Nina ist Tänzerin in einem Ballettensemble in New York. Sie lebt mit ihrer herrschsüchtigen Mutter, selbst ehemalige Balletttänzerin, die ihr Karriereende nicht ungern auf die Geburt Ninas schiebt, in einer gemeinsamen Wohnung und beschäftigt sich mit nichts Anderem als dem Ballett.
Als Thomas, der Leiter des Ensembles, zum Saisonauftakt Tschaikowskis Schwanensee aufführen will, ist Nina seine erste Wahl. Sie tanzt den weißen Schwan perfekt, aber in der Rolle des schwarzen Schwans ist sie immer noch zu beherrscht, zu wenig leidenschaftlich und zu starr. Trotz des vielen Trainings scheint sie es nicht zu schaffen, sich aus ihrer Angespanntheit zu lösen, da fällt Thomas die neue Tänzerin Lily auf, die im Gegenzug den schwarzen Schwan mehr als gut tanzt.
Nina beginnt, sich selbst mehr und mehr unter Druck zu setzen. Bald bemerkt sie einen Kratzer auf ihrer Schulter, der schnell zu einer Flechte wird, die wie die gerupfte Haut eines Vogels aussieht. Sie fürchtet, Lily könnte ihr die Rolle der Schwanenkönigin streitig machen. Stück für Stück beginnt Ninas Wahrnehmung verrückt zu spielen. Lily besucht sie in ihrer Wohnung und zum Ärger ihrer Mutter geht Nina mit in einen Club, wo sie vollends die Kontrolle über sich verliert und letztendlich mit Lily im Bett landet. Als Nina diese am nächsten Tag darauf anspricht, weiß sie jedoch nichts davon. Ihre Mutter spürt, dass ihr ebenso langsam die Kontrolle über die Tochter entgleitet, Nina fühlt sich vollkommen überfordert, glaubt, sie würde bald ihre Rolle verlieren oder wenigstens vollends auf der Bühne versagen. Die Flechte auf ihrer Schulter wird immer schlimmer, sie blutet und Nina kann beim genaueren Betrachten eine schwarze Feder heraus ziehen. Im selben Moment verfärben sich ihre Augen rot, ihre Beine werden zu Schwanenfüßen und sie bricht zusammen.
Als sie am nächsten Tag, dem Tag der großen Premiere, ganz normal in ihrem Bett erwacht, hat ihre Mutter bereits beim Ensemble Bescheid gegeben, dass Nina krank sei. Nina aber rennt so schnell sie kann zur Premiere. In der Garderobe angekomme, beginnt sie, sich auf ihren ersten Einsatz als weißer Schwan vorzubereiten, bemerkt dabei aber, dass sich ihre Zehen mittlerweile mit einer Zwischenhaut verbunden haben ... (die ganze Handlung bei Bedarf hier, aber Achtung, Spoiler.)
Wow, was für ein Film, ich bin echt beeindruckt. Bei diesem Film scheint alles zusammen zu passen. Die Grauschleier über New York, das man nur auf Ninas Wegen hin zum Theater und zurück nach Hause zu sehen bekommt, weil es in dieser Welt eh nur eine kleine Rolle spielt, die schwarz-weißen Studiobühnen und Übungsräume, in denen sich die Tänzer stundenlang schinden, um eine der begehrten Rollen zu bekommen. Dazu die pompösen Auftritte im hellen Licht, auf den großen Bühnen vor Hunderten von Zuschauern, in den ausschweifenden, wunderschönen Kostümen. Wie gut es dargestellt ist, das Hin und Her zwischen dem ewigen, harten Training und dem so kurzen, aber umso kraftvolleren und adrenalingeladenen Auftritt vor Publikum, wie es für alle Tänzer nichts Anderes zu geben scheint als das Ballett und wie es für eine, Nina, ganz besonders eben nur diesen einen Haltepunkt gibt. Mit ihrer Mutter, die versucht, ihre eigene Verzweiflung ob der ungenutzten Karrierechance wegen des Kindes nun in eben jenes projeziert und es geradezu dorthin zu regieren versucht, wo sie selbst nie war. Mit dem Druck, den sich durch die Ansprüche selbst aufbürdet und dieser neuen Tänzerin, Lily, die scheinbar spielerisch gerade das beherrscht, was Nina nicht gelingen will, die genau das Gegenteil ist, Nachts noch lang feiern gehen und am nächsten Tag trotzdem ihre Leistung abrufen kann. Und da zwischen Thomas, der sich zuerst für Nina entschieden hat, weil sie so perfekt den weißen Schwan tanzt, dann aber mehr und mehr zu Lily hingezogen wird, woraufhin Nina beginnt, den Kopf zu verlieren.
Ich habe keine Ahnung von Ballett und weiß nicht, ob die Tänzer gut sind, aber die Illusion, funktioniert. Natalie Portman als Nina macht es großartig, sich langsam und gleichzeitig gezwungenermaßen von ihrer Mutter zu lösen, zuerst noch völlig hörig, steif und angespannt, dann immer gelöst und letztendlich perfekt. Genau so Mila Kunis als Lily, nur dass sie genau den Gegenpart spielt, und das sehr gut. Das Ende des Films ist vielleicht ein wenig zu drastisch, aber es schließt den Film in seiner ganzen Dramatik gut und plausibel ab, denn wer sich allzu sehr ans Reale klammern will, der wird im Endeffekt sowieso nicht zufrieden sein. Sehr tolle Bilder, wunderschöne Kostüme. Übrigens: Letztes Wochenende bekam Natalie Portman für ihre Rolle in diesem Film einen Golden Globe als beste Drama-Hauptdarstellerin. Morgen, am 20. Januar, kommt Black Swan in die deutschen Kinos. In den Sneak Previews lief er schon ein wenig früher an, trotzdem frage ich mich, warum der Film in den USA bereits am 05. September erschienen ist und hier erst mehr als vier Monate später. Nichtsdestotrotz: Unbedingte Empfehlung!
Black Swan
Regie: Darren Aronofsky
Drehbuch: Mark Heyman, Andres Heinz, John McLaughlin
Mit: Natalie Portman, Mila Kunis, Vincent Cassel, Barbara Hershey, Winona Ryder
2010, 108 Minuten



Christian Bumeder (via facebook)
19. Januar 2011
Schließe mich dir an und sage: Großes Meisterwerk mit fantastischen Schauspielern und großartigem Mindfuck!
Udo Tiffert (via facebook)
31. Januar 2011
freundin riet ab (klischees und wieso gehöre normale selbstbehauptung zur schwarzen seite?), mein sohn wollte ihn sehen, wir sahen… fanden ihn beide sehr gut, sohn sagte: “film ist ja komplett aus ihrer sicht!”, mein lieblingsadjektivpaar im film: “Ungenau, aber mühelos!”