Kommentare 1

A Week in Pictures 34/2018

Wie sagte Goethe so schön: Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust. Da wäre die des Arbeiterkindes, dass es beim In-den-Urlaub-fahren halb zerreißt, zu wissen, dass es, allein mit einem Handy bewaffnet, kaum möglich sein wird, pünktlich einen neuen Wochenrückblick zu schreiben. Wobei das Arbeiterkind dann immerhin so vorbildlich ist, dann wenigstens während des Urlaubs gleich noch krank zu werden, sodass da in Zukunft noch womöglich noch eine weitere Woche Abstinenz entsteht. Und dann wäre da noch jener andere Teil, der sich partout der Leistungsgesellschaft verweigern will und es gar nicht einsieht, irgendjemandem zu dienen. Nun ja, sagen wir so: Das Arbeiterkind hat gewonnen. Es tut mir leid. Ich werde niemals wieder ohne Laptop verreisen. Dann sollen sie halt alle um mich herum lachen. Ich brauche meine Nachrichten und ich brauche meine Möglichkeit, irgendetwas ins Internet tippen zu können, das über bloße Tweets hinaus geht. Am liebsten hätte ich eigentlich noch die Kamera mitgenommen und irgendetwas zum Thema Chemnitz erzählt, aber vermutlich hätten Sie mich dank der fest verschlossenen Nasennebenhöhlen sowieso nicht verstanden. Nun ja, jetzt geht es also daran, dass Ganze aufzuholen. Ich gebe mir Mühe. Spätestens am Dienstag sollte es dann auch den Wochenrückblick 35, also den aktuellsten geben. Und vielleicht dann auch noch ein Video. Irgendetwas Verrücktes wird schon noch passieren in der Welt. Und irgendwie wird es sicher schon zwischen Hörbuchaufnahme und den Versuch passen, den Schnupfen soweit zu bekämpfen, dass ich beim Vorlesen nicht klinge wie jemand, der sich zwei Korken in die Nase gestopft hat.


Links: Sollte ich irgendwann mal Breaking-Bad-mäßig das ganz große Schwarzgeld machen, dann eröffne ich zur Geldwäsche lauter Copy-Shops und Schreibwarenläden. Es gibt kaum etwas, das mich mehr beruhigt, als die Umgebung von Kopierern oder ganz vielen Schreibutensilien. Außerdem sind beide Arten von Geschäften ausschließlich mit Erfolg oder mit Aufbruch verbunden, das gefällt mir. Denn entweder besucht man einen Copyshop, um irgendetwas Fertiges auszudrucken bzw. Teile davon, wie z. B. eine Abschlussarbeit oder eben hier ein Handout über Sexualpädagogik im Einwanderungsland oder man deckt sich mit ganz vielen neuen Schreibwaren ein, weil irgendetwas Krasses bald beginnt, wie bspw. ein Studium oder ein neues Buch oder die Therapie für Schreibwarensüchtige.
Rechts: Und hier die direkte Bestätigung meiner These. Ich war im Copyshop und habe das neue Buch ausgedruckt. Ein gutes Gefühl. Ein weitaus weniger gutes Gefühl ist es übrigens, sich kurz darauf zu Hause hinsetzen und zwingen zu müssen, das komplette Buch möglichst sorgfältig Wort für Wort durchzulesen und dabei auf Logik-, Grammatik-, Formulierungs-, Rechtschreib-, und Satzfehler zu achten. Als wäre es nicht schon schlimm genug, dass ich ohnehin schon kaum anständig schreiben kann. Aber dass gerade ich dann noch versuchen soll, mich möglichst aufmerksam dem Korrekturlesen zu widmen, das kann ja nur schiefgehen. In dieser Hinsicht war ich schon immer so eine Art Damien Hirst. Meine Schularbeiten waren genial, aber voller Flüchtigkeitsfehler. Aber da ich am Ende dafür immer trotzdem mindestens eine Zwei bekam, sollte es mir recht sein. Und deshalb habe ich mir praktisch nie wirklich angewöhnt, so viel Geduld zu entwickeln, gerade fertig gestellte Dinge noch einmal zu prüfen. Soll heißen: Ich als Brückenbauer wäre vermutlich maximal ein Genua erfolgreich. Wobei es, wie gesagt, für Damien Hirst ja funktioniert. Nur will mir irgendwie niemand zugestehen, dass ich quasi ein verkannter Damien Hirst bin. Ich bringe die Ideen. Ich formuliere sie aus. Aber die Kommas richtig setzen und solches Zeug, das kann doch wirklich eine*r meiner hundert Assistent*innen machen. Wobei ich andererseits natürlich auch ein totaler Kontrollfreak bin. Wenn jemand Korrektur liest und sagt: „Jetzt sind keine Fehler mehr drin!“, dann gucke ich am Ende trotzdem lieber noch einmal nach. Voller Unlust natürlich, aber am Ende traue ich dann doch nur mir selbst. Vielleicht wird meine einzige Rettung also nur das Klonen sein. Es bleibt kompliziert. Aber ich kann sagen: Die Korrekturleserin ist durch, ich bin durch, der Verlag hat es ein paar mal korrigiert, also hoffen wir, dass möglich alles gefunden wurde. Trotzdem: Eine grässliche Arbeit.


Links: Witzig ist allerdings ist, dass ich schon beim Korrekturlesen das Gefühl hatte, ich hätte das Buch gar nicht geschrieben. Nicht, dass da das Lektorat irgendwie groß etwas verändert hätte, gar nicht. Aber dennoch habe ich mich an einigen Stellen gefragt: Krass! Das hast du geschrieben? Das ist ja sogar ganz okay. Aber so etwas schreibst du? Ich glaube, das alles liegt vor allem da ran, dass ich wirklich „von mir weg“ schreibe. Wie schon oft gesagt: Ich finde schreiben anstrengend. Und ich finde es viel besser, geschrieben zu haben, als zu schreiben.
Natürlich stelle auch ich mir „das Schreiben“ total romantisch vor. Wie ich vor einem riesigen Fenster inmitten einer dunkel vertäfelten Bibliothek sitze, draußen scheint eine milde Herbstsonne, einzelne, bunte Blätter rieseln auf einen schönen Park. Und ich sitze an meinem großen, schweren Holzschreibtisch, schaue verträumt hinaus und wie von selbst gleiten meine Finger über die Laptoptastatur, zack!, wieder ein Kapitel fertig, schon über 500 Seiten. Oder anders: Ich, gekleidet in dunkle Leinenklamotten, sitze auf der Terrasse eines Holzhauses inmitten einer Dünenlandschaft (denn mein letztes Buch war natürlich ein Bestseller und von einem kleinen Teil des Geldes habe ich mir dieses Strandhaus gekauft). Neben mir liegt ein großer, wuscheliger Hund auf dem Boden und ich schaue hinaus aufs Meer, das Rauschen beruhigt und nebenbei ballere ich mal eben 100 Seiten raus, denn natürlich schreibe ich jeden Tag 100 Seiten. Am Vormittag! Denn nachmittags male ich oder sitze irgendwo herum und angle.
Aber so ist es leider nicht. Natürlich ist es super, wenn man mal eine Idee hat. Und wenn man schon weiß, dass das Ganze vermutlich ganz okay werden wird, weil die Idee wirklich etwas taugt. Aber man hat eben nicht immer Ideen. Ich hasse Leute, die Dinge sagen wie: „Oah, ich weiß wohin mit all meinen Ideen! Ich hab viel zu wenig Zeit, das alles aufzuschreiben oder umzusetzen!“. Falls jemand von diesen Menschen mitliest: Stirb! Stirb! Stirb! Wie neidisch ich auf solche Menschen bin. Beziehungsweise wie wenig ich das glauben mag, dass es so etwas tatsächlich gibt. Okay, ich habe auch ständig Ideen. Aber dann ist meine Idee halt, dass ich total gerne Hacker wäre und ich total viele Kreditkartennummern erhacken will. Und dann kommt auch direkt der Filter in meinem Kopf, der sagt: Ja klar, komm mal wieder runter, du kleiner Hacker! Schreib mal lieber dein blödes Buch fertig, danach kannst du hacken, so viel zu willst. Und selbst mit Idee reicht es meist noch lange nicht ein ganzes Buch oder ein Kapitel oder einen kurzen Text. Man muss sich immer noch hinsetzen und all das Drumherum bauen. Die Leser leiten, ohne dass sie es merken und am Ende dann natürlich trotzdem noch überraschen. Und dieses Ausdenken ist anstrengend. Und auf Anstrengung habe ich mal überhaupt keine Lust. Wenn es dann läuft, dann macht es Spaß, ja. Aber bis dahin nervt es. Und meist auch gegen Ende noch einmal, wenn ich schon denke: „Ja ja, okay, jetzt haben es ja alle kapiert, scheiß auf das Ende. Ich schreib einfach: Und dann war Krieg und alle sind gestorben!“ Und ich kann ja nicht einmal Musik dabei hören oder so. Hörbuch oder so. Geht alles nicht. Ich sitze also einfach nur vor einem leeren Dokument und denke nach. Beziehungsweise denke nach und versuche, mich krampfhaft davon abzuhalten, nicht den Browser zu öffnen und irgendwas Sinnloses auf Youtube zu gucken. Nein, solche Blockierungsprogramme brauche ich nicht. An so etwas glaube ich nicht. Weil entweder will oder muss ich schreiben oder halt nicht. Wenn ich nämlich wirklich, bspw. zur Lesebühne, um 18 Uhr einen Text brauche, dann öffne ich plötzlich auch ganz ohne Blockierungsprogramm keinerlei Browser oder Mailprogramme mehr.
Der schlimme Fall, der nun eintreten wird, ist jedenfalls Folgender: Ich habe keine Ahnung, was ich jetzt schreiben soll. Vielleicht etwas über Hacker.
Rechts: Ja, genau so ein Wuschelhund soll auf der Terrasse liegen.


Ach Sachsen. Ich schreibe morgen mal detaillierter darüber, weil wir ja mittlerweile schon wieder viel weiter und krasser unterwegs sind, als zu Zeiten des Hutbürger, deshalb nur so viel: Ich finde es wirklich unfassbar, was in Deutschland und explizit in Sachsen abgeht. All das, was gerade offenbar wird und immerfort passiert, das heißt das Wegschauen und Relativieren in Bezug auf Nazis, das Versagen der sächsischen CDU, die Verwobenheit von Polizei, Justiz und Rechtsradikalen, all das ist so unbegreiflich krass, dass ich mir langsam echt Sorgen mache, wie man dem noch begegnen kann. Man kann doch nicht einfach die komplette sächsische Polizei zerschlagen und neu aufstellen? Obwohl man es natürlich tun müsste. Und selbst wenn man es täte, dann hätte man ja noch immer noch die Kretschmers, die Tellkamps und Steimles, die in irgendeinem prominenten, politischen oder gar intellektuellen Licht stehen und trotzdem nichts Anderes tun, als Naziparolen nachplappern und damit sogar salonfähig machen. Doch, wahrscheinlich bliebe einer/m wirklich nichts Anderes übrig als der große Rundumschlag einer Entnazifizierung. Ich weiß gerade nicht, wo ich es gelesen habe, aber im Zweifelsfall muss es irgendwo bei Twitter gewesen sein, wo jemand schrieb: Verfasssungsfeinde müssen Angst vor der Verfassung haben. Soll heißen: Die Nazis im bürgerlichen Gewand wie auch die Thor-Steinar-Hools sind schon längst verloren. Mit Vernunft, mit Reden oder Zuhören erreicht man sowieso nichts mehr. Das Einzige, was in Bezug auf diese Personen also noch hilft ist, ihnen so viel Respekt einzujagen, dass sie sich nicht mehr selbstbewusst hinstellen und der Jungen Freiheit fröhlich Interviews und dann behaupten, sie würden das ja nur machen, weil das Kunst und Satire ist. Daran glaube ich wirklich: Wenn man einen Monat lang jeden Menschen, der auf einer Demo einen Hitlergruß macht, konsequent umrammen, auf den Boden klatschen und einkassieren würde, wie man es bei Linken macht, sobald sie sich einen Schal vor den Mund ziehen, dann würden sich das vermutlich Einige in Zukunft überlegen. Und ich weiß selbst, wie irrsinnig das klingt, über so etwas nachzudenken, wenn man sich selbst als links sieht. Ich weiß, dass es nicht richtig ist, Wasserwerfer gegen Nazis zu fordern, nur weil Wasserwerfer gegen Linke eingesetzt werden. Was ich damit aber meine ist, dass die Verhältnismäßigkeit völlig verrutscht zu sein scheint, was die Behandlung von Rechts und Links angeht. Und prinzipiell denke ich schon, dass es eine Demokratie nicht bis zum bitteren Ende aushalten muss, wenn sich in ihr Demokratiefeinde ausbreiten. Sprechen wir nicht von Gründungsmythos der BRD und solchem Zeug, aber vielleicht sollte sich die BRD zumindest darüber im Klaren sein, dass sie aus dem Sieg über den Faschismus heraus erstanden ist und deshalb wenigstens einer ihrer erklärten Gegner eben jener Faschismus sein sollte. Und dem gegenüber muss man dann auch nicht zimperlich sein.
Wie dem auch sei. Ich habe ein Video über den Hutbürger und die Pressefreiheit gemacht:


Nicht im Bild, aber dafür ganz oben: Der Grand Slam of Saxony im Geyserhaus. Schön war’s, wenn auch anstrengend. Und wie meine Art von Glück natürlich will, regnet es wochenlang quasi überhaupt nicht und ausgerechnet an jenem Tag, an dem wir eine Open Air-Veranstaltung machen, regnet es natürlich genau von 20 bis 22 Uhr. Petrus hasst mich. In diesem Sinne noch einmal mein gezogener Hut in Richtung all der tapferen Zuschauer*innen, die im Regen ausgeharrt haben. Machen Sie sich keine Sorgen: Sie saßen den ganzen Abend im Regen, aber krank geworden bin dafür ich, der die ganze Zeit im Trockenen saß.
Auch nicht im Bild: Am Lagerfeuer sitzen, dummes Zeug erzählen und am nächsten Morgen ins Krankenhaus fahren. Keine kausalen Zusammenhänge und auch nicht ich. Aber ein ist sicher: Ich hasse Krankenhäuser. Ich war da einfach schon viel zu oft.
Links: Und dann endlich weg. Das heißt „weg“, denn wenn man allein von Grimma nach Torgau schon anderthalb Stunden braucht, dann beginnt man sich langsam aber sicher Sorgen zu machen, ob die Sachsen jetzt nicht doch heimlich die Landesgrenze zugemacht haben. Nur eben in die falsche Richtung, aber das würde ja zum sächsischen Durchschnittsintellekt passen, unterstelle ich jetzt einfach mal mit Blick Richtung der Vorkommnisse in Chemnitz. Nein, Grund war nichts weiter als ein Radrennen. Und eigentlich sollte die Umleitung auch total super ausgeschildert sein, war sie aber nicht. Und so fährt man also Umleitung Nummer 1, nur um wieder irgendwo an der Strecke herauszukommen, wo einem die betrunkene Dorfjugend in Neonwesten erklärt, man könne hier off gor keen Fall lang unn eenfach Umleidung fohrn! Und beim ersten Mal glaubt man das Ganze ja auch noch, bis man an zum zweiten Mal direkt an der Strecke steht, wo einem dann ein Polizist dasselbe erklärt. Aber hat dann geklappt. Ich war ja vorher noch nie in Torgau. Und jetzt, da ich gesehen habe, wie viele AfD-Plakate dort hängen, weiß ich auch, dass ich vermutlich diesbezüglich nichts verpasst habe, aber trotzdem: Schon traurig. Man merkt extrem, wie sehr die nächste Landtagswahl auf dem Land entschieden werden wird. Und ich habe da wirklich wenig Hoffnung. Und wenn die AfD dann erstmal Landespolitik machen darf, dann wird’s wirklich bitter.
Rechts: Also was tun? Noch weiter weg! Und natürlich immer ans Meer. Aber dazu dann morgen ausführlich.

Was fehlt:

  • Kommt dann am Dienstag.
In Kategorie: a week in pictures

1 Kommentar

Kommentar verfassen