich morgen über deine Hände.«
»Warum?«
Er verzog das Gesicht. »Weil das Zeug nicht umsonst Glaswolle heißt und du dir jede Menge kleiner Splitter in die Pfoten ziehst.« erklärte er und empfand es guten Zug von sich selbst, ihn nicht auf die hier übliche Art und Weise geantwortet zu haben. Trotzdem stieg in ihm der Frust darüber, nicht mal in Ruhe seinen Kaffee trinken zu können.
Kurz vor der Prüfung hatten sie ihm in der Schule noch die besten Aussichten und Wünsche mit auf den Weg gegeben. Dann war buchstäblich der Ernst der Lage mit ins Spiel gekommen und hatte ihm wie mit einem großen Padel eins vors Gesicht gegeben. Es hatte sich trotzdem nicht viel an seiner Sicht geändert. Weiterhin konnte er dem, was man ihm als Strenge, Disziplin und Ernst entgegen gebracht hatte, immer nur mit einem beiläufigen Lächeln sehen. Denn im Endeffekt, rief er sich immer wieder ins Gedächtnis, wenn er doch mal an seiner Situation zu verzweifeln drohte, ist es egal. Ist einfach egal, hatte er zu allen gesagt, die ihn mit traurigem Seitenblick angesehen hatten. Alles egal.
Dass das objektiv vielleicht stimmte, aber deshalb subjektiv noch lange nicht, wusste er selbst. Und er hatte auch nicht gelernt, mit dieser Lüge umzugehen, wie er sich manchmal fälschlich vorhielt. Es schmerzte trotzdem ab und an ein wenig, wenn er daran dachte, dass er die Lehrstelle als Hochbauer nur angenommen hatte, um sich selbst eins auszuwischen, was der größte Blödsinn war, den er sich überhaupt je geleistet hatte. Wenigstens das war ihm schnell klar geworden. Und dann konnte man auch wieder etwas Objektivität einflechten, dachte er. Denn dann wäre es vielleicht auch egal. Er musste immer lächeln, wenn er bis zu diesem abschließenden Gedanken kam und sich dabei einen klaren Wintermorgen vorstellte. Einen Tag, den er nie erlebt hatte, von dem er aber genau wusste, wie er auszusehen hatte und was an ihm geschehen würde, fände er irgendwann einmal statt.
Er kramte ein halb zerfetztes Heftchen aus seiner Hose hervor. Er hatte es um einen Zollstock gewickelt, von dem er als einziges Werkzeug sicher war, es nie gebrauchen zu können. »Jeht alles mits Oore!« hatte der dicke Vorarbeiter, den wegen seiner fettigen T-Shirts alle immer nur Pommes nannten, gleich am ersten Tag zu ihm gesagt. »Und wenn der Polier kommt, dann nimmste jefälligsten den Gliedermaßstab, dit wir uns verstehn, Kolleje!«
Komischer Haufen, dachte Thomas. Nicht meine Liga, aber auch dort muss man mal gespielt haben. Hat man sicher mal was davon. Aus dem Hosenlatz zog er einen Kugelschreiber, blätterte im Heftchen so lang, bis er einen freien Platz gefunden hatte und fing an, wieder einmal die Atmosphäre seines Lieblingstages festzuhalten. Ein Tag, an dem jede Wolke etwas darstellen würde. Jeder würde kurz wegsehen und in der Hoffnung, es wäre dies oder das, wieder hinschauen und etwas komplett anderes, noch Schöneres sehen. So würde das jeder eine Weile lang machen, ehe man sich gesättigt hätte. Es wäre nicht kalt oder warm, man würde keine Temperatur fühlen, nur in der Sonne, die zwischen den Tieren und Szenarien am Himmel hindurchblitzen würde, könnte man ein Kitzeln auf der Haut spüren, was jedem eine süße Gänsehaut einbrächte.
»Alter!« rief irgendwo jemand. Er sah kurz auf. Vor ihm kamen gerade die Anderen vom Gerüst herunter. Die meisten gingen in den Bauwagen oder direkt zum Bahnhof, um sich mit Bratwurst und Anderem zu versorgen. Alles stank nach Schweiß und Putz. Die Luft stand von grauem Staub und schmeckte ekelhaft. Als ob sie nicht ohnehin alle eine Staublunge hätten, dechte Thomas, rauchen müssen sie auch noch.
Jeder hätte frei, natürlich, schrieb er, das ist in jeder Geschichte so. Der Held oder die Heldin hat immer frei, oder blendet die Arbeit ganz einfach aus. Die gibt es dort nämlich gar nicht. Bei diesem Satz schmeckte jedes Wort irgendwie bittersüß. Lustig, aber irgendwie surreal und fad.
»Alter!« brüllte jetzt jemand noch lauter in sein Ohr und schlug ihm dabei mit voller Wucht auf die Schultern, dass er es innerlich knacken hörte.
»Ach halt doch die Fresse.« raunte Thomas. Mit dem Fuß stieß er absichtlich Hölschs Wasserflasche um, der sich hinter ihm aufbaute, die Arme verschränkte und lauthals aus sich heraus prustete. Es interessierte ihn gar nicht. Viel wichtiger war es ihm, schon wieder die kleine Pappschachtel mit den Schnäpsen aus der Tasche zu kramen, um zu zählen, wie viele er noch vorrätig hatte.
»Der Herr schreibt, oho.« plapperte Hölsch vor sich hin. »Man möge keine Gedanken verlieren, soso. Aus dem wird mal noch ein großer Literator.«
Thomas ballte seine rechte Hand zu einer Faust zusammen und ließ sie sich nach ein paar Sekunden wieder langsam öffnen.
Er steckte den Stift wieder in seine Kappe zurück und verstaute alles am jeweiligen Platz.
»Auch egal jetzt. Gib lieber einen.« rief er und winkte mit der Hand in Hölschs Richtung nach einem Boonekamp.
Hölsch gab noch ein kleines Fläschchen an Olle, wartete, bis jeder der Anderen seine Finger an den Verschluss gelegt hatte und knipse dann möglichst im gleichen Takt den Deckel ab.
»Mahlzeit.« rief er und grinste, ehe er ansetzte und in einem Zug alles in sich hinein goss.

