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A Week in Pictures 37/2017

Es ist wieder so weit. Leipzig ist sooo cool. Wobei mir eigentlich gar nicht mehr dieser Coolness-Tenor aufstößt (tut er natürlich, aber da ist einfach nichts mehr, was noch hoch kommen könnte), sondern vielmehr, dass da mal wieder nur Wachstum, Wachstum und nochmal Wachstum abgefeiert wird. Noch dazu von irgendeinem bankfinanzierten liberalen Think Tank. Und die Leute in den Kommentaren nichts Besseres zu tun haben, als a) ihren Kleinkrieg gegen Dresden oder b) ihre AfD-Jaja-Leipzig-ist-aber-auch-Platz-2-der-Kriminialitätsstatistik abfahren.
Trotzdem: So stelle ich mir Nachrichtensendungen der DDR vor. „Und auch in diesem Quartal hat die Leipziger Wirtschaft wieder über den Plan hinaus gearbeitet. Zwar fehlen weiterhin zigtausende Sozialwohnungen, jede Brache wird mit hässlichen Eigentumswohnungen zugepflastert, die sich 90 % der Bewonner*innen der Stadt nicht leisten können, die Subkultur wird weiterhin mit Füßen getreten, aber nach außen hin fröhlich vor dem PR-Karren gespannt, linke Projekte werden zu Zentren des internationalen Terrors stilisiert, während die Nazis wieder Aufwind bekommen und niemand weiß so richtig, was man mit den Flüchtlingen jetzt anfangen soll, aber Wachstum, ich wiederhole Wachstum und Wachstum! Leipzig ist sooo cool.“ Pfui.


Oben: Muss ja. Wird auch.
Unten: Weiß ich jetzt noch nicht so recht, ob das muss, die siebte Staffel American Horror Story. War mir jetzt in der ersten Folge noch alles ein bisschen zu wirr. Und ich bin nie so der große Freund von populären Anspielungen wie jetzt mit dieser Trump-Sache. Aber vielleicht trifft ja auch genau das einen Nerv. Ich hoffe einfach, es wird mal wieder so richtig weird, ohne platt zu sein. Wie bei Staffel 3 (mit der Hexenschule) oder Staffel 5 (mit dem Hotel), wobei ich Staffel 5, glaube ich, damals gar nicht so toll fand. Staffel 2 (mit der Psychiatrie) mochte ich, bis es dann plötzlich um Außerirdische ging. Staffel 6 fand ich grauenvoll, habe ich nicht einmal bis zur Hälfte gucken können. Mal schauen, mal schauen. Auch die erste Folge der neuen Staffel South Park war eher so meh. Narcos Staffel 3 hingegen: Wow! Viiiel besser als Staffel 2, quasi genau so gut wie Staffel 1. Ich bin begeistert. Scheint ja auch ein gefährlicher Dreh zu sein, wenn da schon der zweite Location Scout erschossen wird. Und Rick & Morty natürlich. Beste Staffel ever.


Hach, der einzige Ort in Leipzig, wo ganz selbstverständlich und quasi immer, wenn man da ist, Against Me! läuft.
Nicht im Bild: Menschen, die inconsiderate sind. Ich weiß, auf deutsch heißt es rücksichtslos, aber irgendwie trifft es das nicht so ganz. Rücksichtslos klingt für mich immer nach Zerstörung, aber das meine ich gar nicht. Ich meine Leute, die vom Fußweg auf den Fahrradweg rennen, ohne sich vielleicht mal umzudrehen. Leute, die einfach so mitten in einer sich bewegenden Menschenmasse stehen bleiben und sich dann beschweren, wenn sie über den Haufen gerannt werden. Leute, die Abmachungen einfach unkommentiert nicht einhalten , weil sich für sie etwas Besseres ergeben hat. So rücksichtslos im Sinne von egozentrisch und das durchaus im negativen Sinn des Wortes. Man könnte auch Arschlöcher sagen und das wäre durchaus treffend, aber halt nicht sehr taktvoll.
Auch nicht im Bild: Wie dann am Mittwochabend tatsächlich zum allerersten Mal die Champions-League-Hymne in Leipzig lief und es schon so ä bissl Gänsehaut war.
Ebenso wenig im Bild: Wie jetzt plötzlich alle Werbung für die Bundestagswahl machen. Ist das noch Punkrock? Seit wann ist es denn cool, zu wählen? Ja ja ja, natürlich sollen alle wählen und ich hab auch schon längst, aber diese Aufladung stößt mir irgendwie auf. Mein Tipp: CDU: 38 %, SPD 18 %, AfD 12 %, Linke 10 %, FDP 10 %, Grüne 8 %, Sonstige 4 %. Ja, mir ist bewusst, dass DIE PARTEI bei mir nicht drin ist. Würde mich aber auch echt wundern. Obwohl ich es gut fände. Ich höre Sie fragen: So wenig SPD? Unsere rote Macht, die Faust des Unternehmers Arbeiters? Ja, alles über 20 % wäre ungerecht. Und das will die SPD ja nicht (mehr), sagt sie zumindest. Die AfD hat mit 12 % mehr als zu viel, spiegelt aber wahrscheinlich einfach genau das wieder, was in Deutschland eben lange keine eigene Partei hatte: Einen zutiefst antisozialen, rechten Mittelstand, der sich nirgendwo repräsentiert sieht und genau das zu seinem Programm macht. FDP 10 %? Ja, weil alle absurderweise ja plötzlich Christian Lindner cool finden. Aber dazu gleich mehr. Grüne nur 8 %? Ja, aber fragen wir doch mal andersrum: 8 % wofür überhaupt? Und wieso die CDU so viel? Tja, das frage ich mich, seit ich wählen darf.


Und dann war es soweit: Zum ersten Mal Lesebühne im neuen Saal. Alle erstaunlich entspannt, die Zuschauer*innen erstaunlich zahlreich und meine Texte doch erstaunlich okay. Ich gehe ja eigentlich immer davon aus, dass es absoluter Schrott ist, den ich da geschrieben habe, was einerseits so ein heimlicher Selbstschutzmechanismus und andererseits halt hin und wieder aber auch die Wahrheit. Aber so ist das. Umso besser fühlt es sich immer an, wenn es nicht so ist oder man zumindest merkt, dass man daraus noch etwas machen kann. Ansonsten alles super. Fast. Denn ich habe vergessen, dass es im Backstage des neuen Saals eine Mikrowelle gibt und wollte mir eigentlich direkt irgendein ekliges Mikrowellenessen mitbringen, dass ich dann dort feierlich hätte verzehren können. Aber: vergessen. Nächstes Mal dann. Vergessen habe ich zum Beispiel auch das Gästebuch, aber da der Laden so ultrazentral ist, kommt man halt auch ruckizucki nochmal schnell nach Hause, um das gute Stück zu holen. Außerdem ist so ein Straßenbahnticket auch nur eine dornige Chance, mal wieder viel zu viel Geld für etwas auszugeben, das es eigentlich günstiger geben sollte. Und da ich keinen Kaffee trinke und mich deshalb auch nicht über Starbucks aufregen kann, passte das also ganz gut.
Nicht im Bild: Das Video, in dem der 18-jährige Christian Lindner der Welt mal erklärt, wie man erfolgreich ist. „Ran an die Arbeit! Arbeit bewältigen! Probleme sind nur dornige Chancen!“ Was für ein ekelhafter Typ. Doch, natürlich darf ich das sagen. Auch dann, wenn er zum Zeitpunkt des Drehs erst zarte 18 Jahre alt war. Wenn er sich damit öffentlich präsentiert, darf ich es auch kritisieren und sagen, dass ich seine Art ekelhaft finde. Fast noch schlimmer ist sogar, dass sich daran bis heute nicht viel geändert hat. Ein Mann, der ganz sicher nicht der dümmste ist, aber eindeutig sehr unsympathisch, weil viel zu sehr von sich und seiner Weltsicht überzeugt. Und nein, der 18-jährige Christian Lindner war nicht cool, weil der ja schon voll business gemacht und angepackt hat. Was ist das denn für eine Aussage? Ganz im Gegenteil: Ich finde ihn unendlich gruselig, weil ich solch ein Verhalten nicht von einem 18-jährigen sehen will. Der hatte gerade mal vor vier Jahren Jugendweihe und kann es jetzt kaum abwarten, den Rest seines Lebens lang zu arbeiten? Was ist das für ein weirder Typ? Als ich damals mit 19 anfing zu studieren, da fiel mir nach einem Semester auf, dass ich, wenn ich das jetzt straight durchzöge, plötzlich mit 23 meinen Magister gehabt hätte. Und dann? 44 Jahre lang arbeiten, oder was? Das Ganze hat mich so fertig gemacht, dass ich erstmal mein Studium abbrechen musste, um auch ja ein bisschen Zeit zu verschwenden. Hat’s mir geschadet? Ja, irgendwie schon. Aber Probleme sind nur dornige Chancen! Und wie es dann später in der Diskussion rund um das Video hieß: Woah, der war einfach so weit in seiner Business-Entwicklung, dass dem sogar gestandene Business-Erwachsene mit ihrem Business getraut haben. Business. Business. Business. Dumme Businesserwachsene, möchte ich hinzufügen. Haben Sie mal mit 18-jährigen geredet? Die sind im Kopf nicht 18. Die sind an der einen Stelle im Kopf 8 und an der anderen Stelle 10, was zusammen 18 ergibt, mehr nicht. Und denen haben die Business-Erwachsenen ihr voll wichtiges Business-Geld gegeben? LOL! Und ich will gar nicht lästern, ich sage das vollkommen aus eigener Erfahrung. Was für ein Depp ich mit 18 war. Ich dachte auch, ich wüsste alles, hätte alles raus und würde in den nächsten ein bis zwei Jahren definitiv die Welt verändern, ohne dass ich gewusst hätte, wie oder womit. Und es war gut, dass ich damit öfter mal auf die Fresse geflogen bin, weil ich so erstmal lernte, wer ich wirklich bin (Das Ergebnis war jetzt zwar auch nur so halb cool, aber was soll ich machen?!). Außerdem würde ich sonst jetzt vermutlich auch einen Anzug tragen und Selfievideos vom Rücksitz eines gemieteten Mercedes machen. Ich bin nur froh, dass es von mir keine Videos gibt. Natürlich darf ich mich also über Christian Lindner lustig machen. Erstens, weil ich solche Businessheinis einfach schrecklich finde und zweitens, weil ich denke, dass 18-jährige niemals so geil auf Arbeit und Karriere sein sollten. Denn das versaut definitiv den Charakter. Was Christian Lindner übrigens bis heute gut illustriert.
Auch nicht im Bild: Das heimliche Highlight des Abends – Zwei Jungs an der Haltstelle. Junge 1: Alter lauf! Da steht unsere Bahn! Junge 2: Alter, ich kann nicht so schnell rennen, das trainiert sonst die Beine!


Weil mein Unterbewusstsein aber anscheinend wirklich bei der FDP ist (ich schäme mich so), war ich dann am Samstag um 8 Uhr bereits wach. Das ist dann also dieses Rockstarleben. Und wenn man so früh wach ist, dann kann man auch mal zur Spinnerei fahren, weil Kunst ist ja immer okay und irgendwie war ich ja schon beim Frühlingsrundgang nicht, was aber auch nur daran lag, dass irgendwie im Januar oder Februar schon mal einer war, ich steige da sowieso schon lange nicht mehr durch.
Naja, Spinnerei also. Leider diesmal nur so mittel. Diese Fotoausstellung war ganz nett, ansonsten aber alles eher mau. Zumindest ich habe nichts gesehen, dass ich so richtig gut fand, wie es normalerweise eigentlich immer irgendwo der Fall war. Vielleicht war es auch ganz okay und nur meine Laune davon überschattet, dass ich beim kurzen Ausruhen meine Cola umgetreten habe. Viel interessanter fand ich es sowieso, die Leute anzugucken, die zum Rundgang gehen. Da gibt es diese „Schaut mich an, ich bin so freaky, wenn ihr mich seht, dann müsst ihr euch unweigerlich fragen, ob ich auch Künstler bin“-Gruppe, deren Mitglieder dann gern mal pinke Hosen mit Kuhfleckenmuster nebst einer Signalweste tragen, sodass sie aussehen, als wären sie gerade aus dem Tresor im Jahr 1998 gestolpert. Ihr Antrieb im Leben: „Zufällig“ aufzufallen, obwohl sie ja eigentlich überhaupt nicht auffallen wollen. Dann gibt es diese Althipster, die mit hochkrempelten Hosen, Trenchcoat, Zylinder und Hosenträgern auf einem Hollandrad angefahren kommen, dieses mit einem Seil anbinden und sich dann erstmal eine Pfeife stopfen müssen. Keine Ahnung, was solche Leute machen. Ich glaube, es sind entweder Galeristen (und die drehen im Licht ihrer Künstler*innen ja gerne mal so richtig frei, obwohl sie eigentlich gar nichts machen) oder sie haben gerade ihr Soziologiestudium abgebrochen und sind jetzt auf der Suche nach einer Kunstmutti, die sie mit nach Hause nimmt und außerdem ihren cold brew-Kaffee bezahlt. Ihr Antrieb: Geld. Kategorie 3: Die Kunstmutti. Spricht eigentlich für sich selbst. Muttis (nicht zwangsläufig auch Mütter), die im Kleiderschrank mal richtig fieberhaft gekramt haben, um wirklich artsy auszusehen und dann bemerkten, dass sie gar nicht wissen, was artsy eigentlich ist. Ihr Antrieb: Die Angst vor dem Tod. Kategorie 4: Die Kunststudent*innen. Haben meist einen Block mit Skizzen dabei, falls sich heute ihr spontaner Durchbruch ankündigen sollte oder tragen wenigstens eine Wollmütze. Ihr Antrieb im Leben: Rotwein und die Hoffnung auf den ganz großen Durchbruch. Kategorie 5: Die Hipster. Praktisch wie die Kunststudent*innen, obwohl ihre einzige Aufgabe daraus besteht, Fotos von den Kunststudent*innen zu machen, die sich dadurch wiederum bestätigt fühlen (ein Kreislauf den Schreckens). Ihr Antrieb: Das weiß niemand.
À propos Verrückte: Die Verrückten von LEGIDA probieren es wieder. Kommenden Donnerstag, am 21. Donnerstag. Also auf zur Gegendemo. Weil politisches Engagement nicht beim Setzen eines Kreuzes endet.


Und dann doch noch in Stadion. Gebrauchtes Spiel. Ich weiß nicht mehr, wo ich die Überschrift eines Berichts danach gelesen habe, aber sie trifft es: Gladbach gewinnt einen Punkt. Großartige erste Hälfte, dafür eine bescheidene zweite. Das 2:2 geht in Ordnung. Hoffen wir, dass Keita nicht allzu lang gesperrt bleibt, denn Absicht war der Tritt ins Gesicht ganz sicher nicht. Aber es sah schon böse aus. Dennoch sind 7 Punkte nach 4 Bundesligaspieltagen, Länderspiel und Champions League völlig in Ordnung. Augustin wird immer großartiger, Upcamecano macht mittlerweile fehlerfreie Spiele. Wenn sie das Niveau halten können, dann mache ich mir überhaupt keine Sorgen. Meister zu werden ist eh überbewertet.


Angeberhimmel nach dem gescheiterten Versuch, Pilze zu finden. Wobei ich feststellen durfte, dass ich außerordentlich gut darin bin, ungenießbare Pilze zu finden. Meine Pilzpfanne könnte man also genau ein Mal essen, was sie zu etwas ganz Besonderem macht. Aber: Pilzesuchen ist eine erstaunlich gute Beschäftigung, um nachdenken zu können. Und man muss ständig nachdenken.
Nicht im Bild: Ich würde so gern mal wieder Der Teufel mit den 3 goldenen Haaren gucken. Aber die Version aus den 70ern. Man hat einfach keine Chance mehr, wenn man kein DVD-Laufwerk besitzt.

Was fehlt:

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