13/2012

2. April 2012, a week in pictures

 

An dieser Stelle einmal Gratulation an mich. Dieses Blog gibt es seit gestern nunmehr schon 6 Jahre lang. Länger habe ich bisher nur das Gymnasium durchgehalten. Danke an die vielen Leute, die den Quatsch hier lesen und komischerweise immer wieder kommen, bzw. neue Leute nicht davon abhalten, hier mal vorbeizuschauen. Zwar weiß ich nicht, warum ich noch immer keinen Grimme Online Award dafür (oder wenigstens hierfür) bekommen habe, aber in einem geraden Jahr hätte ich den Preis eh nicht gewinnen wollen. Was ich damit sagen will: Dange, wirklich. (Foto von KP_Sonny)

Hamburg nochmal. Fragt mich nicht nach Stadtteilen. Aber es ist ungefähr dort, wo das Schauspielhaus und morgens der ein oder Andere Betrunkene liegen. Sieht hanseatisch aus, wenn man mich fragt. So als käme gleich Thomas Mann (Lübeck, ich weiß, aber was soll's) um die Ecke gerannt, weil er sonst zu spät in Vatis Kontor kommt. Gleich dort irgendwo ist auch die fabelhafte Außenalster, auf der ich mir mal beim Rudern tolle Blasen an den Händen geholt habe, weil wir erst 10 Minuten vor Abgabe des Ruderbootes bemerkten, dass wir uns noch etwa 1000 Kilometer vom Anlegesteg entfernt befanden. Falls ich es noch nicht gesagt habe: Hamburg ist gut.

Ich mache ja eher ungern Werbung, solang ich dafür keine Unsummen wertvoller Euros (oder Aktien) erhalte, aber Spotify ist schon ein ziemlich gutes Programm. Ständig findet man neue tolle Bands und kann nebenher darüber lachen, was die Freunde gerade hören. Meinen Musikgewohnheiten nach zu urteilen muss ich eine Mischung aus Metal-Wikinger und Post-Rock-Hipster sein, jedenfalls geben meine Playlists bisher noch nichts Anderes her. Das Beste an dem Progrmam ist, dass ab und zu der süße Tim Bendzko zwischen zwei Slayersongs Werbung für sein Schmusealbum macht. Mal sehen, wie lang es dauert, ehe Gema, GEZ und GVL das Programm unbenutzbar machen. Es wäre schade drum. Nicht zuletzt wegen des riesigen Spotify-Schriftzugs, den ich mir aus Loyalität habe auf den Rücken tattoovieren lassen. Aber naja.

Vielleicht sollte ich mir auch Jutebeutel machen. Aufdruck: 'Wenn ich mal reich bin, eröffne ich vor deinem Haus eine Eisdiele und mache deine Kinder fett!', 'Heirat, Kind, Jack Wolfskin!' oder soetwas. Ich bin sowieso dafür, jeden Quatsch zu vermarkten. So lange, bis alle Menschen im Marketing arbeiten und sich Konzepter nennen. Ich glaube, nur so kann man die Absurdität der menschlichen Existenz wirklich sichtbar machen. Samuel Beckett hätte es sicher auch nicht anders gewollt.

Und das ist Leipzig. Also ein kleiner Teil davon. Wer möchte, darf mir gern das verkäufliche Haus kurz vor der Ecke ganz hinten kaufen und renovieren. Ich würde gern dort wohnen und respräsentativ sein, auch wenn gleich vor meiner Haustür dieses schreckliche neue Einkaufszentrum wäre. Das wäre dann einfach der nächste Schritt meiner Bemühungen. Es einfach direkt nach Fertigstellung wieder abbauen zu lassen.

Haben Sie mal 'Good Will Hunting' gesehen? Und haben Sie sich auch total mit dem verkannten Genie Will identifiziert, so wie es der Film von Ihnen wollte? Ich persönlich wollte danach ja unbedingt Hausmeister werden. Und ich glaube, mit meinem Politikwissenschafts-Studium bin ich auf dem richtigen Weg. Im Film gibt es jedenfalls diese Szene in der Bar, kurz nachdem Skyla das erste Mal auftaucht und Will zu einem Typen sagt: 'If you want to read a real history book, read Howard Zinn’s A People’s History of the United States. That book will knock you on your ass.' GGerade bin ich noch in der totalen Tollfindungsphase, also glauben Sie mir einfach nur zur Hälfte, wenn ich sage, dass es sich wirklich lohnt, das mal zu lesen. Hier bei eBay gibt's das Ding sehr preiswert.

Mein erstes Open Air Konzert war ein voller Erfolg. Über 6000 Menschen waren vor Ort und feierten mit mir ein tosendes Spektakel, das Udo Lindenberg ziemlich untrve gefunden hätte. Ich spielte meine größten Hits auf einem zufällig herumliegenden Plastikeimer, angefangen von 'Ich hoffe, dein Crossover-Kunstprojekt scheitert' über 'Ich altere nicht, ich werde vintage', bis hin zu 'Nur ihr Deo toppt deine Mutter im Versagen'. Anschließend sangen das Publikum und ich Tim-Bendzko-Choräle, ehe das große Feuerwerk die Veranstaltung gebührend beendete. Hier ein abschließendes Foto meines ersten offiziellen Fanclubs, dem 'Wir finden alles doof! e.V. Leipzig Süd', ganz vorn der Anführer namens Jörg.

Und weil die Woche so außerordentlich gut verlief, gönne ich mir zum Abschluss einen Becher Eiter, mit Sahne natürlich. Was ich in der kommenden Woche tun werde, weiß ich noch nicht. Vielleicht werde ich irgendeine Firma aufkaufen. Eine ganz ganz kleine. Vielleicht werde ich auch einfach mal krank. Oder ich trainiere einfach weiter für das nächste Promiboxen. Wenn schon beim ersten mal die F-Promis boxen durften, rechne ich mir für das zweite Mal gute Mitmachchancen aus. Oder ich werde mich darum kümmern, dass die Stadt endlich meine mir versprochene Bronzestatue direkt vorm Konsum errichtet. Habe ich schon erzählt, dass gegenüber vorgestern Carmen Nebel eingezogen ist? Andere Geschichte.

 

Eigentlich habe ich das Promiboxen nur boykottiert, weil man sich nicht freiwillig melden konnte, um einen Wunschpromi zu Mus zu hauen. Das mag vielleicht etwas drastisch klingen, aber wenn man wegen des kaputten Kassettenrecorders eine ganze Kindheit lang Benjamin-Blümchen-Geschichten rückwärts hören musste, zieht das eben nicht spurlos an einem vorbei. Und wenn man sich dann irgendwann eingestanden hat, dass man wohl kein Rockstar mehr werden wird (Fuck!), spielt man halt den ganzen Tag über Draw Something. Ein Spiel, bei dem es darum geht, auf dem Handy möglichst dilletantisch englische Begriffe zu malen, die das virtuelle Gegenüber dann erraten muss. Kein Wunder also, dass wir nie Kontakt mit intelligenten Außerirdischen haben. Mister Spock würde wohl nur den Kopf schütteln. Aber das soll nicht so klingen, als sei ich frei von Fehlern. Ich spiele es ja auch. Und in der restlichen freien Zeit übe ich schonmal, wie man Cheeseburger brät und freundlich "Die Pommes mit Ketchup oder Mayo?" fragt. Ein anderes Hobby, mit dem ich meine berufliche Zukunft ruiniere: Twitter. Und deshalb hier das (womöglich) Beste des letzten Monats.

cioran erzaehlte mir viel ueber die tragik der endlichkeit. sitze mit schwaebischen opas beim arzt und bin unendlich froh, endlich zu sein.
@madamevernon
madamevernon. ⚓

Sie möchte, dass ich mich rasiere. Ich will nicht, dass sie mit einem 15-jährigen schläft.Klassisches Dilemma.
@randalez
Ricardo Randalez

ihr mit euren webradios und podcasts. wir mussten damals ja noch zu den modemgeräuschen tanzen.
@katjaberlin
katjaberlin

Trinke gerade so eine Kirsch-Ginseng-Wellness- Schorle. Mit Aloe Vera Extrakte. Gleich piss ich Massage-Öl.

Der Erfinder des Schlummeralarms ist tot. Seine Beerdigung findetmorgen um 8.00, 8.12, 8.24, 8.36 und 8.48 Uhr statt.
@Mackielsky
MackiePalermo ★★★★

Dieser Schreck, wenn die Kollegin Kuchen dabei hat und Gesprächsbereitschaft.
@kullerfieps
hopskuller

Traut niemals einem Friseur wenn er sagt "jetzt müssen die Haare wieder ein bisschen wachsen und dann sieht das gut aus."

Man soll aufhören, wenn es am schönsten ist. Die Welt geht also an einem Freitag um 14 Uhr unter.
@gallenbitter
gallenbitter

Berufswunsch: Dönerverkäufer. Und dann schocke ich meine Kunden mit der Frage "Mit alleM?"
@Bajonettathene
The Queen of Spades

Mein Hood ist so krass: Da trägst du einmal die falschen Sneaker und schon gerätst du in ein Gespräch über fairen Handel und Nachhaltigkeit.
@GebbiGibson
Gebbi Gibson

In den Organspendeausweisen fehlt definitiv die Option "Nehmen Sie alle Organe, aber löschen Sie bitte den Browserverlauf".

Günther Jauch sagt "Es gibt Katastrophenbilder, die jeder von uns gespeichert hat." und ich hoffe, dass sie nicht meine Einschulung zeigen.
@silvestah
silvestah

Ich habe eine seltene Form von Schizophrenie, bei der das zweite "Ich" nie zutage tritt, aber seine eigene Essensportion verlangt.
@3x3ist6
Sößchen dazu? ⤵

Ehrensold und Zapfenstreich,so mancher Shitstorm macht dich reich.Frag nach Seilschaft, nicht Moral,Ein dickes Fell bringt Kapital.
@Schlachtzeile
Schlachtzeile

Damals™, nach dem ersten Jahr Vollzeit, als wir uns in einem Prager Hotelzimmer in die Gesichter schauten und erstmals die Falten entdeckten

Es hat nur 4 Jahre gedauert und schon bin ich es, der das Kind Samstags weckt, weil mir langweilig ist und ich jemandem zum Spielen brauche.
@GebbiGibson
Gebbi Gibson

Sellerie sieht auch aus, als würde er nur mit den Achseln zucken und weiter Jack Johnson hören, wenn ich die Kühlschranktür wieder schließe.
@SpeedleDum
Königin Victoria

Ich würde nie vergessen Toilettenpapier zu kaufen. Der Tempopäckchenturm neben dem Klo ist ein Luxus, den ich uns bewusst ab & zu gönne.
@Goganzeli
Für Sie immer noch

Jeden Abend die gleiche Frage: Müll vom Tisch räumen oder den Fernseher höher hängen?

immer wenn kristina schröder sagt, unqualifizierte frauen gehören nicht auf chefsessel, hoffe ich, dass sie mit gutem beispiel vorangeht.
@katjaberlin
katjaberlin

Immer diese unterschwellige Angst als Frau, dass einem eines Tages jemand mit einem Musicalwochenendtrip eine besondere Freude machen will.
@Goganzeli
Für Sie immer noch

Frühjahr ist, wenn mein Papa wieder in Hotpants im Baumarkt steht.
@madame_tam_tam
Fräulein van Thom

Van Gogh war ein visionärer Künstler. Er schnitt sich bereits viele Jahre vor der Gründung von Rosenstolz ein Ohr ab.
@GebbiGibson
Gebbi Gibson

Solange man sich auf Friedhöfen gegen den Einsatz von Animateuren sträubt, sehe ich für meinen zweiten Bildungsweg Asche.
@gallenbitter
gallenbitter

Intoleranz ist ein kleines Tierchen, das nachts den Horizont enger näht.
@Goganzeli
Für Sie immer noch

Scheiße ist ja auch, wenn man über seine schwere Kindheit im Hood rappen will und sich nichts auf "Jägerzaun" reimt.
@GebbiGibson
Gebbi Gibson

Ich habe ja immer Mitleid mit den Menschen, die in die Sonne gehen müssen, weil sie sich den Solariumbesuch nicht leisten können.
@madame_tam_tam
Fräulein van Thom

Habe den Brautstrauß gefangen. Die Mädels ziehen lange Gesichter. Nur der Kellner mit den Lidstrichen lächelt verschmitzt.
@gallenbitter
gallenbitter

Ich liege im Bett. Die Bratwurst im Kühlschrank. Ob sie wohl auch die ganze Zeit an mich denken muss?

Meinen Notizen zufolge geht es in diesem Meeting um den Endkampf zwischen einem außerirdischen Roboter und einem Tyrannosaurus Rex.
@hoch21
Roman Held

7 meiner "Freundinnen" haber gerade bei Facebook gepostet,dass ihr Leben wieder einen Sinn hat. Eine sehr dunkle Zukunftsvision kommt mir da

Schwäne schwimmen jahrzehntelang wortlos nebeneinander her. Ohne sich ständig zu versichern, es sei für immer. Man kann Dinge auch zerreden.
@peterbreuer
Peter Breuer

und da schließt sich auch schon wieder das tägliche halbstündige gutelaunefenster. tschüss.
@luzilla
luzilla

 

Alles begann mit einem Knall und einem offenen Brief von 51 Tatort-Drehbuchautoren. Thema: "[...] [Die] Lage der Urheber, ihre unangemessene Vergütung und die millionenfache illegale Nutzung von urheberrechtlich geschützten Inhalten auf der einen Seite, 600.000 Abmahnungen von Usern und die Möglichkeit von Netzsperren und (anlassloser) Vorratsdatenspeicherung, die Sie gerne Zensur nennen, auf der anderen Seite."

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12/2012

27. März 2012, a week in pictures

 

Die beiden schwersten Erkenntnisse meines Lebens waren, dass ich mich einerseits Punkt Mitternacht nicht in Batman, sondern in einen Freddy-Mercury-Fan verwandle. Und, dass es andererseits tatsächlich Käse gibt, der mit 'Eiskellen' zu niedlichen Kugeln geformt wird. Anschließend werden ein paar Salzstangen reingesteckt, fertig ist der so genannte Grupfte, so der fränkische Name dieser bayrischen Köstlichkeit. Warum aber gerade die Franken so ziemlich jedes Nahrungsmittel immer mit einer Hand voll Kümmel zu sich nehmen, will sich mir partout nicht erschließen.

Das Leben ist ein Rennen? Das haben Andere schon ganz anders gesehen. Und richtiger, wenn man mich fragt. Ganz schön traurig, wie leistungsgesellschaftliche Rhetorik schick gemacht wird, indem man sie von einer flippigen Agentur in einem fetzigen Font schreiben und auf in lustige Formen gestanztes Papier drucken lässt. Darüber werden die Macher wahrscheinlich nicht nachgedacht haben, aber es ist durchaus ok, auch fesche Slogans mal zu überdenken. Warum mich das besonders stört? Draußen pfeift die ganze Zeit jemand, weil die ganzen Schulen jetzt wieder genau vor meinem Fenster Sportunterricht im Freien machen müssen. Grr!

'Zeit für einen neuen Staat. Es heißt, man kann dort sein Glück finden' steht dort. Und kein Hinweis darauf, wer dieser Meinung ist. Allenfalls die Hintergrundfarbe, könnte da Aufschluss geben. Aber will bspw. die SPD überhaupt noch etwas Anderes? Ein paar Schritte weiter ist übrigens eine Schönheitsklinik. Vielleicht haben die ja das Schild aufgestellt. Oder die nahe gelegene Kunsthochschule. Oder die Leute, die immer nachts im Park sitzen und dillentatisch vor sich hin trommeln, um mich wahnsinnig zu machen. Wer weiß.

Das ist das alte Bamberger Rathaus. Es steht auf einer Brücke genau zwischen dem ehemaligen Kirchenstaat und der Stadt Bamberg, weil man damit die Kirche ärgern wollte. Bamberg ist eine sehr hübsche Stadt, das hatte ich nicht vermutet. Es gibt Bier, das nach Schinken schmeckt und sehr gutes Essen. Außerdem kann man dauernd auf einen Hügel hochlaufen, nur um gleich wieder herunterzulaufen. Außerdem verfügt die Unibibliothek über den wahrscheinlich schönsten Ausruh-Platz der Welt direkt am Fluss. Außerdem wohnt in Bamberg Nico Semsrott, der auch gern durch Städte läuft und gern Anderen Menschen erklärt, warum dies und das so und so aussieht, was hier und dort mal war und so weiter. Das mag ich.

Sollte ich einmal heiraten, dann nur jemanden, der mit Nachnamen 'Nein' heißt, bzw. 'Nicht'. Das muss doch großartig sein. Diese Möglichkeiten: 'Guten Tag, Versicherungsgesellschaft XY, Müller mein Name.' 'Guten Tag, Nein!' Oder: 'Tag, Müller, und Sie sind?' 'NEIN!' Auch Firmennamen klingen sofort viel toller, wenn man 'Nein' heißt: Werbeagentur Nein, Nein & Friends, Kinderarzt Dr. Nein, Raumstation Deep Space Nein und so weiter.

Twilight im Park. Auf der Brücke, die am Ende dieses Weges irgendwann kommt, tanzte ein ziemlich schlechter Clown herum. Die Leute hörten ihm bereitwillig zu, weil es wohl wenigstens besser war, als sich miteinander unterhalten zu müssen. Jetzt, wo es gerade wieder anfängt, warm zu werden, ist der Park voller Fremder. Sie liegen das Gras platt und grillen Billigfleisch, nur um anschließend ihren Zivilisationsmüll zurückzulassen. Im Kern nennt man soetwas Socializing, bzw. auf deutsch: Blödianismus. Wäre Captain Planet nicht schon als Comicfigur so ein Loser gewesen, man müsste ihn tatsächlich in Echt wiederbeleben. Warum können diese Hippies nicht ihre ekligen Mixbierdosen zum nächsten Mülleimer schaffen? Wahrscheinlich, weil sie nach einem schon so sturzbetrunken sind, dass sie nur noch Blödsinn in ihre iPhones tippen können und sich sofort sorgen um ihren Notendurchschnitt machen. Und sich dann wundern, wenn ich wieder böse werde und ihnen auf ihre Billiggrills niese.

Das ist das Hamburger Schauspielhaus. Es ist das wahrscheinlich schönste Schauspielhaus in Deutschland und man kann kaum gute Fotos darin aufnehmen, wenn man keine Spiegelreflexkamera hat (das ist, glaube ich, auch der einzige Grund, weshalb man eine Spiegelreflexkamera bräuchte). Das Hamburger Schauspielhaus ist wirklich sehr sehr schön und man sollte es unbedingt mal gesehen haben. Am besten noch bis Ende Mai, denn dann wird das Haus renoviert. Zwar gibt es immer noch Vorstellungen, aber eben anders, mit einer provisorischen Bühne und so weiter. Und überhaupt Hamburg. Einfach mal hinfahren, fetzt übelst. Am Hauptbahnhof kann man kostenlos klassische Musik hören und wenn man dabei nicht allzu verwahrlost aussieht (also vorsicht, liebe Hipster), dann darf man dort sogar bleiben und lauschen. Gleich geradeaus gibt es ein Internetcafé, in dem man sehr billig Texte ausdrucken kann. Man muss sich nur gefallen lassen, dass der Mann an der Theke mal kurz reinliest und dann soetwas sagt: 'Was ist das denn? Wieder so ein Philosophiescheiß?' Naja, Hamburg jedenfalls, guter Ort.

Statt mir ein Auto zu kaufen (wozu auch?), besitze ich jetzt eine eigene Regionalbahn. Mit ihr fahre ich zu Auftritten und ab und zu zum Einkaufen. Es ist toll, eine Regionalbahn zu besitzen, dann man kommt fast ohne Stau in so ziemlich jede Stadt in Europa und nur ab und zu wundern sich die anderen Lokführer, wenn ich sie in einer getunten 'Regionalbahn Leipzig Yeah!' überhole. Auf diesem Bild kam ich gerade aus Thüringen und hatte es mir in Wagen 8 gemütlich gemacht, während der Autopilot mich nach Hause steuerte. Irgendwann wird mein Geld vielleicht für einen ICE reichen, obgleich ich natürlich lieber einen Shinkansen hätte. Aber fürs Erste bin ich sehr zufrieden. Nur bei der nächtlichen Verbrechensbekämpfung sieht es noch etwas doof aus. Eine Regionalbahn mit Batman-Logo, daran müssen sich auch die Kriminellen erst einmal gewöhnen.

Sabine muss weg

24. März 2012, Litritscher

 

Prolog

Mein Kumpel Maik hat jetzt eine Freundin. Seit unserem letzten Klassentreffen,um genau zu sein. Ausgerechnet eine von früher .Seine Freundin ist jetzt die Sabine. Und das sei auch so schön mit der Sabine. Richtig verliebt sei sie in den Maik, hat sie gesagt, die Sabine oder Hitler, wie wir sie zu Schulzeiten immer nannten, bevor sich aus heiterem Himmel Maiks Meinung über sie änderte, als er beim Klassentreffen auf ihre Brüste aufmerksam wurde. So eine zauberhafte und von allen geliebte Meg Ryan, die nach jeder Klassenarbeit jammerte „Oh nein, ich war total schlecht, ich krieg bestimmt ‘ne Fünf!“, und dann zur Überraschung aller eine Eins und den Nobelpreis verliehen bekam. Selbst als sie am Ende die Urkunde für das beste Abitur des Jahrgangs bekomme hatte, hatte sie noch die Überraschte gespielt. „Was? Durchschnitt 0,9? Dabei waren die 15 Punkte in Wirtschaft echt nur Glück!“
Wo soll das nur hinführen? Zusammenziehen? Heirat? Jack Wolfskin-Jacken im Partnerlook? Womöglich noch ein Kind, zu dem Sabine eh nur sagen würde: „Was? Ich? Ein Baby kriegen? Nein, das stirbt doch sicher vorher, sowas kann ich doch bestimmt gar nicht.“

1. Akt

Sonntag. Nur noch ein Tag, dann beginnt die Prüfungszeit. Ich erwarte meinen Kumpel Maik zum gemeinsamen Lernen. Als ich die letzte Bierflasche im Kühlschrank verstaut habe und gerade die Xbox anschließen will, klingelt es.
Ich öffne die Tür. Maik ist nicht allein.
„Hey“, sagt Maik, „Ich hoffe es ist ok, dass ich die Sabine mitgebracht habe.“
„Heyyyyyy“, sagt Sabine, „Ich hab sogar einen eigenen Controller dabei!“
Ich schließe die Tür.
Maik ist jetzt also ein toter Mann. Ich ziehe mein Handy aus der Tasche und lösche seine Nummer aus meinem Adressbuch. Dann setze ich mich an den Computer und verlinke wahllos Fotos vom letzten Wochenende mit seinem Facebookprofil. Wollen doch mal sehen, wie viel Vergangenheit so eine Beziehung aushält. Kriegt er wahrscheinlich eh nicht mit. Hat ja keine Zeit mehr. Schließlich muss er jetzt dauernd so Pärchenkram machen. Völlig abgefahrene Fahrradtouren über irgendwelche Kappstraßen oder pausenlose perverse Partnerspiele treiben, wie Raclette-Essen, Erasmus-Sprachtandems oder sowas Abgespactes. Und am Ende steht immer ein total flippiger Tanzkurs, um die Beziehung zu retten.
Plötzlich klingelt mein Handy. Ich kenne die Nummer nicht und beschließe, mich höflich mit: „WHASSUUUP?“ zu melden.
„Hey André“, sagt Maik.
„WHASSUUUP?“, sage ich.
„Die Sabine und ich, wir haben überlegt, ob wir vielleicht mal einen schönen Raclette-Abend machen wollen?!“
Ich lege auf.
„Freundinnen sind doch scheiße!“, rufe ich in den Raum.
„Ey!“, ruft meine Freundin aus dem Nebenzimmer.
Huch, hatte ich ganz vergessen. Ist auch schon eine Weile her, dass wir uns das letzte Mal gesehen haben. Wenn ich mich recht erinnerte, war sie gerade für ein Jahr im Ausland oder so. Aber so ist das eben, wenn eine Beziehung einfach funktioniert. Außerdem sieht sie so süß aus, wenn sie in ihrem Neckholder-Kleid auf der Couch sitzt und Wodka aus der Flasche trinkt.
„Wir könnten ja mal einen Tanzkurs machen“, ruft meine Freundin, „Nur wir beide, um mal ein bisschen Zeit nur für uns zu haben.“
Dann brechen wir beide in schallendes Gelächter aus, öffnen jeweils ein neues Bier und spielen weiter Fußballmanager 2012.

2. Akt

Eine Woche später befinden wir uns Park und gehen spazieren. Eigentlich hassen wir diesen Pärchenkram, aber da wir zu unserer Belustigung in Knöchelhöhe Stolperdraht rund um den Spielplatz gespannt haben, ist Unauffälligkeit geboten. Das Gesicht meiner Freundin ist von Ekel überzogen, weil wir uns an den Händen halten müssen. Dann kommt endlich das erste Kleinkind. Es rennt freudestrahlend auf den Spielplatz zu und überschlägt sich kreischend.
„9,8 in der B-Note“, ruft meine Freundin begeistert.
„Wir sind so böse“, sage ich und gebe ihr High Five, während ich das Handyvideo bei YouTube hochlade.
„Na da schau einer an, das ‚Alles, bloß kein Pärchen sein‘-Pärchen“, ruft jemand.
Maik und Sabine stehen grinsend vor uns.
„Na, wie geht’s euch, ihr Süßen? Habt ihr Lust, mal was Schönes zu unternehmen? So draußen sitzen und Caipi trinken vielleicht?“, tiriliert Sabine.
Währenddessen kommt das zweite Kind angerannt, überschlägt sich und bremst mit dem kleinen knuffigen Gesicht auf dem Asphalt.
Fröhlich und mit Tränen in den Augen umarme ich meine Freundin und lade nebenbei das Video bei YouTube hoch.
„Wie könnt ihr nur so böse sein? Guck doch, die süßen kleinen Patschehändchen.“, ruft Maik.
Meine Freundin muss sich übergeben. Ich halte ihre Haare, sie gibt mir High Five.
Mittzwanziger-Männer, die nicht selbst Väter sind und trotzdem eine regelrechte Faszination für Babies entwickeln, sind mir seit jeher äußerst suspekt. Und wenn man es recht bedenkt, sind es erstaunlicherweise genau jene Typen, die schon in der Schule lieber Seilspringen machten, als mit den Anderen Völkerball zu spielen.
Beim Völkerball waren die Fronten noch klar. Die da drüben, das waren die Feinde und die mussten sterben. Und als erstes waren immer die Mädchen dran. Rückblickend können sie einem dafür schon leid tun, wenn man bedenkt, wie unsanft ihre kleinen Körper manchmal aufs Parkett klatschten, nachdem ihnen ein Ball aus zweiter Entfernung für ein paar Sekunden die Lichter ausgeknipst hatte. Aber was sollten wir auch Anderes tun, wenn uns noch nicht gegenseitig per Facebook verspotten konnten, weil Facebook noch nicht erfunden war.
„Ihr seid so intolerant!“, nörgelt Sabine.
Meine Freundin streift sich einen Schlagring über, ich halte sie zurück.
Was Sabine damit sagen will: Ihr mögt keine Kinder, ihr seid scheiße. Klingt ja total tolerant. Zugegeben, das mit dem Stolperdraht war vielleicht übertrieben. Mittlerweile hat sich eine ganze Mauer verletzt herumliegender Kleinkinder rund um den Spielplatz gebildet. Aber es ist immerhin konsequenter, als im März unterm Heizpilz zu sitzen und guten Gewissens die Grünen zu wählen.
Plötzlich erklingen Polizeisirenen. Eine Horde aufgebrachter Eltern kommt spielzeugschwingend auf uns zugerannt und will uns verprügeln.
„Das waren die!“, brüllt Sabine und zeigt auf uns.
Genüsslich lässt meine Freundin ihre Halswirbel knacken und holt aus. Als sie Sabine direkt am Kinn erwischt, leuchtet ihr Stimmungsschlagring in bunten Farben. So glücklich sieht man sie selten. Maik nehme ich beseite und erkläre ihm leise, dass die Sache mit Sabine wirklich keine gute Idee war.

Epilog

„Zu mir oder zu dir?“, säuselt meine Freundin, als wir auf der Rückbank des Polizeiautos sitzen.
„Zu uns“, ruft einer der Polizisten,„Und hören Sie auf, so mit den Handschellen zu klimpern.“