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Bitterfeld hat auch schöne Ecken


Foto von H.-D.N.

Pünktlich um 11:53 Uhr stehe ich am Fenster bereit. Unten an der Kreuzung ein milder Mittagsverkehr. Gekonnt öffne ich einhändig meine Bierdose und überprüfe den Sitz meines Feinrippunterhemds. Dazu stecke ich mir hinter jedes Ohr eine Zigarette, eine dritte klemme ich mir so in den Mundwinkel, sodass sie beim sprechen sehr schön auf und ab hüpft.

Von weitem höre ich es kommen. Eine Frauenstimme quäkt aus schlechten Boxen: „Und nun fahren wir geradewegs in eines von Leipzigs schönsten Quartieren. Schauen Sie nur, wie gut die gründerzeitlichen Fassaden nach dem Niedergang der DDR wieder hergestellt worden sind.“
Ich nehme einen tiefen Zug aus meiner Bierdose und öffne das Fenster so weit wie möglich. Zuverlässig nähert sich der Bus.
„Leipzig ist heute beliebter denn je. Gerade letzte Woche hat die Frankfurter Allgemeine Zeitung wieder ein Loblied auf unsere schöne Stadt verfasst.“
Ein Stechen durchfährt meinen Kopf. Immer und immer wieder tauchen blitzartig Bilder von Menschen in Polohemden vor meinem inneren Auge auf.
„Laut New York Times gehört Leipzig zu den zehn Orten auf der Welt, die man unbedingt gesehen haben sollte.“
Ich ohrfeige mich. Ist mit der Zeit so ein blöder Reflex geworden, wenn jemand diese Sache mit der Times erwähnt.

„Die Stadt ist bekannt für seinen lebendigen Untergrund und seine Kreativwirtschaft, die unheimlich … kreativ ist“, plappert die Frau weiter. Als der Bus noch etwa zwanzig Meter entfernt ist, wuchte ich mich auf das Fensterbrett. Gar nicht so einfach, wenn man dabei nicht die vielen Bierflaschen umstoßen will, die ich zur Dekoration aufgestellt habe. „Leipzig ist heute eine Boomstadt. Die billigen Wohn- und Lebenshaltungskosten machen sie zu einem Magnet für junge Menschen, die im Gegenzug die Straßen mit Lebensfreude bevölkern.“ Na prima, jetzt hab ich einen Teil des Erbrochenen nicht zurückhalten können und alles ist mir aufs Unterhemd gekleckert.

Wie bestellt hält der Bus direkt unter meinem Fenster.
„Und jetzt, meine Damen und Herren, wenden Sie bitte ihren Blick nach rechts“, sagt die Frau und alle Passagiere schauen auf das Haus gegenüber.
Ich räuspere mich.
„Vierhundertfünfzigtausend Euro. Tatsächlich steht in diesem Traumhaus noch eine Wohnung zum Verkauf. Vierhundertfünfzigtausend Euro!“
Eine Frau im Oberdeck stößt begeistert ihren Mann an: „Du Luttger, des isch geschenkt!“
Mit dem Fuß rücke ich meinen Verstärker ein wenig näher ans Fenster und mit einer galanten Bewegung drehe ich gleichzeitig alle Knöpfe bis zum Anschlag nach rechts. Dann drücke ich auf play, augenblicklich sind alle Blicke auf mich gewandt.

„Herzlisch willkomm‘ zum Hauptteil dor Veranstaldung!“, brülle ich in breitestem Sächsisch und recke meine Bierdose nach oben.
„Du Luttger, isch des enn Ostdeutscher?!“ kommt es aus dem Oberdeck.
„Was wolld’n ihr eigntlisch alle hior?“, schreie ich und schnipse meine Zigarette aus dem Fenster. „Bleibt doch eenfach ze Hause, mach ich doch ooch! Keene Arbeet jibt’s überall, nich nur hior!“
Die Frau im Oberdeck zückt ihre Kamera: „Oah, isch des offregend, Luttger! Des isch wie bei Akte 2011!“
Ich versuche, meinen Bauch so weit es geht herauszustrecken und hebe an: „Zieht doch nach Bitterfeld, ihr Viertel-Vor-Sager! Bitterfeld hat ooch schöne Eggn!“
Die Leute werden unruhig, aber noch zeigt die Ampel an der Kreuzung rot.
„Unn wir wolln ooch keene Szene-Clubs hier hamm‘ Und eure Töschter soll’n ma liewer in … in Bochum studiern!“, rufe ich.
„Meine Damen und Herren, schauen Sie, wie schön die Fassade…“
„Halt’n Sabbel!“, brülle ich und schwenke mein Bier, „Sch’wohne hier seit … seit fümmsibbzsch Jahrn! Und plötzlich findet ihr Assis des geil hier und wollt alle herziehen und Kreati … Kreativität hier machen? Was geht’n mit euch?!“
Die Tourleiterin schaut ungeduldig auf die Ampel: „Meine Damen und Herren …“

Plötzlich springt ein junges Mädchen im Oberdeck auf. „Yeah!“, schreit sie und reckt ihre Faust in meine Richtung, „You never walk alone!“
„Wat?“, schreie ich.
„Yeah, gib’s Ihnen!“, schreit das Mädchen.
Ihre Freundin daneben schaut mich mit verliebten Augen an: „Er ist so authentisch!“
Sofort sind unzählige Kameras auf mich gerichtet.
„Luttger! Desch glaubt uns keiner!“
„Könntet Sie vielleicht nochmal das Bier so hoch in die Luft?“
„Würden Sie vielleicht mal meinen Namen auf sächsisch aussprechen?“
Ich halte mir die Ohren zu. Nicht wie in Berlin sollte es enden.

Gestern bekam ich einen Brief von komischen Format. Darin das Belegexemplar eines Touristikkatalogs. Auf dem Cover ein Bild von mir. „Leipzig, eine Oase der Authentizität“ stand darunter. Und wir dachten, wir müssen kämpfen. Dabei hatten wir von Anfang an verloren.

In Kategorie: Litritscher

8 Kommentare

  1. Please believe the hype of leipzig!
    ich finde, daß berlin eine tolle stadt ist, voller neugieriger und interessierter menschen, die alle in berlin wohnen oder wohnen wollen. das die mieten dadurch ins unermeßliche steigen, stört mich nicht. dass das ausgehen in bars und clubs so teuer geworden ist, daß ich mir das nicht leisten kann, stört mich auch nicht. die supermärkte sind überfüllt mit lauter menschen, die die butterpreise mit den butterpreisen in stuttgart vergleichen, finde ich voll global. die züge nach berlin sind so überfüllt, daß es sehr leicht fällt, ein gespräch zu beginnen. und kommunikation ist sehr schön. und die vielen spanier. böse zungen sagen ja pillenspanier. das der einfall von tausenden von spanieren die rache für mallorca ist, was solls?In New York sagen sie seit einiger Zeit „it’s so berghain“, wenn sie etwas ganz besonders großartig finden.
    Ich glaube der Charme von Berlin besteht darin, daß die Stadt einfach ingesamt so „fertig“ ausschaut, wie die jugendlichen Partygänger in ihr. Berlin ist Gosse. Aber eben gut. Die Stadt wurde schon so oft weggebombt, von einer Mauer zerschnitten, steigert sich regelmäßig selbst in größenwahnsinnige Phantasien, was sie alles ist, arm und sexy, Hauptstadt, Europäische Metropole, Potsdamerplatzkonzernzombieviertelumgebung usw., wenn Berlin eine Person wäre, dann käme da ein ziemlich fertiger Typ dabei heraus. Ziemlich alt, schäbig, versoffen, verhurt, partygeil, jung im Geiste, kreativ, lebenshungrig, aber auch ein wenig abgehängt, nicht so hip und cool, aber für jeden Spaß zu haben.
    Die Stadt ist bankrott und angeschlagen und trotzdem geht es ihr so gut wie seit über 80 Jahren nicht mehr, wenn das kein Grund zum feiern ist. Ich gehöre zur Minderheit der gebürtigen Berliner in der Stadt, ich weiß wie es hier vor 20 Jahren aussah.
    Berlin zieht nur noch die Karma-Killer an. Lobotomisierte Partyfrösche, die alle 5 Minuten auf Facebook gucken, aber seit Jahren kein Book vor dem Face hatten.
    Auf den Straßen Joggerschwuchteln, in den Dissen Ami-Tussen, im KaDeWe Dollar-Russen.
    Wie international!
    Die Stadt ist hinüber. Was die Easy Jetter nicht zerstören, raffen die Schwaben an sich.
    Weniger Jobchancen, schlechte Bezahlung, schwierige Infrastruktur (durch aneinandergereite Dörfer mit großer Gesamtfläche), im Verhältnis zu London/Paris/Wien und bei 3Mio Einwohnern äußerst dürftige (Hoch)Kultur, eher schlechte Restaurants, unfreundliche Menschen und und und.
    Aus Bequemlichkeit hat man sich das ganze dann schön geredet, so ist mE dann der Hype entstanden.
    Wenn man jemanden lang genug fragt, was er denn wirklich so toll an Berlin findet, dann kommt leider immer nur die Quintessenz „Billige Mieten“ „Viel Feiern“ plus „hier ist alles scheißegal“.

    ein bisschen peinlich ist, wenn dann in Film, Musik und Kunst krampfhaft versucht wird, solch einen Kult aufzubauen.
    Die Aufmerksamkeit und Liebe, mit der alle Weltstädte ganz natürlich bedacht und besungen wurden, haben potentielle Profiteure versucht FÜR BERLIN KÜNSTLICH ZU ERZEUGEN.
    Dafür muß ich mich wirklich des öfteren schämen.
    Alles was überzeugen konnte waren niedrige Bierpreise.

    Alles wird immer cooler!
    Früher war Berlin immer so herrlich uncool, was zur Folge hatte dass nach der Wende der größte Teil der gut bürgerlichen Familien in den „Speckgürtel“ gezogen sind und Häuser gebaut haben. Dadurch gab es viel mehr Freiraum für die Jüngeren und Kreativen unkonventionellen.
    Inzwischen entwickelt sich die Stadt aber wieder weiter… tja, thats life….
    All das und noch vielmher erwartet Leipzig. ich freu mich schon drauf.

  2. Pingback: André Hermann “Bitterfeld hat auch schöne Ecken” – Kapitaldruck

  3. grete

    Weise gesprochen, lieber Wolf.

    ganz und gar nicht. zum beispiel:

    Joggerschwuchteln

    ich als admin hätte derart homophoben mist gleich mal gelöscht. oder wenigstens kommentiert. da müssen nicht erst noch „Ami-Tussen“ und „Dollar-Russen“ bemüht werden. dann noch dies:

    Was die Easy Jetter nicht zerstören, raffen die Schwaben an sich.

    … kann ich im moment nur hiermit beantworten.

    wi-der-lich.

    oder doch dreifach gut versteckte ironie?!

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