
Das Wasser drückt sich aus den Kanälen und fließt in dicken Zöpfen die Rue de Martyrs hinab Richtung Sexodrome. Gerade geht die Sonne auf, die Müllmänner schwitzen mit Kippenstummeln im Mund und haben immer ein nettes Wort für die Mütterchen, die schon so früh im Waschsalon ihre Kleider falten. Um diese Uhrzeit steht noch niemand in Barbès und rattert in atemberaubender Geschwindigkeit wieder und wieder “Marlboro, Pall Mall, Pall Mall, Marlboro” herunter, nur die Hütchenspieler machen bis zuletzt einen guten Schnitt mit den nachhausetorkelnden Touristen. Im Bus nach Tocadero klimpern schon die Miniatureiffeltürme, im Marais stimmen ein paar Metalasiaten ihre Jackson-Gitarren vorm Centre Pompidou und ersetzen in ihren Verstärkern die Batterien vom Vortag.
In ein paar Stunden wird sich genau über diese paar Flecken Stadt eine Geräuschkulisse legen, die ihresgleichen sucht, die deutsche Großstädte in späterem Vergleich sehr ruhig erscheinen lassen wird, im guten wie im nicht so guten, im anderen Sinne. Später erkennt man sie schnell, die Deutschen, wie sie im Zug nach Leipzig, kurz nachdem sie eingestiegen sind, wütend ihren Koffer durch den Waggon zerren, weil niemand ihnen einen Platz freigehalten hat. Es gibt keine schlechtere oder bessere Mentalität, denke ich, nur mehr oder weniger hausgemachte Probleme. Aber eine eigene Toilette, mit einer Tür, die nicht mehrere Zentimeter weit aufsteht, selbst, wenn sie geschlossen ist, hat Vorteile.
Hier ist meine Wohnung so groß wie vier bis fünf Pariser Studentenzimmer, das Bier vergleichsweise billig, der Eistee hingegen ganz schön teuer. Nur wozu vergleichen, wenn man genau den Leuten bei Goodbye Deutschland immer vorwirft, eben dass sie ein Deutschland im Ausland zu suchen scheinen. Es ist wunderschön in Paris, denke ich, Punkt.
Und in der Straßenbahn sitzen zwei junge Typen mit Bobschnitt und Pornobrille, sie rappen so laut und unbeholfen sie können K.I.Z.-Songs und schwingen dabei Becks-Ice-Flaschen. Vielleicht seid gerade ihr die Opfer, die sie immerzu besingen, will ich sagen und verkneife es mir. Dann, an der Haltestelle, ist es angenehm ruhig und mein schmerzendes Ohr beginnt, sich zu entspannen. Hoffen wir, dass sich dieses Gefühl noch ein paar Tage lang hält.













