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A Week in Pictures 37/2016

Fränkisch macht mich aggressiv. Es tut mir leid, das so sagen zu müssen, aber es stimmt. Kein Wunder, dass die Bahn direkt reagiert hat und in naher Zukunft ihr Zugpersonal mit Pfefferspray und Kampfsportlektionen ausstatten will. So böse, wie ich immer gucke. Ich mag die Zugstrecke Richtung München aus mehreren Gründen nicht. Erstens, weil man dabei durch Thüringen und von Saalfeld bis Nürnberg durch ein Tal der absoluten Empfangslosigkeit fährt (die Älteren werden es noch als jenen Streckenteil kennen, in dem es mal Neigetechnik gab) und zweitens, weil man andauernd von irgendwelchen Franken wachgefränkelt wird, weil sie sich natürlich immer neben eine/n setzen und man dann beim nächsten Halt so tun muss, als wolle man aussteigen, aber eigentlich geht man nur einen Wagen weiter und sucht sich dort einen ruhigen Platz, bis der/die nächste Frank/in ankommt. Jetzt, so kurz vorm Oktoberfest, saßen sogar schon die ersten Männer mit Lederhosen im Zug und öffneten sich um 10 Uhr das erste Augustiner. Ich trank zwar auch aus einer Bierflasche, aber immerhin nur Spezi, was einen älteren Herren, der mich irgendwann mutig fragte, ob ich nicht noch ein Bier übrig hätte, nachdrücklich verwirrte („In Bierflaschen? Barbarisch!“, sagte er. Hihi).
So oder so ist der Zustand, in dem ich mich gerade am meisten befinde, vermutlich mit „ohnmächtig“ zu beschreiben. Wobei ich damit nicht meine, dass ich die ganze Zeit besinnungslos auf der Straße herumliege, sondern die vergeistigtere Variante des Wortes. So, wenn man zufällig daneben steht, während gerade eine Flutwelle ein ganzes Küstendorf wegreißt und nichts dagegen tun kann, weil Stillhalten noch am sichersten ist. So ein bisschen romantisch weil herrlich tragikomisch, aber im Endeffekt doch eher tragisch, weil mehr bitter denn komisch. Das mag einerseits am beginnenden Herbst liegen (Ich hasse Herbst! Das heißt, eigentlich mag ich ihn, Gilmore Girls, Indian Summer und so, aber ich hasse Nass- und Krankwerden, und das passiert eigentlich immer im Herbst), andererseits an dem üblichen Problem, dass ich mittlerweile das Gefühl habe, beim großen „Wir werden normal“-Spiel den Anfang verpasst zu haben (was jetzt nicht heißen soll, dass vorher alle so crazy waren, aber Sie wissen schon) und es jetzt auch irgendwie keinen Sinn mehr macht, da noch einzusteigen. Noch dazu, weil ich das Spiel sowieso nicht so geil finde (Woah, Antreh, du alter outlaw!). Letztens fragte mich ein netter Mann von der Zeitung, ob ich denke, dass mein Leben meinem Alter entspräche. Joa, hab ich gesagt, ich esse viel zu ungesund und werde deswegen in zehn Jahren vermutlich einfach auseinander fallen, ich kenne mich viel zu gut mit Trickfilmintros aus, interessiere mich viel zu sehr für Jugendsprache, lese andererseits aber auch furchtbar gern Thomas Mann und überhaupt ist das alles unendlich privilegiert und so, aber ja, das heißt natürlich eigentlich nein, eben weil sich ja gerade alle in vollkommen andere Realitäten zurückziehen und ich hier einfach bis mittags ungeduscht sitzen bleibe und zum Frühstück Gummischlümpfe esse (Ach Gottchen, Antreh, der kleine Veränderungsskeptiker! Typisch Einzelkind, erstmal alles auf sich beziehen! Was wurde eigentlich aus „Wird schon. Wurde immer.“?).
Und dann sitzt man plötzlich wieder irgendwo (wenn man überhaupt noch irgendwo sitzt), alle trinken Wein (wann hat das eigentlich angefangen?) und es fallen Sätze wie: „Einen Smoking kann man ruhig im Schrank hängen haben.“ Und dann lache ich, weil ich habe nicht mal einen Schrank, niemand lacht mit und ich denke ein bisschen ans Sterben. Und dann redet man plötzlich übers Wetter, weil Wetter geht ja immer oder eben über Fußball und man denkt sich: Huih, da gab’s auch mal mehr Themen.
Tut mir leid, dass ich gerade etwas wehmütig bin. Aber ich habe eben dieses „Lied“ über meine Heimatstadt gehört und möchte jetzt nur noch, dass möglichst schnell die Welt untergeht. Die Apokalyptischen Reiter sind ja schon da. Und sie machen „Musik“.

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Weil ich normalerweise zu 95% aus Sarkasmus bestehe, weiß ich mittlerweile selbst schon nicht mehr, ob ich jetzt ironisch oder doch ernsthaft immer dann, wenn ich in München bin, ins Hofbräuhaus gehe und dort Krustenschweinebraten esse. (Random-AfD-Moment: Die Schweine (hihi) haben die Preise erhöht!) Ist wahrscheinlich so eine Mischung aus Herr-Lehmann-Fanboyism und genereller weirdness. Ich weiß, die großen München-Auskenner*innen wedeln jetzt schon mit den brennenden Mistgabeln, weil „Hofbräuhaus ist ja nur für Touris“, weil „es gibt soooo viele bessere Ecken, um etwas zu essen“ und weil „mimimimi“. Lasst mich halt. Ich werfe euch auch nicht vor, dass ihr bei Desigual einkauft (und es dann auch noch DEEEH-SIIIEEH-GUUUUH-AAAAL aussprecht), nur weil ihr nach dem Abi mal drei Tage in Barcelona wart und „diese Lebensfreude dort“ euer Weltbild „so komplett durchgeschüttelt“ hat, obwohl ihr damit doch nur ausseht, als hättet ihr euch auf einem schlechten action painting gewälzt. Grr! Ich finde das dort so trashig, dass es schon wieder lustig ist. Ich mag es halt, komplett in schwarz gekleidet vor der Trachten tragenden Blaskapelle zu sitzen, während die Kellner mich komisch mustern, weil ich nicht in ihre binär kodierte Welt aus „begeisterte Japaner mit Maßkrug“ oder „begeisterte Amerikaner mit Schweinshaxe“ passe. So in etwa muss sich auch Fenriz, der gute alte Darkthrone-Schlagzeuger (falls Sie nicht wissen, was Darkthrone ist, klicken Sie hier) gefühlt haben, als er tatsächlich in den Stadtrat seiner Heimatstadt gewählt wurde, obwohl er auf dem Wahlplakat mit seiner Katze und dem Untertitel „Bitte wählt mich nicht!“ abgebildet war. Ja, genau der Typ aus Until the Light takes us ist das. Das Ganze ist so abwegig, dass es schon wieder lustig ist. Und sich für sauberes Trinkwasser und mehr Kunstunterricht in Schulen einsetzen, das ist doch wirklich nicht verkehrt. Ich denke ja auch öfter darüber nach, ob ich nach meiner „Karriere“ als Schriftsteller und der darauf folgenden „Karriere“ als Profi-Bowler noch einmal in die Politik gehen sollte. Denn wie schon Louis CK sagte, wenn andere Idioten das hinbekommen, warum sollte ich das nicht auch hinbekommen? Aber das wäre alles viel zu anstrengend. Außerdem muss man als Politiker*in ständig zu irgendwelchen Empfängen, Diners und dort dann so tun, als ob man wirklich gern da ist oder sich für Menschen interessiert. Dann doch lieber zu Hause bleiben und Videos über kinetischen Sand gucken.

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Teil 2 des „must do when in München“: Pinakothek der Moderne.
Was meinen Kunstgeschmack angeht, bin ich in etwa so kaputt wie Britney Spears in ihrer „Haare ab“-Phase. Soll heißen, ich habe ja bspw. auch 50 Shades of Grey gelesen, was insofern interessant ist, dass gerade der Trailer für den zweiten Teil erschienen ist, der mich wieder daran erinnerte, wie grauenhaft schlecht diese Bücher waren. Andererseits renne ich dann aber wiederum in jedes Museum für moderne Kunst in meiner Nähe, um ein paar Stunden lang der Vorstellung nachzuhängen, wie cool es eigentlich wäre, so eine zerstörte Malerexistenz zu leben. Auch dann, wenn man als Musiker*in im richtigen Moment mitten ins Herz treffen kann (Beispiel: James Spiteri – A New Beginning (insbesondere ab 00:56)) und gute Bücher für immer im Kopf bleiben (Beispiel: Michel Houellebecq: Karte und Gebiet – »Er hat eine sehr seltene Krankheit – eine Demeleumaiose oder wie immer das heißt. Er leidet überhaupt nicht, sondern ist nur ständig erschöpft und schläft alle paar Minuten ein, selbst beim Essen. Wenn er spazieren geht, setzt er sich nach wenigen Metern auf eine Bank und nickt ein. Er schläft jeden Tag ein bisschen mehr, und irgendwann wacht er dann gar nicht mehr auf. Es gibt Menschen, die haben bis zum letzten Moment Glück.«). Vielleicht muss man deshalb eigentlich nur noch Filme machen (ich sage nur Mr Robot! Oder Vinyl!). Immerhin kann man da alles irgenwie miteinander verbinden. Falls ich mal eine leidliche Idee für einen Film haben sollte, dann muss in irgendeiner Szene auf jeden Fall Carissa’s Wierd laufen. Wie konnten die eigentlich an mir vorbeigehen? Und jetzt gibt es sie schon gar nicht mehr, eine Schande. Aber Pinakothek der Moderne: Baselitz und Twombly, ein bisschen Picasso und der Mandrill von Marc. Und endlich mal wieder Jochen Klein, dessen tolle Bilder ich völlig zu Unrecht fast schon vergessen hatte. Default-Neo-Rauch-Zitat an dieser Stelle: „Als Maler ist man ein Mensch mit einer besonders feinen Witterung für das Nachzittern oder das Vorzittern von unguten Ereignissen.“ Hach, mein Herz.
Unten: Leider muss man dann meist auch noch ein bisschen arbeiten, auch wenn es im Falle des Bühnensports mit Constanze Lindner sogar wirklich schön war. Denkt man immer gar nicht, also vielmehr ich. Ich sage Bescheid, sobald die Sendung erscheint. Highlight des Tages war dann aber trotzdem mein Hotel, das so edel war, dass einem das Zimmer von einem eigens herbeigerufenen Pagen gezeigt wird. Und so kam dann also „Herr Mario“ und zeigte mir ganz demütig mein Zimmer, während ich überlegte, ob ich ihm jetzt Geld geben solle oder ob es das eigentlich nur in Filmen gäbe. Aber dann war „Herr Mario“ auch schon weg.

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Oben: Ich mache interior design und verschönere meine Küche, denn es kann ja nicht sein, dass die Leute von gegenüber immer nur sehen, wie ich nachts geistesabwesend noch schnell eine Schale Cornflakes oder eine halbe Packung Leberkäse hinunterwürge, weil ich wieder einmal vergessen habe, etwas zu essen. Nein, dachte ich, da sollen sie jetzt auch mal ein bisschen Kunst sehen, außerdem nehme ich ja manchmal aus den Souvenirläden in den Galerien eine Postkarte mit. Wobei ich dann feststellen musste, dass ich das anscheinend wirklich selten mache, denn sonst müsste die Wand eigentlich längst voll sein, aber was soll’s, denn immerhin bin ich Minimalist und darf nicht so viel Zeug besitzen, selbst wenn es nur Papier ist. Die Uhr ist mir übrigens runtergefallen und jetzt kaputt. Gibt’s hier jemanden, der/die so etwas reparieren kann? Ich vermisse das Ticken. Ich zahle mit Liebe und Geld.
Unten: Das neue Buch von Christian Kracht lesen und für gut befinden. Die erste Hälfte ist großartig, dann, wenn es um das exzessive Leben in Berlin kurz vor dem zweiten Weltkrieg geht, wird es irgendeine Zeit lang sehr langatmig, nur um dann im letzten Viertel noch einmal richtig gut zu werden. Trotzdem, mein Favorit bleibt 1979, aber das soll Sie nicht davon abhalten, das neue Buch trotzdem zu lesen. Falls Sie eine qualifizierte Rezension suchen, Sebastian Lehmann hat eine geschrieben.
Nächster Halt: Céline: Reise ans Ende der Nacht. Sagt einem ja irgendwie jede*r Franzos*in, das man das unbedingt mal gelesen haben muss. Normalerweise bin ich bei so extremen Empfehlungen immer etwas vorsichtig, obwohl ich selbst eigentlich ausschließlich extrem empfehle, aber hey, bei Wer die Nachtigall stört hat es so sehr gestimmt, dass ich mich am Ende einerseits geärgert habe, dass das schöne Buch jetzt vorbei ist und andererseits ich es erst so spät gelesen habe.

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Oben: Endlich wieder Lesebühne! Diesmal spontan im Oberkeller der Moritzbastei, den, wenn ich das richtig verstanden habe, Angela Merkel damals noch eigenhändig ausgehoben hat, nur damit wir Doofies heute da drin stehen und uns über die CDU lustig machen können. Danke Merkel! Ach, und wie schön das war. Und wie das gefehlt hat. Ich dachte ja, ich hätte mal wieder ausschließlich Blödsinn geschrieben, und ja, hatte ich auch, aber niemand hat’s gemerkt. Zwar beginnt jetzt wieder der monatliche „Oh! Emm! Dschie! Ich muss noch etwas schreiben“-struggle, aber irgendwie hat es in den letzten acht Jahren ja auch immer geklappt. Ganz genau, wir befinden uns jetzt in der neunten (!) Saison und das heißt eigentlich nur, dass wir verdammt alt sind. Aber solange noch Leute kommen, und die kommen aus mir unergründlichen Gründen ja zuhauf, machen wir einfach weiter und fragen nicht nach. Meine extra (und sehr spontan) zusammengewürfelte Lesebühnenplaylist gibt es sogar bei Spotify, auch wenn sie natürlich fast nur aus Against Me!, Alkaline Trio und Biffy Clyro besteht. Krasser Typ.
Unten: Afterwork-Getränk mit Blick auf die Club-Mate-Crew mit Stein im Ohr, Scheitel und gestärktem Hemd. Und dann essen die nichtmal ihre Pommes auf, pfui!

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Oben: Ich brauche neue Freunde, Teil 64: „Ja ja, wir kommen pünktlich, halt mal was frei.“ Ich war so verzweifelt, ich habe sogar schon ein Interview mit der Juso-Chefin gelesen, die ernsthaft daran glaubt, dass die SPD morgen gegen CETA stimmt und Gabriel danach endlich in den dunklen Gefilden irgendeiner McDonalds-Filiale verschwindet. Ist schön, wenn man noch Ideale hat. Aber hören Sie nicht auf mich, ich bin nur ein frustrierter Jungantideutscher, dem man endlich das Internet wegnehmen sollte.
Außerdem: Ach ja, Fußball. Na wer hätte das gedacht. 0:4 beim Bundesligadinosaurier gewinnen, den ich ja eigentlich schon gern letzte Saison in der Relegation in Liga 2 verbannt hätte (natürlich per RB-Sieg), damit höchster Auswärtssieg seit ewig und überhaupt, krass. Timo Werner ist einfach ein Gott und Burke hat noch nicht einmal mitgespielt. Ich gehe jetzt nicht so weit und sage, dass RB am Ende der Saison in der Europa League spielt (Wen interessiert denn diese blöde Europa League?), nein, ich sage einfach direkt Champions League! Nein, natürlich nicht. Aber wenn sie so weiterspielen, dann ist das in der kommenden Saison vielleicht durchaus schon drin. Bisschen die Großen ärgern, das fetzt doch schon. Außerdem mag ich es, wenn mich im Anschluss an RB-Siege immer die ganzen frustrierten Traditionsfans auf Twitter entfolgen.

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Jetzt aber! Ich muss da noch etwas fertig machen. Aber es ist sehr anstrengend. Quasi wie diese Spacken in Bautzen, die sich ja bloß gegen die militanten Flüchtlinge verteidigen wollten, weil sie natürlich keine Nazis sind, sondern eigentlich nur das Volk. Wie mich so etwas aufregt. Und selbst die ach so kritischen Medien tuten neuerdings immer öfter ins Besorgte-Bürger-Horn. Hoffen wir mal nicht, dass NOLEGIDA zu früh aufgehört hat. Jetzt, wo irgendjemand das Auto der AfD-Oberverrückten abgebrannt hat, könnte ich mir da durchaus nochmal Zulauf vorstellen. Wie sagt man im PoWi-Studium: Notwendig, aber nicht hinreichend. Es geht alles den Bach herunter. Jimmy Fallon lädt sich allen Ernstes Donald Fucking Trump in seine Show ein und dann fällt ihm nichts anderes ein, als ihn darum zu bitten, ihm mal durch die Haare wuscheln zu dürfen. Arm, ganz arm. Passend dazu: Das gute alte Video aus Luxemburg, das zeigt, wie man durchaus öfter mit Nazis umgehen dürfte. Aber wir sind ja in Sachsen.
Letztens schrieb uns jemand bei Comedy mit Karsten, ob das jetzt normal sei, dass wir uns andauernd über Rechte lustig machen, weil das ginge ihm/ihr ja ziemlich auf die Nerven, dass wir nur noch Propaganda machen würden, denn eigentlich würde er/sie sich ja weder von links noch rechts sagen lassen, was er/sie zu denken habe. Tja, Pech gehabt, musst du halt etwas Anderes gucken. Und hier, kannste mal lesen, die Dialektik der Ordnung von Zygmunt Baumann, und jetzt gute Reise.

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Selbstvergewisserungsselfie mit Makeup in München und Antifa-Sportgruppen-Outfitcheck mit Alf zu Hause. Für letzteres wird man in München übrigens seeeeehr komisch angeguckt. Für das Selfie eigentlich nur dann, wenn man nicht mitbekommt, dass man gerade in einem Gang voller Spiegel steht und einem praktisch vier Millionen Menschen dabei zusehen, wie man möglichst casuel in die Kamera gucken will.

Was fehlt:

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