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A Week in Pictures 27/2016

Ich muss mich entschuldigen, dass es den Wochenrückblick erst jetzt gibt. Aber Pokémon Go ist schuld. Und das, obwohl ich es noch nicht einmal habe, sondern meine Tage praktisch nur damit zubringe, fortwährend den AppStore zu aktualisieren und zu fluchen, dass es immer noch nicht verfügbar ist. Ja ja, Android und so. Und neue AppleID-anlegen und so weiter. Aber ich habe gelesen, dass die Pokémon-Go-Firma manche Geräte auch mal gern blacklistet, wenn sie nicht bis zum regulären Start warten. Und so wichtig es mir dann doch nicht. Obwohl es natürlich SEHR wichtig ist. Zu welchem Team gehören Sie? Mystic? Valor? Oder zum Team „Mimimi, hör mir mit diesem Scheiß auf, das ist alles Blödsinn, schau hier, meine coole The-North-Face-Jacke, und ja, ich bin verheiratet und mein Leben ist absolut sinnlos?“ Sorry, das ist mir so rausgerutscht. Aber ein bisschen nervt es mich, wie genervt manche Leute schon wieder sind. Ich verstehe überhaupt nicht, wie man nicht sofort total energitisiert sein kann, sobald man den Pokémon-Song hört? Mich kriegt das total. Man stelle sich nur einmal vor, die tranige RB-Leipzig-Hymne wäre nicht von Ding, sondern vom unbekannten Pokémon-Komponisten geschrieben worden. Das Stadion würde doch jedesmal kochen vor Krassheit.
Oben war ich übrigens kurz in geheimer Mission in Hamburg unterwegs. In der S-Bahn saß ein vollkommen tattoovierter Mann und erklärter einer Gruppe alter Damen, dass so viele Tattoos schon klargehen, „wenn man nich arbeiten will, versteht sich“. Dann erklärte er, dass seine Mutter da auch nix dagegen hätte. Immerhin sähe er sie ja nur einmal im Jahr, woraufhin er hoch und heilig versprechen musste, öfter bei ihr vorbeizuschauen, denn das sei ja nicht schwer und würde irgendwann schließlich einmal gar nicht mehr gehen. „Schwierig“, sagte der Mann, „Ich bin ja auch oft im Knast.“ Dann war Ruhe. Aber immerhin kommt man im Knast sicher leicht an Tattoos.

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Am Montag waren wir mit der Lesebühne in der Arena am Panometer in Leipzig, um unser jährliches Sommerspecial abzuhalten. 2014 sind wir mit einem Stadtführungsbus bis zum anti-hallensischen Schutzwall am Stadtrand und schließlich höchtselbst ans Schkeuditzer Kreuz (zumindest so nah, wie wir rankamen) gefahren, um dort unser Lesebühnenlied gegen den Autobahnlärm zu schmettern. Es war mega! 2015 dann der Hipster-Walk durch den Leipziger Westen, bei dem ich leider fehlte (weshalb es auch nur noch halb so cool war, glaube ich) und dieses Jahr halt ein klassisches Best of mit Stargast. Meine Güte, waren da viele Leute. Fast 500 Menschen, die uns beim Quatschvorlesen zugucken wollten, das war schon ziemlich beeindruckend. Zumal die Location an sich ja schon Einiges hermacht. Am liebsten wäre ich auch mal da an der Rundmauer herumgeturnt, aber 1) sind Höhe und ich nicht gerade die besten Buddies und 2) musste ich ja auf der Bühne herumsitzen. Aber das ist okay.
Das da ganz oben ist übrigens der Soundtrack aus Lichter, der an dieser Stelle mal empfohlen sei. Noch so ein Lebensziel: Einen traurigen Film schreiben und dann die Filmmusik von The Notwist basteln lassen. Wie bei Absolute Giganten. Ich versuche gerade, alle Filme, die ich sehr mag, noch einmal zu schauen. Vielleicht auch nur, weil ich es nicht abwarten kann, endlich Pokémon Go zu haben. Good Will Hunting zum Beispiel ist großartig, aber das wissen Sie ja. Ich mag die You’re just a kid-Szene, wo Robin Williams Will erklärt, warum er ruhig das größte Genie auf Erden sein kann, das ihm aber nichts bringt, wenn er nie wirklich herumgekommen ist. Oder das Streitgespräch zwischen Lambeau und Sean über Direction and Manipulation. Und natürlich den Clash zwischen Lambeau und Will rund um das Wegwerfen von Talent. Hach.


Und hier noch einmal ein bewegtbebilderter Eindruck vom Lesebühnenspecial. Geil! Zumal Stargast Ahne mit seinem Sommerhit rund ums Drinnenbleiben und Schnapstrinken die erste Halbzeit (im bestgemeintesten Sinne) mal vollkommen für sich vereinnahmt hat. Und dann zum Ende noch Julius‘ Sommerhit, der ausschließlich aus Banalitäten bestand, großartig.
Noch einmal zurück zum Gute-Filme-noch-einmal-schauen: Nymphomaniac 1 und Nymphomaniac 2, insbesondere letzteren! Allein schon der Einstellungen und Farben wegen. Die Szenen im Park und in der Turnhalle, oder bei dem Peitschenmann, super. À propos: Am 16. September geht endlich American Horror Story weiter!

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De Eisenbahnstraße. Voll gefährlich und so. Ich wette, bei Pokémon Go gibt es hier ausschließlich krasse Pokémon zu fangen. Bzw. nicht zu fangen, denn fangen lassen sich Eisenbahnstraßen-Pokémon natürlich nicht. Eher fangen sie sich einen Trainer und verkaufen nebenher Drogen. Standard.
Und EM war ja auch noch. Eigentlich doch recht alngweilig, rückblickend. Dank des blöden Modus‘ praktisch nur Gemauere in der Vorrunde und dann vor allem Angst auf dem Weg zum Finale. Ich finde leider den Tweet nicht mehr, aber ich fand ihn sehr treffend: Portugal ist die erste Mannschaft, die eine EM gewonnen hat, weil sie einfach nicht ausgeschieden ist. Schade, dass im Finale leider nicht die bessere Mannschaft gewonnen hat. Noch dazu die vielen Fehlentscheidungen, die vielleicht dazu gefähret haben. Inwieweit diese These von der Chaostheorie gedeckt ist, muss man vielleicht Butterfly Effect klären lassen. Aber naja, ein Grund zum Sauersein ist es auf jeden Fall nicht. Schön fand ich übrigens die Idee von Tele 5, während des Deutschland-Halbfinals drei Stunden Lesung von Heinz Strunk zu übertragen. Buchtipp übrigens: Der goldene Handschuh. Eklig, aber gut.

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Mal wieder in bisschen in Neue Vahr Süd lesen. Immer noch ein sehr sehr gutes Buch. Vor allem so bemerkenswert, weil es als zweiter Teil der Herr-Lehmann-Trilogie für mich tatsächlich der beste ist. Aber ich muss auch noch einmal Der kleine Bruder (den dritten Teil) lesen, um ganz sicher zu gehen. Lieblingsstelle:
„Sie gingen zögerlich und unsicher in den San-Bereich hinein […]. Leppert lehnte neben Frank, drehte eine Zigarette, schaute sie von allen Seiten an und steckte sie sich dann in den Mund.
‚Ich geh mal eine rauchen‘, sagte er schließlich in seinem breiten russischen Akzent und ging den Flur entlang Richtung Ausgang. […]
Nach einer Weile hörten sie in der Ferne ein Gebrüll, dann kam Leppert zurück und stelle sich wieder neben Frank an die Wand.
‚Was war los?‘, fragte Frank.
‚Finden die nicht gut‘, sagte Leppert.“
Tolles Buch.
Gesehen habe ich jüngst High Rise. Im Trailer wirklich vielversprechend, komplett letztendlich irgendwie so geht so. Bildmäßig tatsächlich sehr gut, aber von der Story her doch ein kleines bisschen dünn, weil einfach in viel zu viele Richtungen ausgearbeitet, von denen aber nur eine mehr oder minder richtig verfolgt wird. Es geht um einen Arzt, der in ein komisches Wohnhochhaus zieht, dessen Bewohner*innen irgendwie alle in bisschen strange, aber auf jeden Fall überaus hedonistisch veranlagt sind. Er lernt den „Architekten“ kennen, der irgendwie schon lange Kontrolle über die Vorgänge im Haus verloren hat, aber noch nicht von seiner Vision, mehrere solcher Türme in der Luft miteinander zu verbinden, abrücken will. Und dann wird es zunehmend stranger. Die Parties werden extremer, die Vorgänge im Haus unerklärlicher, die Grenzen zwischen Realität und Wahnvorstellungen zunehmend verschwommener. Bis, ja, bis, verrate ich nicht. Aber es gibt ein paar nette Metaphern im Film. So z.B. der Wunsch aller Bewohnerinnen, möglichst hoch oben zu wohnen. Oder die Aussage einer Figur, die gefährlichsten Personen seien immer jene, die durch nichts aus der Ruhe zu bringen sind, weil sie unanfällig für die Belange der Menschen sind. Kann man gucken, muss man aber nicht. Ist trotzdem gut, dass solche Filme heutzutage noch derart groß produziert werden, obwohl ja normalerweise fast nur noch Comicverfilmungen zu laufen scheinen. Vielleicht aber wenigstens noch Clockwork Orange danach gucken. Selbe Optik, aber irgendwie runder.

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Fakt: Meer ist immer gut.
À propos: Finding Dory ist sooooooooooo gut. Wenn Sie die Chance dazu haben, ihn zu sehen: Gehen Sie hin. Selbes Ding wie bei Findet Nemo. Sehr guter erster Teil, aber der zweite noch einmal eine Klasse besser. Hätte ich absolut nicht gedacht. Und endlich mal eine gute Antwort auf die Frage: Wie viel Fanservice ist gut (Ja, du bist gemeint, Star Wars Episode 7!)? Die Story ist easy: Dory, die Fischdame, die an short term memory loss leidet, erinnert sich plötzlich bruchstückhaft daran, dass sie Eltern hat und versucht dann, sie zu finden. Dabei lernt sie haufenweise großartige Charaktere kennen: Hank, den misanthropischen Octopus, der eigentlich nur noch ein Septopus ist. Destiny, die kurzsichtige Walhaifrau und Rohrbotschaftsfreundin von Dory oder Benthley, den Belugawal, der glaubt, sein Echolotsystem sei kaputt. Und natürlich mit Ellen DeGeneres als Stimme von Dory. Absolut großartig. So viele Punchlines hintereinander, ein bisschen Tragik, viel Absurdes und am Ende doch alles rund zusammengebracht. Für so eine Fortsetzung darf man sich dann auch ruhig mal 13 Jahre Zeit lassen. Fantastisch. Gerade, weil ich es überhaupt nicht erwartet hätte.
Noch ein Filmtipp, letzte Woche schon angesprochen: K-Pax. Leider ein bisschen unterbewertet, wie ich finde, obwohl ich die Idee, Menschen damit zu konfrontieren, was sie partout nicht glauben können/wollen, sehr schön finde. Und vor allem, wie Welt und Gesellschaft auf K-Pax geschildert werden, ist super.

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Bilder, d.h. Fotos von Andres Serrano angucken. Guter Typ, auch wenn er in Interviews für meinen Geschmack immer zwei, drei mal zu oft sagen muss, dass er ja Künstler sei und so weiter. Aber seine Fotos der Obdachlosen, die Serie aus Kuba oder die religiösen Gegenstände in Körperflüssigkeiten sind super. Krass vor allem, wie wenig krass ich seine „härteren“ Fotos, bspw. die aus der Fetischszene in Amsterdam fand bzw. generell aus „The History of Sexc“. Richtig richtig gut fand ich aber vor allem die Fotos der verhüllten IRA-Offiziere und natürlich die Aufnahmen aus den Leichenhallen, z.B. „Death by knife I + 2“ (siehe oben) oder „rat poison suicide“.
Wo wir gerade dabei sind. Ich bin ja kein Mediziner, daher geht so etwas immer recht fix an mir vorbei, aber es scheint gerade mal wieder eine Debatte über die generelle Wirksamkeit von Antidepressiva zu geben. Die Einen sagen: Naja, wir wussten ja immer, dass die nicht wirklich funktionieren (wobei FUNKTIONIEREN ja eh, wenn überhaupt, nur UNTERDRÜCKEN hieß), aber die Placebo-Effekte brachten ja genau das, was wir wollten. Und die andere meinen: QUatsch, natürlich funktionieren sie. Dafür gibt es Fälle, die das beweisen. Und es gibt eben psychische Situationen, in denen selbst ein Blocken erst einmal hilfreich ist. Ich lasse mal meine Meinung dazu an dieser Stelle weg, aber vielleicht so viel: Ein Überdenken der Vergabepraktiken von Psychopharmaka fände ich schon einmal sehr sehr gut. Gerade dieses fast mystische Überhöhen von den Starmedikamenten wie Prozac (hierzulande Fluctine) fand ich schon immer unheimlich.
Aber lassen wir das: Hier gibt’s ein paar schöne Fotos verlassener Psychiatriegebäude.

Was fehlt:

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