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Beim Essen alternd

27. Januar 2007, Litritscher

 

Es war an einem Mittwoch, so gegen halb elf. Der einzige Tag während des fünften Semesters, an dem ich mich vor 11 Uhr aus dem Haus in die Uni bequemte und auf dem Nachhauseweg der Mensa einen Besuch abstattete. Sie hatten gerade begonnen das Mittagessen anzubieten. Ich zottelte mit meinem Tablett zu einem Tisch nahe der Tür hin, um mich nicht, sobald die erste Welle der Hungrigen einfallen würde, durch die vollgestopften Reihen zwängen zu müssen.

Auf meinem Teller hatte ich das Wahlessen Nummer 1, zwei wabbelige Spiegeleier, deren Oberfläche nur farblos schimmerte und zu zerlaufen drohte, dazu einen Hieb Bratkartoffeln und ein Stück Sülze, das ich mir hatte aufdrängen lassen. Immer mehr Leute ströhmten in den Saal, die Klangkulisse erweiterte sich mit jeder Sekunde zu einem verzerrten Gebrabbel, das alles, selbst die Gedanken untermauerte.

Die ganzen urbanen Romane, dachte ich, konnten nur in einem solchen Umfeld entstehen. Ohne das Gebimmel der Tram, dem Geröchel und Gehupe der Autokarawanen, dem Anstehen an der Bushaltestelle und der Egalität gegenüber alledem, wäre diese besondere Beklemmung gar nicht vorstellbar gewesen.

Gerade hatte ich das erste Ei in mundgerechte Stücke geschnitten, als sich der Stuhl mir gegenüber regte.
«Was dagegen, wenn ich mich setze?», fragte eine Stimme und ich sah auf.
Vor mir stand die typische Erstsemestersdame. Sie schien ihren Friseur seit geraumer Zeit zu boykottieren und trug einen langen, aus bunter Wolle wild zusammengehekelten, überlangen Schal. Ihr zerschlissener Mantel hätte diesen Winter besser nicht mehr mit ansehen sollen.
«Nur zu.», murmelte ich in der Gewissheit, dass ich es so oder so nicht hätte ändern können. Und das war in gewisser Weise auch gut so. Ein bisschen Konversation konnte nicht schaden.
Sie setzte sich und breitete ihre Armeetasche aus der wohlmöglich hundertsten Hand neben sich auf dem Tisch aus.
«Ich hoffe ich krieg das runter.», sagte sie und lachte mit einem Wink auf ihre noch roheren Eier vor sich.
«Ist nur Nahrung.», sagte ich und ging dazu über, mir einen Streifen Ei nach dem anderen langsam in den Mund zu schieben. «Sicher, fünf Sterne sind das nicht. Dafür musst du ein paar Stationen Bahn fahren.», mampfte ich vor mich hin.
«Will ich auch gar nicht.», sagte sie.

Eine Weile sprachen wir gar nicht. Ich beobachtete sie heimlich, so wie es mir immer schon Spaß gemacht hatte, die Gepflogenheiten der Menschen mit anzusehen, wenn sie sich ganz normal benehmen, ohne zu merken, wie ähnlich sich alle dabei sind.

«Was studierst du?», nahm sie den Faden wieder auf.
«Dies und das.», sagte ich und spann ihn weiter, um nicht mit der Sprache herausrücken zu müssen.
«Das heißt?»
«Psychologie.», log ich. Die Wahrheit hätte ohnehin nur allzu lange Erklärungen gebraucht. Immerhin hatte ich Tina das ein oder andere Mal begleitet. Nichtmal uninteressant. Aber so früh.
«Wahnsinn! Das find ich cool, echt.», log sie zurück. Wir waren ein Team.

Wenn man ewig so weitermachen könnte, dachte ich, könnte man eigentlich ganz friedlich miteinander auskommen. Insofern man es schaffte, die klitzekleinen Gewissensbisse ob der Ausflüchte zu umschiffen. Es wäre nicht edel, aber was ist schon edel. Aber niemals hehr würde es sein. Es wäre einfach nicht gut.
Wieder Ruhe. Sie wusste es, ich wusste es.

«Ich bin auch ein bisschen krank.», sagte sie schließlich und strich sich durch den Nacken, während sie ihren Hals genüsslich knacken ließ.
«So so.»
«Mir geht's ziemlich dreckig.»
«Und dabei siehst du doch ziemlich vital aus.», sagte ich und nahm ihr unbewusst etwas Wind aus den Segeln.
«Och, das hast du aber schön gesagt.», grinste sie.
«Danke. Und bitte.»

Jetzt waren die Bratkartoffeln dran. Am Morgen hatte es bitterböse geschneit, die Räumfahrzeuge patroullierten immer noch durch die Straßen, um den Schneemob zu vertreiben. Die Sonne schwängerte die kalte Luft mit Feuchtigkeit. Die Kartoffeln hatten den Transport nicht besonders gut überstanden. Sie schmeckten pappig und trievten vor Wasser. Egal, wenn es der Hunger hinein treibt, hatte Peter immer gesagt.

«Aber echt! Ich war schon zweimal Arzt - gestern und heute - bin extra ganz früh aufgestanden, um auch ja gleich dran zu kommen.», sagte das Mädchen.
Wie schön, wenn man eine Beschäftigung gefunden hat, dachte ich und überlegte, was ich in der Zeit getan hatte. Am Tag zuvor natürlich geschlafen, und an diesem Morgen hatte ich das Internet nach Absinth-Trinkvarianten durchforstet. Durchaus aber mit vergleichbarem Elan war es über mich gekommen.

«Und der hat mir nicht einmal Tabletten verschrieben!», rumorte sie vor sich hin.
«Sapperlot!», unkte ich.
«Häh?»
«Na! Aber!», rief ich, schlug sachte auf den Tisch und musste lachen. «Was der sich denkt.»
«Ja!», rief sie und sah mich mit glänzenden Augen an.
«Die Pfeife.», stimmte ich mit ein.
«Naja.», sie merkte, worauf ich hinaus wollte.
Aber ich konnte nicht locker lassen: «Eine Hand voll Tabletten am Tag sollte schon drin sein.»
«Na so war es ja nicht gemeint.»
«Sonst könnte man fast meinen, es ginge einem schlecht, nicht wahr?»

Ich kratzte eilig die letzten Kartoffelkrümel auf dem Teller zusammen und versuchte mit der anderen Hand meinen Mantel über zu werfen. Mit Schwung griff ich das Tablett und meine Tasche, machte mich auf zum Fließband.
«Gute Besserung!», sagte ich, indem ich sie noch einmal ansah, und «ärzte sind auch nur Dienstleister. Die Humanisten unter ihnen sind selten geworden.»
«Dienstleister! Das ist gut!», sagte sie.
Ich war schon ein paar Schritte weiter und eigentlich froh, jetzt meinen Weg nach Hause allein fortsetzen und in Ruhe aus dem Fenster der S-Bahn schauen zu können. Nicht, dass ich Gesprächen generell ablehnend gegenüber stand, aber ich schätzte auch meine Schonzeiten. Das Klimpern hinter mir versprach nichts Gutes.
«Sch- Schönen Tag noch!», rief das Mädchen aufgeregt, «Oder - oder Halt! Vielleicht kann ich ein Stück mitkommen. Ich muss zur S-Bahn, und du?»
Bezaubernd, dachte ich, ganz prima.

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