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A Week in Pictures 51/2017

Wenn es eine Sache gibt, die ich an mir mag, dann ist es, dass ich mich echt gut erinnern kann. Nicht immer so ganz korrekt, sonst hätte mein Abizeugnis wahrscheinlich anders ausgesehen, aber immerhin sehr unterhaltsam.
Das Problem ist, dass ich mich dabei auch an Dinge erinnere, die ich am liebsten vergessen würde. So unangenehme Dinge von vor 60 Jahren, für die ich am liebsten sterben würde. Zum Beispiel, wie ich ich mit elf oder zwölf mal mit einem Kumpel beim Osterfeuer Fackeln gekauft habe und wir damit herumgelaufen sind. Und irgendwann standen wir vorm Haus meiner Nachbarn und überlegten, ob wir die Fackeln mal in die Koniferen halten sollten. Mein Kumpel sagte, ich würde mich nicht trauen. Und ich sagte, voll traue ich mich. Und der Nachbarsjunge stand im Vorgarten und sagte: Wenn du das machst, dann verklopp ich dich. Und ich sagte: lol nope, ich bin dein Nachbar, meine Eltern wissen, wer du bist. Und hielt die Fackel in den Baum, der sofort in Flammen aufging. Naja und dann bekam ich ganz schön viel Ärger, denn ich war zwar nicht verkloppt worden, aber irgendwie hatten die Nachbarn ziemlich schnell herausgefunden, wer die Konifere in Brand gesetzt hatte.
Und meistens erinnere ich mich an solche Dinge, wenn ich gerade viel zu spät ins Bett gegangen bin, morgen unendlich früh raus muss und eigentlich ganz ganz dringend schlafen sollte.
Und ich denke: Einfach nix denken und einschlafen, fuck, das war ja schon ein Gedanke, hör auf diese Metagedanken zu denken! Hör doch selber auf! Du hast mir gar nichts zu sagen! Hihi, weißt du noch, damals, als es so riiiiichtig unangenehm war, meine Güte, war das uuuuuunangenehm, als du …
Und dann denke ich zum Beispiel daran, wie ich in der achten Klasse das Leben der armen Amelie (nein, nicht Amélie, sondern AMMELI, denn wir kommen immer noch aus Sachsen-Anhalt), wie ich das Leben von Amelie mal ungewollt zur Hölle gemacht habe.
Wir waren gerade auf Klassenfahrt. Und weil wir am Tag zuvor irgendwie in einem Museum und alle total brav gewesen waren, durften wir am nächsten Tag ins Spaßbad. Der Busfahrer fuhr uns hin und dann schön 4-5 Stunden rutschen, rumrennen und Leute untertauchen. Naja, und ich also so die ganze Zeit gerutscht und rumgerannt und Leute untergetaucht, irgendwann ist die Zeit vorbei, alle unter die Dusche, ich bin irgendwie ein bisschen schneller fertig als die anderen und gehe schon mal vor zum Bus, komme so rein und drinnen sitzen der Busfahrer, unsere Ethiklehrerin und die arme Amelie.
Und ich so: Eh, Amelie? Wie bist’n du so schnell fertig geworden? Ich dachte, ich war der Erste?
Und sie so: Ja, nee, ich war gar nicht drin.
Und ich: Eh, wieso nicht? Rutschen und so? Wir sind voll geil gerutscht die ganze Zeit?
Und sie: Nee, ich kann grad nicht.
Und ich: Eh, wie du kannst nicht? Rutschen kann jeder? Voll easy?
Und unsere Ethiklehrerin: Antreh, die Amelie KANN gerade nicht.
Und ich: HÄH? RUTSCHEN IS VOLL EASY? UND MACHT ÜBELST SPAß? KANN JEDER?
Und Amelie schon längst dabei, im Boden zu versinken. Die ganze Zeit kommen andere Kinder in den Bus und ich brülle rum: HÄÄÄH? WIESO KANNST DU NICHT BADEN? JEDER KANN BADEN? UND SELBST WENN NICHT, DANN GEHSTE HALT RUTSCHEN. RUTSCHEN IS EH VIEL GEILER?
Und unsere Ethiklehrerin: ANTREH! DENK MAL NACH!
Und ich: WAS GIBT’S DENN DA NACHZUDENKEN? JEDER. KANN. RUTSCHEN. DA MUSS MAN NICHT MAL WAS MACHEN! ROFF OFF DE RUTSCHE UND RUNTER GEHT’S VON ALLEINE!
Und alle schon so lol, die Amelie kann nicht rutschen, lol, zumindest dachte ich, dass sie das denken, dabei lachten alle über mich, zumindest die Mädchen, die Jungs lachten natürlich auch ein bisschen über die arme Amelie, denn alle Jungs in unserer Klasse waren Schweine.
Was dann passierte, weiß ich nicht mehr so genau. Wahrscheinlich sprang die arme Amelie später weinend aus dem fahrenden Bus. Ich würde es verstehen. Mir wurde dann irgendwann auf der Fahrt zumindest doch noch klar, warum die arme Amelie nicht hatte baden können. Entschuldigt habe ich mich bestimmt nicht dafür, ihr Leben zur Hölle gemacht zu haben, denn, wie gesagt, alle Jungs in meiner Klasse waren Schweine, mich eingeschlossen.
Daran denke ich. Und deshalb kann ich dann nicht einschlafen.
Zurecht, wie ich merke.
Ich bin so ein schrecklicher Mensch.


Vom gläsernen Meetingraum im elften in eine halbdunkle Zelle ersten Stock – es geht abwärts.
Nicht im Bild: Dieses glorreiche Gefühl, wenn man morgens aufwacht und diese Mail liest, dass die eigenen Gebete endlich erhört wurden und man einen Schimpansen adoptieren darf die Schule am See auf DVD veröffentlicht wird. Sie wissen ja, dass ich seit Jahren versuche, die ARD dazu zu bewegen, ihre großartigen Vorabendserien noch einmal zu zeigen bzw. auf DVD herauszubringen. Bei Aus heiterem Himmel hatte es ja schon geklappt. Und jetzt fehlte mir halt noch die Schule am See. Sie wissen schon, diese total coole Serie über diese Abiturienten in diesem Schulinternat in Plön. Die, nicht wie ihre Mitschüler im Haupthaus, sondern allein im Prinzenhaus wohnen. Mega, diese Serie! Ich habe sie geliebt. Und sie kam exakt EIN EINZIGES MAL im Fernsehen. Was habe ich per Email gefleht und gebettelt. Ich habe ja sogar die Bücher gelesen, um meine Not zu überbrücken. Hab mich betäubt mit all den anderen Top-Serien. Aus heiterem Himmel natürlich. Nicht von schlechetn Eltern. Mensch Pia! Gegen den Wind! Die Stein und und und. Und endlich! ENDLICH! GIbt’s bald die erste Staffel auf DVD. Erst ab März, ja ja. Natürlich direkt bestellt. Was wird das für ein Festtag! Da ist die vierte Staffel Black Mirror nix dagegen! Wenn ich jetzt noch an Tanja herankomme (die Serie, Sie Flegel! Und natürlich an ein Bluray-Laufwerk, um endlich meine Mein Leben und ich-Bluray digitalisieren zu können), dann bin ich endlich komplett. Dann habe ich wirklich alle Serien, die ich immer haben wollte. Und das wird ein großartiger Tag des inneren Friedens.
Auch nicht im Bild: Wie ich ja mittlerweile echt ein großer Fan von Slack geworden bin. Wie ungewohnt sich das anfühlt, wenn man in Chats suchen kann, statt sich durch hunderte Bildschirmseiten Whatsapp-Konversationen wühlen zu müssen. Und Material einfach so schön auf einem Haufen hat.


Das letzte Mal Lesebühne in Halle. Schon schade, aber auch okay.
Nicht im Bild: Zurückhekten und dann zur zweiteiligen Weihnachtsfeier. Zweiteilig, weil es zuerst den Part für die Nichtraucher gab, zu dem alle Raucher immer rausgehen mussten, wenn sie rauchen wollten und danach den zweiten Part, in dem die Nichtraucher immer rausgehen mussten, wenn sie mal Nichtrauchen wollten.


Korrekturlesen und direkt auf der ersten Seite einen Leberwurstfleck hinterlassen.
Nicht im Bild: Never forget bis es wieder hell wird und sich am nächsten Tag über die Nachrichten freuen, dass es den Anderen auch nicht so gut geht. Dafür dann immerhin endlich an die dritte Staffel Fargo gewagt und festgestellt, dass sie sehr gut ist. Hätte man gar keine Angst davor haben müssen, enttäuscht zu werden. Obwohl ich ja die zweite Staffel wirklich nicht so mega fand. Die erste war großartig, die zweite dafür aber echt nicht meins. Die Siebziger interessieren mich einfach nicht. Richtig gut ist auf jeden Fall The Handmaid’s Tale. Wenn ich schon bei der ersten Folge am liebsten sofort bei Wikipedia nachlesen will, was das alles mit diesem System auf sich hat, dann hat es mich definitiv gekriegt. Grob gesagt (soweit ich das jetzt bei der Hälfte der Staffel sagen kann) geht es darum, dass es irgendwann nach einem Einbruch der Geburtenrate in den USA so eine Art ultrareligiösen Putsch gegeben hat, der dazu führt, dass so ein pseudo-christliches (und hart militarisiertes) System entsteht, in dem gebärfähige Frauen als Surrogatmütter für privilegierte Pärchen benutzt werden, während alle wie amish people gekleidet sind, nur halt mit Internet und Maschinengewehren. Sehr gute Idee, sehr gut gemacht.
Auch nicht im Bild: Wie ich es endlich mal geschafft habe, nach bestimmt einem Monat mal meine Wäsche zusammenzulegen. Und wenn ich das hier erwähne, dann muss es echt etwas bedeutet haben.


„Modern Rock“, herzlichen Glückwunsch an mich, mein Musikgeschmack scheint nun offiziell in Rente zu sein. So viel Musik soll ich gehört haben? Das sind 18,4 Tage! Hab ich irgendwann aus Versehen Spotify lautlos im Hintergrund laufen gehabt? Ich kann doch beim Tippen nie Musik hören. Absolute Stille. Topband Sxtn finde ich ja schon ein wenig lustig. Hätte ich jetzt nicht so genannt, aber wenn der Computer das sagt, dann stimmt das wohl. Rest geht klar, auch wenn ich als Lieblingssong eher Boyfriend gesagt hätte. Und sowieso sähe das alles anders aus, wenn es bei Spotify FCKR und Mühlheim Asozial gäbe. Aus Marketingsicht hätte ich eigentlich lieber mein Hörbuch hoch- und runterlaufen lassen sollen, damit es in der Topliste erscheint. Aber ich bin ja sogar zu faul, das jetzt hier zu verlinken. Aus mir wird einfach kein Star mehr. Weiß ich aber schon eine Weile. Ist auch okay so. Bei 90 % der bekannten Leute, die ich bisher getroffen habe, war ich eher immer ein bisschen enttäuscht, wie abgeklärt die waren. Da ist einfach alles geplant, von vorne bis hinten. Und das ist für so Authentizitätsfans wie mich dann schon ein kleiner Tiefschlag. Und ständig nur business business. Und sobald Gespräche dann so ablaufen, dass mir ARBEIT jemand ARBEIT nur ARBEIT noch ARBEIT ARBEIT davon ARBEIT erzählt ARBEIT wie ARBEIT ARBEIT viel er/sie ARBEIT arbeitet und wie wichtig und toll das alles ist, dann schalte ich eh meist schnell ab. Aber naja.
Nicht im Bild: Freuen auf den 34c3. Ich geh zwar nicht hin, weil zu teuer und außerdem müsste ich da ja mein Handy ausmachen, damit es nicht wahrscheinlich sofort gehackt wird. Aber man kann die Vorträge ja immer online gucken. Und die sind stellenweise echt großartig. Der Fahrplan liest sich schonmal sehr interessant. Dude, you broke the future zum Beispiel. Oder Forensic architecture. Die Sprache der Überwacher. Social Cooling. Und natürlich Hacker Jeopardy. Ich freu mich. Und Superkollege Marc-Uwe darf sogar aus Qualityland vorlesen.


Wie sagt man so schön: Tradition ist Tradition! Falls Sie sich fragen, wie in meiner Familie über den üblichen Krankenhausbesuch hinaus Weihnachten gefeiert wird: Eigentlich immer so.
Quintessenz des Heiligabends:
– Meine Eltern haben ein neues Auto und das Baby meiner Cousine interessiert ab jetzt niemanden mehr.
– Ich besitze jetzt einen Kalender mit der Aufschrift: „Bleib wie du bist, bleib abnormal.“ Weil’s so gut zu mir passt. Sagten meine Ex-Eltern. Nein, er ist schön.
– Braucht jemand ein Lenkradschloss? Ich hätte da eins.
– Rezept für Karpfen in Braunbiersoße: Zwei Hände voll aus der Biotonne in der Mikrowelle erhitzen – fertig!
– Ich war im Dunkeln rauchen, hab aus Versehen in Omas Vogelhaus geascht und bin ab jetzt der familieneigene Hells Angel.
– Für Oma in Zukunft nicht mehr als zwei Gläschen Eierlikör, sonst wird sie wieder melancholisch und sagt dauernd, dass sie nächstes Jahr nicht mehr dabei ist, wenn sie Glück hat.
– Ich verschenkte Gewürze aus Israel, die zwischenzeitlich für „so eine Art Seramis“ gehalten wurden, andere meinten „das sind so Drogen wie letztes Jahr“ und am Ende kippte man sie zur Sicherheit doch mal an die Blumen, denn man weiß ja nie.
Nein, stimmt nicht. Doch. Nein. Doch, natürlich. Nicht.

Was fehlt:

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