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Blek le rat: Ein neuer Superlativ für die Heldenstadt

Spätestens seit Banksys erster erfolgreicher Ausstellung ist es in London gang und gäbe, einige seiner Stencils an Ort und Stelle hinter einer Glasscheibe zu konservieren und sie fortan nicht mehr als Vandalismus, sondern als Kunst zu betrachten. Immerhin macht sich so etwas ganz hervorragend im städtischen Touristikbüro und wo viel Geld im Spiel ist, werden Gesetze bekanntlich auch immer etwas dehnbar.

Schon die Transformation von etwas partout als illegal Gebrandmarktem hin zu etwas kulturell Schützenswertem, die sich allein dadurch vollzieht, dass plötzlich irgendwo Menschen bereit sind, viel Geld dafür bezahlen, ist lustig genug. Gekrönt wird das Ganze von den sich daraus generierenden Auswüchsen, wie bspw. dem Herausoperieren ganzer Stencils, um sie anderswo zu verkaufen und der darauf folgenden Empörung, dass das ja wiederum quasi Kunstdiebstahl und damit illegal sei, obgleich man bei zehntausend wirtschaftlich nicht relevanten unbekannten Künstlern das Ding sowieso längst übermalt hätte.

Sei’s drum: Leipzig hat jetzt also auch endlich konservierte Streetart. Während täglich der komische Bürgerdienst LE für grob 1100 Euro brutto durch die Stadt geistern, Sticker und ‚Wildplakatierung‘ abknibbeln muss und niemand auf die Idee käme, auch nur nach der Motivation hinter dem ‚Krieg‘ zwischen RCS und ORG zu fragen, gibt es nun endlich künstlerisch wertvolle Straßenkunst in der Heldenstadt.

Die Geschichte könnte auch romantischer nicht sein: Ein Französischer Künstler kommt 1991 per universitärem Ruf nach Vandalismus ins schöne Leipzig, verliebt sich dort in eine Frau aus einem Stadtteil, der vermutlich sonst nie von einem Touristen betreten wird und widmet ihr ein Schablonengraffito in der oberen Südvorstadt. Mit der Zeit wird der Künstler immer bekannter, er heiratet besagte Liebertwolkwitzerin, nur sein Leipziger Bild gerät in Vergessenheit, wird überklebt und erst über 20 Jahre später von einer findigen Leipzigerin wiederentdeckt. Okay, der Teil über die ‚Recherche‘ ist etwas übertrieben, zumal sein Stencilstil schon 1995 in Bernhard van Treecks Graffiti Lexikon verzeichnet und die Madonna schon ewig ein typischen Blek-Symbol war, aber okay. Durch ihre Initiative wird das Bild vom Künstler selbst restauriert, Stadt und Eigentümer spenden sogar Geld für eine entsprechende Konservierung – fertig ist die Sehenswürdigkeit.

Das Verhältnis von Blek le rat und Banksy wäre schon einen eigenen Eintrag wert, deshalb empfehle ich einfach mal kurz den Film Robbo vs Banksy – Graffiti Wars. Zurück zu Blek le rat in Leipzig: Finden wir das nun gut oder nicht?

Ja, natürlich! Es ist ja eine wirklich hübsche Geschichte, mit der sich auf Facebook sicher tausende Likes generieren ließen. Und es ja wirklich schön, wenn sich das Kunstverständnis auch solchen Strömungen öffnet, obgleich ich es gern gesehen hätte, wie 20 Anzugträger mit einem Prosecco auf dieses total flippige Kunstwerk westsächsischer Urbanität anstoßen. Auch wenn die von Ansgar Scholz gespannte Brücke zwischen Élysée-Vertrag und Blek le rat schon ein bisschen sehr abenteuerlich ist. Aber es wird ja auch immer weniger unheimlich, wie plötzlich genau das hip wird, was Mitte der Neunziger noch alle Welt total schmutzig und doof fand.

Und trotzdem muss man im Hinterkopf behalten, dass sowohl der Bauträger als auch die Stadt nicht ohne Eigeninteresse Geld dafür ausgeben, etwas, das sie im Normalfall als Schmiererei verteufeln, hinter Glas zu bannen. Denn letztlich ist auch das schöne Bild von Blek le rat trotz Denkmalschutz nur ein weiterer Superlativ (das vermutlich älteste erhaltene Graffito des Künstlers, und dann auch noch in Leipzig!), bei dem das Tourismusbüro schon Millionen rahmenbebrillter Streetart-Fans aus aller Welt nach Sachsen reisen sieht. Und was kann einem Hausbesitzer besseres passieren, als am eigenen Haus so ein hippes Kunstwerk kleben zu haben, das die darüber liegende Wohnung locker ein paar Tausender wertvoller werden lässt? Mit der Leipziger Madonna jedenfalls hat nun endlich auch Leipzig sein ganz eigenes künstlerisches Paradoxon. Herzlichen Glückwunsch (ehrlich).

Ich hoffe nur, dass kein unbekannter Künstler auf die Idee kommt, sich an der Hauswand neben dem Leipziger Blek le rat zu verewigen. Das ist nämlich illegal und hat erstmal nichts mit Kunst zu tun.

Fotos von Stadt Leipzig

In Kategorie: Tribut

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