37/2011

19. September 2011, a week in pictures

 

Sollten Sie gerade aus dem einfachen Grund, dass sie Vollzeit in einem Büro arbeiten, in einem Büro sitzen, dann schauen Sie sich dieses Bild genau an. Ich habe es an einem Wochentag um genau 12:11 Uhr aufgenommen, das heißt zu einem Zeitpunkt, an dem Sie so schnell niemals an solch einem See stehen werden, es sei denn ein reicher Mann kauft das Grundstück ihres Bürokomplexes und lässt genau solch einen See vor ihrem Fenster ausschachten, nur um sie zu ärgern. Sehen Sie den Schwan dort? Den werden Sie demnach auch so schnell nicht in natura erleben. Ebensowenig wie die kleine Insel dort und die Mücke, die mir beim Festhalten dieses glorreichen Moments hinter das Ohr stach und mich für die nächsten zwei Tage mit einem einseitigen Segelohr segnete. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Machen Sie das Beste daraus.

Wieder einmal bin ich einem Anschlag auf mein Leben gerade so entkommen. Wieder einmal nur durch beherztes Kopfabbeißen meines Gegners. Ja, ich habe ihn anschließend auch gänzlich aufgegessen, aber das ist nicht unüblich in meiner Familie. Eigentlich ernähren wir uns ausschließlich von Feinden. Aber das war nicht immer so. Früher mussten wir uns noch damit durchschlagen, mitten in der Nacht zu schuften und die Zähne unserer an die Zahnfee verhökern. Bis dann mal zufällig so ein Feind auf den Grill fiel und es eigentlich ganz appetitlich roch. Lange Geschichte. Ich habe jedenfalls beschlossen, diese Familientradition fortzuführen. Und ich bin zuversichtlich, dass mir das Essen so schnell nicht ausgehen wird. Im Gegenteil, es melden sich ja immer mehr Leute bei diesen Castingshows.

Ein weiterer Schritt auf der Karriereleiter ist also geschafft. Ganzseitig im Wochenendmagazin der Sächsischen Zeitung erscheinen, nebst einem Bild, das zeigt, wie ich mir beim Vorlesen den Kopf kratze. Nunja, zum Skandal reicht das sicher noch nicht, aber vielleicht folgen ja noch die upskirt-Bilder von letzter Woche, als ich gemeinsam mit Paris und Lindsay wieder die Clubs der umliegenden Dörfer unsicher machte. Aber das macht nichts. Wer also glaubt, so eine Zeitungserwähnung bringe einem Weltruhm, dutzende Verlagsanfragen und haufenweise weibliche Unterwäsche ein, der hat recht. Besonders stolz bin ich darauf, endlich im Besitz eines Privathubschraubers zu sein, dessen Betrieb und Unterhalt ich mir aber nicht leisten kann, weil ich bereits all meine Einkünfte in den Kauf aller deutschen Autobahnen investiert habe, nur um sie in ein paar Wochen während einer riesigen Aktion feierlich zu sprengen.

So sieht es bei der Lesebühne aus. So ähnlich zumindest. Denn natürlich muss man sich vor dem lieben Kurt Mondaugen noch etwa 2000 freie Stühle vorstellen. Nur ganz hinten, am Ende eines schier kilometerlangen Ganges hockt ein gehörloser LKW-Fahrer und spendet unentwegt frenetischen Beifall. Seitlich an den Wänden hängen riesigen Pfannen voll siedenem Öl, die Barfrau sitzt auf einer Harley Davidson und flambiert alle Drinks mit ihrem Atem und den Eingang bewacht ein vierzig Meter großer Marshmallow-Mann, den ich einmal im Monat aus meinem persönlichen Geistercontainer lasse. So in etwa sieht das aus. Abgesehen von den vierzigtausend Barleuten, die vor der Tür dagegen protestieren, nicht bei uns arbeiten zu dürfen und den achtzig Polizisten, die sie deswegen mit ihren neuen Namensschildern bewerfen. Und der Liveübetragung ins rumänische Fernsehen, wo wir mittlerweile eine feste Fanbase unser Eigen nennen können.

'Vergiss Dei Haamit net!', so oder so ähnlich könnte man dieses Bild nennen, wäre es das Cover des neuen Albums einer erzgebirgischen Indie-Pop-Band mit Wurzeln in Leipzig. Aber so bleibt es einfach ein Bild vom lustigen Messehochhaus mit dem sich drehenden Messelogo auf dem Dach. Sollte ich irgendwann einmal genug Geld haben, werde ich dort oben einen riesigen Projektor installieren lassen, mit dem ich nachts lustige Botschaften an den Himmel werfen kann. 'Mädchen, bezahl den Cuba Libre lieber selbst, der will nur mit dir ins Bett!' oder so etwas. Oder einfach nur einen riesigen Brokkoli und meine Kontodaten, sodass mir sofort zahllose Galeristen Geld überweisen, weil sie denken, es sei eine total wichtige Kunst-Performance im Gange.

Mal ein anderes obligatorisches Zugbild. Berlin und so. Es macht richtig viel Spaß, wenn an einem Samstag die S-Bahnen immer nur zwei Stationen weit und völlig unregelmäßig fahren. Aber daran ist man in Berlin wahrscheinlich schon längst gewöhnt. Wahrscheinlich ist das alles seit langem ein soziologisches Experiment, nur hat noch niemand heraus gefunden, dass nicht Autonome, sondern Soziologen es sind, die in der Stadt alle Autos anzünden, um so die Leute zum Bahnfahren zu zwingen. Und wenn dann endlich alle Leute Bahn fahren müssen, lassen sie die Züge ausfallen und schauen, wie sich das auf das kreative Potential in Mitte, Friedrichshain, Kreuz- und Prenzelberg auswirkt. Diese schlauen Füchse.

Ja, hier, Hauptstadt und so. Wissen wir ja schon. Da hätte es nicht noch ein Touristenbild gebraucht, das auch noch mit lächerlicher Amateurperspektive aufwartet.So als ob dort ganz hinten tatsächlich der Sieg warte. Ein Sieg worüber auch immer. Vielleicht über die FDP, die sich am vergangenen Wochenende schonmal vorsorglich aus einem der beiden Parlamente in Berlin katapultierte. Das ist eigentlich nur gerecht. Wer kein Profil hat, sollte auch keine Anerkennung dafür bekommen. Ich weiß, wovon ich spreche und weiß nur zu gut, wie sich die FDP gerade fühlen muss. Mich hat sogar überhaupt niemand gewählt. Was mir aber immerhin den Platz als inoffizieller Wahlsieger Berlins einbringt. Aber Schnickschnack, mein Leipziger Amt füllt mich bereits voll und ganz aus. Einzig schade ist, dass es meine favorisierte Partei, die Regionalbahnpartei RBP mit ihrem vielversprechenden Parteiprogramm 'Kinder, Handies, Hass Hass Hass!' wieder nicht über die 5%-Hürde geschafft hat. Naja.

Und dann traf ich den wahrscheinlich traurigsten Vogel der Welt im Berliner Zoo. Eine Weile musste ich stehen bleiben, weil ich Angst hatte, er könne sich, seiner Existenz endlich müde genug geworden, einfach vornüber ins Wasser kippen lassen. Aber wie eine Figur aus Beckett-Stück hielt er durch, verzweifelt, aber eben auch so hilflos, das ihm augenscheinlich nichts Anderes übrig blieb, als weiter zu machen. Man hatte fast das Gefühl, ihn leise 'cry me a river' summen zu hören. Wie gern hätte ich genau solch einen Vogel gehabt, der mich als audio guide hätte durch den Zoo führen können. Mit traurigen Kommentaren über die Aussichtslosigkeit unserer aller Leben an jedem Gehege. Das im Hintergrund ist übrigens nicht etwa noch ein Vogel, sondern nur der zweite Teil der geschundenen Vogelseele vorn. Denn wie heißt es doch so schön in 'Warten auf Godot': 'Es ist zu viel für einen allein.'

Darauf darf man ruhig neidisch sein. Toller Film über einen tollen Maler, der so herrlich ehrlich über seine Kunst spricht und am Ende auch keine besseren Kategorien als 'es sieht halt gut aus' weiß. Aber auffällig anderes Publikum natürlich, das keine Miene verzeiht, wenn eine Bild eine ihre Beine spreizende Frau zeigt, dafür aber umso herzlicher zu chucklen weiß, wenn Meister Richter nach Eröffnung seiner Ausstellung nur sagt, dass er 'jetzt einfach abhauen' wolle. So ein Publikum, das nach dem Film noch eine Weile suchen muss, ehe es ein Lokal gefunden hat, das Weine aus dem eigenen Jahrgang im Angebot hat. Eines, bei dem ich mit meiner Zigarettenspitze nicht doof angeguckt würde. Oder bekleidet mit nichts als einem Dreispitz in einem violetten Jackett. Nicht, dass ich so etwas tue, aber es hat durchaus seinen Reiz. Sollte ich irgendwann einmal Bilder malen, die rund 400.000 Euro das Stück kosten, werde ich noch einmal über einen Garderobenwechsel nachdenken. Bis dahin bleibe ich einfach 'der wahrscheinlich unterschätzteste Kapuzenpulloverträger der Welt' (Le Monde).

Schön, wenn man sich ewig gegen irgendetwas sträubt, weil man Angst hat, enttäuscht zu werden, dann irgendwann probiert man es trotzdem und es erweist sich ganz bezaubernd. So wie bei mir und Paul Auster. Zwar schreibt er ein bisschen so, wie sich LOST-Gucken anfühlt, das heißt man ist die ganze Zeit über voll dabei, es wird immer komplizierter, dann ist ganz plötzlich Schluss und man bleibt man ein wenig enttäuscht ob der fehlenden Auflösungen zurück, aber es ist nichtsdestotrotz sehr gut. Im Original sogar noch besser.

1 Kommentar

  1. Dillon – Thirteen Thirtyfive at Studio 8

    19. September 2011

    [...] André [...]

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