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A Week in Pictures 47/2017

„Hatachana haba’a!“ Das ist hebräisch und heißt so viel wie „Nächster Halt“. Es ist meine Lieblingswortgruppe, weil ich mich dann immer an die alten Ansagen der Leipziger Straßenbahn denken muss: „Prochain arrêt, Gare centrale, point central de correspondance, correspondance avec les lignes de banlieue et de grandes villes, accès au centre-ville.“ Weitere hebräische Ausdrücke, die mittlerweile wie im Schlaf beherrsche, sind „ma nishma“ (’s geht?), „toda“ (dange aldr!) und natürlich „shalom“ (moinsen diggi!) bzw. am Shabbat dann „shabbat shalom“ (moinsen diggi, nach Sonnenuntergang macht der Supermarkt zu, also geh da lieber noch mal hin! (oder so ähnlich)). Mehr kann ich leider noch nicht. Aber ich weiß, wie man meinen Namen auf Hebräisch schreibt. Das ist ein kostenloser Service in Israel, denn wenn man sich eine kostenlose, personalisierte ÖPNV-Plastikkarte machen lässt (die so genannte Rav-Kav-Card, was ich schon mal sehr lustig finde), dann steht da direkt der eigene Name auf Hebräisch mit drauf. Nebst eines Bildes, das bei mir aussieht, als hätte ich Blumen im Haar, weil hinter mir direkt eine riesige Topfpflanze stand. Meine Name jedenfalls sieht in etwa so aus: „nnamrreH érdnA“. Allerdings mit hebräischen Buchstaben, aber das kriege ich hier gerade nicht hin. Ah, jetzt doch: הרמן אנדרה. Aber auf der Karte sieht es ein bisschen anders aus. Aber das krieg ich jetzt wirklich nicht hin.


Weiter geht’s, Comedy mit Karsten Staffel 5. Wenn wir die Einspieler so machen dürfen, wie wir uns sie ausgedacht haben, dann sind zumindest die schon einmal gut. Mal schauen, was Talentmän so macht und ob er Bock hat oder ob uns der Hallenser Zoo überhaupt noch einmal rein lässt. Im Mai wird aufgezeichnet, bis dahin gibt’s noch ä bissl was zu basteln.


Oben: Herrn Regener beim Vorlesen aus Wiener Straße zuhören. Sehr lustig, Und wirklich sehr gut vorgelesen. Ich persönlich hätte mir ja ein bisschen mehr Publikumsinteraktion gewünscht, um nicht zu sagen überhaupt Publikumsinteraktion, aber das soll die letztendliche Güte des Abends nicht trüben. Beim Konzert redet der Herr Regener ja auch nicht so besonders viel. Ich meine ja auch nur, dass ich es komisch finde, wenn man den Abend 1:1 in egal welche deutsche Stadt hätte verlegen können, weil es absolut keinen Bezug zum jeweiligen Auftrittsort gab. Ja ja, natürlich ändert das nichts, wenn der jetzt kurz „Hallo Leipzig“ sagt, aber wenigstens „Hallo“ hätte ich ja schon gut gefunden. Wurscht, nehmen Sie das nicht so ernst. Ich würde natürlich trotzdem jedes weitere Regener-Buch mit Freude und direkt am Erscheinungstag lesen. Obwohl ich mich in letzter Zeit schon frage, warum gebundene Bücher mittlerweile immer 22 Euro kosten. Wann ist das passiert? Ich fand ja 19,90 Euro schon hart, aber irgendwie noch verständlich. Das konnte ich mir innerlich ja wenigstens noch irgendwie begreiflich machen. Aber woher kommen jetzt die zusätzlichen 2,10 Euro? Klingt wie so ein typischer Bockwurstpreis. Ein gebundenes Buch kostet jetzt also immer Herstellung + Vertrieb + Handel + eine Bockwurst für wen auch immer. Den DHL-Mann vielleicht. Ja ja, es gibt auch DHL-Frauen. Bei meinen Eltern zu Hause zum Beispiel. Auf die ich ja immer noch ein bisschen böse bin (sie kann gar nichts dafür, aber irgenwohin muss ja meine Enttäuschung). Da bringt sie seit geschätzt 20 Jahren Pakete bei uns vorbei und weigert sich dann im 21sten Jahr, mir meine neue Supersonderangebot-einmalig-geworben-von-einem-Freund-alles-nur-noch-halb-so-teuer-Sim-Karte auszuhändigen, weil die Versandadresse ja unbedingt der Adresse aus dem Ausweis gleichen muss und da bei mir ja nun mal Leipzig steht. Und dann wird die Sim-Karte natürlich zurückgeschickt, womit der Vertrag als storniert gilt und das Angebot erloschen ist. Ehrlich mal. Und dafür gibt’s ab jetzt auch noch Belohnungsbockwürste.
Nicht im Bild: Wie ich es irgendwie schön finde, es mich andererseits aber auch irgendwie überfordert, dass mittlerweile gefühlt _jede*r_ das Zigrette-Video von irgendjemandem zugeschickt bekommen hat und mich dann darauf anspricht. Ich find’s ja wirklich schön. Mich stört’s auch gar nicht, wenn das rumgeht, im Gegenteil. Ich weiß einfach nur nicht, was ich antworten soll, wenn jemand sagt „Haha, ich hab letztens dieses Video von dir gesehen! Mit der Zigarette!“. Und ich: „Ja.“ Und dann gelte ich wieder als total unfreundlich und unnahbar. Wobei Letzteres stimmen mag, aber was soll’s. Ach, ist das alles kompliziert. Selbst Kafka hätte mich für einen Freak gehalten.
Unten: Der Wuschelhund.


Okay, dann waren wir also in Tel-Aviv. Ursprünglich wollten wir ja nur irgendwohin, wo es Ende November noch warm ist, denn ich ertrage es einfach keine fünf Monate Kälte am Stück und weiß, wenn ich zwischendurch noch einmal ins Warme fahre, dann überstehe ich es bis zum Frühjahr irgendwie. Und nach Israel wollte ich sowieso schon immer mal. Und dann googlet man halt so ein bisschen und zack! findet man unendlich günstige Flüge und zack! ist man dann Ende November in Israel. Ich hatte mich total gut vorbereitet und zum Beispiel die Gebrauchsanweisung für Israel und Palästina gelesen, die sehr gut geschrieben ist, aber (zumindest habe ich es jetzt so empfunden), schon an einigen Stellen etwas outdatet und übertrieben ist. Zum Beispiel sind in Tel-Aviv kaum Soldat*innen zu sehen, die Gewehren rumlaufen. AUch waren die „total krassen“ Kontrollen am Flughafen gar nicht so „total krass“. Ja, das Gepäck wird schon in Deutschland direkt zweimal komplett durchleuchtet, aber was soll’s. Viel spannender fand ich, dass plötzlich unsere Tickets am Checkin nicht erkannt wurden und ich uns schon wieder im Bus zurück nach Leipzig sitzen sah. Aber ging dann doch irgenwie. Vielleicht als erster Tipp: Gut überlegen, ob man früh um 6 Uhr fliegen will, sodass man die Nacht zuvor durchmachen, mit dem Bus um 1 Uhr nach Berlin fahren und dann ja auch noch fliegen muss. Und man sollte vielleicht nicht am Shabbat fliegen, aber dazu im kommenden Rückblick mehr. Kurz vorm Shabbat ankommen klappt auf jeden Fall ohne Probleme. Man wartet ewig bei der israelischen Passkontrolle wartet, um sich das blaue Aufenthaltsgenehmigungskärtchen zu holen (Israel stempelt keine Pässe mehr, denn es soll ja Länder geben, die finden israelische Stempel nicht so cool), betrachtet nebenbei das riesige „120 Jahre Zionismus“-Plakat und dann ist man da. Alles ist auf hebräisch, man versteht eigentlich gar nichts, aber irgendwie schafft man es zum Zug und schon erklingt die schönste Wortgruppe der hebräischen Sprache: „Hatachana haba’a Tel-Aviv Ha’Hagana“. Dort natürlich erstmal totale Überforderung, denn kurz vorm Shabbat versuchen noch einmal gefühlt _alle_ Menschen irgendwohin zu kommen, ehe nach Sonnenuntergang bis Sonntagfrüh keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr fahren. Am Bahnhof stehen ultraorthodoxe Juden und binden sich gegenseitig die Arme mit Schnüren ab, weil das irgendwie cooler beim Beten ist und dann ist man auf der Straße. Dort stellt man fest: In Israel wird sehr gerne gehupt. Immer und überall. Hupen als Zeichen von „Hey, ich park hier grad mal aus“, Hupen als „Hey, park mal bitte nicht aus, ich heiz hier mal eben noch vorbei“, Hupen als „Diggi, ich hätte dich grad fast gerammt“ und einfach Hupen als „Hup Huup, Hupen fetzt!“.
Nicht im Bild: Der Weg zu unserer ersten Airbnb-Behausung, laut Lonely Planet gelegen im „heruntergekommenen Viertel“ Florentin. An Häusern überall herunterbaumelnde Kabel, quasi der Albtraum der deutschen Elektrikerinnung, aber irgendwie scheint es ja zu funktionieren. Das Viertel ist wirklich ein bisschen runter, aber sehr schön. Und vorm Schabbat hängen alle draußen ab, trinken Bier und Kaffee oder kaufen noch einmal irgendwas bei den krassen Gewürzständen, vor denen riesige Bohnensäcke stehen, in die wahrscheinlich täglich irgendwelche Hipstermädchen voll amélie-mäßig ihre Hände gleiten lassen. Dann, die erste Feststellung: Der Aufenthalt wird kostenintensiv. Bier für mindestens 5 Euro, aber Tahini und Tabouleh schmecken schon mal sehr gut. Die Airbnb-Frau ist irgendwie sehr wortlos, überhaupt hat es die Airbnb-Frau sehr gut verstanden, ihre Anzeige so zu formulieren, dass es klingt, als bekäme man die ganze Wohnung, obwohl man am Ende „nur“ ein Zimmer hat. Dafür gibt es aber eine Dachterrasse und sehr viel Stille, denn sie und ihre Boyfriend sitzen eigentlich nur auf der Couch und gucken Facebook. Aber man will ja auch nicht drinnen sitzen, also wieder raus. Mittlerweile ist es nach 16 Uhr, das heißt der Großteil der Geschäfte hat zu und es ist wirklich fast gespenstisch leer. Deshalb erstmal ans Meer. Die Sonne geht unter, der Muezzin ruft aus der nahe gelegenen Altstadt Jaffa herüber (Meist ruft er „Allaaaaaahahahahhaaaaaaaa“) und schon klingt das mit der Islamisierung doch gar nicht mehr so schlimm, wie die AfD immer sagt. Ich hätte absolut nichts dagegen, wenn täglich zum Sonnenuntergang jemand auf der Paul-Gerhard-Moschee Allaaaaaaahahahahaaaaa rufen würde, denn ich finde das irgendwie beruhigend.
Voll im Bild: Der Sonnenuntergang am Strand. Wenn Leipzig irgendetwas außer dem Muezzin fehlt, dann ist es auf jeden Fall das Meer.


Weiter beim Erster-Abend-Spaziergang. Der Karmel-Markt ohne Markt, dafür mit unendlich viel Müll des vorangegangenen Markttags. Zweite Erkenntnis: Israel ist Katzenland. Zig Katzen turnen über die herumliegenden Reste, die Marktmänner gucken irritiert, warum zwei weiße Tourist*innen unbedingt durch die vermüllte Straße stapfen müssen, aber okay. Dritte Erkenntnis: Wie immer ist jedes, aber auch wirklich _jedes_ Land internetmäßig besser aufgestellt als Deutschland. In Tel-Aviv gibt es fast überall kostenloses Wlan, sodass das Instagram-Game während des Aufenthalts zuverlässig strong bleiben kann. Und so sitzt man dann schön an der Allenby Road, quasi _der_ Straße (mal abgesehen von der Rothschild-Straße) in Tel-Aviv, lädt die heißesten Fotos in Netz, checkt beim nahegelegenen Immobilienmakler die Wohnungspreise (Zwei-Zimmer-Wohnung für 500.000 bis 1 Mio Dollar ist völlig normal) und findet es witzig. Wie der Shabbat alles so ein bisschen lahm legt (obwohl in Tel-Aviv noch verhältnismäßig viel auf hat), sodass man am Ende doch wieder Bier für 7,50 Euro trinkt, nicht ans Geld denkt, aber halt doch nur eins trinkt und dann auf der Dachterrasse des Airbnbs den Nachbarn beim Kochen zuguckt.


Tag 2. Das Schlafdefizit ist mittlerweile ausgeglichen. Die Airbnb-Frau und ihr Boyfriend sitzen wortlos surfend beim Frühstück. Also raus und auf die Suche nach Kaffee. Es ist nicht sooo kompliziert, am Shabbat ein offenes Café zu finden, aber man kann sie ja nie entscheiden und so dauert es dann natürlich doch eine Stunde, ehe man irgendwo sitzt. Dafür ist das Café dann aber zufällig auch gleich sehr gut. Es gibt Shakshuka, das sogar vor Menschen, die Tomaten hassen (ich) okay ist und sehr gut schmeckt. Dazu Sandwich mit Ei und die Feststellung, dass es in Tel-Aviv sehr einfach ist, Vegetarier*in zu werden, denn das Essen ist sowieso schon teuer, mit Fleisch aber gleich noch viel teurer. Danach weiterlaufen, mal so hoch, wie man sich traut, wenn man nebenher bedenkt, dass man den Weg ja auch noch zurück laufen muss. Die Cafés sind alle rappelvoll mit Ausgehisraelis, es ist Ende November und draußen sind 25 Grad, aber die Läden sind immerhin die gleichen, nur ihre Namen sind auf hebräisch geschrieben. Wie lernen: Es gibt diese fetzigen 6-Schekel-Läden, in denen alles 6 Scheckel kostet (oh Wunder!) und die nicht umsonst andauernd total voll sind. Außerdem kosten 1,5-Liter-Eistee-Flaschen fast genau so viel wie 0,5-Liter-Eistee-Flaschen, was ich mir damit erkläre, dann 0,5 Liter natürlich auch besser zu transportieren sind und deshalb vermutlich teurer. Allerdings muss man ja auch bedenken, dass bei 1,5 Litern immer noch ein Gewinn drin sein muss, das heißt bei 0,5 Litern ist er praktisch gleich dreimal so hoch. Dann kurz Verärgerung über den Kapitalismus, bis wir bei der Frage landen, welcher Tag in Israel eigentlich der erste Tag der Woche ist. Also natürlich ist es Sonntag. Die Woche geht von Sonntag bis Donnerstag. Freitag ist quasi Samstag, wobei zum Sonnenuntergang (d.h. zur Zeit gerade gegen 16 Uhr) alle Geschäfte schließen, der Muezzin trällert und dann bis Freitag Sonnenuntergang (also quasi Samstag) mehr oder minder nichts geht, auf jeden Fall kein ÖPNV (wobei es da ja noch die arabischen Sheruts gibt, also Sammeltaxis, die die ganze Zeit über fahren, genau wie auch die arabischen Läden geöffnet sind, denn den Muslimen ist der Shabbat wurscht). Wenn ich aber nun so ein total fancy Internetstartup bin, das total international agiert, dann kann ich ja nicht einfach Donnerstagabend Wochenende machen, denn international gibt’s ja schließlich noch den Freitag. Und es bringt ja auch nichts, dann schon am Sonntag wieder zu arbeiten, wenn international erst Montag wieder alle am Start sind. Heißt das also, das fancy israelischen Start-ups entweder immer von Montag bis Freitag arbeiten und damit quasi Dienstag bis Samstag (dafür spricht, das Samstagabend, also quasi Sonntag, trotzdem noch viele Leute in Clubs gehen) oder sie arbeiten einfach noch mehr, das heißt von Sonntag bis Samstag, oder sie arbeiten einfach total wenig, das heißt von Dienstag bis Donnerstag, was eindeutig man Favorit wäre. Ende der Diskussion: Keine Ahnung, aber vermutlich ist es wie bei Klamottenläden. Die haben ja auch Samstags auf, obwohl alle nur 40 Stunden arbeiten. Und dann wird halt getauscht. Ja, darüber denke ich nach.
Dann vor lauter Nachdenken eine kurze Pause. Ich lese Little Fires Everywhere und finde es sehr gut. Sie liest Amerika und das ist sowieso gut. Dann kurzer Abstecher auf die ekligste Toilette der Welt (obwohl wir uns da uneinig sind, denn angeblich gab es Bethlehem noch ekligere Toiletten, aber da durfte ich ja nicht drauf, weil nur Frauen und so), weiter am Beach, alle spielen Fußvolleyball und können das sogar oder fahren mit Elektroskateboards durch die Gegend (womit sich meine seit Jahren schwelende Frage, wer so einen Quatsch eigentlich kauft, endlich erübrigt hat). Btw: Elektrofahrräder sind _der_ Shit in Israel. Alle haben Elektrofahrräder und rasen damit durch die Gegend. Wenn sie irgendwo Halt machen, dann schließen sie das Fahrrad ab und nehmen ihren Akku mit. Deshalb sieht man dann in Clubs und Café auch immer Leute mit unterarmlangen Blöcken umherlaufen. Geklaut wird in Israel ja anscheinend wirklich nicht viel, immerhin habe ich oft gesehen, wie Leute in Cafés einfach Handy und Portmonee liegen lassen und aufs Klo gehen, aber die Akkus sind vielleicht doch zu wertvoll. Naja, weiter Laufen, runter bis zum Hafen in Jaffa. Fish & Chips für 25 Euro, haha. Aber immerhin absolut frisch weil Meer nur fünf Meter entfernt. Und sehr lecker auch. Aber 25 Euro schmerzen schon ein wenig. Okay, nicht ans Geld denken, weiterspazieren, Jaffa sieht im Vergleich zu Tel-Aviv wirklich arabisch aus. Aber auch total herausgeputzt. Wenn man über Tel-Aviv und Jaffa liest, dann liest man auch oft davon, dass es dort so viel Street Art gibt. Gibt es wirklich. Allerdings sieht es eher so aus, als hätte man man vor fünf Jahren 100 Street Artists eingeladen, ihnen 5.000 Street-Artist-Plätze zugewiesen und seitdem ist da halt Street Art. Immerhin: Ganz viel Street Art von André, also nicht von mir, sondern von diesem Typen aus Paris, den ich schon immer cool fand. Und sein Zeug schien zumindest wirklich Street Art zu sein, im Sinne von Street Art, aber halt auch illegal. Und dann: Scientology. Mitten in Jaffa. Als ob die ganze Stadt nicht schon teuer genug wäre! Und als ob es mit Judentum, Islam und Christentum nicht schon genug Religionen gäbe. Naja, wir waren (ausnahmsweise) nicht drin.
Oben: Das Kuli Alma. Lustiger Laden, quasi wie ein sesshaft gewordenes Open-Air. Schön bunt und diy, allerdings kostet das Bier auch 7,50 Euro. Am Einlass sitzt ein Securitymann, der auch aus Deutschland kommt.
Unten: Besagte Säcke mit Hülsenfrüchten (und vermutlich auch ein paar Hipsterhänden weiter unten drin).


Nicht im Bild: Wie ich auf dem Karmel-Markt UNENDLICH viel Geld für Gewürze ausgab. In allen Büchern stand es: Auf dem Markt immer handeln! Der erste Preis ist immer heillos übertrieben. Der zweite auch. Der dritte vermutlich auch. Und der vierte ist immer noch ein Touripreis. Einfach laut werden, abwinken, weggehen, schon sinken die Preise. Also genau alles, was ich total ungern tue. Und weswegen ich dann plötzlich den neuen Mercedes des Gewürzhändler mitfinanziere. Ich hasse handeln. Ich hasse es ja schon, wenn in Supermärkten keine Preise an den Dingen stehen (was in Israel auch oft vorkommt). Ich will einfach niemanden fragen müssen, was etwas kostet und dann nicht darüber nachdenken, ob das jetzt auch der echte Preis ist oder ich gerade noch den „Haha, du blöder Touri“-Aufschlag zahle. Was sagt Gott wohl dazu, arme Antrehs abzuziehen? Dafür dann immerhin den vermutlich besten Hummus Tel-Avivs gegessen. Und den besten Orangensaft getrunken. Beides sogar sehr günstig. Wir müssen überhaupt mal über Früchte sprechen, denn im Verhältnis schmecken die hier ja wirklich nach nichts. Und wieso sind Kiwis hier nicht faustgroß und flach? Und Granatäpfel nicht wirklich so groß, dass sie beim Herunterfallen einen Krater wie nach einem Granateneinschlag hinterlassen?
Im Bild: Station 2, Jerusalem. Und „endlich“ überall Soldat*innen mit Maschinengewehren. Ich persönlich finde die Leute ja nicht sehr vertrauenserweckend. Denn erstens sind die Soldat*innen größtenteils alle gefühlt 15 Jahre alt (vermutlich 18, aber das ist nicht der Rede wert), rennen dafür aber mit den übelsten Gewehren rum und zweitens sind es einfach sooo viele. Das ist doch nicht cool. Auch gibt es überall Werbung fürs Militär, wie cool das ist, da mitzumachen und so. Aber ich muss anders anfangen: Beim Busbahnhof in Tel-Aviv. Der Busbahnhof in Tel-Aviv ist so kompliziert, dass er offensichtlich von einem wahnsinnigen Architekten gebaut wurde. Dass wir es irgendwann überhaupt geschafft haben, mal in den sechsten Stock (!) zu unserem Bus zu kommen, wundert mich bis heute. Fahrstühle gibt es irgendwie, aber die fahren mal hier, mal dort, mal nur ein paar Stockwerke. Treppen gibt es, aber die sind auch mal hier, mal dort und dazwischen tausende Geschäfte und Stände, sodass man es eher schafft, einen Passierschein A38 zu besorgen, als sich dort zurecht zu finden und nicht zu verlaufen. Aber hat alles geklappt. Busfahrt okay, auch wenn direkt vor mir ein Typ einstieg, der ganz locker eine Desert Eagle im Gürtel trug und ich das irgendwie nicht ganz so cool fand. Außerdem habe ich während der Fahrt mein Handy runtergeworfen, woraufhin ich erst einmal merkte, dass direkt unter meinem Sitz ein riesiger Spalt war, der direkt in das darunterliegende Kofferfach und dann zur Straße führte. Aber da ist es dann zum Glück doch nicht reingefallen.
Jerusalem jedenfalls: Ganz anders. Überall ultraorthodoxe Juden, die man daran erkennt, dass die immer schwarz tragen (sehr sympathisch) und noch dazu diese coolen Mäntel und Hüte über ihrer Kippa. Außerdem tragen sie so ein viereckiges Tuch mit Loch-Aussparung für den Kopf, an dessen Ecken so lustige Strippen hängen, sodass es unterm der Jacke so aussieht, als hätten sie voll stylische Schnüre an der Hose baumeln. Ich jedenfalls fand den Style der Ultraorthodoxen (nicht zu verwechseln mit den Orthodoxen, die für die Ultraorthodoxen quasi abtrünnige Loser sind) sehr cool und verbrachte sehr viel Zeit auf meiner Lieblingsseite „Frag den Rabbi“, um mir all die Feinheit des ultraorthodoxen Outfits verständlich zu machen. Meistens hat es einfach mit irgendeinem Gebot zu tun bzw. damit, sich von der nicht-ultraorthodoxen Gesellschaft abzuheben, denn alle, die nicht ultra-orthodox sind, sind zwar okay, aber kommen am Ende halt nicht ins Paradies und sind deshalb verloren.
Da es in Jerusalem irgendwie ein bisschen komplizierter war, ein Airbnb zu finden, nahmen wir dann mit einem Hostel vorlieb. Angeblich _das_ Hostel schlechthin. Und wieder einmal merkte ich, dass ich eigentlich niemals auf irgendwelche Empfehlungen hören muss, da ich sie sowieso immer anders empfinde. _Das_ Hostel schlechthin war eigentlich ganz okay, aber auf jeden Fall nicht _das_ Hostel. Gelegen in der Alten Stadt ist man abends schon ein bisschen abgeschnitten. Aber für religiöse Leute ist wahrscheinlich der shit schlechthin zwischen all den Kirchen, Moscheen und so. Mich interessiert es relativ wenig, denn ich will ja nur den Muezzin hören. Das Zimmer: okay. Zwar bröckelte die ganze Zeit über der Putz von der Decke, sodass man morgens unter einer Schicht Staub aufwachte, aber was soll’s. Problematischer finde ich dann eher, wenn die „Dusche“ einfach nur ein Duschkopf direkt neben der Toilette ist und die Toilette an sich jetzt nicht so aussieht, als wolle ich ihren Boden jemals mit nackten Füßen berühren. Aber es war auch nicht so krass wie in dem Buch, in dem stand, dass praktisch _alles_ voller Kakerlaken ist. Die habe ich nun wirklich nicht gesehen, aber ich habe mich auch echt zusammengerissen, nirgendwo unter die Matratze zu schauen. Was mich viel mehr stört, dass das Hostel religionsmäßig so gut gelegen ist, dass so ziemlich alle Gäste dort „auf der Suche“ nach irgendwas sind und ständig reden wollen. „Wo kommt ihr gerade her?“ „Aus Tel-Aviv.“ „Wow, Wahnsinn. Ja, Tel-Aviv ist krass. Ja. Wahnsinn. Voll.“ Ich habe nichts gegen diese Selbsterkenntnishippies, aber ich will meine Nudeln manchmal einfach nur kochen, ohne nebenbei darüber zu reden, wie „krass“ das alles ist, und wie einen das „voll überwältigt“ und so. Manchmal will ich einfach nur Nudeln. Den Rest mache ich mit mir selbst aus.
Ansonsten eigentlich dasselbe Spiel wie in Tel-Aviv. Essen teuer, Getränke teuer, aber irgendwann siegt der Hunger und dann kauft man halt für 10 Euro Brot und Hummus und eine Dose Cola und fragt sich, wie man hier normalerweise überleben kann. Ach ja, mit Nudeln. Die sind billig. Gibt allerdings keine Soßen. Nur Tomatenmark. Kleiner Tipp: 500 Gramm Tomatenmark mit Wasser kann man essen, macht man aber nur einmal.


Nicht im Bild: Sonnenbrand im November und knietief im Dispo.

Was fehlt:

  • Das ‚Was fehlt‘. Kommt beim nächsten Rückblick morgen.
In Kategorie: a week in pictures

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